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Nachrichten 2011-12

Bitte seien Sie sich bewußt, daß viele dieser Meldungen im Namen der Russischen Evangelischen Allianz erschienen sind. Die Angabe darüber steht immer am Ende der jeweiligen Meldung.

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Baptistische Leiter zu Gast bei Patriarch Kirill

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John Upton und Hans Guderian besuchten Moskau

 

M o s k a u -- Vom 28.-31. März 2012 nahmen der Präsident des Baptistischen Weltbundes, Pastor John Upton (Virginia/USA), und der Präsident der Europäischen Baptistischen Föderation, Pastor Hans Guderian (Berlin), an der Jahreskonferenz der Euro-Asiatischen Föderation der Unionen der Evangeliumschristen-Baptisten in Moskau teil. Im Zusammenhang damit kam es am 29. März 2012 auch zu einer Begegnung mit dem Patriarchen Kirill der Russisch-Orthodoxen Kirche.

 

An diesem Treffen in der Moskauer Residenz des Patriarchen, die vor 1941 als privates Domizil des deutschen Botschafters diente, nahmen unter anderem teil: der Präsident des Baptistischen Weltbundes John Upton, der Präsident der Europäischen Baptistischen Föderation Hans Guderian, die Präsidenten der Baptistenbünde aus Russland Alexei Smirnow, aus der Ukraine Wjatscheslaw Nesteruk und aus Weißrussland Wiktor Krutko sowie von Seiten der Russisch-Orthodoxen Kirche Patriarch Kirill, Abt Filaret und Erzpriester Dimitri Sisonenko.

 

In seinen einleitenden Worten sprach der Patriarch von seiner großen Sorge im Hinblick auf die Infragestellung grundlegender moralischer Werte im Leben des Einzelnen, in Bezug auf Ehe und Familie und auch im Hinblick auf die Gesellschaft. Während die Impulse der Säkularisierung ursprünglich die Befreiung von Unterdrückung und die Durchsetzung von Menschenrechten und Glaubensfreiheit zum Ziel gehabt hätten, ginge es heute um eine Infragestellung aller Werte und um einen umfassenden totalen Relativismus, der keine allgemein verbindliche Wahrheit mehr gelten lasse. In diesem Zusammenhang sprach der Patriarch mit Anerkennung davon, dass trotz bestehender grundsätzlicher theologischer Differenzen die Positionen der baptistischen Gemeinschaften und der Russisch-Orthodoxen Kirche in wesentlichen anthropologischen Fragen nahe beieinander lägen.

 

In seiner Antwort dankte Pastor John Upton dem Patriarchen für dessen klares Zeugnis hinsichtlich der unveränderbaren Wahrheit des Evangeliums. Einer Welt, in der fundamentale Prinzipien aufgeweicht würden, so dass selbst absolute Wahrheiten infragegestellt werden könnten, müsse das vertrauenswürdige biblische Zeugnis von Gut und Böse, von der christlichen Hoffnung und vom biblischen Verständnis von Ehe und Familie angesichts der Zunahme von Abtreibungen und vielfältiger sozialer Verelendung entgegengesetzt werden.

 

Sowohl John Upton als auch Hans Guderian sprachen ihre Hoffnung aus, dass der begonnene möglich gewordene Dialog zwischen Baptisten und Orthodoxen in Russland im Rahmen eines erweiterten Dialogs zwischen dem Baptistischen Weltbund und der Russisch-Orthodoxen Kirche weitergeführt werden könne.

 

Das Gespräch im Moskauer Patriarchat fand in einer sehr freundlichen Atmosphäre statt und dauerte mit über einer Stunde deutlich länger als ursprünglich geplant. Am Ende der Begegnung überreichten beide Seiten einander Gastgeschenke zur freundlichen Erinnerung an das Treffen.

 

Im Rahmen ihres Besuches in Moskau nahmen John Upton und Hans Guderian noch an einer ganzen Reihe weiterer Gespräche und Begegnungen teil. Am Vormittag des 29. März 2012 fand im „Hotel President“ das 12. Nationale Gebetsfrühstück mit etwa 200 Teilnehmern aus Politik, Wirtschaft und dem kirchlichen Leben statt. Auch bei diesem Treffen ging es um den Fortbestand beziehungsweise die Verteidigung grundlegender christlicher Werte in Ehe und Familie.

 

Am 30. März 2012 nahmen die internationalen Gäste an der 20. Jahreskonferenz der Euro-Asiatischen Föderation der Unionen der Evangeliumschristen-Baptisten im Theologischen Seminar in Moskau teil. Die 60 Teilnehmer aus den Gemeindebünden der Länder der ehemaligen Sowjetunion berichteten von zahlreichen missionarischen Aktivitäten. So gebe es in Turkmenistan trotz mancher Erschwernisse von Seiten der Behörden viele gute Möglichkeiten für Kinder- und Jugendarbeit. Ein ehemaliger Mullah diene nun nach seiner Bekehrung als baptistischer Gemeindepastor. In Usbekistan gebe es zwar manchen Druck von Seiten der Regierung gegen das christliche Zeugnis. Dennoch erreichten die 20 registrierten und acht nicht registrierten Baptistengemeinden mit zusammen 2.600 Mitgliedern Menschen zahlreicher Nationalitäten, unter anderem Tataren, Kasachen und Tadschiken.

 

Auch die Baptisten aus der Ukraine, aus Weißrussland und aus der Russischen Föderation berichteten von vielen offenen Türen für ihr Zeugnis und ihren Dienst. Allerdings gebe es durchaus auch Probleme, da eine ganze Reihe von Gemeinden nicht mehr wachsen würden. So sei auch die Zahl der Gemeindemitglieder in Russland weiterhin leicht rückläufig. Ende 2011 gehörten demnach 72.500 Baptisten zu den fast 1.800 russischen Gemeinden und Kreisen.

 

Am 31. März 2012 kam es noch zu einem weiteren ökumenischen Treffen zwischen dem Präsidenten der Europäischen Baptistischen Föderation Hans Guderian und dem Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Europäischen Russland, Pfarrer Dietrich Brauer, der vor seiner Berufung ins Bischofsamt jahrelang als Gemeindepfarrer im Gebiet Kaliningrad/Königsberg tätig gewesen war. Die Begegnung fand in der Peter-und-Paul-Kathedrale in Moskau statt, die erst in den letzten Jahren wieder instand gesetzt werden konnte und nun als Gottesdienst- und Konferenzzentrum für die rund 25.000 Lutheranern in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Rußland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien (ELKRAS) dient.

 

John Upton und Hans Guderian betonten, dass sie sehr dankbar seien für die zahlreichen Begegnungen, Gespräche und Gottesdienste während ihres Besuchs in Moskau. Gegenüber den versammelten Leitern der Euro-Asiatischen Föderation der Unionen der Evangeliumschristen-Baptisten sprachen sie die herzliche Einladung aus, sich verstärkt einzubringen in die baptistische Gemeinschaft weltweit und insbesondere in großer Zahl teilzunehmen an der nächsten Ratstagung der Europäischen Baptistischen Föderation vom 25.-29. September 2012 in Elstal bei Berlin.      

 

Hans Guderian

Berlin, 2. April 2012

 

Verfaßt für den Europäischen Baptistischen Pressedienst. Diese Fassung wurde von William Yoder redigiert und darf gebührenfrei abgedruckt werden. Meldung Nr. 12-09a, 787 Wörter oder 5.907 Schläge mit Leerzeichen.

 

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Ein Protestant wird erstmals Bürgermeister einer großen, russischen Stadt

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Sergei Andrejew schlug den Kandidaten der Staatspartei “Einiges Rußland”

 

Kommentar

 

M o s k a u – Zum ersten Mal seit der zaristischen Ära ist ein Protestant zum Bürgermeister einer führenden russischen Stadt gewählt worden. Bei einer Stichwahl in der Autostadt Toljatti/Wolga am 18. März sorgte der parteilose Evangeliumschrist Sergei Andrejew für landesweites Aufsehen als er den Kandidaten der Staatspartei “Einiges Rußland”, Alexander Schachow, in die Schranken wies. Auf Andrejew fielen fast 57% der Stimmen; der Kandidat der Partei Putins schaffte gerade 40%. Die englischsprachige „Moscow Times“ wies darauf hin, der Coup sei gelungen trotz der Tatsache, daß die nationale Regierung bereits Milliarden in die bankrotte Autofirma AvtoVAZ gepumpt habe. AvtoVAZ ist Toljattis Hauptarbeitgeber.

 

Doch im Vorfeld konnte „Einiges Rußland“ einmal wieder der Versuchung nicht widerstehen, zwecks Machterhalts Stimmung gegen die religiösen Minderheiten zu schüren. In Toljatti stellte sie sich als Vaterlandsretter gegenüber finsteren und bedrohlichen ausländischen Kräften dar. In den zwei Wochen vor der Stichwahl waren Plakate und Reklamewände aufgetaucht, die die orthodoxe Kathedrale Toljattis von hellem Sonnenlicht bestrahlt aufzeigten. Neben ihr stand in dunklen, grauen Farben und von einem schwarzen Raben umkreist das örtliche baptistische Bethaus.

 

In einer Stellungnahme am 15. März protestierte die Moskauer Zentrale der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptists“ (RUECB) gegen das anonyme Plakatieren sowie das anhaltende Schweigen der kommunalen Behörden. Mit einem Hinweis auf Artikel 19 der russischen Verfassung warf RUECB-Präsident Alexei Smirnow den Verantwortlichen „religiösen Rassismus“ und Gleichgültigkeit gegenüber dem „Schüren interkonfessionellen Hasses“ vor. Er rief dazu auf, bei Wahlen „die konfessionellen Unterschiede innerhalb einer einzigen christlichen Tradition“ nicht mehr polemisierend darzustellen. Er fügte hinzu: „Alles scheint erlaubt wenn es darum geht, eine Stadt von der ‚evangelischen Pest‘ zu befreien.“

 

Im Februar 2009 hatte eine fingierte baptistische Zeitung in Smolensk (nahe Belarus) einem Kandidaten für das Bürgermeisteramt vorgeworfen, er wolle als Baptist die Stadt in eine Hochburg ausländischer baptistischer Missionen verwandeln. (Siehe unsere Meldung vom 23. Februar 2009.) Doch der angeprangerte Kandidat, Sergei Maslakow, hatte keinerlei Beziehungen zu den Baptisten. Beide Kandidaten unterlagen. Der Kandidat von „Einiges Rußland“, der die Schmutzkampagne auf dem Gewissen hatte, kam beim Rennen als Dritter durchs Ziel. Die Prophezeiung der Fälschung, daß ein Oppositionskandidat „der erste baptistische Bürgermeister Rußlands“ werden könnte, hat sich nun in Toljatti erfüllt.

 

Doch genau genommen ist der 39-jährige Sergei Andrejew, ein vierfacher Vater, kein Baptist. In einem Interview gab er zu Protokoll: „Ich bin weder Scientologe, Baptist noch Hare Krishna. Ich bin eben Evangeliumschrist.“ Der neugewählte Bürgermeister ist Mitglied der winzigen „Assoziation der Missionarischen Kirchen der Evangeliumschristen“ mit 12 Gemeinden in Rußland und weiteren 13 in der Ukraine. Ihr Präsident in Rußland ist Sergei Guz aus Uljanowsk/Wolga. Die Gruppe ließe sich als Bündnispartner der in Krasnodar beheimateten “Evangelische Christliche Missionsunion“ oder der von Alexander Semtschenko angeführten „Union der Kirchen von Evangeliumschristen“ in Moskau beschreiben. Alle drei gehören einer losen Schirmorganisation, dem von

Peter Sautow (Moskau) geleiteten “Vereinigten Rat der Evangeliumschristen-Baptisten“ an. Andrejew war zum Laienprediger in der Petersburger Baptistengemeinde „Neues Leben“ ausgebildet worden ehe er 1993 als 20-jähriger Schullehrer nach Toljatti zog. Die Jugendorganisation „Neues Leben“, die er vor 19 Jahren in Toljatti gründete, wird noch immer als baptistischer Verein beschrieben. Andrejew gehört zu den nicht wenigen Baptisten, die mit den Bedingungen innerhalb der RUECB nicht zurechtkamen und sich deshalb entschieden haben, anderenorts ihrem Herrn zu dienen.

 

Obwohl er sich nicht als evangelischen Kandidaten präsentierte, leugnete er seine religiösen Beziehungen keineswegs und unterhielt sein Wahlbüro in einer Gemeinde der charismatischen Bewegung des vollen Evangeliums: „Heiliges Feuer“. Das kann man im Namen der politischen Fairness durchaus hinterfragen – Baptisten würden protestieren wenn ein orthodoxer Kandidat sein Wahlbüro in einer ihm genehmen Kirchengemeinde einrichtete. Doch gleichzeitig verfügen protestantische Kandidaten nicht über den gleichen Zugang zu Immobilien.

 

Es wäre ebenfalls ungenau, Sergei Andrejew als völlig parteilosen Kandidaten darzustellen. Er verfügt über Beziehungen zu einem Kandidaten für das Präsidentenamt Anfang März: Michail Prochorow, dem drittreichsten Oligarchen des Landes. Verdächtig ist die Tatsache, daß beide im vergangenen September der Partei „Rechte Sache“ den Rücken kehrten. Das eröffnet Andrejew die Möglichkeit, bald der verheißenen, noch nicht existenten Partei Prochorows beizutreten. Es wird auch behauptet, die „stille Zustimmung“ von Wladimir Artjakow, dem Governeur der Partei „Einiges Rußland“ für das Gebiet Samara, habe entscheidend zum Sieg Andrejews beigetragen. Ljudmila Kusmina. Leiterin einer Filiale der NGO “Golos” in Toljatti, die Wahlen überwacht, erklärte in der “Moscow Times”, der siegreiche Kandidat sei „nicht völlig selbständig. Das läßt unser Machtvertikal nicht zu.“ Sie lobte Andrejew dennoch wegen seiner Bereitschaft, mit ihrer Organisation zu kooperieren. Das tun eben nur die wenigsten russischen Politiker.

 

Der in Dallas ansässige Internetdienst „Slavic Voice“ weist darauf hin, daß die Wahlkampagne des Mormonen Mitt Romney um das Präsidentenamt in den USA seinen russischen Glaubensgenossen einen erheblichen Druck aussetzt. Der mormonische Glaube gehört bekanntlich zu den uramerikanischsten Glaubensgemeinschaften. Wenn es den Mormonen Rußlands gelingt, den US-Wahlkampf relativ unversehrt zu überstehen, kann das – neben dem bemerkenswerten Sieg in Toljatti – ein klares Indiz dafür sein, daß die religiöse Toleranz auf russischem Boden zunimmt.

 

Toljatti (Bewohnerzahl 720.000) hieß „Stawropol an der Wolga“ bis zu ihrer Umbenennung 1964 zu Ehren des italienischen Kommunisten Palmiro Togliatti. Toljattis Autobauer hieß einst „Lada“ – eine gemeinsam mit dem italienischen „Fiat“-Konzern gegründete Firma.

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 25. März 2012

Eine journalistische Veröffentlichung im Rahmen der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 12-08, 838 Wörter oder 6.331 Schläge mit Leerzeichen.

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Die Christenheit als eine einzige Familie darstellen

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Zur diesjährigen Jahreskonferenz der Russischen Evangelischen Allianz

 

M o s k a u -- In seinem Grußwort auf der nationalen Jahreskonferenz der „Russischen Evangelischen Allianz“ (REA) in einer Moskauer Kirche der Adventisten des Siebenten Tages am 15. März ging der baptistische Reiseprediger Juri Sipko mit der Vergangenheit der eigenen Reihen ins Gericht. Zur Begründung des langsamen Entwickelns zwischen­kirchlicher Beziehungen meinte er: Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion „hatte sich nicht nur ein Konkurrenzdenken, sondern auch ein böswilliges und haßerfülltes, gegenseitiges Verurteilen entwickelt“. Die Hauptaufgabe der Allianz habe deshalb seitdem darin bestanden, „der Gesellschaft den ganzen Christus und die ganze Christenheit als eine einzige, nicht konkurrierende Familie darzustellen“. Sipko war bis März 2010 Präsident der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ und hat sich seit Herbst 2011 als Fürsprecher für einen Dialog mit der charismatischen Bewegung etabliert.

 

Nur 35 Personen nahmen an der diesjährigen Jahreskonferenz teil, doch die zarten Pflänzlein der Verständigung sind auch in den zahlreichen Regionalkonferenzen der Allianz präsent. Regionalveranstaltungen der 2003 gegründeten REA finden u.a. in Kemerowo, Perm, Woronesch und Nischni Nowgorod statt. Am 18. März 2012 fand in Krasnodar erstmals eine Regionalkonferenz statt. Pastor Ulrich Materne (Wittenberge), Osteuropabeauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz, und Wladimir Rjagusow (Krasnodar), Theologiedozent und Präsident der REA, waren zugegen. Schon in April soll die Begegnung vom 18. März fortgesetzt werden. Nach Rjagusow ist das Gebiet um Krasnodar, im Süden Rußlands, von einer besonders starken Auseinandersetzung zwischen Baptisten und Charismatikern geprägt.

 

Auch in den Beziehungen zur Orthodoxie gibt es immer wieder Zeichen der Hoffnung. Im vergangenen November hielt eine orthodoxe Kirchengemeinde ein geistliches Konzert in der Moskauer Gemeinde des Baptistenpastors und REA-Vizepräsidenten Alexander Feditschkin ab. Nur 13 Tage später, am 19. November, wurden die Baptisten ausgerechnet zu einem Taufgespräch in diese nichtgenannte orthodoxe Kirchengemeinde eingeladen. Da dauerte das Gespräch bis nach Mitternacht an. Danach hieß es in einem Kommentar des Nachrichtendienstes „Word for You“: „Treffen dieser Art zerstören die gängige Meinung, daß die Freundschaft zwischen Orthodoxen und Protestanten unmöglich sei. Alles hängt vom Grad der Offenheit beider Seiten ab. Nur gemeinsam kommen wir im Kampf gegen den glaubensfeindlichen, globalen Säkularismus an.“

 

Die diesjährige Moskauer Konferenz trug die Losung „Das vollkommene Gesetz ist das Gesetz der Freiheit“ und stand ganz im Zeichen des neuen, russischsprachigen Jakobus-Kommentars von Gerhard Maier, dem deutschen Theologen und Altbischof. Ende 2011 wurde es gemeinsam von der REA und dem Verlag des „Biblisch-Theologischen Instituts St. Andreas“ (Moskau) in einer Stückzahl von 1.000 herausgegeben. Von dessen Erfolg ist der lutherische Bischof Dietrich Brauer (Moskau) überzeugt. „Kommentare von dieser Qualität sind höchst gefragt“, versicherte er bei einer privaten Unterredung. Daraus soll eine Reihe werden: Sobald Gelder vorhanden sind, soll mit der Übersetzung des Markus-Kommentars von Hans F. Bayer begonnen werden. Dieses gemeinsame Herausgeben von Bibelkommentaren durch Protestanten und Orthodoxen stellt in Rußland ein absolutes Novum dar.

 

Termine

Es ist nun vorgesehen, daß die Moskauer Jahreskonferenz der Allianz jedes Jahr am ersten Freitag im März stattfindet – also am 1. März 2013. Das nationale Komitee will sich einmal im Quartal treffen.

 

Die diesjährige Jahreskonferenz der Deutschen Evangelischen Allianz findet vom 1. bis 5. August – wie immer in Bad Blankenburg/Thüringen - statt. Die Jugendkonferenz beginnt bereits am 25. Juli. Letztes Jahr fanden mehr als 60 Osteuropäer dem Weg nach Bad Blankenburg. Wer in diesem Jahr hinfahren möchte wird gebeten, sich umgehend mit der englischsprechenden Moskauer Allianz-Mitarbeiterin Swetlana Potschtowik (+7 916 152 8089 oder „rea@pochta.ru“) in Verbindung zu setzen. Die nächste Gebetswoche der weltweiten Allianz ist für den 13. – 20. Januar 2013 vorgesehen. Weitere Informationen finden sich, auch in deutscher Sprache, auf der Webseite der Russischen Allianz: „rea-moskva.org“.

 

Pressedienst der Russischen Evangelischen Allianz

Moskau, den 20. März 2012

“rea.org@mail.ru” oder “kant50@gmx.de”

Webseite „rea-moskva.org“

--wy

 

Eine offizielle Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Meldung Nr. 12-07, 573 Wörter oder 4.251 Schläge mit Leerzeichen.

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Wladimir Putin - ein Stabilitätsfaktor für den gesellschaftlichen Übergang?

 

Trotz des überwältigenden Wahlsieges von Wladimir Putin am 4. März gehen Beobachter davon aus, daß die politische Entwicklung des postsowjetischen Rußland in eine neue Etappe eingetreten sei. Die Moskauer Zeitschrift „Protestant“ konstatierte: „Heute reden wir über die Politik auf den Marktplätzen und in den Straßen – sie ist nicht mehr auf die Küche und den Fernseher beschränkt.“ Doch anderweitig heißt es: Im Lernprozeß stehe das Volk noch ganz am Anfang. Die alte Ordnung sei diskreditiert – eine reelle Alternative zu Putin habe sich jedoch nicht etabliert.

 

Kürzlich stellte der Oligarch und evangeliumschristliche Bischof Alexander Semtschenko fest: „Unsere größte Not besteht im Fehlen einer Ideologie.“ Davon nimmt er „Einiges Rußland“ (die Partei Putins) nicht aus und erkennt darin ihren künftigen Niedergang. „Siebzig Jahre lang verfügten wir nur über eine einzige Ideologie“ – darum werde sich keine neue von heute auf morgen etablieren. Nach Semtschenko gelte das Gleiche für die ökonomische Entwicklung des Landes. Die USA bedurften immerhin 150 Jahre, um den „Revolverkapitalis­mus“ des Wilden Westens zu überwinden. „Doch im Gegensatz zu uns verblieb das kriminell erworbene Kapital im Lande und trug so zur Entwicklung der Wirtschaft bei. Wir stehen noch ganz am Anfang.“ Im Wahlsieger Putin sieht der Unternehmer einen Stabilitätsfaktor während der kommenden Phase gesellschaftlichen Übergangs und wünscht ihm deshalb 12 weitere Jahre (zwei Amtsperioden) an der Macht.

 

Russische Konservative nehmen sich vor, eine Politik mit moralischen Werten, die jene des Westens übertreffen, zu erarbeiten. Walerian Ten, der Präsident der kleinen, „Evangelisch-Reformierten Kirche Rußlands“, berichtet vom „moralischen Verfall“ der abendländischen Kultur. In einem Interview sprach er dem konservativen Rußland aus der Seele als er angab: „Wenn sich Politiker aus den USA oder der EU empören über das Verbot von Schwulenparaden auf russischem Boden, zwingt uns das zur Widerrede. Wir sollten die Führer unserer Gesellschaft dafür segnen, daß sie den Mut hatten, die Ansichten anderer Länder zu ignorieren.“ Er versicherte: „Wenn Toleranz, politische Korrektheit und die Menschenrechte zu einem Absolut erhoben werden, reihen sich bei den Gottesfeinden ein.“

 

Dennoch bleibt der demokratisch klingende Aufbruch von Dezember 2011 ein Hoffnungszeichen. Die Betonung von Vielfalt und der freien Diskussion kommt den Protestanten zugute. Semtschenko versichert, daß sich die Lage der Protestanten unter der erneuten Regentschaft Putins nicht verschlechtern werde. Negative Vorkommnisse seien auf „übereifrige“ Politiker in der Provinz zurückzuführen, „die sich berufen fühlen, eine Staatsreligion zu inszenieren“. Die staatliche Bevorzugung der orthodoxen Volkskirche ist für ihn unproblematisch und er fragt: „Wen sonst sollte sie unterstützen?“ Bischof Semtschenko, der bis 2008 als Baptist wirkte, fungiert als Hauptgeldgeber beim Bau von zwei orthodoxen Kirchen im Moskauer Raum.

 

Das Moskauer Patriarchat trat für ehrliche Wahlen und das Einhalten demokratischer Spielregeln ein. In einer Stellungnahme des „Patriarchalen Sowjet“ vom 22. Februar versicherte es großzügig: „Die Kirche ist bereit, der Staatsmacht zu helfen, die Stimme des Volkes zu vernehmen“. Spätestens nach einer Begegnung Kirills mit dem Kandidaten Putin am 9. Februar waren auch die politischen Präferenzen des Patriarchen eindeutig: „Putin geht auf eine dritte Amtszeit zu - und Gott liebt die Dreifaltigkeit.“

 

Doch dabei bleibt der persönliche Glaube Putins eher Schein als Sein. In einer Umfrage der Webseite „Prawoslawie i Mir“ hatte Putin auf eine Frage nach seinem Glauben geantwortet: „Ich glaube an die Menschen.“ An anderer Stelle gab er zu Protokoll, daß er mit anderthalb Jahren heimlich und ohne das Wissen seines Vaters getauft worden sei.

 

Bei dieser Umfrage hatten sich nur zwei der fünf Kandidaten für das Präsidentenamt eindeutig zum christlichen Glauben bekannt: Der Nationalist Wladimir Schirinowski, der auf dem vierten Platz durchs Ziel kam, sowie der Sozialdemokrat Sergei Mironow auf dem letzten Platz. Aus seiner Kindheit verfügt Schirinowski über baptistische Beziehungen.

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau und Orscha/Belarus, 5. März 2012

Erschienen am 7.3.12 in der Berliner “Kirche”

 

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Rassismus – ein tägliches Problem für viele

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Russische Protestanten begehen zum ersten Mal den Martin-Luther-King-Tag

 

M o s k a u – Wohl zum ersten Mal überhaupt haben russische Protestanten den Martin-Luther-King-Jr.-Tag begangen. Dies geschah im Rahmen eines Gottesdienstes der „Moskauer Stadtgemeinde“ (MCC) im Hotel Milan im Süden der Stadt, der von 70 zumeist jungen Menschen besucht wurde. Der eigentliche Feiertag, der erst 1986 in den USA eingeführt worden ist, findet immer am dritten Montag des Jahres statt.

 

Pastor Witali Wlasenko, Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ und einer der Pastoren der MCC, gab an, daß viele Russen den Rassismus für ein fernes, ausländisches Problem halten. Doch ein Bericht des kamerunischen Gastes Daniel Ekat machte deutlich, daß nur die weißen Einwohner Rußlands eine derartige Auffassung vertreten könnten. Der Ingenieur Ekat ist während seines zehnjährigen Aufenthaltes in Rußland bereits zweimal zusammengeschlagen worden. Er erzählte: „Meine Freunde haben oftmals Angst, sich auf die Straße zu begeben. Wenn ein Kollege blutüberströmt ins Studentenwohnheim gebracht wird, bringt das viele ins Grübeln und sie fragen sich, ob sie ihr Studium fortsetzen oder lieber Hals-über-Kopf nach Hause zurückkehren sollten. Die Russen meinen, nur Hooligans würden sich so benehmen, doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Wir werden geschlagen von solchen, die uns als dunkelhäutige Affen ansehen.“

 

In einem Interview meinte der US-amerikanische Methodist Matthew Laferty, Pastor der teils afrikanischen “Moscow Protestant Chaplaincy” (MPC): “Meine Leute werden täglich mit dem Problem Rassismus konfrontiert.“ Wlasenko fügte hinzu, obwohl die Diskriminierung eher als latent empfunden werden möchte, dürfe sie weder in Rußland noch anderswo unter den Teppich gekehrt werden. Dabei gehe es nicht in erster Linie um Martin Luther King, sondern um die göttliche Wahrheit: „Kings Leben war nicht in jeder Hinsicht vorbildlich – darin unterscheidet er sich nicht von anderen Menschen.“

 

Alle Redner betonten, daß alle Menschen im Ebenbilde Gottes geschaffen worden und gleichwertig seien – daß jede gegenteilige Auffassung sündhaft sei. Galater 3,28 wurde nicht nur einmal zitiert: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus."

 

Die MCC hofft, der Martin-Luther-King-Tag werde sich nicht nur in der eigenen Gemeinde zu einem traditionellen, jährlichen Feiertag etablieren. Die Gemeinde überlegt sich die Schaffung einer Martin-Luther-King-Auszeichnung, die jährlich wegen Verdienste im Kampf um die Menschenrechte aller verliehen werden könnte. Wlasenko sagte, seine Gemeinde fühle sich verpflichtet, der Bevölkerung Moskaus zu helfen, ihre Denkweise bezüglich moralischer Fragen zu verändern.

 

Die MPC engagiert sich stark im Dienst um bedürftige Russen und Menschen nichtweißer Hautfarbe. Pastor Wlasenko äußerte die Hoffnung, die Beziehungen zwischen der MPC und seiner Gemeinde würden sich in den kommenden Jahren „verstärken und fortentwickeln“. Die MPC wünscht sich mehr Kontakt mit russischen Gemeinden – ihre sozialen Projekte bedürfen zusätzlicher Unterstützung. Die „Arbeitsgruppe Rassismus“ (Racial Task Force) der MPC dokumentiert seit fünf Jahren Gewalttaten, die im Moskauer Raum an Menschen nichtweißer Hautfarbe begangen werden. Sobald zusätzliches Personal und zusätzlicher Gelder gefunden werden, soll diese Dokumentation auch in russischer Sprache erscheinen. Die englischsprachige Dokumentation findet sich auf der Webseite „www.mpcrussia.org“ unter der Überschrift „Social Ministries“.

 

Die Moskauer Stadtgemeinde ist Mitglied der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten.

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 22. Januar 2012

Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 12-02, 503 Wörter oder 3.674 Schläge mit Leerzeichen.

 

 

Wir bedürfen des ehrlichen Gesprächs

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Der Reiseprediger Juri Sipko macht weiter

 

M o s k a u -- Am 14. und 15. Oktober 2011 hatte der volkstümliche Juri Sipko, Präsident der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) von 2002 bis März 2010, auf einer Konferenz einer Großgemeinde der charismatischen Neuen-Generation-Bewegung in der fernöstlichen Stadt Blagoweschtschensk zwei Vorträge abgehalten. Obwohl Pastoren der RUECB hin-und-wieder in charismatischen und Pfingstgemeinden auftreten, lösten gerade diese Auftritte Entsetzen aus. (Wir berichteten darüber am 14. Dezember.) Manche sprachen von einem Fehltritt. In einem Nachgespräch mit dem russischsprachigen, in Dallas/Texas beheimateten „Slavic-Voice“-Pressedient am 19. Dezember, räumte der reuelose Ex-Präsident ein, daß die Reaktionen „durchwachsen“ gewesen seien. Doch viele Reaktionen seien positiv gewesen und „haben mich verstärkt in der Überzeugung, daß wir eines ernsten und ehrlichen geistlichen Gespräches bedürfen.“

 

Trotz seiner Auftritte in Fernost versicherte Sipko, daß die Verurteilungen, die der baptistische Film „Kharismatija“ von 2005 ausgesprochen hatte, weiterhin gelten. Damit meinte er Erscheinungen wie den „Toronto Segen“, heiliges Gelächter und die Wohlstandstheologie. Dabei betonte er, daß man manche extremistischen Lehren der in Riga beheimateten „Neuen Generation“ nicht auf das einfache Gemeindeglied übertragen dürfe; eine „Verurteilung von Lehre und Praxis“ dürfe nicht in eine Verurteilung von Menschen ausarten.

 

Auf die Vorhaltung, Sipko habe Charismatiker als „Brüder“ angesprochen, erwiderte er, er würde auch nichtgläubige Zuhörer in Gefängnissen und Konzertsälen als „Brüder und Schwestern“ ansprechen. Das sei eben der ihm eigene Stil. Dabei führte er auch das Beispiel von Petrus an, der in seiner Pfingstpredigt die Leute, die für den Tod des Messias einige Wochen zuvor verantwortlich waren, als „Männer, Brüder“ ansprachen (Apg. 2,29; Apg. 3,15). Dabei bedauerte er: „Es gibt auch manche Baptisten, denen andere Baptisten keine Brüder seien. Ihr wißt, wen ich damit meine. Bei ihnen ist die Ablehnung (von Menschen) ein Beleg eigener Frömmigkeit.“

 

Dazu führte er weiter aus: „Wir richten Schäden an wenn wir behaupten, den Sündigen zu lieben, jedoch nicht seine Sünde. Wir lieben die Leute eben nicht, die anders denken als wir. Wir hassen jene, die sich nicht so verhalten wie wir. Es ist nicht so, daß wir uns bemühen, sie auf den richtigen Pfad zurückzuführen. Statt dessen erdrücken und zerstören wir sie.“ Im Missionsbefehl Christi heißt es: „Geht hin und lehret alle Völker“. Das hätten wir umgeändert auf „nehmt Eure Plätze ein und verurteilt sie“. In diesem Nachgespräch versicherte  Juri Sipko ferner: „Ich will kein Pharisäer sein.“

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 22. Januar 2012

Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 12-01, 375 Wörter oder 2.667 Schläge mit Leerzeichen.

 

 

 

Folgender Aufsatz ist erschienen in redigierter Form in der Berliner Zeitschrift „Die Kirche“ am 9.1.2012.

 

Ein Nein zur Revolution

Stellungnahmen der russischen Kirchen zu den politischen Unruhen

 

„Es hat sich alles verändert!“ jubelte der orthodoxe Religionswissenschaftler Roman Lunkin nach der Moskauer Demonstration am 10. Dezember. Zum ersten Mal seit einem Jahrhundert sei die Orthodoxie von der Seite des Staates gewichen. Nun habe sie die Chance erhalten, „ihrem Anspruch, eine moralische Instanz zu sein“, unter Beweis zu stellen.

 

Lunkin pries den orthodoxen Geistlichen Feodor Ljudogowski, der die Duma-Wahlen vom 3. Dezember als „ein einmaliges Beispiel von Lüge und Heuchelei“ gegeisselt hatte. Er erwiderte: „Wir sind doch keine Masse von dummen Lämmern und Marionetten, sondern Kinder Gottes.“ Ljudogowski bezeichnete die Verfechter der Staatspartei als Pharisäer: Das Hauptlaster der Pharisäer sei ihre Heuchelei, ihre „Gewohnheit an die Lüge“

 

Besondere Lorbeeren reichte Roman Lunkin dem ehemaligen Baptisten-Präsidenten und Fundamentalopponenten Juri Sipko. Nur vier Tage nach Ankündigung des Stuhlentausches am 24. September hatte Sipko dem Staats-Tandem ein abgekartetes Spiel und „Theater“ vorgeworfen und behauptet: „Für Putin und Medwedew ist die Lüge ein fundamentales Mittel der Staatslenkung.“ Laut Lunkin habe Sipko die späteren Entwicklungen vorausgesehen.

 

Die vorerst einzig vernehmbare lutherische Stimme gehörte dem Moskauer Publizisten Wladimir Solodownikow. Nach den Wahlen schrieb er: „Ich fordere den sofortigen Rücktritt des Präsidenten und Ministerpräsidenten sowie die Auflösung der sich diskreditierenden Partei.“ Allerdings gehört Solodownikow gegenwärtig keiner lutherischen Konfession an.

 

Doch die moderaten, kirchlichen Stimmen überwogen – Juri Sipko hatte nicht einmal seine eigene Kirche hinter sich. Sergei Rjakhowski, Leitender Bischof des größten protestantischen Kirchenbundes des Landes, der 400.000 Besucher zählenden „Vereinigten Russischen Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“, sprach beiden Kirchenbünden (und dem Moskauer Patriarchat) aus dem Herzen als er versicherte, dass alle Beschwerden über Wahlunregelmäßigkeiten den Gang durch die staatlichen Instanzen anzutreten hätten. Bei Wsewolod Tschaplin, dem „Vorsitzenden der Abteilung des Moskauer Patriarchats für Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft“, hieß es, dass sich alle Protestmaßnahmen „im Rahmen des Gesetzes“ abzuspielen hätten.

 

Menschen, denen „das Herz für Russland blutet“, empfahl Rjakhowski diakonisches Engagement und das Spenden von Blut. Allerdings ermahnte er die alleinregierende Staatspartei, ernsthafter auf die Stimme des Volkes zu achten. Er räumte sogar ein, dass „Einiges Rußland“ der frischen Blutzufuhr bedarf, was sich als eine Absage an die Fortsetzung des Tandems deuten lässt

 

Eine dritte Gruppe christlicher Kirchen verharrte im Schweigen oder beschränkte ihre öffentlichen Bekundungen auf Aufrufe zum Gebet. Bei politischen Stellungnahmen sind kleinere Kirchenbünde meistens überfordert.

 

Doch einig waren sich nahezu alle Vertreter der Religionen (einschliesslich Juden und Muslime), dass eine Revolution unbedingt zu vermeiden sei. Rjakhowski versicherte: „Es kann sein, dass Nikolaus II. nicht der beste Zar der Geschichte war – auch unsere jetzige Staatsmacht weist Mängel auf. Doch jene, die das Boot schaukeln wollen, sind wesentlich gefährlicher.“

 

Tschaplin hatte noch vor der zweiten Moskauer Demonstration am 24. Dezember eine gegen den Westen gerichtete Spitze parat: „Es ist äusserst gefährlich, Zusammenstöße mit der Polizei oder politischen Gegnern zu provozieren. Wer solche Zusammenstöße provoziert, arbeitet nach den Drehbüchern tonangebender globaler Zentren.“

 

Dr. William Yoder,

Moskau

 

466 Wörter oder 3.542 Anschläge

 

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Wenn dein Bruder gegen dich sündigt

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Juri Sipko auf einer charismatischen Konferenz im russischen Fernost

 

M o s k a u – Ohne Ankündigung stattete Juri Kirillowitsch Sipko, bis 2010 Präsident der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB), am 14. Oktober einer führenden charismatischen Gemeinde einen Besuch ab.  Es handelte sich um die Gemeinde der „Neuen-Generation“-Bewegung in der fernöstlichen Stadt Blagoweschtschensk. Es folgten Berichte über diese Konferenz in der Stadt an der chinesischen Grenze auf russischsprachigen, charismatischen Webseiten. Doch erst ein Monat später versetzte ein neuer Videokommentar zu diesem Ereignis auf der Webseite der „Slavic Voice“ (Dallas/Texas) die russischsprachige Welt des Baptismus in helle Aufregung. Die Videos zeigten eine festliche und äußerst herzliche Atmosphäre, in der sich Sipko und der gastgebende Pastor Mikhail Darbinjan unter frenetischem Beifall umarmen. Ohne ein Mandat seines Kirchenbundes kündigte der Ex-Präsident den Beginn einer neuen Ära in den Beziehungen zwischen Baptisten und Charismatikern an. Er rief aus: „Ich bin so glücklich, so begeistert, Brüder und Schwestern, daß wir uns einig sind und unsere Gefühle ohne Scham Ausdruck verleihen dürfen!“ Darbinjan erwiderte mit Unterstützung von Sipko: „Wir sind irgendwie doch EINE Kirche. Wir werden in ganz Rußland beisammen sein.“ Er versicherte ferner: „Dies ist erst der Anfang unserer Zusammenarbeit auf dem göttlichen Acker.“ Begleitet wurde Sipko von einer baptistischen Delegation einschließlich des regionalen Superintendenten Pawel Swetlow.

 

Die Baptisten der slawischen Welt waren nicht wenig verwirrt – Sipko hatte eine führende Rolle gespielt beim anticharismatischen Video „Kharismatija”, das 2005 erschienen war. Ein Blogger merkte an: „Die Lehrer der Neuen Generation weisen alle Irrtümer und Übertreibungen auf, die dieser Film verurteilt.“ Der Kiewer Andrei Iskorostenski fragte: “Wann genau war Sipko ehrlich: Als er den Film über die Charismatiker drehte, oder als er das Lob für die Führung der Neuen Generation anstimmte? Die Logik läßt nicht zu, daß beides nebeneinander steht.“ In der Regel sparen Baptistenpastoren keine Mühe, um die eigene Jugend vor der charismatischen Bewegung in Schutz zu nehmen. Sehr oft bleiben sie interkirchlichen Veranstaltungen fern wenn Pfingstler oder Charismatiker zugegen sind.

 

Frappierend für Beobachter ist ferner die Tatsache, daß Sipko mit dem radikalen Rand der charismatischen Bewegung den Start eines Versöhnungsprozesses feierte. Die Neue Generation wird von Darbinjans Mentor, dem in Riga beheimateten Alexander Ledjaew, angeführt. Ledjaew ist ein in Kasachstan aufgewachsener Ukrainer baptistischer Abstammung (siehe unsere Meldung vom 25. Juli 2011). Bei einem Rundfunk-Interview aus Sakramento/Kalifornien Ende November hatte der der Moskauer Unternehmer und Bischof der Evangeliumschristen Alexander Semtschenko darauf verwiesen, daß sich die große charismatische Union des Sergei Rjakhowski (ROSKhWE) sowie viele Pfingstler schon vor Jahren von Ledjaew distanziert hätten.

 

Pawel Starikow betritt die Bühne

In einem etwa 70-minütigen Video auf der Webseite der von Semtschenko gegründeten “Slavic Voice” (www.slavicvoice.org), schnitt Pawel Starikow aus Portland/Oregon Bruchstücke aus dem Auftritt Sipkos in Blagoweschtschensk mit Beiträgen aus dem anticharismatischen Film und schockierenden, fast gewalttätigen Szenen aus Gottesdiensten der Neuen Generation in Riga und USA zusammen. Die Mixtur, die sich daraus ergab, scheint imstande, dem Ruf des Juri Sipko ernsthaften Schaden beizufügen. Diese Zutaten statteten den Film auch mit seinem Titel aus: „Juri Sipko, ehemaliger Leiter der russischen Baptisten, wird zweierlei Maßstäben vorgeworfen und zur Buße aufgefordert“. Der Untertitel fragt: „Was treiben da die Leiter der RUECB unter den Pseudoaposteln und falschen Lehrern der letzten Tage?“ Starikow, ein ehemaliger Charismatiker aus der Ukraine, gehört einer Initiative mit dem Namen „Ketzerei – niemals!“ an.

 

Der Film wird von einem Brief an den RUECB-Präsidenten Alexei Smirnow begleitet, in dem der Nicht-Baptist Starikow Sipko auffordert, u.a. seine Verfehlungen zu bekennen und alle Beziehungen zum charismatischen Lager abzubrechen. Die RUECB dürfe dessen Leiter nicht als „Brüder“ ansprechen, müsse sich bei Ortspastoren aufgrund der entstandenen Verwirrung entschuldigen und die charismatischen Webseiten auffordern, alle Szenen aus dem Auftritt in Blagoweschtschensk zu entfernen.

 

Die Reaktionen der baptistischen Intelligenz auf den Film Starikows waren größtenteils negativ: Der Kiewer Konstantin Teterjatnikow geißelte ihn als bar jeglicher Qualität und Objektivität; der Petersburger Mikhail Newolin verglich ihn mit den sensationsgierigen Fernsehsendern Rußlands. Eine Frau aus Albany/New York schrieb: „Man könnte jeden beliebigen Vers aus der Schrift herausreißen und darauf eine neue Lehre aufbauen. Das ähnelt der Verleumdung.“ In einem Blog merkte Iwan Kunderenko vom Kiewer „Zentrum für apologetische Forschung“ an: „Die Argumentation ist echt schwach. Das riecht nach der IUCECB (der Union der nichtregistrierten Baptisten). Das ist sehr schade.”

 

Gefallen an den Bemühungen Starikows fanden am ehesten Fundamentalisten. Der Berliner Dmitri Walter z.B. fragte nach, ob Sipko früher die kalvinistische Lehre der baptistischen Predigerschule in Samara/Wolga nur deshalb kritisiert hatte, weil sie sich gegen die Charismatiker wende. Albert Isakow aus Brooks in der Provinz Alberta behauptete in einem Blog, daß Alexander, der in Spokane wohnende ältere Bruder von Juri, „sich scharf gegen die Teilnahme seines Bruders an einer Versammlung von Gotteslästerern ausgesprochen“ hätte. Alexander Sipko ist Leiter der „Northwest Association of Slavic Baptist Churches“.

 

Die Reaktion des Alexander Semtschenko war anders. Im genannten Radiogespräch versicherte er, gegen das „Küssen und Umarmen“ von Charismatikern keinerlei Einwände zu haben. Doch in jenem Gottesdienst hatten sowohl Sipko wie Darbinjan „Putin attackiert“. In Blagoweschtschensk hatte der Ex-Präsident gesagt: „Ich habe unser Singen gehört und nun verstehe ich, warum Euch die Staatsanwaltschaft seit vielen Jahren gnadenlos verfolgt. Aber ich meine, es werde ihnen niemals gelingen, denn die Absichten Satans werden zunichte gemacht. Gott ist am Ruder – er ist der Herrscher. Der Herr ist unser Tsar. Amen, Alleluja!“ In Sakramento beschwerte sich Semtschenko: „Juri Kirillowitsch gibt sich immer wieder der antistaatlichen Rhetorik hin. Das ist seine große Masche.“ Als führender Geschäftsmann können sich Semtschenko und seine kirchlichen Vorhaben nicht leisten, sich mit den Mächtigen anzulegen.

 

Eine mäßigende Kraft bezüglich der Charismatiker, der Oligarch betonte den Unterschied zwischen Ledjaew und den Tausenden ernsthafter Brüder und Schwestern, die seine Gemeinden aufsuchen. Er fügte hinzu, daß seit den 90er Jahren das Benehmen und Denken von Rjakhowski und seinem Dachverband charismatischer Assoziationen moderater geworden seien. „Ich bin optimistisch bezüglich dieser Entwicklungen.“

 

Alexander Kusnetsow, Leiter der charismatischen, einst baptistischen Gemeinde in Moskau-Tuschino, bewegt sich weiter auf baptistische Kreise zu. In einem Blog zum Thema Blagoweschtschensk räumte er ein: „Wir haben auch sehr ernsthafte Anfragen hinsichtlich der charismatischen Randgruppierungen.“ Dabei erwähnte er Lehren bezüglich der Dämonologie und des Heiligen Geistes. Er äußerte sogar Verständnis dafür, daß die RUECB im April 2003 seine Gemeinde exkommuniziert hatte (Sipko war zu jener Zeit Präsident). „Wahrscheinlich haben sich die Brüder damals richtig verhalten“ – wir hegen keine Ressentiments. „Ich freue mich, daß Juri Kirillowitsch ein ernsthafter Mensch ist und seine Ansichten über die Kirche Jesu Christi in Bewegung sind. Nicht alles läßt sich schwarz oder weiß deuten. Wir werden für ihn beten – er befindet sich in einer schwierigen Lage.“

 

Nicht wenige Kommentare deuteten Überdruß bezüglich der endlosen Streitigkeiten zwischen Fundamentalisten und Evangelikalen einerseits und Charismatikern andererseits an. Der Blogger Juri Lubowoi bezeichnete die Aufspaltung in feindliche Lager als „komisch und sinnlos“. Er hält es für unverantwortlich, entweder Baptisten oder Charismatiker für evangeliumskonformer zu halten. Alle befänden sich weiterhin in einem langwierigen Prozeß zur Vervollkommnung der Gemeinde Jesu Christi. „Die Weigerung aufeinander zu hören ist nicht von Gott, sondern von Satan.“ Ein anderer berief sich auf einen Bibeltext: „Wie können wir behaupten, in Christus zu sein, wenn wir den Bruder hassen?“ Daniel Martschenko aus dem Bundesstaat Washington umschrieb einen anderen Vers: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, nimm ein Video auf und zeige es der ganzen Welt. Ist das der Sinn von Matthäus 18,15-17?“ In solchen Äußerungen ist der Wunsch nach konstruktiveren Formen menschlichen Austausches offensichtlich.

 

Offensichtlich ist zugleich die Tatsache, daß russische und ukrainische Aussiedler – und ihre Kirchenverbände – durchaus bereit und imstande seien, bei kirchlichen Entwicklungen in der alten, fernen Heimat mitzureden. Portland befindet sich 18 Zeitzonen westlich der Stadt Blagoweschtschensk.

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 14. Dezember 2011

Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-26, 1.240 Wörter oder 9.118 Schläge mit Leerzeichen.

 

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Rein in die gesellschaftliche Mitte

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“Forum 20” versammelte sich in der Ukraine

 

M o s k a u / I r p e n -- Bei osteuropäischen, kirchlichen Konferenzen vor zwei Jahrzehnten traten zumeist ausländische Gäste und deren Dolmetscher auf – die Einheimischen hörten zu. Doch beim „Forum 20“ in Irpen nahe Kiew am 18. und 19. November war die Lage genau umgekehrt: Alle der rund 28 Redner waren Einheimische, nur wenige älter als 40 Jahre. „Ich bin begeistert!“ versicherte Sergei Rakhuba (Wheaton), Präsident der gastgebenden, in den USA beheimateten „Peter Deyneka Russian Ministries“ und seines Ablegers, die „Assoziation für Geistliche Erneuerung“ (Duchownoe Wosdrozhenie). „Junge, begabte Leiter übernehmen die Führung bei der Gestaltung der Zukunft. Das ist auch der Hauptfokus unseres Dienstes: das Zurüsten der kommenden Generation christlicher Leiter.“ 

 

„Raus aus der frommen Subkultur - rein in die gesellschaftliche Mitte!“ war die Devise des Forums. Die große Mehrheit der rund 170 anwesenden Theologen und kirchlichen Mitarbeiter meinte sogar, eine diesbezügliche „Reformation“ sei in den Kirchen der ehemaligen Sowjetunion im Gange. Das Durchhalten in schwerer Zeit sei der bleibende Verdienst der Generation der Väter und Großväter, hieß es. Doch dabei sei die Not des kirchlichen Randdaseins zu einer Tugend erhoben worden, die man auch nach Wegfall der Repressionen nicht mehr preisgeben wolle. Deshalb werde es der kommenden Generation vorbehalten sein müssen, Wege in die gesellschaftliche Mitte zu bahnen.

 

Rakhuba fuhr fort. „Es ist die alte Subkultur, die Gemeindewachstum verhindert. Wenn die alte Tradition mehr gilt als die biblischen Wahrheiten, haben wir ein Problem.“ Auf der Tagung selbst meinte ein Referent: „Tradition (etwa Frauenmode und Musikstil) ist Glaube vermengt mit Dingen, die nicht dazugehören. Außenstehenden ist sie nicht verständlich.“ Bei „Traditionalisten“ werde der Glaube meistens negativ definiert: „Dann wissen Kirchen nur, was sie nicht sind, nicht, was sie sind.“ In einem unterhaltsamen Referat behauptete Pawel Begitschew, ein Pastor der Moskauer Evangeliums­christen: „Ich kam in einer sehr konservativen Baptistengemeinde zum Glauben. Sie waren verwirrt, als ich ihnen mitteilte, auch vor der Bekehrung nicht geraucht zu haben und fragten: ‚Wie können wir überhaupt feststellen, ob Du wirklich bekehrt worden bist?‘“

 

Ganz am Anfang der Tagung gab Mikhail Tscherenkow (Irpen), Vizepräsident der Assoziation für Geistliche Erneuerung, Anleitungen für das sinnvolle Gespräch: „Je ehrlicher unsere Fragen und Antworten sind, desto hilfreicher und nützlicher werden sie auch sein.“ Jeder solle nur für sich reden. Ein anderer meinte: „Wer ist dein Boss, wer hat unterschrieben, wer hat dich befugt?“ All dies seien Fragen hierarchischer Art, die für das sinnvolle und ehrliche Gespräch fehl am Platze seien. Der Evangeliumschrist Sergei Golowin (Simferopol) wies auf die weitreichenden Folgen finanzieller Abhängigkeiten hin: „Sage mir welche Doktrin du hast, und ich sage dir, welchen Sponsor du hast!“ Im Privatgespräch räumte ein Teilnehmer ein, bis zu 80% der Forumsteilnehmer würden weiterhin zumindest einen Teil ihres Gehalts aus dem Westen beziehen.

 

Der Dialog

Der Dialog als Motor des Fortschritts wurde immer wieder hochgehalten. Beim rußlanddeutschen Gast Johann Matthies (Korntal), einem Missionsvertreter der Mennonitischen Brüdergemeinden, hieß es: „Theologie geschieht nur im Dialog.“ Und ferner: „Ohne das Recht, Initiative zu ergreifen, ist Fortschritt unmöglich.“ Einer der offiziellen Redner versicherte: Kaderschmieden seien verpönt – vielmehr benötigten wir ein „Labor“ zur Erprobung theologischer Erkenntnisse.

 

Der Theologe und Autor Ales Dubrowski (Minsk) lieferte eine gewagtere These: „Je mehr der andere anders ist, desto mehr brauche ich ihn für den theologischen Diskurs. Entwicklung gibt es nur dort, wo es auch Unterschiede gibt.“ Nur in der Verschiedenheit werde die Einheit der Kirchen zum Ausdruck kommen.

 

Der Petersburger Baptist Mikhail Newolin berichtete, es sei für evangelikale Kreise ein großer Fortschritt, „die eigenen Fehler analysieren zu dürfen frei von der Angst, dem Gegner Vorschub zu leisten“. Rakhuba sprach von der Synergiewirkung des gemeinsamen Gesprächs und versicherte, ohne eine Erörterung unserer Fehler sei das Schmieden einer brauchbaren Zukunftsstrategie undenkbar.

 

Tscherenkow wies am Ende der Tagung darauf hin, daß alle Erkenntnisse nur Stückwerk seien: „Ein goldenes Zeitalter hat es nie gegeben. Die Krise war schon immer da. Wir waren nie vollkommen und unsere evangelische Bewegung wird auch nie vollkommen sein.“

 

Die Kritik

Kritik hagelte es bei diesem zweiten Forum – das erste Forum der Russian Ministries fand vor drei Jahren statt. Mehrmals wurde gefragt, wo die vielen Tausende geblieben seien, die sich in den ersten Jahren nach 1990 zum evangelikalen Glauben bekehrt hatten. Damals ging ein nahezu ungebildetes Gemeindepublikum in Begleitung ausländischer Missionare auf ein suchendes aber keineswegs ungebildetes Volk zu. Es hieß: Ist nun jemand da, der die Enttäuschten neu einsammeln könnte?

 

Newolin berichtete, daß der Bildungsstand der protestantischen Pastorenschaft weiterhin beklagenswert sei – die Zahl ernstzunehmender protestantischer Hochschuleinrichtungen ließe sich „an einer Hand abzählen“. In Rußland würden theologische Abschlüsse inflationär und ohne wissenschaftliches Niveau verteilt: „Es ist zu früh für uns, unsere Einrichtungen etwa als ‚Universitäten‘ zu bezeichnen.“

 

Ungewohnte Töne leistete sich die baptistische Journalistin Jelena Mokrentschuk (Kiew) mit der Zusicherung, PR dürfe niemals mit Journalismus verwechselt oder vermengt werden. Beide Formen seien erforderlich, doch nur die PR könne mit einer kirchlichen Finanzierung rechnen. Für den Journalismus dürften keine Themen tabu sein. Mikhail Newolin erzählte, daß die Zahl christlicher Webseiten die Menge verfügbarer, russischsprachiger Texte bei weitem übersteige. Die gleichen zumeist kostenlos verschickten Pressemeldungen würden von den verschiedensten kirchlichen Webseiten übernommen.

 

Nach Newolin hapert es auch weiterhin bei den kirchlichen Leitungsstrukturen. Zum Teil aus bürokratischen Gründen liefen viele Initiativen – und Immobilien – auf Privatnamen. Das mache einen Leitungswechsel nahezu unmöglich; Strukturen blieben im Wesentlichen hierarchisch und autoritär. Ein Fazit lautete: „Die Medien ändern sich erst, wenn die Kirchen sich ändern.“ Oder: „Ohne eine Transformation im Denken der Gemeinden wird sich nichts ändern.“

 

Es hieß, es werde auch in den Kirchen den Homosexuellen und Muslimen viel zu viel in die Schuhe geschoben. Zur Untermauerung wurde Angela Merkel zitiert: „In Deutschland gibt es nicht zu viele Muslime, sondern zu wenig Christen.“

 

Es gab aber auch nicht wenige positive Vorschläge. Christen sollten hinein in die Politik, hieß es. Und dabei sollten sie sich für das Gemeinwohl – und nicht nur für die protestantischen Partikularinteressen – engagieren. Der Einsatz für die Freiheiten nichtchristlicher Religionen sollte für Evangelikale selbstverständlich sein.

 

Nicht zum ersten Mal beklagte Mikhail Newolin eine Vorliebe der Protestanten für die Mission unter sozialschwachen Kreisen. Nach seinen Angaben seien rund 90% unserer Neubekehrten „von auswärts“ aus der Drogen- und Alkoholszene. Zur Begründung stellte er die Vermutung an, gerade dieser Personenkreis sehe meistens davon ab, uns Gläubigen peinliche Fragen zu stellen. Doch Newolin möchte keineswegs diese recht erfolgreiche Missionsarbeit in Frage stellen – fraglich sei sie nur, wenn sie auf Kosten der Mission unter den eher bürgerlichen Schichten geschehe.

 

Auf die selbstgestellte Frage, ob Frauen kirchliche Leitungspositionen gewährt werden dürften, erwiderte Alexander Negrow, Rektor der „St. Petersburg Christian University“: „Was ist das für eine Frage? Solche Positionen haben sie doch längst!“ Doch für sich spricht, daß weniger als 10 Frauen als Forumsteilnehmer registriert waren. Diese Äußerung deutete zumindest auf Negrows Zustimmung hinsichtlich einer derartigen Entwicklung hin.

 

Von den Rednern wurden Katholiken und Orthodoxe immer wieder als legitime christliche Konfessionen und gleichwertige Gesprächspartner beschrieben. Die ökumenische „Einheit in der Verschiedenheit“ wurde u.a. von dem Theologen Andrei Pusynin (Donetsk) betont.

 

Es kommt der Verdacht auf, die hehren Gedanken der jungen Theologen bei dieser Konferenz seien vor allem die Wiedergabe von Erkenntnissen, die sie an den Hochschulen des evangelikalen „Mainstream“ im Westen erworben hätten. Rakhuba sprach seinerseits von der Kontextualisierung, von „globalen Konzepten, die auf die örtlichen Begebenheiten übertragen werden müssen. Junge Menschen würden dann dazu beitragen, daß die Kirchen von innen heraus transformiert werden.“

 

Beziehungen unter den Evangelikalen

Sergei Rakhuba betonte, daß alle protestantischen Kreise zum Forum eingeladen worden seien – es kamen nur nicht alle. Charismatische und autonome kirchliche Kreise waren überrepräsentiert; dafür waren die baptistischen Unionen und die Lutheraner unterrepräsentiert. Allerdings war die baptistische Union von Belarus stark vertreten; auch Methodisten waren erschienen. Das ebenfalls in Irpen beheimatete baptistische Seminar, das als eine Filiale der „Masters University“ des John MacArthur in Kalifornien fungiert, war nicht zugegen. Doch im Programm des Forums wurden weder Personen noch Vereine namentlich kritisiert; nicht einmal am Rande der Konferenz wollte sich Rakhuba für eine Kritik gegenüber Einzelpersonen hergeben. Er erklärte jedoch: „Es gibt eine lange Geschichte belasteter Beziehungen. Es fällt manchen Leitern noch immer schwer, Trennungslinien zu überschreiten um Einheit zu erproben.“ Er bedauerte, daß die Lausanner Konferenz, die am 6. und 7. Dezember in Moskau stattfindet, nur unter der Ägide des charismatischen Bischofs Sergei Rjakhowski und des evangeliumschristlichen Bischofs und Geschäftsmannes Alexander Semtschenko stattfinden soll. Er räumte ein: „Offizielle Kreise und Hierarchien neigen dazu, ihren Besitz zu beschützen – das bremst das interkonfessionelle Gespräch. Lausanne ist eine globale evangelikale Bewegung und zieht es vor, mit jenen Gruppen, die sich am stärksten mit der Evangelisierung befassen, zusammenzuarbeiten.“

 

Dr.phil. William Yoder

Berlin, den 27. November 2011

Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-25, 1.400 Wörter oder 10.201 Schläge mit Leerzeichen.

 

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Eine andere Art von Befreiung
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Ein Wiesbadener will helfen, die Ukraine von Almosen zu befreien
 
M o s k a u -- Manchmal gibt es die Wahl zwischen gut und besser. Zur Frage der humanitären Hilfe schreibt Dieter Staudt, ein landwirtschaftlicher Berater in Lebedin (Gebiet Sumy/Nordostukraine): „Natürlich ist es gut wenn Kleidung und andere Artikel des täglichen Bedarfs gesammelt und in die post-sozialistischen Länder geschickt werden. Doch das geht schon über 20 Jahre so und hat an der Bedarfssituation wenig bis nichts geändert. Eine solche Hilfe sollte für einen überschaubaren Zeitraum gemacht werden und darf sich nicht zum Normalen entwickeln. Doch genau das ist passiert: Die Leute sitzen da und warten auf den nächsten Hilfstransport. Wir ‚afrikanisieren‘ die Menschen; die Eigeninitiative und eigene Ideen schwinden. Man überläßt das Schalten und Walten denen, die an der Macht sind.“ Dabei gesteht der seit 2001 in Osteuropa tätige Lutheraner: „Das mag sich hart und verletzend anhören für die Leute, die sich humanitär einsetzen. Doch die Hilfswilligen in aller Welt müssen umdenken.“
 
Vom Potential der ukrainischen Landwirtschaft ist Staudt felsenfest überzeugt. „Die Ukraine (Landesbevölkerung 46 Mio.) könnte Nahrungsmittel für über 300 Mio. Menschen erzeugen - sage mir einer, daß dies kein Reichtum sei!“ Doch noch lebt das Volk zu einem hohen Prozentsatz von teuren Lebensmittelimporten. Die Produktionsraten liegen im Keller: Bei Weizen bringt es die Ukraine auf 3,5 Tonnen pro Hektar – in Deutschland sind es bis zu acht Tonnen.
 
Zur Problematik gehört nicht zuletzt die Preispolitik. Nach Staudt bestehe kein Wettbewerb zwischen den Aufkäufern landwirtschaftlicher Erzeugnisse - Landwirte seien mafiösen Strukturen ausgeliefert. Auch deshalb arbeiten Betriebe defizitär. Der Pachtzins, den größere Bauern den Kleineren für die Nutzung von Grund und Boden zu verrichten haben, bleibt dann aus. So bekommen die Landbesitzer kein Geld und es ist kein Geld für die Anschaffung moderner Landtechnik da.
 
Seit Juni befaßt sich Staudt, der in Deutschland über 25 Jahre lang als Kaufmann tätig war, mit der Erstellung von Machbarkeitsstudien für einen landwirtschaftlichen Betrieb in der 28.700-Einwohner zählenden Stadt Lebedin. Dabei denkt er an den Aufbau einer Landwirtschaft zur Produktion von Gemüse, Salat, Kartoffel und Erdbeeren. Daneben will er Einheimischen beim Aufbau kleinerer Gewerbebetriebe behilflich sein (z.B. in den Bereichen Honig, Gänse und Brennholz für den Export nach Deutschland). Anstelle von Weizen, Roggen, Mais, Soja und Sonnenblumen wird sich der Betrieb auf die Kulturen festlegen die, einen höheren Bedarf an Arbeitskräften haben und bessere Umsätze versprechen. Grundsätzliches Ziel ist es, Arbeitslosen Erwerbs- und Ausbildungsplätze anzubieten und ihnen gerechte Löhne zu zahlen. Anfangen möchte der Deutsche mit nicht weniger als 100 Mitarbeitern – mit einem pro Hektar. Ziel ist es, innerhalb von fünf Jahren 1.000 Hektar zu bewirtschaften.
 
Kartoffel sollen erst angebaut werden, wenn ein ausreichend großes Lager zur Verfügung steht, in dem sie bis zu sechs Monate aufbewahrt werden können. So könnte man gewinnbringende Preise im Frühjahr abwarten. Ein Großteil der Produktion soll in eigener Regie vermarktet werden – so entstünden weitere Arbeitsplätze und ein gerechterer Handel. Geschäfte und Verkaufsstände sollen nicht nur über das gesamte Gebiet Sumy verteilt werden; es soll auch nach dem nur 80 km entfernten Rußland exportiert werden. Noch importiert Rußland überwiegend seinen eigenen Bedarf – und der Megapolis Moskau liegt nur 700 km von Sumy entfernt.
 
Wirft der Betrieb Gewinne ab, sollen auch Sozialeinrichtungen – wie Kindergärten – mitfinanziert werden.
 
Was bereits erreicht worden ist
Die Pacht von Feldern und die Übernahme der Gebäude und eines Teils der Technik einer ehemaligen Kolchose sind bereits angebahnt; willige Arbeitnehmer sind vorhanden. „Es gibt in Lebedin drei protestantische Gemeinden und deren Glieder sehnen sich nach einer solchen Initiative.“
 
Dieter Staudt hat bereits für weitreichende politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Verbindungen gesorgt. Die Agrar-Universitäten Nürtingen und Weihenstephan (Freising/Obb.) haben Verbindungen zur Universität Sumy ermöglicht. Noch vor Beginn der Arbeiten habe die Universität Sumy „um Praktikantenplätze für Studenten nachgefragt und auch wirtschaftspolitische Hilfe angekündigt“.
 
Ein ukrainisches Beraterteam ist vorhanden; doch an ausländischen Spezialisten mangelt es noch. Blitzbesuche und Pakete reichen nicht; eine zukunftsorientierte Unterstützung werde den Hilfsbereiten mehr abverlangen. Staudt erklärt: „“Wir sind gefordert nicht nur dadurch, daß wir unseren Partnern eine finanzielle Starthilfe beschaffen. Wir müssen sie begleiten, schulen und ihnen einzeln das kaufmännische Verhalten beibringen.“ Gefragt sind vor allem landwirtschaftliche Techniker und Spezialisten für Pflanzenbau; „es wäre schön, wenn sich hier Gläubige rufen lassen würden.“
 
Bei der Höhe des Startkapitals für die GmbH „Nadeschda“ (Hoffnung) ist der Wiesbadener nicht zimperlich: Erforderlich wären Schenkungen und Kredite von mindestens 700.000 €. Dazu werden noch ein Gewächshaus, Wasch- und Verpackeinrichtungen für Kartoffel, ein Kühlhaus für die Erdbeeren, Saatgut und ein Gerät, das Brennholz sägt und spaltet, benötigt. Der strategische Vordenker versichert: „Da der innovative Geschäftsplan die Kalkulationen bestätigt, ist für die beteiligten Investoren mit ordentlichen Gewinnen zu rechnen.“
 
Die Vorgeschichte
Nach den Erfahrungen dieses 61-jährigen Geschäftsmannes lasse die finanzielle Ethik osteuropäischer Unternehmer – auch der christlichen – noch zu wünschen übrig. Er hat schwere Enttäuschungen einstecken müssen. Seine 2001 in Sankt Petersburg gegründete Firma zum Vertreib von Küchenbesteck war zuerst ein schlagender Erfolg. Nach einer Moskauer Messe 2007 hatte sich der Umsatz verdreifacht. Doch während eines Aufenthaltes in Deutschland wurde das Firmenvermögen von Staudts Firmenpartnerin unterschlagen – davon konnte sich die Firma nicht mehr erholen. Heute resümiert er: „Grundsätzlich ist das Vorhaben gelungen - auch wenn die Sache letztlich an den Beteiligten gescheitert ist.“
 
Parallel stieg er Ende 2007 bei zwei Kolchosen im Raum Pskow (estnische Grenze) ein. Da sorgte er als Planungs-Leiter dafür, daß ausführliche technische und wirtschaftliche Pläne erarbeitet wurden. Darüber berichtet er heute: „Leider haben wichtige Angaben des Besitzers nicht der Wahrheit entsprochen, sodaß das gesamte Unternehmen auf tönernen Füßen stand. Zahlungsverpflichtungen konnten nicht eingehalten werden.“
 
Der Deutsche ist überzeugt: Wenn wir Christen dem Anspruch, Salz und Licht zu sein, einigermaßen gerecht werden wollen, dürfen wir uns „nicht an den Auswüchsen des post-sozialistischen Kapitalismus beteiligen. Wir müssen uns aus allem, was auch nur im Geringsten mit Korruption zu tun hat, heraushalten - auch wenn es zu unserem Nachteil ist.
Man sollte auch ehrlich und offen miteinander umgehen und nicht denken, wenn jemand aus einem westlichen Land kommt, daß hier die ‚Kuh zum Melken‘ eintrifft.“
 
Zum „Melken“ liefert Staudt ein Beispiel: „Ich habe mir von einem baptistischen Bauunternehmer in Sankt Petersburg ein Angebot für einen Umbau machen lassen. Als ich dieses Angebot zu lesen bekam, traute ich meinen Augen nicht. Der Kostenvoranschlag war viermal höher als ich mir selbst grob errechnet hatte. Als der Unternehmer meinen Unmut merkte, stellte er mir in Aussicht, den Auftrag auch ‚schwarz‘ - ohne Steuern - auszuführen. Er hat natürlich den Auftrag nicht bekommen.“
 
Warum macht Dieter Staudt nach zweijähriger Denkpause weiter? Er antwortet: „Auf die Idee Ukraine kam ich selbst gar nicht. Aufgrund meiner unangenehmen Erfahrungen hatte ich für die Ukraine kein Bedürfnis. Aber man hat mich angesprochen - mehrfach. Was mich am Ball hält, ist mein Glaube an den auferstanden Herrn. Er hat mich erwählt - unverdient - und ihm will ich dienen aus Dankbarkeit mit den Gaben, die er mir gegeben hat. Zu ihnen gehören eben geschäftliche Pionierarbeiten – auch in schwierigen Ländern.“
 
Er resümiert: „Ohne Träume werden wir vertrocknen - natürlich erfüllen sich nicht alle Träume, aber ohne Träume erfüllt sich gar nichts.“ Er kann sich nichts Schöneres vorstellen, als die „Zusammenarbeit mit mutigen Menschen, die über Träume und gewagte Pläne verfügen“. Nach ihm gehören zu diesen „mutigen Menschen“ auch viele Osteuropäer.
 
Dr.phil. William Yoder
Moskau, den 8. November 2011
Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-23, 1.181 Wörter oder 8.363 Schläge mit Leerzeichen.

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Eine Stimme aus der Wüste und eine Stimme aus dem Kreml?
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Zur Debatte zwischen den evangeliumschristlichen Baptisten Juri Sipko und Alexander Semtschenko
 
M o s k a u -- Im Februar 2008 kam es zum Bruch zwischen dem Geschäftsmann Alexander Semtschenko und der Leitung der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“. Mit dessen Folgen ist die RUECB bis heute konfrontiert. Nachdem Semtschenko die Sicherheitskräfte seiner Baufirma „Teplotechnik“ eingesetzt hatte, um ein wildes Lager der Gegner einer Waldrodung zu sprengen (siehe unsere Meldung vom 18.8.2010), nahm der öffentliche Disput zwischen ihm und Juri Sipko, bis März 2010 Präsident der RUECB, seinen Lauf. Im dissidentisch-orthodoxen Nachrichtendienst „Portal-Credo“ am 8. Oktober 2010 bezeichnete der Ex-Präsident es als „Unsinn“, daß ein Unternehmer gleichzeitig Bischof sein könne. (Semtschenko ist seit 2008 Bischof der kleinen „Union der Kirchen der Evangeliumschristen“.) Über Semtschenkos kirchliche Mitarbeiter meinte Sipko damals: „Dutzende der heiligen Lehrer des Evangeliums werden aus seiner Hand gefüttert. Der Klang des Geldes übertönt das Gewissen. Dieser schwarze Fleck liegt auf den Verkündigern des Evangeliums.“ Sipko setzte mit zwei Interviews in Portal-Credo am 16. und 28. September 2011 nach; Semtschenko reagierte erstmals mit öffentlicher Kritik in einem Interview mit demselben Nachrichtendienst am 6. Oktober 2011.
 
Für die vielen Unzufriedenen ist Juri Sipko eine mutige und prophetische Stimme. Im Interview mit Semtschenko am 6. Oktober schrieb Portal-Credo: „Die russische Gesellschaft wartet noch auf Worte der Wahrheit, der Moral und der politischen Reife von ihren religiösen Vertretern. In einem solchen, prophetischen Stile tritt Pastor Juri Sipko auf.“ Doch Semtschenko, womöglich der einzige, protestantische Oligarch des Landes, erwiderte: „Alle seiner Reden verraten nur eins: Ressentiments.“ Er halte sich für „den großen Führer einer großen protestantischen Union“, doch die Staatsmacht „wollte mit ihm keine Verbindung eingehen“. Sipko selbst gab zu, kein Vertrauter der Mächtigen zu sein und meinte in einem seiner Interviews: „Ich beobachte von zu Hause aus die politischen Prozesse ein wenig.“
 
Die Position einer Fundamentalopposition, die Sipko vertritt, ist deutlich zu vernehmen im Interview vom 28. September vier Tage nachdem Wladimir Putin angekündigt hatte, abermals für das Amt des Staatspräsidenten zu kandieren. Er geißelte den Widerstreit zwischen Putin und Dmitri Medwedew als abgekartetes Spiel und „Theater“ und versicherte: „Für Putin und Medwedew ist die Lüge ein fundamentales Mittel der Staatslenkung.“ Er folgerte: „Ein wertefreier Mensch hat nicht das Recht, einen Staat zu führen. Beide Jungens in diesem Tandem haben ihren Anspruch auf die Macht verwirkt.“
 
Im Interview vor einem Jahr hatte Sipko versichert: „Wer reich ist in Rußland ist auch Dieb. Der Reiche in Rußland ist unehrlich, ein Betrüger und Lügner. Ein Dieb bekämpft den nächsten Dieb; der Verbrecher schützt sich vor anderen Verbrechern. Dies trifft für alle Reichen in Rußland zu – auch für solche, die heute vorgeben, den Geist, die Ehre und das Gewissen der Nation zu repräsentieren.“ Über die Ausgeschlossenen hieß es ein Jahr danach: „Wer nicht stirbt, reist aus.“ Doch zur Lösung der gesellschaftlichen Krise hebt der ehemalige Präsident auch die geistliche Option hervor: „Wir alle bedürfen der Bekehrung. Ich glaube an die Gnade Gottes.“
 
Die Antwort Semtschenkos
In seiner Erwiderung am 6. Oktober gab sich Semtschenko betont staatsmännisch. Mit globalen Vorwürfen wie „politisches Theater“ konnte der Unternehmer nichts anfangen. Auch den Vorwurf „Lüge“ hielt er für eine unzulässige Pauschalisierung. Schließlich seien alle Politiker von Rang kraft ihres Amtes gezwungen, nur mehr-oder-weniger die ganze Wahrheit zu sagen. Somit sei für ihn der Vorwurf der Lüge „sehr, sehr subjektiv“.
 
In seinen Beiträgen listete Sipko die respektablen, oppositionellen Politiker auf, die durch die Staatspartei Putins kaltgestellt worden sind. Doch Semtschenko hielt dagegen, es gebe in der heutigen Duma keine oppositionelle Partei, die für Protestanten hinnehmbar wäre. Den Nationalisten Wladimir Schirinowski und KP-Chef Gennadi Sjuganow bezeichnete er als „schrecklich“. In Boris Jelzin sah Semtschenko einen sympathischen Menschen, „der sich jedoch als Politiker schwach erwies“ und die Russen beinahe um ihr Land gebracht hätte. Im Interview vom 6. Oktober setzte Semtschenko noch eins drauf: „Ich erachte in Putin einen großen Segen für Rußland. Er ist ein Symbol der Stabilität und des Fortschritts.“
 
Von der gegenwärtigen Opposition erwartet der Kirchenmäzene wenig Gutes: „In dieser Opposition versammeln sich vor allem Unwillen und Haß auf die staatlichen Strukturen.“ Er meinte ferner, für das miese Verhältnis der Protestanten zum Staat seien sie selbst mitverantwortlich. Im Gegensatz zur Orthodoxie sei es „ihnen noch nicht gelungen, ihr eigenes Verhältnis zum Staat auszuformulieren“. Der Unternehmer versicherte ferner, man könne ihm „der Untätigkeit nicht vorwerfen, denn von allen setzte ich mich am häufigsten und am konkretesten mit der Staatsmacht auseinander“. Die Behauptung, er selbst sei kein prinzipienloser Opportunist, untermauert Semtschenko häufig mit dem Hinweis, er sei – etwa im Gegensatz zu Sipko – zur Sowjetzeit inhaftiert gewesen (1982). 
 
Gemeinsam mit dem Charismatiker Sergei Rjakhowski, dem Bischof der  2.000-Gemeinde-starken „Vereinigten Russischen Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“, sieht er es als seine Aufgabe an, in politischen Kreisen für Verständnis gegenüber der kleinen, oftmals unsichtbaren protestantischen Bewegung zu werben. „Wir leiten eine große Arbeit zur Zusammenführung der russischen Protestanten.“ Für staatliche Kreise sollen die protestantischen Kirchen ein attraktiver und hilfreicher Partner werden. „Das heißt aber nicht, daß wir uns einfach der Autorität des Staates unterwerfen und allen seinen Forderungen und Launen folgen sollten.“
 
Resümierend versicherte der Geschäftsmann: „Unser Staat hat nicht die Absicht, den Protestantismus zu vernichten.“ Das Hauptproblem seien vielmehr Möchtegern-Konvertiten in den Reihen der Orthodoxie, die meinen, der Kirche am ehesten einen Dienst zu erweisen, indem sie „die Physiologie eines protestantischen Pastors polieren“. Auf weiterführende Gedanken kämen sie nicht. Zur Dissonanz innerhalb der protestantischen Reihen sowie im Verhältnis der Protestanten zur Gesellschaft meinte er: „Leider ist die Kultur des Dialogs in Rußland noch stark unterentwickelt. Deshalb müssen wir damit beginnen, aufeinander zu hören und einander zu verstehen.“
 
Die heutige von Alexei Smirnow geleitete RUECB agiert vorsichtiger als die beiden hier beschriebenen Kontrahenten. Leitender Vizepräsident Jewgeni Bakhmutski hat wiederholt dazu aufgerufen, auf politische Äußerungen zu verzichten. Witali Wlasenko, deren Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen, sagte: „Wir wollen uns weiterhin bemühen, Brücken zu staatlichen und orthodoxen Stellen zu schlagen.“
 
Semtschenkos neueste Projekte
Vor Monaten verkündete das Moskauer Patriarchat die Absicht, 600 neue Kirchen im Moskauer Raum zu bauen. Nach heftigen Protesten seitens der Bürger und staatlichen Bedenken wurde die Zahl auf 200 zurückgefahren. Inzwischen wird an 18 Baustellen gehämmert. Am 4. Oktober dankte das Kirchenoberhaupt, Patriarch Kirill, der Firma „Teplotechnik“ dafür, „daß sie nicht nur der Hauptauftragnehmer sondern auch der Hauptsponsor des Kirchenbaus in Weschnjaki sein wird“. Hiermit will der Unternehmer Semtschenko zweifellos auf die ihm eigene Art und Weise neue Brücken schlagen.
 
Trotz aller finanziellen Engpässe im eigenen Mitarbeiterstab hat Semtschenko auch Portal-Credo eine größere Spende zukommen lassen. Bisher war diese Agentur sehr viel stärker dem politischen Lager des Ex-Präsidenten Sipko zuzuordnen gewesen.
 
Dr.phil. William Yoder
Moskau, den 31. Oktober 2011
Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-22, 1.057 Wörter oder 7.646 Schläge mit Leerzeichen.
 
Weitere Informationen:
Bei der Jahreskonferenz der „Euro-Asiatischen Föderation der Unionen der Evangeliumschristen-Baptisten“ (EAF) in Kiew am 18.-19.10. wurde der Beschluß gefaßt, eine neue baptistische Union aus Georgien als Mitglied aufzunehmen. Sie besteht aus 24 Gemeinden; ihre feierliche Gründung soll erst im November kommenden Jahres vor Ort in Georgien begangen werden. In Georgien besteht bereits die von Erzbischof Malkhaz Songulashvili geleitete „Evangelische Baptistenkirche Georgiens“ mit 75 Ortsgemeinden. Diese neue Union wird eher traditionell und slawisch geprägt sein. Nun wird bis auf weiteres eine georgische Union der EAF angehören, die zweite – die Kirche Songulashvilis – der in Prag beheimateten „Europäischen Baptistischen Föderation“. (Die größten baptistischen Unionen in der Ukraine und Rußland gehören beiden Organisationen an.)
 

 

 

 

Noch lange nicht am Ende

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Das Kobriner “Haus der Barmherzigkeit” gibt nicht auf

 

Kommentar

 

M o s k a u / K o b r i n – Sechzehn Monaten nach dessen Eröffnung wartet das größte protestantische Seniorenheim Osteuropas weiterhin auf seinen ersten Bewohner. Am 26. Juni 2010 war das „Baptist House of Mercy“ (Haus der Barmherzigkeit) im Dorf Imenin nahe Kobrin/Belarus offiziell eingeweiht worden. Die Unterstützer eines Netzwerkes baptistischer Altenheime im Bundesstaat Missouri hatten mehr als $400.000 US für den Bau des großartigen Altenheims mit seinen 54 Plätzen gespendet. Zweiundfünfzig der Spender waren zur Einweihung des Hauses erschienen.

 

Die Kommunalpolitiker am Ort warten ungeduldig auf die Inbetriebnahme des Hauses. In einem Gespräch mit der Delegation aus Missouri am 3. Oktober 2011 versicherte Walentin Trubtschik, der Beauftragte für Kirchenfragen im Gebiet Kobrin: “Bitte teilen Sie uns mit, falls wir Ihnen irgendwie behilflich sein können. Wenn Ihre Warteliste zu kurz ist, können wir Ihnen gerne mit unserer eigenen Liste nachhelfen.” Er wies darauf hin, die Kommune habe dem Haus der Barmherzigkeit gestattet, bis zu 90% der Renten der Bewohner für die Pflegekosten einzubehalten.

 

Eine von Deutschland aus unterstützte Bäckerei, die Anfang 2011 nebenan aufgemacht worden ist, gibt morgens keine warmen Düfte mehr von sich. Ihre vorübergehende Schließung wird auf die hohen Mehlkosten zurückgeführt. Das sozialistische Belarus verfügt über eine Preisbindung für Brot – im Wettbewerb können private Bäcker nicht mithalten. “Das Hirn” hinter dem Seniorenheim und der Bäckerei, der baptistische Baufachmann Stepan Trubtschik (mit Walentin nicht verwandt), versicherte: „Wir können mit dem Backen wieder anfangen sobald wir eine kostenlose oder sehr preisgünstige Quelle für Mehl in unserer Umgebung gefunden haben.“ Im allgemeinen geht es dem 1995 gegründeten Kinderlager „Zhemtschuzhinka“ (Perlchen), auf dessen Territorium Altenheim und Bäckerei stehen, nur mäßig gut. Sowohl die landwirtschaftliche Produktion wie die Zahl der jährlichen Kinderlager haben abgenommen.

 

Bei den Gesprächen in Kobrin Anfang Oktober stellte Steven Jones, Präsident der “Missouri Baptist Home”, fest: “Ich denke, Management-Fragen sind die Hauptursache für die gegenwärtige Verzögerung.” Er und Roger Hatfield, Präsident der in Jefferson City/Missouri beheimateten Stiftung „Future Leadership Foundation”, vertraten die Auffassung, die Schaffung eines schlagkräftigen, ehrenamtlichen Vorstands würde dem Leiter des Kinderlagers, Pastor Wladimir Wanditsch, seine schwere Last nehmen. „Es ist ungerecht wenn alle Verantwortung für äußerst sensible Programmentscheidungen auf den Schultern von Bruder Wanditsch lastet,“ fügte Jones hinzu. „Der Vorstand muß die Hauptverantwortung übernehmen.“

 

Bei Begegnungen in Minsk am 4. Oktober bestätigten Vorstandsvorsitzender Josef Rakhovski, ein Vizepräsident der belarussischen Union, und Unions-Generalsekretär Nikolai Sinkowets ihre Unterstützung für das Kobriner Projekt. Danach berichtete Jones: „Beide stimmten überein, der Abbruch dieses Vorhabens würde der belarussischen Union ernsthaften Schaden zufügen in ihrem Werben um künftige Projekte bei in- und ausländischen Gebern. Außerdem besitzen Christen den biblischen Auftrag, bedürftige, ältere Menschen zu versorgen – erst recht wenn sie weder über Angehörige noch finanzielle Ressourcen verfügen.“  

 

Es kommt hinzu, daß der politische Wille baptistischer Kreise, sich für diakonische Projekte zu engagieren, sich mitunter als schwach erwiesen hat. Eine Hauptsorge besteht darin, diakonische Projekte könnten auf Kosten evangelistischer Bemühungen durchgeführt werden. Beispielsweise brachte die Moskauer Webseite der “Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten” am 28. Juni ein Interview unter dem Titel “Ein Weg nach Nirgendwo?”, das sich kritisch mit der Diakonie auseinandersetzte. RUECB-Historiker Alexander Sinitschkin äußerte in diesem Gespräch die Sorge, die erfolgreiche baptistische Arbeit unter Drogenabhängigen “proletarischer” Abstammung könnte Bemühungen zur Erreichung der wachsenden Mittelklasse Rußlands beschneiden.

 

In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben Osteuropäer dazu geneigt, eher rasch und unüberlegt westliche Projektvorschläge gutzuheißen. Ein Beispiel hierfür ist das explosionsartige Entstehen theologischer Ausbildungsstätten in den 90er Jahren. Als weißrussisches Beispiel dieser Tendenz könnte das Haus der Barmherzigkeit gelten. Doch seit seiner Einweihung vor mehr als einem Jahr sind die Kostenvoranschläge deutlich nüchterner geworden. Damals war noch davon ausgegangen worden, die Renten der Bewohner würden alle Pflegekosten decken. Heute geht die Heimleitung davon aus, die Tageskosten von neun Dollar US pro Bewohner würden nur zu einem Drittel durch die Renten gedeckt sein. Das bedeutet ein Jahresminus von $80.000 bei 35 Heimbewohnern. Doch Jones bleibt davon überzeugt, die Spendenkapazitäten der Baptisten im weißrussischen Westen seien längst nicht erschöpft. Rund 40% der 13.900 Mitglieder der Union der belarussischen Baptisten wohnen im Gebiet Brest – zu ihm gehört auch Kobrin. 

 

Die Führungsebene aus Missouri vertritt die Auffassung, Stepan Trubtschik, der zugleich als Heimleiter fungiert, habe sich beim Drücken von Baukosten längst als ein wahrer Meister erwiesen. Ein katholisches Altenheim mit 40 Plätzen in Logischin unweit von Pinsk im Südwesten von Belarus soll mehr als $2 Mill. gekostet haben. Diese Einrichtung arbeitet erst seit Juni dieses Jahres und behauptet, das erste nichtstaatliche Seniorenheim des Landes zu sein.

 

Jones, der Logischin Anfang Oktober aufsuchte, sieht in den Verzögerungen beim baptistischen Vorhaben keine Ursache für übermäßige Sorge. Die Leitung des Zentrums in Logischin berichtete, das Nehmen aller bürokratischen Hürden hätte mehr als vier Jahre beansprucht. Stepan Trubtschik geht davon aus, das Kobriner Heim werde nicht vor Mai 2012 den Betrieb aufnehmen – andere leitende Personen rechnen mit nicht mehr als drei oder vier weitere Monate.

 

Die Bemühungen der “Future Leadership Foundation” um die Seniorenpflege sind nicht auf Belarus beschränkt. Die Stiftung ist ebenfalls dabei, am “Ukrainischen Baptistischen Theologieseminar” in Borislaw (West-Ukraine) ein Magisterprogramm mit dem Schwerpunkt “Dienst an Senioren” vorzubereiten. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit dem Akademischen Leiter der Einrichtung, Slawik Ryzh. Ryzh ist z.Zt. Doktorand am „Southwestern Baptist Theological Seminary“ in Dallas/Texas.

 

Dr.phil. William Yoder

Berlin, den 10. Oktober 2011

Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-20, 850 Wörter oder 6.393 Schläge mit Leerzeichen.

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Den Ohren nach zum Gottesdienst

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Drei neue Moskauer Baptistengemeinden im Vergleich

 

Reportage

 

M o s k a u – Die Russen sind dafür bekannt, ohne Schilder und Wegweiser auskommen zu können. Das stimmt nicht zuletzt (ob gewollt oder ungewollt) auch für die Versammlungsstätten der Protestanten.

 

1. Eine sehr junge Moskauer Gemeinde hat das Problem in origineller Weise gelöst. Um die Versammlungsstätte der “Moskauer Stadtgemeinde” (MCC auf Englisch) im Hotel Milan im Süden der Stadt ausfindig zu machen, braucht man nur den eigenen Ohren zu folgen. Sonntags um 11 Uhr bebt es in der ersten Etage - man geht einfach die Treppe hoch und öffnet jene Tür, aus der der Beat am heftigsten erschallt. Das Öffnen gibt den Blick frei auf ein kleines Auditorium mit Bühne. Zugegen sind etwa 60 Personen, kaum eine von ihnen älter als 35. Diese Gemeinde hat nur ein einziges Jahr auf dem Rücken und Fragen wie Lautstärke scheinen der Bandleiter nach eigenem Ermessen entscheiden zu dürfen. Der Leiter haut in die Keyboardtasten – er spielt auch ein heißes Saxophon. An dem Sonntag, an dem ich dabei war, wurde das Abendmahl zu lebhaften Klängen am Anfang des Gottesdienstes gereicht.

 

Der Prediger des Tages trug seine Predigt ohne Schlips und in Jeans vor. Die Frage-und-Antwort-Rede war mit Amen-Rufen und gehobenen Händen gespickt. Hier erlebt man eine der sehr wenigen Baptistengemeinden Rußlands, in denen auf die Uhr geschaut wird. Die einzige Predigt beanspruchte 31 Minuten; nach 80 Minuten war das gesamte Ereignis zu Ende. (Vielleicht tragen die Hotelmieten zur Knappheit der Gottesdienste bei.)

 

Diese junge Gemeinde ist eine Frucht des Dienstes der Mission „Campus Crusade for Christ“. (Allerdings gehören die Abgänger eines Drogen-Reha-Programms ebenfalls dazu.) Campus ist bereits seit 1991 in Rußland unterwegs; Witali Wlasenko, der Leiter des Pastorenteams dieser Gemeinde, arbeitete mehr als ein Jahrzehnt für diese Organisation. Die Gemeinde hat einen Spruch der „Willow Creek Community Church“ aus Chicago zu Herzen genommen: „Der Köder muß dem Fisch schmecken – nicht dem Angler.“ Der Geschmack habe sich nicht nach dem der Alteingesessenen zu richten.

 

2. In der drei-Jahre-alten “Deine Gemeinde”, die sich im “Moskauer Theologieseminar” der “Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten” (RUECB) trifft, geht es gemächlicher zu. Die Musik ist zwar zeitgenössisch, doch die Vortragenden glauben weiterhin an die Drei- und Vierstimmigkeit. Das Anbetungsteam besteht schließlich aus Mitgliedern der ukrainischen „Zhiwaja Kaplja“ (Lebender Tropfen) Musikgruppe. Falls gerade die klassisch-ausgerichteten Musikkurse des Jewgeni Gontscharenko in der „Zweiten Baptistengemeinde“ stattfinden, treten halbprofessionelle Musiker als Gäste auf.

 

Hier geht es feierlicher zu: Leitender Pastor Leonid Kartawenko trägt einen Priesterkragen mit Umhang. Zumindest eine der Predigten wird in Erzählungsform vorgetragen – Kartawenko ist ein begnadeter Kommunikator. Alle Generationen sind vertreten, doch Pastor Kartawenko ist der Auffassung, seine Gemeinde bestünde vor allem aus den mittleren Jahrgängen. Die Verkündigung ist inklusiv: „Wir taufen solche, die zu ihrer bewußt vollzogenen Taufe stehen, nicht unbedingt wieder – auch wenn sie Orthodox gewesen ist.“ Dabei merkt er an, daß die nichtregistrierten Baptisten zu alten Zeiten auch solche wiedertauften, die aus anderen baptistischen Kreisen stammten.

 

“Wachsen ist harte Arbeit,” fügt der Leitende Pastor hinzu. Die Mitgliedschaft bewegt sich um die 80 und nimmt nur langsam zu. Mir fielen bei diesem Besuch dennoch die vielen neuen Gesichter auf: Solche aus der Zweiten Baptistengemeinde, die als Gründungshelfer gekommen waren, haben offensichtlich den Rückzug angetreten. Bei dieser Gemeinde läuft der Betrieb. Von den drei Gemeinden, die hier aufgezählt werden, kann nur Kartawenko nahezu vollamtlich als Pastor dienen.

 

3. Eine dritte Gemeinde blickt ebenfalls auf Wurzeln in der Zweiten Baptistengemeinde zurück: die von Jewgeni Bakhmutski gegründete “Russische Bibelkirche” (RBC). Z.Zt. versammelt sie sich im Hauptquartier der RUECB in der Warschawskoe Schosse. Hier werden die Blasinstrumente durch ein Cello ersetzt; die Musik bleibt modern aber zurückhaltend. Noch einmal rund 80 Mitglieder oder Freunde, doch viele weitere Teilnehmer und Gäste. Diese Gemeinde könnte den geringsten Altersdurchschnitt vorweisen – kaum Personen älter als 30 sowie eine große Anzahl Kinder. Doch ein aktives Mitglied insistiert: „Wir gehen älteren Menschen nicht aus dem Wege.“ Bakhmutski, der bis vor kurzem als Leiter der Jugendabteilung bei der RUECB fungierte, hat nicht wenige seiner Mitarbeiter aus seiner früheren Jugendarbeit rekrutiert.

 

Hier wird das gesprochene Wort betont; die eine Text auslegende Predigt gilt als Standardkost. Zumindest eine der beiden Predigten beansprucht 50 bis 60 Minuten; der gesamte Gottesdienst dauert mindestens zwei Stunden. Etwa im Stile der „Calvary Chapel“-Bewegung werden die Bücher der Bibel von vorne bis hinten durchpredigt. Die Bibel gilt als unfehlbar in allen Fragen - auch in ihren Äußerungen etwa zur Naturwissenschaft. Dabei ist die „Hinlänglichkeit (sufficiency) der Schrift“ ein theologischer Schlüsselbegriff.

 

Hier gibt es eine äußerst seltene Erscheinung: Diese Gemeinde hat mehr männliche als weibliche Mitglieder. Sie betont die männliche Führung und verfügt über vier ordinierte Pastoren. Ein Mitglied erinnert sich: „Vor Gründung der Gemeinde vor zwei Jahren verbrachte Bakhmutski ein Jahr damit, eine Kerngruppe von Männern und Frauen zuzurüsten.“ Auf Planung und Struktur wird geachtet; jedes Mitglied soll sich seiner Aufgabe und Funktion bewußt sein.

 

Im Gottesdienst wird Zeit für das Beten eingeräumt. Das Gebet für die Nation und deren Leiter wird durch das Gebet für Freunde und Verwandte ergänzt.

 

Die Gemeinden im Vergleich

Trotz aller Gemeinsamkeiten weichen Geschmack und Stil dieser drei Gemeinden voneinander ab. Bei der MCC ist die Musik am lautesten; bei der RBC am ruhigsten. „Deine Gemeinde“ gewährt Frauen am ehesten eine Chance, in die Leitungsebene aufzusteigen; die RBC betont die männliche Autorität. Leonid Kartawenko meint, seine Gemeinde verfüge über horizontale Leitungsstrukturen; die RBC bevorzugt die Führung durch ein Ältestenteam männlichen Geschlechts.

 

Alle drei verstehen sich ohne Abstriche als evangelikal; es läßt sich jedoch darüber streiten, welche Gemeinschaft am ehesten die traditionelle, russisch-baptistische Theologie verkörpere. Obgleich manche Aspekte der Lehre der RBC das historische Modell wiedergeben – eine betont nicht-charismatische Haltung z.B. -, weicht deren calvinistische Theologie vom klassischen Vorbild ab. Zumindest vertritt die RBC am ehesten die traditionelle Form.

 

Alle drei Gruppen erstreben einen „professionellen“, wohldurchdachten Gottesdienst. Das Elektronische, Visuelle und Internet werden ernstgenommen. Kartawenko berichtet, die Mehrheit der „Zuschauer“ würde den Gottesdienst im Internet erleben (www.yourchurch.ru). Die RBC (www.rbcerkov.ru) bietet ihre Predigten als MP3-Dateien an. Die Webseite der MCC (Church24.ru) ist am wenigsten vollständig, doch sie ist auch die jüngste dieser drei Gemeinden.

 

In allen drei Fällen geht die Versammlung mit dem „Amen“ nicht zu Ende. Das Sich Kennenlernen wird immer betont. Der „Imbiß“ bei Deiner Gemeinde reicht auch noch für das Mittag- und Abendessen. Alle drei nehmen das Angeln sehr ernst. Man will Menschen „von der Straße weg“ für Jesus gewinnen; bestehenden Gemeinden sollen die Mitglieder nicht abgeworben werden. Viele Neue haben orthodoxe Verbindungen. In Rußland ist die Straßenevangelisation weiterhin möglich: In der Woche nach dem 4. September 2011 las die RBC die gesamte Bibel in der Moskauer Fußgängerzone „Arbat“ vor. Alle drei Gemeinschaften bieten der Jugend verlockende Ausflüge an:  Zu ihnen zählen Schiffsfahrten, Sommerlager, Englischlager und Picknicks. Ein Ausflug von Deiner Kirche bot sogar Fallschirmspringen an.

 

Keine dieser drei Gemeinden verfügt über das Wort “Baptist” in ihrem Namen, doch alle versichern, sie würden sich des Wortes „Baptist“ nicht schämen. Diese Gemeinden wollen inklusiv agieren – sie wollen auch solche Personen gewinnen und integrieren, die sich nicht als Baptisten verstehen können. Bakhmutski fügt hinzu, seine Gemeinde wolle auch mit neueren Gemeinden, die sich selbst nie als baptistisch bezeichnet haben, Partnerschaften eingehen. Nichtsdestotrotz werden alle drei Gemeinden von gegenwärtigen oder vergangenen Abteilungsleitern in der RUECB-Zentrale angeführt. Wlasenko ist Leiter der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen; Bakhmutski ist Erster Vizepräsident der Union. Kartawenko war bis Februar 2008 Abteilungsleiter für Mission; seitdem ist er mit dem einst baptistischen und heute evangeliumschristlichen Geschäftsmann Alexander Semtschenko liiert. Doch Deine Gemeinde bleibt Mitglied der RUECB.

 

Nicht wenige der Praktiken, die diese Gemeinden einzuführen versuchen, wurden bereits in den 90er Jahren von der charismatischen Bewegung vorgeführt: eine zeitgenössische Form der Anbetung, eine auf die Jugend bezogene Orientierung, dezentrale Leitungsformen. Eine vierte, sehr große charismatische Gemeinde, die „Evangelische Kirche Tuschino“, verfügte in der Vergangenheit (und Zukunft?) über starke, baptistische Verbindungen. (Siehe unsere Pressemitteilung vom 16. Oktober 2009.)

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 20. September 2011
Pressedienst der Russischen Evangelischen Allianz

 

Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-18, 1.291 Wörter oder 9.248 Schläge mit Leerzeichen.

 

Der 13. August – Ein Tag mehrfachen Gedenkens

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Zum Jahrestag der russischen „Initiativniki“

 

Kommentar

 

M o s k a u – Zwei für das Weltchristentum bedeutende Trennungen begingen am 13. August ihre 50. Geburtstage; der Bau der Berliner Mauer und die Aufspaltung des “All-Unionrats der Evangeliumschristen-Baptisten”. In einem der beiden führenden, russischsprachigen Kommentare bezüglich der zweiten Trennung feierte der Kiewer Baptist Mikhail Tscherenkow im Nachrichtendienst „Protestant“ am 18.8. das Draufgängertum und den Mut einer baptistischen Untergrundbewegung – die „Initiativniki“. Sie beschrieb er als eine „geistlich mächtige“ und „radikal reformistische“ Bewegung: Keiner habe erwartet, daß eine „anti-kirchliche Direktive“ des All-Unionrats „ein derart massives Aufbegehren auf Ortsgemeindebene auslösen könnte“. Wer hätte gedacht, daß „einfache, ungebildete, unerfahrene Pastoren aus der tiefsten Provinz eine Widerstandsbewegung ins Leben rufen könnten, die bald die gesamte Sowjetunion umfaßte?“ Tscherenkow vergleicht deren Märtyrer mit den christlichen Urvätern, die mit „Allein für Christus!“ in den Tod gingen. Die Initiativniki waren aber auch ein Ausdruck der Los-von-Moskau-Bewegung, die bis heute in den Weiten Rußlands zu Hause ist.

 

Dabei darf aber auch nicht vergessen werden, daß die Initiativniki-Bewegung auch andere Baptisten heftig bekämpfte. In der in Deutschland verlegten, russischsprachigen „Internationalen Christlichen Zeitung“ weist Andreas Patz in einem Aufsatz vom 11.8. darauf hin, daß schon zwei Jahre nach deren Gründung die Front der Initiativniki zu bröckeln begann. Die Totalverweigerung der Initiativniki bei der „Synode“ des All-Unionrats 1963 und unschöne Vorfälle in den Ortsgemeinden kurz danach führten dazu, daß nicht wenige ihre Reihen wieder verließen. Eine autonome Baptistenbewegung neben All-Unionsrat und Initiativniki entstand; Patz nennt sie „eine Opposition zur Opposition“. Noch heute, in nicht wenigen russischen Städten – in Stari Oskol und Dedowsk (bei Moskau) z.B. – bestimmen autonome baptistische Gruppierungen die protestantische Szene.

 

Ein Blogger wies darauf hin, daß trotz der Warnungen Gennadi Krjutschkows eine „Fraternisierung“ zwischen Baptisten auf den unteren Ebenen nie ganz eingestellt werden konnte. Das galt vor allem in der Arbeit der Samisdat-Untergrunddruckereien. Krjutschkow (1926-2007) führte im Gebiet Rußlands von 1965 bis zu seinem Tode 42 Jahre danach die Initiativniki an. Seine „Untergrundkirche“ nannte sich ursprünglich “Rat der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten“. Nach massiver Auswanderung entschied sie sich für den Namen: “Internationaler Rat der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten” (IUCECB auf Englisch). Kürzlich berichtete sie von einer weltweiten Mitgliedschaft von 78.015; rund 20.000 von ihnen befinden sich weiterhin innerhalb der Grenzen Rußlands. In den Spitzenzeiten um 1966 sprach sie von 155.000 Mitgliedern.

 

Der Kommentar des Andreas Patz berichtet ausführlich vom Schmerz und Preis der Trennungen. Nach seinen Angaben wurden nach 1961 rund 1.500 Baptisten (darunter sind auch registrierte sowie nichtregistrierte Pfingstler und Mennoniten zu verstehen) zu Strafen mit einer Gesamtdauer von 5.000 Jahren verurteilt. Daraus ergibt sich eine durchschnittliche Verurteilung von 3,33 Jahren; 30 der Verhafteten sind im Gefängnis umgekommen.

 

Die Initiativniki stellen ein beeindruckendes Zeugnis für das Widerstandsvermögen des menschlichen Geistes im Angesicht einer kaum vorstellbaren Übermacht dar. Doch Kriege – auch die religiösen – fordern Nebenschäden (collateral damage). Der Patriarch Krjutschkow verbrachte die Jahre 1970-90 im Untergrund auf der Flucht vor den sowjetischen Behörden. Auch die IUECB gibt selbst zu, daß sich keines seiner neun Kinder heute im christlichen Lager befindet.

 

Der Antisemit Alexander Prokhanov ist Leitender Redakteur der Zeitschrift „Sawtra“ und der wohl bekannteste nationalistische und rechtsradikale Publizist Rußlands.  “Wikipedia” berichtet, er habe 1999 gemeinsam mit einem Gesinnungsgenossen den US-Nazi Donald Duke nach Rußland eingeladen. Alexander ist ein Enkel von Iwan Prokhanow, einem der Väter der baptistischen und evangeliumschristlichen Gemeinschaften Rußlands. Doch Alexanders Überzeugungen lassen sich schwerlich Iwan anlasten, denn Opa verstarb 1935 drei Jahre vor der Geburt des Enkels. Dieser Hinweis kann aber als Indiz dafür gelten, daß die Annahme „Einmal-für-immer-Baptist“ der sowjetischen und russischen Wirklichkeit nicht entspricht. Nicht wenige Gelehrte und Politiker des heutigen Rußland haben baptistische Wurzeln. 

 

Patz berichtet, die gewaltige Zäsur von 1961 habe alte Freunde und Verwandte in „unversöhnliche Feinde“ verwandelt. Plötzlich fanden sich Ehepaare in den gegensätzlichen Lagern wieder; Kinder wußten nicht, mit welchem Elternteil sie sich in die Kirche begeben sollten. „Zuhause waren Kinder den Streitigkeiten der Eltern ausgesetzt. Enttäuscht, gingen sie hinaus in die Welt sobald sie erwachsen wurden. Wie viele dieser Familien wurden in die Scheidung und Zerstörung getrieben?“

 

Zum gegenwärtigen Stand

Die Anhänger der IUECB, die sich heute mehrheitlich in Deutschland und dem Nordwesten der USA befinden, scheinen einer zeitlich erstarrten Bewegung anzugehören. Der Niedergang des aggressiven, sowjetischen Gegners hat sie hinsichtlich der Öffentlichkeit aufs Abstellgleis geschoben. Ähnlich wie bei ihren Vettern, den Altgläubigen der russischen Orthodoxie, die sich 1666 von der Mehrheitskirche absonderten, bestehen sie auf eine betagte Ordnung, die die säkularen Gesellschaften der Gegenwart herzlich wenig interessiert. Die Biologie kann dennoch eine Bewegung am Leben erhalten solange sich zumindest einige der zahlreichen Nachkommen dieser Glaubensrichtung anschließen. Ähnlich wie im Falle der nordamerikanischen „Amischen“ mennonitischer Tradition, werden sie zu einer Fundgrube nur für Ethnologen und Kuriositäten erheischenden Touristen. Sehr wenige Beobachter werden ihren Weg für nachahmungswürdig erachten. Nichtrussische nordamerikanische Missionsgesell­schaften, die sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Rußland aufhielten, haben auf die Initiativniki verzichtet.

 

Widerstand gegen die Obrigkeit gehört zum Kern ihrer Glaubensrichtung. Die Annahme einer versöhnlichen Haltung würde ihr Glaubensgebäude ins Wanken bringen. Patz berichtet, die „Historisch-Analytische Abteilung“ der IUECB, die heute von einer jungen Generation geführt wird, die weder „gesessen“ hat noch „verraten“ worden ist, setze die Methoden, Vorwürfe und Verfehlungen der Väter-Generation fort. Deshalb nähme die Kluft der vergangenen fünf Jahrzehnte eher zu als ab.

 

Patz verweist auf eine Rede des Gennadi Krjutschkow auf der IUECB-Hauptversammlung in Tula am 5.-6. Oktober 2005, in der er den Weg der registrierten Baptisten (der heutigen „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ – RUECB) als den breiten Pfad ins Verderben beschrieb. Den eigenen Weg verstand er natürlich als den schmalen Pfad. Er fügte hinzu: „Diese beiden parallelen Wege werden sich niemals kreuzen, auch nicht in der Ewigkeit.“ Damit wollte er wohl zum Ausdruck bringen, daß es im Paradies nur eine einzige Sorte russischer Baptisten geben werde – nicht, daß sich die Trennungen von 1961 auch in die Ewigkeit hineinragen würden.

 

Obwohl Tscherenkow eingangs die Initiativniki mit Lob überhäufte, räumte er später in seinem Aufsatz ein, dieser Bewegung sei die Leidenschaft abhanden gekommen. Sie sei dazu übergegangen, „ihre Herrschaftsstrukturen und nahezu kanonischen Traditionen mit einer eigenen Heldengalerie und Ikonostase der Märtyrer zu festigen“. Das Ganze sei „von einem schützenden Eisernen Vorhang“ umgeben. „Das Fehlen interkirchlichen Dialogs“ habe die Bewegung davon abgehalten, ihre Überzeugungen auf die Gefahren der Gegenwart umzustellen; den Kurs der Initiativniki habe folglich in eine Sackgasse geführt. „Es gehört zu den Ironien der Geschichte, daß ein reformierender Impuls äußerst selten zweimal derselben Quelle entspringt.“

 

Mikhail Tscherenkow beschreibt die IUECB als eine einst progressive Kraft, die reaktionär wurde. Ich würde die Initiativniki von 1961 lieber als ein „konservatives Wiederaufbegehren“ (conservative resurgence) einstufen etwa im Sinne der “Southern Baptist Convention“ der USA zwei Jahrzehnte danach. Die Initiativniki waren keine Anhänger progressiver Werte – es ging ihnen eher um eine Wiederherstellung des Vergangenen. Man könnte behaupten, die Glaubensfreiheit hätten sie nicht jenen gewährt, die außerhalb der eigenen besonderen Glaubensrichtung standen.

 

Das Tragische

Sogar die besten Absichten können zu einem traurigen Ausgang führen – die Bewegung der Initiativniki ließe sich auch als Tragödie deuten. Sie haben an ihre Liebe für Christus und sein Wort geglaubt – doch ihre Handlungen wurden von anderen als von Haß gesteuert empfunden. Das eigene Verlangen nach reinem Glauben und Standfestigkeit kann von anderen als eine Verachtung anderer Standpunkte gedeutet werden. Das Zeugnis der Initiativniki erreichte einen Tiefpunkt als in Salem, Oregon/USA Ende 2009 ein ukrainisches Ehepaar wegen des körperlichen Mißbrauchs der eigenen Kinder ins Gefängnis wanderte. Die IUECB geißelte das Urteil als Glaubensverfolgung.

 

Man soll zu versuchen verstehen, warum die Aussiedlergemeinden Deutschlands über die gesamte Landschaft verstreut liegen. Helmut Matthies vom Nachrichtendienst „Idea“ hat behauptet, auch deren kleinste gemeindliche Zusammenschlüsse seien nur sich selber verantwortlich. Die Zusammenarbeit in größeren Zusammenhängen scheine unmöglich. Die Initiativniki haben bewiesen, daß sie für ihre Überzeugungen geradestehen können. Doch sie sind sehr viel weniger fähig, mit Andersdenkenden friedlich zusammenzuleben. Sie sündigen anders als wir Westler, denn sie verfügen über eine völlig andere Sozialisierung.

 

Im Kalten Krieg neigten wir im Westen dazu, die Initiativniki als geistliche Riesen zu beschreiben – zumindest bis sie selbst in den Westen auswanderten. Sie haben seitdem bewiesen, daß auch sie nur beschränkte, sterbliche Erdbewohner sind. Es gehört zur  Mythenbildung, daß Verfolgung Gläubige automatisch tugendhafter mache. Vielleicht war es ein mit Angst gespickter Stolz, der ihr Zeugnis ins Verderben führte. In Norwegen vor einem Jahrhundert gab es einen arktischen Entdecker und Ballonfahrer, der seine Prahlereien nicht zurücknehmen wollte. Er zog es stattdessen vor, nordwärts in den sicheren Kältetod zu schweben. Es kommt vor, daß Gruppierungen nicht bescheiden genug sind, um die eigene Haut zu retten. Es ist tragisch, daß ein Stolz womöglich die Initiativniki um die Früchte ihrer Courage und ihres Leidens brachte: „Nach Übermut kommt der Untergang“ (Sprüche 16,18).

 

Mauern und Trennungen sind der Preis menschlichen Naturells; nur die Vergebung könnte das Blatt wenden. Eine Kirchenspaltung, die staatlichen Drucks und interner Sünde zu verdanken war, zerschmetterte das Ei. Nur Vergebung könnte die Wiederherstellung einleiten. Die Sünde auf andere, auf spezifische Gruppen, Orte und Zeiten zu beschränken, führt stets in die Sackgasse. Auch die Initiativniki sind nur Menschen.

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 31. August 2011

kant50@gmx.de

Handynummer von Yoder wenn er in Moskau ist: +7 916 381 2273

 

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Auf der Suche nach Friedhofsruhe

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Die Lage der kirgisischen Protestanten bleibt unsicher
 
Bad Blankenburg -- Erst seit 20 Jahren gibt es in der mittelasiatischen Republik Kirgistan Christen kirgisischer Nation - bereits 20% der im Lande verbliebenen Baptisten sind Kirgisen. Doch wo können diese an Christus gläubigen Menschen beerdigt werden? Nach Landessitte werden Verstorbene in unmittelbarer Nähe der Verwandten beigesetzt. Aber zu Christus Bekehrte werden in der Regel aus der Familie verstoßen und verlieren somit ihren Anspruch auf Heimat und Bestattung. In mehreren Fällen mußten verstorbene Christen umgebettet und sogar heimlich beerdigt werden. Bei der Jahreskonferenz der Deutschen Evangelischen Allianz in Bad Blankenburg Anfang August berichtete ein Mitarbeiter der kirgisischen Allianz, seine Organisation habe sich dieser recht neuartigen Aufgabe gestellt: „Wir verhandeln mit dem Staat über den Erwerb eines Grundstücks, auf dem protestantische Christen beerdigt werden können.“
 
Mit Angst und Bangen sehen die Protestanten Kirgistans den Landeswahlen am 30. Oktober entgegen. Der Gast in Bad Blankenburg erläuterte: „Wenn der Wahlsieger nicht schon von vornherein fest steht, ist die Möglichkeit einer gewalttätigen Klärung der Machtfrage wahrscheinlich.“ Rußland und die USA verfügen beide über Militärbasen in diesem strategisch wichtigen Lande – dessen politisches Schicksal hängt nicht zuletzt von den kommenden, außenpolitischen Weichenstellungen der Kirgisen ab.
 
In Bad Blankenburg versicherte der kirgisische Staatsbürger koreanischer Nation, die offizielle Präsidentin des Landes, Rosa Otunbajewa, sei nur Aushängeschild und verfüge über keine reale Macht. Er bezeichnete sie als ungebildet und meinte: „Als Politikerin respektiere ich sie nicht.“ Dr. Otunbajewa ist mit dem lutherischen Bischof Emeritus Gunnar Stalsett (Oslo) befreundet. Diesem Umstand ist es zu verdanken, daß das von Stalsett geleitete „European Council of Religious Leaders“ im Januar das Land besuchte und sich nun um die Bildung eines interreligiösen Rates bemüht. Auch die Baptistenunion Kirgistans ließ sich für das Vorhaben gewinnen, doch der Allianz-Vertreter auf Deutschlandbesuch räumte dem Vorstoß keine Chance ein. „Muslime und Orthodoxe halten sich beide für die Ersten im Lande – sie werden sich nicht einigen. Sie werden auch keine dritte protestantische Macht neben sich hinnehmen.“
 
Um hehre Ideale gehe es nicht, meinte der Gast. Nach der Revolution, die im April 2010 die Regierung des Kurmanbek Bakijew hinwegfegte, trat die Mafia noch viel stärker in Erscheinung. „Heute schnellen die Preise in die Höhe; die Wirtschaft wird immer schwächer; alles ist käuflich geworden; jeder hat mit seinem eigenen Chaos zu tun.“ Nun lassen sich Staatsbeamten für Leistungen – etwa die Registrierung einer kirchlichen Glaubensgemeinschaft – bezahlen, die laut Verfassung kostenlos seien. Doch die autonome, evangelikale Glaubensgemeinschaft des Allianz-Gastes verweigert sich jeder inoffiziellen Zahlung. „Wir zahlen auch keine Steuern,“ versicherte er. „Wir sind verfassungsmäßig getrennt vom Staat und schon deshalb steuerfrei.“ Doch diese konsequente Haltung werde durch manche zeitweiligen Missionare aus Südkorea, die ihren missionarischen Dienst durch Bestechungsgelder ermöglichen, untergraben. „Daraus schließt die Mafia, daß alle Protestanten imstande seien, Schmiergelder zu zahlen.“ Längst nachdem die Missionare nach Hause zurückgekehrt seien, hätten die einheimischen Protestanten die Folgen der geweckten Erwartungen auszubaden. Die Lösung des Problems stellte der Allianz-Vertreter wie folgt dar: „Nur Missionare mit einem religiösen Visum sollten Gemeinden gründen. Wer mit einem Studenten- oder Geschäftsvisum nach Kirgistan einreist, sollte nur seiner offiziellen Aufgabe nachgehen.“
 
Der Gast in Deutschland bezeichnet das Ende 2008 verabschiedete Religionsgesetz seines Landes als das radikalste im zentralasiatischen Raum. Es macht das Registrieren von Gemeinden äußerst schwierig; Minderjährige sollen von allen religiösen Veranstaltungen ferngehalten werden. Doch die politische Instabilität des Landes hat die Politiker bisher abgelenkt – es gab Wichtigeres zu tun als die kleinen protestantischen Kirchen mit einer gesamten Mitgliedschaft von rund 10.000 zu verfolgen. „Wir haben noch keine Erfahrung mit der Anwendung der neuen Gesetzgebung,“ erläuterte der Allianz-Vertreter. „Erst jetzt beginnen sie damit, das Gesetz anzuwenden.“ Da immer mehr gesetzliche Hürden den Staatsbeamten die Aussichten auf einen ungesetzlichen Nebenerwerb vermehren, wird mit diesem Kirchengesetz der Korruption Tür und Tor geöffnet.
 
Es ist nicht leicht, in einem Lande zu bleiben, in dem man sich nicht willkommen fühlt. Schon deshalb sind die protestantischen Gemeinden von der massiven Ausreisewelle mitbetroffen. Nur ein Bruchteil der Staatsbürger koreanischer Nation (etwa 15.000) befindet sich noch im Inland – sie waren unter der Intelligenz des Landes besonders stark vertreten. Seit 1987 ist die Zahl der Baptisten von 13.000 auf weniger als 3.000 zusammengeschrumpft. „Wir können unseren Leuten nicht sagen, daß sie bleiben müssen,“ versicherte der Gast aus Bischkek. „Wenn sie behaupten, Gott möchte es, daß sie ausreisen, dann fühle ich mich außerstande, ihnen zu widersprechen.“ Einst bestand die Bevölkerung zu 45% aus Menschen russischer Nationalität - heute ist es nur noch 9,1%. Neunundsechzig Prozent der Landesbevölkerung von 5,48 Millionen ist kirgisischer Nationalität. Rund die Hälfte der Usbeken, die in der Gegend von Osch im Süden des Landes lebten, ist ausgereist. Dort tobte im Sommer 2010 der Bürgerkrieg.
 
Zur Allianz
In Kirgistan läßt sich die im November 2006 gegründete Allianz als Arbeitsgremium der noch umfassenderen evangelischen „Assoziation“ des Landes verstehen. Die Allianz verfügt über einen ausgebildeten Anwalt und tritt auf Anfrage für die Rechte von Protestanten ein. Der Gast in Bad Blankenburg meinte: „Wir helfen Kirchen, wenn sie sich staatlich registrieren wollen. Wir sorgen dafür, daß alle Dokumente in Ordnung sind.“ Nur die Allianz ist offiziell zugelassen.
 
Die kleine lutherische Restkirche gehört nur der Assoziation an. Der traditionelle Pfingstbund bleibt Mitglied von beiden, doch die größte charismatische Gemeinde der Hauptstadt Bischkek, die „Kirche Jesu Christi“, wurde auf Grund moralischer Verfehlungen aus beiden Organisationen ausgeschlossen.
 
Hinsichtlich der unsicheren Zukunft fühlen sich die Protestanten Kirgistans vollkommen auf die Gnade Gottes angewiesen. „Wir bitten Gott um ein Wunder,“ versicherte der freundliche, junge Pastor aus Bischkek.
 
Dr.phil. William Yoder
Moskau, den 23. August 2011
Pressedienst der Russischen Evangelischen Allianz
 
Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-15, 891 Wörter oder 6.508 Schläge mit Leerzeichen.

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Penizillin oder Zyankali?

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Ein Kommentar zur slawischen Anti-Schwulenbewegung in USA und Rußland

 

M o s k a u - Die Christen Rußlands wehren sich gegen das Bestehen der Europäischen Union auf gleiche Rechte für sexuelle Minderheiten. In einer Stellungnahme vom 22. Juni stellte der medienerfahrene Sergei Rjachowski, Leitender Bischof der Vereinigte Russische Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens ) ROSKhWE fest, daß die Rechte sexueller Minderheiten durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die am 10. Dezember 1948     von der Vereinten Nationen verabschiedet worden ist, nicht abgedeckt seien. Dabei bezeichnete er diese Minderheitsrechte als "das Recht auf Perversion und kriminelle Unmoral". Diese Stellungnahme vom 22.6. begrüßte ausdrücklich eine Erklärung der Russischen Orthodoxen Kirche vom Vortag: "Über das Recht, die Homosexualität kritisch zu beurteilen und gesetzlich einzuschränken". Bezüglich der staatlichen Unterstützung meinte Rjachowski ferner: "Wir sind stolz auf unseren Staat, daß er diesem vor Gott widernatürlichen und abscheulichen Werk der EU die Unterstützung verweigerte. Unsere Kultur hat der geschlechtlichen Perversion niemals Raum gestattet." Er geißelte auch den westlichen Druck auf russische Bürgermeister und Gesetzgeber, Schwulenparaden zu genehmigen und Gesetze zur Unterstützung von sexuellen Minderheiten zu verabschieden.

 

Rjachowski gab seine Stellungnahme gemeinsam mit seinem Adjutanten, Bischof Konstantin Bendas, ab. Bendas unterschrieb als "Präsident der gesellschaftlichen Bewegung ‚Für eine Zukunft ohne Homosexualität'". Gerade im Westen Europas löst der Name dieser rund zweijährigen Organisation Entsetzen aus. Es ist ja bekannt, wen die Nazis gemeinsam mit den Juden und Roma ausrotten wollten. Die Homosexualität nur abzuschaffen dadurch, daß man Homosexuelle in Heterosexuelle verwandelt und dabei alle Betroffenen am Leben läßt, ist unrealistisch. Die Homosexualität ist schließlich kurz nach Adam auf der Welt eingetroffen.

 

In der jüngsten Vergangenheit mußte die russische Öffentlichkeit die rauhesten und vulgärsten Äußerungen über sich ergehen lassen. Offensichtlich stammen Homophobie (eine irrationale Angst, ein unbändiger Haß) und Xenophobie aus den schrecklichsten Untiefen der menschlichen Psyche - aus dem Schoß, aus dem später auch der Faschismus kroch. Wird also die Anti-Schwulen-Bewegung vom Heiligen Geist getrieben, oder ist sie vielmehr Ausdruck einer abgrundtiefen Verachtung? Oder ist die Homophobie auf beides zurückzuführen - etwa auf zwei völlig getrennte und eigenständige Strömungen? Die Grenze zwischen den beiden scheint allemal schmal und löchrig zu sein. In moralischer Sicht läßt sich konstatieren, daß sich Aktivisten der christlichen Anti-Schwulenbewegung auf sehr dünnes Eis begeben.

 

Ende Mai gab "RIA-Nowosti" ihrem Moskauer Kommentator Nikolai Troitski den Laufpaß nachdem er zur Entwicklung einer "mächtigen Bombe, die nur Schwule tötet", aufrief. Über die westliche Gesellschaftsform formulierte Troitski: "Eine solche Freiheit und Demokratie brauche ich nicht. Wenn alle Perversen krepieren würden, wäre die Erde viel reiner." Leider wurde Trotskis Entgleisung nicht durchweg verurteilt. Eine Umfrage der ROSKhWE stellte fest, daß in der russischen Öffentlichkeit die Ablehnung des schwulen Lebensstils und der öffentlichen Vorführung schwuler Identität (Schwulenparaden) nahezu universell sei. In einem anderen Zusammenhang meinte eine liberale Zeitschrift in den USA: "auf dieser Strecke scheint Rußland keinerlei Ermutigung zu bedürfen".

 

Die dünne Wand zwischen theologischer Überzeugung und Haß wurde eindeutig durchbrochen von zwei slawischen Immigranten im Nordwesten der USA. Am 1. Juli 2007 an einem Erholungsort nahe Sacramento schlugen zwei Slawen, die sich als Evangelikale ausgaben, einen homosexuellen Gast aus Fidschi namens Satender Singh nieder. Wenige Tage später erlag er seinen Verletzungen. In den US-Medien hieß es, "die slawischen Männer prahlten darüber, daß sie einer evangelikalen, russischen Gemeinde angehörten und gaben Singh den Rat, sich einer ‚ähnlich guten Gemeinde' anzuschließen."

 

Evangelikale Immigranten aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion kommen immer öfters zum Vorschein im öffentlichen Kampf gegen Schwule im Nordwesten der USA. Womöglich ist es dem Zufall zu verdanken, daß diese Immigranten ausgerechnet in Gegenden gezogen sind, die für ihre schwulen Subkulturen bekannt seien: Sacramento, Seattle und Portland. Der russischsprachige Rundfunksprecher und Publizist Vlad Kusakin gab 2007 zu Protokoll, Gott habe die toleranten Städte im US-Westen mit antischwulen, slawischen Evangelikalen "injiziert". "Dort, wo die Krankheit voranschreitet, hat Gott ein heiliges Penizillin geschaffen." Einheimische Medien berichten von Demonstrationen mit Hunderten von russischsprachigen Jugendlichen, die T-Shirts mit der Aufschrift "Sodomie ist Sünde" tragen und von Babuschkas in Kopftüchern, die Plakate schwenken.

 

Der Zusammenprall beider Kulturen geht nicht immer friedlich ab. Darrel Steinberg, ein Politiker aus Sacramento, berichtete 2006 von seinem Entsetzen über das Verhalten von "slawisch-fundamentalistischen" Gegendemonstranten. "Ihre Worte sind widerlich und könnten sie dazu verleiten, einen Schritt weiterzugehen und Menschen körperlich zu schaden." Es wird behauptet, evangelikale Demonstranten in Riga/Lettland hätten wiederholt Schwule mit Paketen von Fäkalien beworfen. Die kalifornische Journalistin Casey Sanchez berichtete, daß "fremdsprachige, antischwule Talkshows und fundamentalistische Prediger ständig haßerfüllte Reden im Äther und von der Kanzel schwingen. Würden sie auf Englisch gehalten werden, wäre ein landesweiter Aufruhr die Folge."

 

Alexei Ledjaew

Aktivisten der Schwulenbewegung lasten den Tod Singhs einer "US-lettischen Achse des Hasses" an. Gemeint ist damit Alexei Ledjaew, Oberhaupt der in Riga beheimateten charismatischen Denomination "Neue Generation". Er ist eine führende Gestalt in der slawischen Antischwulenbewegung des Westens. Ledjaew, ein ethnischer Ukrainer, kam 1956 in einer baptistischen Familie in Alma-Ata/Kasachstan zur Welt. In den 80er Jahren zog er nach Lettland um; 1989 spaltete sich die Neue Generation vom traditionalistischen Pfingstbund ab.

 

Doch auch im EU-Staat Lettland bleibt diese Kirche hauptsächlich russisch und ukrainisch in ihrer Zusammensetzung: 110 ihrer rund 200 Ortsgemeinden befinden sich in der Ukraine; weitere 60 in Rußland. Sonstige Gemeinden erstrecken sich von Argentinien bis in die USA, nach Israel, Deutschland, Belarus und Kasachstan. Die Kirche ist eng liiert mit der "Lettland Zuerst" Partei, die 2002 ursprünglich gegründet wurde.

 

Gemeinsam mit dem amerikanischen, Antischwulen-Aktivisten Scott Lively gründete Ledjaew die in Riga ansässige "Watchmen on the Walls"-Organisation mit der Absicht, die christliche Moral und deren Werte in der Gesellschaft zu verteidigen. (Diese darf mit der deutschen "Wächter auf der Mauer"-Gebetsbewegung nicht verwechselt werden). Andere führende Persönlichkeiten sind der schwarze Pastor Kenneth Hutcherson aus Seattle sowie der bereits erwähnte Vlad Kusakin.

 

Es wird behauptet, Lively, jetzt Mitarbeiter einer slawischen Neue Generation-Gemeinde in Springfield/Massachusetts, sei der Kopf hinter der Antischwulen-Gesetzgebung in Uganda. Der Gesetzesentwurf von 2009 hatte lange Haftstrafen sowie Todesstrafen für die Homosexuellen in jenem Lande gefordert. Lively, der für viele als Holocaust-Leugner gilt, publizierte im Jahre 1995 das Buch "The Pink Swastika" (Das rosarote Hakenkreuz). In ihm wird der Holocaust den Homosexuellen angelastet. Ledjaew sorgte dafür, daß drei Jahre danach auch eine russische Fassung erschien. Obwohl Ledjaew nur mit Mühe zu einem russischen Visum gelangt, behauptete Lively, das Erscheinen der russische Fassung habe ihn mit Auftrittsangeboten überhäuft. Casey Sanchez schrieb 2007, Lively "spricht häufig über sein Buch und seine antischwulen Überzeugungen vor Gemeinden, Akademien und Fernsehaudienzen im gesamten Gebiet der ehemaligen Sowjetunion".Doch Professor Stephen Feinstein von der "University of Minnesota" gehört zu den zahllosen Zweiflern: Den Wahrheitsgehalt des Buches stuft er so wie die "Theorie der flachen Erde" ein. Im Februar 2007 wurde Ledjaew noch z.Zt. der Administration Bush in Weißen Haus empfangen.

 

Ledjaew propagiert ein ausgesprochen politisches Programm. Sein 2002 erschienenes Werk, "Die neue Weltordnung", ruft die Mächtigen und Reichen dazu auf, theokratische Staaten christlicher Ausrichtung zu schaffen. Das Werk ist dem Denken von R.J. Rushdoony (1916-2001), dem Schöpfer des "Christian Reconstructionism", entliehen. Reconstructionism und sein Organ, der "Chalcedon Report", rufen zu einer Art alttestamtlich-christlicher Scharia auf, die u.a. den großzügigen Einsatz der Todesstrafe fordert. Als extremistischer Calvinist mit antidemokratischen Einstellungen trat Rushdoony für die weiße Vorherrschaft und sogar die Legitimität der Sklaverei ein.

 

Ledjaews Werk spiegelt im wesentlichen die ideologische Auseinandersetzung zwischen  einem pluralistischen und säkularen Westen und dem Traum eines monolithischen, autoritären und weißen christlichen Staates. Was sich Ledjaew wünscht, ist mit der falangistischen Bewegung Spaniens oder des südafrikanischen Apartheidsystems vergleichbar. Ledjaews Schlachtplan für die Zukunft scheint deutlich: "Die erste zerstörerische Welle der Homosexualität bereitet der zweiten, noch gefährlicheren Welle der Islamisierung die Bahn." Schwule werden die westliche Fruchtbarkeit zerstören; dann rücken die Muslime mit ihren gewaltigen Geburtsraten nach und ersticken das Abendland.

 

Verschiedene amerikanische Artikel tragen Aufschriften wie "Von Rußland - oder Lettland - mit Haß". Das in Alabama ansässige "Southern Poverty Law Center" führt "Watchmen on the Walls", die "Chalcedon Foundation" und Livelys "American Family Association" auf der Liste seiner 925+ "hate groups". Das ist natürlich keine wissenschaftlich-neutrale Feststellung, denn manche auf der anderen Seite des ideologischen Grabens sind ebenfalls des Hasses fähig.

 

ROSKhVE tritt auf die Bremsen

In 2004, zwei Jahre nach Erscheinen der "Neuen Weltordnung", distanzierte sich Ulf Ekman, der Gründer der schwedischen "Neues Leben"-Bewegung und ein langjähriger Mentor von Ledjaew, formell von der Neuen Generation. Ein Jahr später zog Rjachowski nach; er nannte das Buch ketzerisch und eine unzulässige Vermengung von Kirche und Staat. Das hielt die Kiewer "Invictory" jedoch nicht davon ab, Ledjaew 2005 zum "Reformator des Jahres" auszuerwählen. "Invictory" ist bis heute weltweit die wichtigste charismatische bzw. protestantische Nachrichtenagentur russischer Zunge. In Rußland mag Neue Generation angeschlagen sein, doch ihre letzte Gemeindegründung in Moskau fand im Juli 2011 statt.

 

Diese Langlebigkeit könnte damit zusammenhängen, daß die Überzeugungen der christlichen Anti-Schwulenbewegung weit über die Schranken der charismatischen Bewegung hinausreichen. Die niedrigen Geburtsraten unter Weißen, die islamische Bedrohung, die Ablehnung des multikulturellen Einsatzes und der westlich verstandenen Toleranz gehören in Rußland zum nationalen Glaubensgut. Rechtsgerichtete Christen sehen in der Trennung von Kirche und Staat einen liberalen Schachzug, um Christen ihrer Glaubensfreiheit zu berauben. Livelys alter Aufruf, die öffentliche Befürwortung der Homosexualität unter Strafe zu stellen, hat viele Anhänger - so z.B. auch unter russischen Baptisten. Ein führender, russischer Baptistenpastor aus dem Nordwesten der USA rief in der Ukraine 2009 dazu auf, alle Homosexuellen auf eine einsame und ferne Insel zu verbannen. Die Tatsache, daß der Rechtsaußenflügel der Evangelikalen und das russische Mainstream über ähnliche Zielsetzungen verfügen macht Sorgen - der Unterschied ist oftmals nur graduell.

 

Meine Auffassung

Mir fällt es schwer zu glauben, daß der Kampf gegen die Schwulenbewegung von der Sorge um die Familie angetrieben sei. Da in Rußland die Zahl der suchtkranken Eltern und Rabenväter die Schwulen um mindestens 100 zu 1 übersteigt, läge die Feststellung nahe, ein Verteidiger der Familienwerte habe sich mit dem Kampf gegen die Homosexualität das falsche Schlachtfeld ausgesucht. Würde nicht eine vernünftige Eheberatung sehr viel mehr zum Wohle der Familie erreichen? Die sehr wenigen Straßenumzüge der Schwulen stellen in Rußland kein Problem dar - ganz im Gegenteil zur Abneigung gegenüber den Minderheiten.

 

In einer Erklärung der ROSKhWE vom 10. Juni 2010 tat Bischof Rjachowski einen kleinen Schritt als er einräumte, seine Gemeinden seien für Menschen, die die Sünde der Homosexualität begehen oder mit ihr zu kämpfen hätten, offen. "Wir sind bereit, für sie zu beten und ihnen Seelsorge zu gewähren in der Hoffnung, sie von dieser geistlichen Abhängigkeit zu befreien." Kurzum: Schwule seien der Bekehrung zum christlichen Glauben würdig und fähig. Das kommt einem fast wie ein Anfang vor, doch wir Normalbürger werden nicht sehr weit kommen wenn es uns nur darum geht, Schwule zu bekehren und umzupolen. Uns wird sehr viel mehr abverlangt werden müssen. Man kann auch nicht die Angehörigen anderer Religionen bekehren in dem man sie ausschließlich auf die Richtigkeit unserer eigenen Position hinweist. Zuerst beginnt man damit, respektvoll nach gemeinsamen Standpunkten zu suchen.

 

Ich persönlich bin der Meinung, den homosexuellen Lebensstil lasse sich nicht anhand der Bibel vertreten. Doch dieses "Nein" muß mit einer emphatischen Bejahung der betroffenen Person als kostbare Schöpfung Gottes verbunden sein. Trotz ihrer sexuellen Präferenz bleibt diese Person ein von Gott geliebter Mensch. Wer die Position A vertritt, müsse auch B tun. Ich habe jedoch nicht den Eindruck, die Protestanten Rußlands seien bereits bei Punkt B angelangt. Hier bin ich noch nie auf eine kirchliche Stellungnahme gestoßen, die den Haß auf Schwule anprangert. Die Kirchen äußern sich vehement bezüglich eventueller Paraden der Schwulen, doch auf die Ungeheuerlichkeit des Nikolai Troitski reagierten sie bisher mit Schweigen.

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Wir verfügen nicht über den Luxus, Schwule und Lesben vor den Kopf zu stoßen - Christus ist auch für sie gestorben. Denken wir z.B. an die Aussage Jesu bezüglich des Mühlsteins in Matthäus 18,6. Es gibt Verhaltensregeln, die eingehalten werden müssen. Bis der Punkt B erreicht wird, werden die Evangelikalen Rußlands in der Schwulenfrage eher wie Zyankali - und nicht wie Penizillin - wirken.

 

Ich denke der Presbyterianer C. Everett Koop (geb. 1916), Gesundheitsminister während der Präsidentschaft Ronald Reagans, befand sich auf dem richtigen Wege. Obwohl er selbst die Praxis der Homosexualität nicht guthieß, tat er alles in seiner Macht stehende, um ihnen das Leben zu erhalten. Das Gleiche gilt für die anti-AIDS-Kampagne der "Saddleback Church" des Rick Warren in Kalifornien. Der evangelikale Kampf gegen AIDS sendet das richtige Signal: Schwule haben das gleiche Anrecht auf ein langes Leben.

 

Es ist erlaubt, die Homosexualität als Sünde zu verurteilen. Doch dabei wird das Eis schnell dünn - die Drachen lauern schon gleich unter der Oberfläche.

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 25. Juli 2011

 

Für diesen Beitrag übernimmt nur der Autor die Verantwortung. Er will informieren und erhebt nicht den Anspruch, mit diesem Aufsatz für irgendeine Organisation zu sprechen. Meldung Nr. 11-14, 2.029 Wörter oder 12.935 Schläge mit Leerzeichen.

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Wie sehen Stereotypen aus?

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Ein belarussischer Charismatiker im Gespräch mit dem KGB

 

Kommentar

 

M o s k a u -- Die Ohren spitzten sich als Sergei Lukanin in einer Pressemeldung über seine Vorladung zum belarussischen KGB am 3. Juni berichtete. Lukanin (geb. 1970), ein ausgebildeter Jurist, ist Anwalt und Sprecher der über 1.000 Mitglieder zählenden charismatischen Gemeinde „Neues Leben“ in der Hauptstadt Minsk. Im vorletzten Absatz seiner Meldung vom 6. März (siehe „www.newlife.by“) stellt Lukanin die Frage, wann der KGB aufhören werde, die Charismatiker als Feinde zu betrachten. Daraufhin soll der KGB-Vertreter eingeräumt haben: „In der gegebenen Situation könnte es durchaus sein, daß auf beiden Seiten negative Stereotypen vorherrschen.“ Der Polizist stellte in Aussicht, daß Verhandlungen über einen landesweit bekannten Vermittler, der das Vertrauen beider Seiten genießt, eine Befriedung der Lage herbeiführen könnte. Da wollte ich in einem Gespräch mit Lukanin am 19. Juni unbedingt erfahren, wie die Stereotypen seitens der Kirchen aussehen. Könnte es sogar sein, daß beide Seiten endlich auf den berühmten „Reset-Knopf“ der Regierung Obama drücken wollen?

 

In seiner ausführlichen Antwort wies Lukanin darauf hin, daß seine Gemeinde weiterhin wie auf einer Insel lebe. „Neues Leben“, das sich in einem umgebauten, 2002 erworbenen Kuhstall am westlichen Rande der Stadt versammelt, muß weiterhin seinen eigenen Strom und seine eigene Heizung produzieren; ferner ist ihr Bankkonto gesperrt. Schon 2005 flatterte der erste staatliche Räumungsbefehl ins Haus; seitdem befindet sich die Gemeinde mit Kommune und Staat im Clinch.

 

Diese 1992 von dem 22-jährigen Wjatscheslaw Gontscharenko gegründete Gemeinde hatte sich damals vom Pfingstbund des Landes abgespalten. Diese neo-pfingstlerische bzw. charismatische Denomination verfügt heute über ein Netz von knapp 10 Gemeinden im ganzen Lande und nennt sich: „Gemeinschaft des vollen Evangeliums“. Sie behauptet, keinen einzigen, festen Partner im westlichen Ausland zu haben. Sie ist auf jeden Fall inhaltlich verbunden mit der in Riga beheimateten „Neue Generation“-Denomination des politisch weit rechts stehenden Pastors Alexei Ladjaew und der in Texas beheimateten “Full Gospel Fellowship of Churches and Ministers International”.

 

Laut Lukanin haben sich seit dem Tiefpunkt in den Jahren 2007-8 die Beziehungen zwischen Staat und charismatischer Bewegung entspannt. Heute sitzen keine protestantischen Geistlichen in Haft; Grundstücksteuern wurden Kirchen erlassen und mit einem Verbot der öffentlichen Werbung für die Hexerei erwies der Staat Entgegenkommen. Doch an den grundsätzlichen Problemen der Gemeinde „Neues Leben“ herrsche weiterhin Stillstand: „Seit diesem Gespräch mit dem KGB hat sich nichts geändert.“

 

Die Argumente der kirchlichen Verteidigung

Im Gespräch konnte Lukanin keinen einzigen Stereotyp seiner Kirche gegenüber den belarussischen Staatsvertretern nennen, allerdings erwähnte er einen gängigen Stereotyp gegenüber seiner eigenen Glaubensgemeinschaft. Auch in orthodoxen Kirchenkreisen werde behauptet, „Neues Leben“ habe aktiv den Konflikt mit dem Staat gesucht, um so zu internationalem Ruhm und zu internationaler Finanzierung zu gelangen.

 

Doch der Anwalt besteht darauf, daß seine Kirche nur auf Provokationen des Staates reagiere – sie selbst verhalte sich defensiv und unpolitisch; sie selbst initiiere keine Aktionen. Der Staat agiere, seine Kirche reagiere. Das schließt die These aus, beide Seiten würden sich im Konfliktfall durch eine endlose Kette von Reaktionen gegenseitig „hochschaukeln“. Laut Lukanin sei der Konflikt erst entstanden, als der Staat offensiv versuchte, ihre hart gewonnene kirchliche Immobilie wieder wegzunehmen. “Wir greifen den Staat nur an, wenn er gegen unsere verbrieften Rechte verstößt.“ Er berichtete, seine Kirche habe die Abhängigkeit der Gerichte von politischen Instanzen kritisiert. „Aber das ist ein klares Faktum, ein Dauerzustand“, versicherte er. „Wir stellten nur das fest, was völlig auf der Hand liegt.“

 

Streitfragen werden „vergeistlicht“. Lukanin sagte z.B.: „Unsere Motivation bestand darin, das Eigentum zu schützen, das Gott uns geschenkt hatte.“ Wenn Gott befiehlt, wird jegliche Zuwiderhandlung geistlicher Ungehorsam. So entziehen sich Charismatiker – und nicht nur sie – dem rationalen Gespräch über das Für-und-Wider der eigenen Verhaltensweisen.

 

Die Behauptung eigener Passivität kommt auch in der Verbündetenfrage vor. Auf den Einwurf, die Inanspruchnahme der Schützenhilfe der in Minsk ansässigen westlichen Botschaften untermauere den Verdacht, eine ferngesteuerte Größe westlichen Ursprungs zu sein, erwiderte der Jurist, man wähle die eigenen Freunde nicht aus. „Wir sind für alle Menschen guten Willens offen,“ versicherte er. Immer wieder hätten die Botschafter westlicher Staaten „Neues Leben“ ihre Aufwartung gemacht, „weil Gott ihre Herzen bewegte“. In einem Falle sei sogar eine Delegation der staatsnahen Jugendbewegung BSRM (Belarussische Republikanische Jugendunion) in diesem einzigartigen Kirchengebäude empfangen worden. Sergei Lukanin ist ein sympathischer Mensch – die Jugendlichen hat er schnell für sich gewonnen. Zum Wohle der Gemeinde nahm Lukanin die angebotene Spende von $20 US entgegen.

 

Wo es nach Agieren aussieht

Unterschriftensammlungen, der Hungerstreik der Gemeinde im Oktober 2006 und die öffentlichkeitswirksamen Auftritte des Kirchenjuristen bei internationalen Foren (OSZE in Rumänien, EU in Brüssel, Gipfeltreffen der Christdemokraten in Finnland z.B.) weisen auf aktives Handeln hin. Schließlich führt „Neues Leben“ die politische Opposition der Protestanten im Lande an. Sie tritt auch nicht nur in eigener Sache an die Öffentlichkeit. Im Gespräch am 19. Juni versicherte Lukanin: „Handelt der Staat den Gesetzen Gottes zuwider, übt er Gewalt gegen das Volk aus, handelt er ungerecht – dann ist die Kirche von Gott aufgerufen, die Sünde und den Sünder zu entlarven und anzuprangern.“

 

Im vergangenen Oktober unterschrieben Personen des öffentlichen Lebens eine Stellungnahme zur Unterstützung der Rechte der Gemeinde „Neues Leben“ in ihrem Rechtsstreit mit dem Staat. Lukanin behauptet, seine Gemeinde sei weder Mitglied noch Teilnehmerin bei der „Belarussischen Christlichen Demokratie“ – doch drei der sieben Unterzeichner dieses Schreibens sind aus dem Leitungskreis dieser Partei. Mit einem von ihnen, dem nach dem 19. Dezember inhaftierten Parteipräsidenten Witali Rymaschewski, ist Lukanin eng verbunden: „Ich unterstütze ihn und er ist ein Freund meiner Familie.“

 

Es könnte auf politische Unerfahrenheit zurückzuführen sein, daß manche Äußerungen dieser Christdemokraten nach Theokratie schmecken. In einem Interview der ukrainischen Charismatiker prognostizierte der protestantische Dissident Andrei Kim: „Belarus wird ein Land sein, in dem nicht der Mensch das höchste Gut sein wird – sondern Gott. Nicht die Willkür, sondern das Gesetz - das Gesetz Gottes - wird regieren.“

 

Im völligen Gegensatz etwa zu den registrierten Baptisten, die es vorziehen, ihre Differenzen mit dem Staat hinter den Kulissen auszutragen, geht „Neues Leben“ konfrontativ vor. Am 19. Juni berichtete Lukanin sogar von einem Machttransfer: Die angedrohte Beschlagnahme des Geländes durch die Miliz habe nie stattgefunden – auch wenn sich die Gemeinde dieser Maßnahme nicht mit Gewalt widersetzen würde. Der Beschluß der Gemeinde, keine staatlichen Amtsträger in staatlicher Mission in das Gebäude zu lassen, habe sie seit Jahren aufrechterhalten können. „Wir stellen fest: Gott nahm ihnen die Macht und gab sie uns. Wir haben Macht, weil wir wissen, daß wir das Recht auf unserer Seite haben. Die Wahrheit ist mit uns.“ Wer könnte dagegen bestehen?

 

Nicht wenige orthodoxe Beobachter stufen die Bedeutung der Gemeinde „Neues Leben“ bescheidener ein. Ein Minsker Gelehrter meinte, die sieben Unterzeichner des Briefes zugunsten der Gemeinde hätten sich mit ihrer Unterschrift die Chance verspielt, jemals wieder von Orthodoxen gewählt zu werden. Zu den Unterzeichnern zählt der seit dem 19. Dezember inhaftierte Oppositionspolitiker Andrei Sannikow. Doch schon die Vorstellung derartiger Folgen ist womöglich eine Überzeichnung der öffentlichen Bedeutung der Protestanten - schließlich stellen sie nicht mehr als ein Prozent der belarussischen Bevölkerung.

 

Ich denke, wenn der erhoffte, öffentlich noch unbenannte Vermittler den Reset-Knopf nicht erreicht, wird sich der Prozeß des sich gegenseitig Hochschaukelns fortsetzen. Wenn es nicht gelingt, den Computer auszuschalten und wieder hochzufahren, wird der gegenseitige Lernprozeß noch lange auf sich warten lassen.

 

Eine Anekdote am Rande

In Belarus befinden sich viele religiöse Bauten und Glaubensversammlungen in einem juristischen Niemandsland – offiziell illegal und dennoch geduldet. Doch in Minsk wird mindestens ein ungenehmigtes, protestantisches Gotteshaus auf den frei zu erwerbenden Stadtplänen eingezeichnet. In Rußland werden nicht einmal die genehmigten, protestantischen Bauten – Moskaus altehrwürdige „Zentrale Baptistengemeinde“ z.B. – auf den Stadtplänen angegeben. Doch vielleicht gibt es da hin und wieder eine Ausnahme.

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 28. Juni 2011
 

Für diesen Beitrag übernimmt nur der Autor die Verantwortung. Er will informieren und erhebt nicht den Anspruch, mit diesem Aufsatz für irgendeine Organisation zu sprechen. Meldung Nr. 11-12, 1.243 Wörter oder 9.040 Schläge mit Leerzeichen.

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Alle Kinderheime abschaffen

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Über die Bemühungen des ukrainischen Pastors Gennadi Mokhnenko

 

M o s k a u -- Die große Mehrheit der Menschen guten Willens im Osten Europas wünscht den Erhalt und Ausbau von Waisenhäusern. Doch der ukrainische Pastor Gennadi Mokhnenko will das genaue Gegenteil – er will sie abschaffen. In einem kürzlich geführten Interview beschreib der charismatische Pastor seinen „Mega-Traum“: „Die feierliche Schließung des letzten Kinderheims auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR.“ Sie alle sollen ersetzt werden durch liebevolle, christliche Familien, die bereit sind, Waisen und verlassene Kinder bei sich aufzunehmen. In einem offenen Brief vom 24. Februar 2011 schrieb er: „Wenn jede (protestantische) Gemeinde drei bis fünf Familien findet, die bereit sind, elternlose Kinder bei sich aufzunehmen, können wir umgehend alle Waisenhäuser in unserem Lande räumen. Die Statistiken beweisen, daß dies machbar sei. Wir müßten es nur halt machen!“ In der Ukraine leben 102.000 Waisen und verlassene Kinder; in Rußland sind es mehr als 1,5 Millionen.

 

Ende Mai war Mokhnenko einmal wieder in den Schlagzeilen als ein Kurzfilm über sein Wirken, „Der Makarenko von Mariupol“, vom landesweiten Wettbewerb „Offene Ukraine“ zum besten Film des Jahres über Kinderfragen gekürt wurde. Der Film erzählt vom neuen Leben der drogenabhän­gigen und unversorgten Straßenkinder, die der Pastor und seine Gemeinde in den Kellern und Gassen der Stadt aufgesammelt hatten. (Anton Makarenko war der bekannteste Pädagoge der Sowjet-Ära.)

 

Heute ist die von Pastor Mokhnenko geschaffene „Republik der Pilger“ (Respublika Piligrim) das größte protestantische Kinderzentrum der Ukraine. Gegenwärtig bietet das Zentrum 400 Kindern eine Heimat; seit der Eröffnung 2001 haben 2.500 Kinder dessen Programm durchlaufen. Mehr als die Hälfte von ihnen sind von Familien oder Internatschulen übernommen worden. Andere leben heute nicht so, wie ihre ehemaligen Erzieher es wünschten, doch dabei sind sie sich gewiß, daß die gute Saat gesät worden sei. „Wir haben leider auch viele Kinder beerdigt,“ räumt der Leiter ein. Dieses Heim ist heute Teil eines Netzwerks von 32 Kinder-Rehazentren in der Ukraine und Rußland, die größtenteils von Mokhnenko gegründet worden sind. Inzwischen werden auch Erwachsene in manchen Zentren betreut.

 

Gennadi Mokhnenko erblickte 1968 in einer gewalttätigen und alkoholabhängigen Familie in der Hafenstadt Mariupol im Südosten des Landes das Licht der Welt. Im Jahre 1992 gründete er in seiner Heimatstadt eine Gemeinde, die unter dem Namen „Kirche der positiven Veränderungen“ bekannt ist. Anfang der 90er Jahre wimmelte die Stadt vor heimatlosen Kindern; 1998 begannen die Glieder seiner Gemeinde damit, warmes Essen zu den Straßenkindern in ihren Kellern und sonstigen Unterschlüpfen zu bringen.

 

Nach eigenen Eingaben sind heute 20% der jungen Klienten dieses Werkes HIV-positiv; neben der Einschulung der teils analphabetischen Kinder hat es deshalb die Rehabilitierung von Drogen- (und Klebstoff)-Abhängigen auf seine Fahne geschrieben. Das Werk beschreibt die „Domestizierung“ der Kinder, die Gewöhnung der Kinder an das Familienlieben und an einen geregelten alltäglichen Schulablauf, als eins ihrer Hauptziele. Doch dabei kommt das Geistliche nicht zu kurz. In einem Interview versicherte der Gründer der Arbeit: „Alle unserer Erfahrungen zeigen, daß ohne eine tiefe Bekehrung, daß ohne eine tatsächliche geistliche Neugeburt, auch die großartigsten pädagogischen Konzepte nicht greifen.“

 

Mokhnenko ist selbst nicht nur ein begabter Manager – er geht mit gutem Beispiel voran. Neben den eigenen drei Kindern haben er und seine Ehefrau Jelena die Vormundschaft für 21 weitere Kinder übernommen. Gegenwärtig wohnen zwischen 11 und 13 von ihnen unter einem Dach mit dem Ehepaar. Er versichert, einige der Kinder seien ihm bereits so nahe wie die „eigenen“: „Ich kann mir das Leben ohne sie nicht mehr vorstellen.“

 

Selbstverständlich hat sich eine Arbeit dieser Größenordnung ohne die kräftige Mithilfe von Verbündeten nicht aufbauen lassen. Ein Hauptförderer ist das in Sacramento/Kalifornien beheimatete „Haus des Brotes“. Diese charismatische Gemeinde besteht größtenteils aus slawischen Einwanderern und wird von dem 37-jährigen Ukrainer Alexander Schewtschenko geleitet. Auch Baptisten sind mit von der Partie: Mokhnenko gibt an, ein ganzer Container humanitärer Hilfe aus einer US-amerikanischen Baptistengemeinde sei den Projekten „eine gewaltige Hilfe“ gewesen.

 

Gennadi Mokhnenko sitzt selbst im Vorstand der Aktionen „Ukraine ohne Waisen“ und „Du wirst gefunden“. Die 2010 gegründete Aktion „Ukraine ohne Waisen“ setzt sich zum Ziel, bis 2015 das Land „waisenfrei“ zu machen. Sie wird unterstützt u.a. von dem Fernsehsender „Christian Broadcasting Network“ (CBN) des Pat Robertson sowie den nordamerikanischen Werken „CoMission“, „Compassion International“ und der baptistisch-liierten „Peter Deyneka Russian Ministries”. Die Aktion „Du wirst gefunden“ hat eine sehr ähnliche Zielsetzung und wird von anderen christlichen Werken in den westlichen Staaten gefördert.

 

Nach anfänglichen Widerständen ist auch die Kommune von Mariupol mit an Bord: Inzwischen kommt sie für die Strom- und Heizungskosten des Hauptgebäudes des Kinderzentrums auf.  Der Leiter beschreibt das Verhältnis zur Stadt als „sehr gut“.

 

Die Gleichberechtigung schwuler Paare

Der diakonische Einsatz für das einzelne Kind verbindet die „Republik der Pilger“ mit einem gesellschaftspolitischen Engagement, das u.a. in öffentliche Kundgebungen und Fahrradexpeditionen seinen Ausdruck findet. Als Ende Februar das ukrainische Parlament die „Europäische Konvention über die Adoption von Kindern“ ratifizierte, löste der Schritt heftige Proteste seitens der obengenannten Kinderinitiativen aus. Peter Dudnik, ein charismatischer Pastor in Slawjansk, meinte, es sei ein Plus, daß elternlose ukrainische Kinder nun bessere Chancen hätten, von westeuropäischen Familien adoptiert zu werden. „Es ist dennoch ein eindeutiges Minus, daß gleichgeschlechtliche Familien ukrainische Waise adoptieren dürfen.“

 

In dem genannten, offenen Brief vom 24. Februar rief Gennadi Mokhnenko dann zu einer „radikalen, nationalen Adoptionsstrategie“ auf, um „eine landesweite Schande abzuwenden“. Durch das massive Stellen von Adoptionsanträgen könnten Protestanten gleichgeschlechtliche, westeuropäische Paare aus den Warteschlangen verdrängen. Das Aufnehmen aller vorhandenen Waisen würde kindersuchenden, gleichgeschlechtlichen Paaren das Wasser abgraben.

 

In diesem Brief rief er zur Beilegung aller konfessionellen Streitigkeiten im Kampf gegen die Aufwertung gleichgeschlechtlicher Ehen auf. „Wir müssen den Politikern klarmachen, daß die öffentliche Meinung diesen Frevel nicht stillschweigend hinnehmen werde.“ Er meinte ferner: „Wenn wir nicht bald aufwachen und uns gemeinsam diesem Übel widersetzen, wird ein Fluch über unser Land und über unsere Kinder kommen. Sie werden dann in 10 oder 15 Jahren in einem völlig veränderten Land leben müssen.“

 

Kommentar

Diese Reaktion ist u.a. als eine Überreaktion zu interpretieren, denn die revidierte Konvention vom 27. November 2008 überläßt es dem jeweiligen Mitgliedsstaat, ob er gleich­geschlecht­lichen Paaren die Elternschaft ermöglicht. Die Konvention nötigt keinem Staat die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Ehen auf.

 

Viel Gutes läßt sich dennoch dem Einsatz des Mariupoler Pastors abgewinnen. Die demographische Krise der GUS-Staaten ließe sich auch teilweise dadurch bewältigen, daß man mehr Reserven aus den bereits existierenden Erwachsenen und Kindern holt, die am Rande der Gesellschaft ihr Dasein fristen. Diese Reserven würden uns allen zugute kommen. Wie die Liebe Christi auch den sexuellen Minderheiten zugute kommt, bedarf nicht nur in Westeuropa der weiteren Klärung.

 

Dr.phil. William Yoder

Smolensk, den 15. Juni 2011
Pressedienst der Russischen Evangelischen Allianz

 

Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-11, 1.065 Wörter oder 7.691 Schläge mit Leerzeichen.

 

Alle auf ihrem Wege zu Gott unterstützen

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“Liberaler, säkularer Humanist” hält spannende Rede im orthodoxen Revier

 

M o s k a u – Am 25. Mai sorgte die Russisch-Orthodoxe Kirche für Aufsehen als sie einen ihrer langjährigen Kritiker, einen „liberalen, säkularen Humanisten“, einlud, auf der Jahreskonferenz des „Weltkonzils des Russischen Volkes“ in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale eine Rede zu halten. Obwohl sich der Politiker Leonid Gosman als einen Atheisten jüdischer Herkunft vorstellte, klang seine Rede eindeutig evangelisch. Dem Patriarchen Kirill zugewandt sagte er am Anfang der Rede: Allein die Tatsache, daß Sie einen Menschen meiner Überzeugung eingeladen haben, „ist ein überzeugendes Indiz Ihres Wunsches, die Nation unabhängig von allen Ethnizitäten und religiösen Beziehungen zu einigen“.

 

Mit einem Hinweis auf ethnische Auseinandersetzungen und das Verstümmeln von Wehrpflichtigen rief Gosman die Orthodoxie dazu auf, sich auf die Seite der Unterdrückten zu schlagen im Kampf gegen „die Härte und Ungerechtigkeit der Staatsmaschinerie“. Solche, die sich in einem Kampf ums Überleben befinden, sollten sich gewiß sein, „daß die gesamte Kirche, vom Ortspriester bis hinauf zum Patriarchen, für sie, und nicht gegen sie, eintritt.“ Rundheraus fragte er den Patriarchen: „Wie steht die Kirche zu den zahllosen Palästen und Yachten der Staatselite?“

 

Der Politiker trug den Traum einer selbstlosen Kirche vor, die nicht für sich, sondern für die Freiheit aller kämpfe. Statt sich für den Erhalt des eigenen kanonischen Territoriums   zu streiten, sollte die Kirche lieber die Gewissensfreiheit verteidigen. Die Kirche sollte „aufhören, zwischen traditionellen und nichttraditionellen Religionen zu unterscheiden, sondern vielmehr alle auf ihrem Wege zu Gott unterstützen, unabhängig von der Kirchentür an der die Suche endet“.  

 

Die Orthodoxie genießt nahezu unanfechtbares Ansehen im russischen Volk und Gosman vertritt die Auffassung, sie könne es sich erlauben, sich von jeglichem Anschein einer eigennützigen Kriecherei gegenüber dem Staat fernzuhalten. Wenn Kirchenvertreter „tatsächlich an Gott glaubten und nicht nur ihren Glauben verträten, würden sie auf ihre Dankesreden an die Staatsvertreter für die Rückgabe von restaurierten Kirchen verzichten und statt dessen Korruption und Luxus, Heuchelei und Lüge anprangern.“

 

Nur im Falle einer staatsfreien Orthodoxie könne die Entscheidung des Einzelnen für oder gegen eine Glaubensrichtung wahrlich frei und bedeutungsvoll sein. Seine Abscheu bezüglich einer Staatsreligion und einer staatlich unterstützen Ideologie brachte er zum Ausdruck. Nichtsdestotrotz trat er für die „evangelischen Prinzipien“ ein – ein recht ungewöhnlicher Terminus in russischen Ohren. Sie seien eine altbewährte „moralische Grundlage für Gläubige sowie Ungläubige“.

 

Pastor Witali Wlasenko, Leiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“, wohnte dieser Versammlung bei. Von der Rede Gosmans zeigte er sich begeistert: „Sie war mit Abstand die beste aller Reden.“ Die Erwartungen dieses oppositionellen Politikers mögen utopisch sein, es sei dennoch „ein ermutigendes Zeichen des Pluralismus wenn sich die ROK der Rede eines solchen Menschen bei einer führenden, öffentlichen Veranstaltung erlaubt“. 

 

Der 1950 geborene Leonid Gosman könnte selbst den Verlockungen der Macht und des Reichtums erliegen. Demnächst soll der Milliardär und Unternehmer Michail Prochorow seiner pro-kapitalistischen Partei der Mittelklasse, der 2009 gegründeten „Rechten Sache“, beitreten.

 

Namentlich unerwähnt kamen auch die russischen Protestanten in den Schilderungen Gosmans vor. Der Politiker geißelte die staatlichen Maßnahmen gegenüber den Öko-Grünen, die sich gegen die Zerstörung des Chimker Waldes nördlich von Moskau einsetzen. Wir berichteten im vergangenen August darüber, daß es die Firma des Evangeliumschristen und ehemaligen Baptisten Alexander Semtschenko sei, die eine Schneise durch den Wald zum Bau einer Mautautobahn schlägt. Semtschenkos eigene Sicherheitsleute führen gemeinsam mit der Staatspolizei einen „Krieg geringer Intensität“ mit den linken Ökologen.

 

Das 1993 geschaffene „Weltkonzil des Russischen Volkes“ versteht sich als Forum für den Austausch über Stand und Zukunft der russischen Gesellschaft auf höchster Ebene. Gosmans Rede ist nachzulesen auf dessen russischsprachiger Webseite: „vrns.ru“.

 

Dr.phil. William Yoder

Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB

Berlin, den 30. Mai 2011

 

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der Unionsleitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-10, 574 Wörter oder 4.280 Schläge mit Leerzeichen.

 

 

Die Fruchtbarkeit steigern

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Nach langer Pause führt das Moskauer CIAC eine öffentliche Veranstaltung durch

 

Kommentar

 

M o s k a u – Am 13. Mai versammelte sich in der Moskauer Zentrale der katholischen „Erzdiözese der Mutter Gottes” das „Christliche Interkonfessionelle Beratungskomitee“ (Christian Inter-Confessional Advisory Committee – CIAC) zu seiner ersten öffentlichen Veranstaltung seit zehn Jahren. Das Thema des Tages betraf die Demographie. Doch nach Witali Wlasenko, dem Vertreter der Protestanten in der dreiköpfigen orthodox-katholisch-protestantischen Leitung des CIAC, sei nicht nur die demographische Frage für Protestanten wichtig – ihnen gehe es ebenfalls um die gesellschaftliche Akzeptanz. Protestanten bleibt es entscheidend, ob sie als einheimischen und wohlwollenden Partner im Einsatz für ein besseres Rußland akzeptiert werden. Der Baptist versicherte: „Entscheidend für uns ist die Frage, ob die evangelischen Kirchen, die einen integrativen Teil der russischen Gesellschaft darstellen, einen eigenen Beitrag in dieser schwierigen Materie leisten können.“ Wlasenko fügte hinzu, die Bemühungen der christlichen Konfessionen Rußlands würden nur Erfolg haben wenn sie es lernten, „mit einer einzigen Sprache zu sprechen. Sonst werden unsere Erklärungen nur auf dem Papier bestehen.“

 

Viele Gründe für den Bevölkerungsschwund wurden von den Rednern erwähnt: eine schlechte medizinische Versorgung sowie der Drogen- und Alkoholmißbrauch von Männern würden deren geringe Lebenserwartung verursachen. Hinzu kämen die Nichtbereitschaft oder Unfähigkeit des Staates junge Familien finanziell zu unterstützen, hohe Abtreibungsraten sowie die starke Ausrichtung auf Karriere und Konsum. Orthodoxe Redner wie Metropolit Ilarion (Alfejew), Leiter des kirchlichen Außenamtes der „Russisch-Orthodoxen Kirche – Moskauer Patriarchat“, riefen zur Gründung christlicher Großfamilien auf. Doch angesichts der ausufernden Preise in den russischen Großstädten könnte sich meines Erachtens nur ein angehender Oligarch eine 10-köpfige Familie leisten. Kinder sind in der Tat kostenintensiv und gefährden immer wieder den Erwerb eines neuen Autos oder die Reise ins visafreie Urlaubsland Türkei.

 

Wikipedia gibt an, daß sich die russische Bevölkerungszahl gegenwärtig bei 142,9 Millionen liegt - da gab es einen leichten Anstieg 2009. Im Jahre 1991 war die Spitze erreicht worden: 148,7 Millionen. Die Geburtsrate beläuft sich auf 12,6 Geburten pro 1.000 Bürger pro Jahr; die Sterberate liegt bei 14,3. Im Jahre 1929, während der Hochblüte der aufstrebenden Sowjetmacht, lag die Geburtsrate bei 49,6; die Sterbensrate bei 28,6.

 

Moralische Appelle bestimmten die Vorträge am 13. Mai. Doch nach meiner Überzeugung können die Hinweise auf Patriotismus und Gewissen dieser Gesellschaft keinen demographischen Erfolg bescheren. Christliche Kreise – und nicht nur die Orthodoxie – plädieren für einen christlichen Konsens als das passende ideologische und geistliche Rüstwerk für die russische Gesellschaft. Doch bezüglich der Demographie werden die soziale Unsicherheit und die allumfassenden Ziele des Konsums stärker zu Buche schlagen. In der mobilen Welt der Gegenwart werden die Massen dazu neigen, sich dorthin zu bewegen, wo ihnen die Lebensqualität am höchsten erscheint. Gekoppelt mit einer geregelten Immigration, einer relativen hohen Lebensqualität, ökonomischer Stabilität und Gesetzestreue, einer breiten Verteilung des Eigentums verbunden mit Aussichten auf das Fortkommen in Karriere und Geschäft – diese Faktoren würden von alleine dieses Problem für Rußland lösen. Bis sich Rußland um die Erfüllung dieser Kriterien bemüht, wird sich der Gang nach unten fortsetzen. Im Gegensatz zu 1929 hat Rußland heute keine aggressive Ideologie, die den Menschen eine – wenngleich vergebliche – Perspektive verschaffen könnte.

 

Immigration

Die relativ erfolgreichen Gesellschaften von Westeuropa, Nordamerika und Australien haben ihrer Lösung des demographischen Problems nicht alleine der relativ hohen Lebensqualität zu verdanken. Der finanzielle Anreiz – siehe Kindergeld – reichte nicht aus, um die Geburtsraten zu steigern. Auch diese Staaten mußten vielen Ausländern die Einreise gestatten. In Kanada scheint das zu gelingen, denn zu den Eingewanderten zählen nicht wenige Facharbeiter und Spezialisten. Die geographischen und klimatischen Bedingungen Kanadas ähneln denen von Rußland – doch 1950 hatte das Land nur 13,7 Millionen Einwohner. Diese Zahl hatte sich bis 1991 mehr als verdoppelt auf 27,9 Millionen. Die gegenwärtige Einwohnerzahl bewegt sich im Rahmen von 34,3 Millionen – eine Zunahme von 19% über die letzten zwei Jahrzehnte. Dabei liegen die kanadischen Geburtsraten deutlich unter denen von Rußland: nur 10,28 Geburten pro 1.000 Einwohner im Jahre 2009. Aber die Sterberate in Kanada ist nur halb so hoch: 7,74 pro Jahr.

 

In seinem Vortrag rief Metropolit Ilarion dazu auf, der demographischen Krise “mit einer totalen Mobilisierung aller gesunden Kräfte” beizukommen. Doch dabei ist „gesund“ das entscheidende Wort. Eine Frage, die in der ehrwürdigen Runde nicht aufkam, müßte gestellt werden: Würde die russische Gesellschaft die verarmten, muslimischen Völker Mittelasiens, Chinesen oder die Menschen aus Schwarzafrika  als „gesunde Kräfte“ akzeptieren? Nordamerika, Westeuropa und Australien haben die Einwanderung als wichtigen Bestandteil einer Politik zur Behebung des Bevölkerungsschwunds akzeptiert um den „Preis“, daß ihre Gesellschaften „brauner“ und „gelber“ werden. Diese Länder haben sich für ein irgendwie multikulturelles Dasein entschieden.

 

Es gibt noch keine Anzeichen dafür, daß die russische Gesellschaft gewillt wäre, in den saueren Apfel zu beißen und „brauner“ zu werden. Auch wenn es nur heißen würde, daß man russischsprechende Nichteuropäer aus Zentralasien ansiedelt. Japan ist ein weiteres Land, das sich mit der Immigration schwertut. Die Bevölkerung dieses wohlhabenden, dichtbevölkerten, nichtweißen Landes nimmt deswegen auch langsam ab (noch 126,8 Millionen in 2010). Es scheint auf jeden Fall klar, daß eine mehrheitlich weiße Gesellschaft, die nicht bereit ist, Menschen nichtweißer Hautfarbe bei sich aufzunehmen, nicht wachsen kann.

 

Global gesehen gibt es genügend Menschen und Finanzen, um die Grundbedürfnisse aller Gesellschaften zu decken. Der Knackpunkt heißt Verteilung. Die Zynischen und Lieblosen könnten behaupten, es seien eben die „falschen“ Kinder, die geboren werden: Kinder nichtweißer Hautfarbe in den verarmten Entwicklungsländern. Es liegt nicht auf der Hand, daß gerade die dichtbevölkerten Länder Europas - sowie Nordamerika - sie zuerst aufnehmen sollten.

 

Die Christen Rußlands müßten viele weitere Faktoren in den Blick bekommen. Ein Versuch, die Fruchtbarkeit zu erhöhen, ist keine Lösung solange grundlegende soziale und politische Mißstände nicht angegangen werden. Seihe z.B. die Erfolgsstory Kanada.

 

CIAC

Geschaffen 1993 um das Gespräch zwischen den Kirchen in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu erleichtern, führte das CIAC in den Jahren 1994, 1996 und 1999 wichtige Konferenzen durch. Dessen Arbeit wurde jedoch im Februar 2002 von orthodoxer Seite eingestellt und erst im Oktober 2008 wieder aufgenommen.

 

Das CIAC zielt auf die Zusammenarbeit mit den Ländern der ehemaligen Sowjetunion – nicht darüber hinaus. Vielleicht ist das ein Grund dafür, daß dessen Status bei den Orthodoxen gegenwärtig unklar erscheint. Für sie hat CIAC nicht den Anschein, eine Organisation erster Priorität zu sein. Manchen seiner Führungspersonen ist wohl weiterhin unklar, mit welcher Politik die Interessen der ROK am besten vertreten werden.

 

Das dritte Mitglied der Leitung des CIAC (neben Ilarion und Wlasenko) ist der Italiener Pawel Pezzi, katholischer Erzbischof der Moskauer Diözese.

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 25. Mai 2011
Pressedienst der Russischen Evangelischen Allianz

 

Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-09, 1.042 Wörter oder 7.621 Schläge mit Leerzeichen.

 

Das Gemeindeleben ist nie erloschen

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Buch über die Geschichte der Baptisten im russischen Gebiet Kaliningrad erschienen

 

M o s k a u -- Das wohl erste russischsprachige Buch, das sich mit dem baptistischen Gemeindeleben nach 1945 im sowjetisch gewordenen Nordostpreußen befaßt, ist kürzlich erschienen. Autor ist Anatoli Krikun, der gegenwärtige, baptistische Bischof (Starschi Presbyter) in Kaliningrad/Königsberg. Herausgeber ist das „Moskauer Theologieseminar“ der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“; das Werk ist ein Teil der Diplomarbeit des Bischofs.

 

Als sozialistisches Mustergebiet sollte das neugewonnene, sowjetische Gebiet Kaliningrad über keine Kirchen verfügen. Doch Krikun macht deutlich, daß trotz aller Verfolgungen das kirchliche Leben auf diesem einst deutschen Gebiet niemals erlosch. Die ersten Zweidrittel des 115-seitigen Buches befassen sich mit der deutschen Zeit vor 1945 und liefern dem deutschsprachigen Leser deshalb wenige Neuigkeiten. Doch dafür ist die Beschreibung der sowjetischen Ära aus russisch-baptistischer Sicht ein eindeutiges Novum. Allerdings ist der Titel des Buches – „Geschichte der Evangeliumschristen-Baptisten in Ostpreußen und im Gebiet Kaliningrad“ (Istoria evangeliskikh khristian-baptistow w Wostotschnoi Prussi i Kaliningradskoi oblasti) verwirrend. Im deutschen Ostpreußen hatte es niemals eine Kirche der russischen Evangeliumschristen-Baptisten gegeben.

 

Die existentiellen Härten der ersten Jahre und die Zerstörungswut mancher Sowjetbürger im Gebiet werden vom Autor keineswegs verschwiegen. Gehungert wurde nach 1945 nicht nur in „Großrußland“: Krikun gibt an, daß 51% der 510.063 Neusiedler, die im Zeitraum 1948-1953 ins Gebiet kamen, wieder fortzogen. Da bis November 1945 nur 7.000 Neusiedler im Gebiet eingetroffen waren und diese mehr als 100.000 Deutschen gegenüberstanden, ist Krikuns Hinweis verständlich, daß bis zur Deportation der letzten Deutschen das kirchliche Leben fest in deutscher Hand verblieb. Anfangs ohne jegliche Rücksicht auf die eigene Konfession versammelten sich Deutsche und „Sowjetbürger“ unter der geistlichen Leitung von Deutschen. Deutsche Geistliche genossen hohes Ansehen; „Im allgemeinen verliefen die gegenseitigen Beziehungen positiv“. (S. 81) Das gänzliche Fehlen einer kirchlichen Infrastruktur seitens der Orthodoxie machte es Baptisten umso leichter, Mission im eigenen Sinne zu betreiben. In Kaliningrad wurde 1947 eine 60-köpfige Baptistengemeinde unter Leitung des deutschen Pastors Heinrich Fenner staatlich registriert – sie überlebte den Auszug der Deutschen aber nicht.

 

In den sowjetischen Archiven tauchen Neusiedler-Baptisten erst 1947 auf; mit dem Abtransport der letzten Deutschen im Jahr danach kam das christliche Gemeindeleben fast zum Erliegen. Bei den Lutheranern kam es praktisch zum Aus. Krikun erwähnt nicht, daß wer in den vier Jahrzehnten nach 1948 einen lutherischen Gottesdienst besuchen wollte, nach Litauen ausweichen mußte. Die lutherische Kirche in Silute (Heydekrug) im grenznahen Memelgebiet z.B. ist von den sowjetischen Behörden nie geschlossen worden.

 

Das Eintreffen baptistischer Neusiedler aus Westrußland, der Ukraine und Weißrußland sorgte immer wieder für ein Aufstocken der kargen baptistischen Reihen. Im März 1947 traf der doppelbeinamputierte Prediger M. P. Reiutski aus Saporoschje/Ukraine ein. Bis 1954 galt er als der führende, baptistische Geistliche im Gebiet. Im Jahre 1950 verfügte seine Kaliningrader Gemeinschaft über 40 Mitglieder; in Tschernjakhowsk (Insterburg) gab es 30 weitere. Die nächstgrößeren Hausgemeinden befanden sich in Gusew (Gumbinnen) und Sowjetsk (Tilsit). Bei einer Feierstunde 1961 kamen 130 Gläubige zusammen; Krikun gibt 70 als die Zahl der damaligen „Aktivisten“ an.

 

Ab 1964 strömten kinderreiche, deutschstämmige Familien aus Kirgisien nach. Das Eintreffen der Deutschen bescherte den Baptisten den Anfang einer Blütezeit, die von 1976 bis etwa 1989 andauerte. Schon 1963 war Pawel Meissner aus Kirgisien eingetroffen; er diente als leitender Geistlicher für das Gebiet von 1965 bis zur seiner Ausreise nach Deutschland 1976. In den Jahren 1966-76 versammelte sich die Kaliningrader Gemeinde weit außerhalb der Stadt in Meissners Privatdomizil im Dorf Perwomajskaja (Pottlitten nahe Bladiau). Mitte der 70er Jahre waren 30% der Baptisten deutscher Abstammung – eine Tatsache, die das Mißtrauen der Staatsorgane erregte. Nach Krikuns Angaben wurde Meissner durch den staatlichen Druck zur Ausreise gezwungen; dies zog eine Ausreisewelle der Deutschstämmigen nach sich. Heute ist nur noch eine Handvoll der dortigen Baptisten deutscher Herkunft. Vor Beginn der Ausreisewelle hatte die Kaliningrader Gemeinde 1976 220 Mitglieder.

 

Das bewegte Gemeindeleben

Das baptistische Gemeindeleben ging nicht ohne Spaltungen und Querelen ab. Ab 1951 reisten Pfingstler aus dem Westen Weißrußlands ein. Nach einem Jahr gemeinsamen Lebens beschloß man getrennte Wege zu gehen. Doch bei der Trennung nahmen die Pfingstler vereinzelte Baptistenfamilien mit. Der Hauptstreitpunkt betraf das Zungenreden.

 

Nach Krikuns Schilderungen hat der massive Druck des Staates um das Jahr 1959 herum – auch in den Medien - zu starken Verwerfungen geführt. Wegen persönlicher Verfehlungen mußten die Pastoren Reiutski und A.A. Mogila den Dienst quittieren. Gegensätzliche Meinungen bezüglich des korrekten Vorgehens gegenüber dem Staat – und den eingeschleusten Mitarbeitern des KGB – brachten die Gemeinde an die Schwelle der Selbstauflösung. Die Autorität der Pastoren wurde untergraben: „Manche weniger Standhaften verließen für immer die Gemeinde.“ (S. 101)

 

Dennoch konnte sich die Gemeinde wieder fangen und schon 1965 wollte sie zwei weitere Brüder ordinieren, um neugewonnene Mitglieder besser versorgen zu können. Doch der Moskauer All-Unionsrat der Baptisten lehnte eine Mitwirkung bei der Ordination ab, weil die Gemeinde nicht registriert war. Daraufhin wandte man sich an eine nichtregistrierte Gemeinde der „Initiativniki“ in Brest/Weißrußland. Bei ihrem Besuch in Kaliningrad machten die Brester jedoch zur Bedingung ihrer Mitwirkung, daß die Kaliningrader jegliche Zusammenarbeit mit den registrierten Gemeinden der UdSSR einstellten. Das lehnte die Gemeinde „auf diplomatischer Weise“ ab; es ergaben sich unsanktionierte Ordinationen auf eigene Faust. Eine Folge dieses Kontakts war aber auch, daß sich in Kaliningrad eine Gruppe der „Initiativniki“ abspaltete. Der 2006 erschienenen Diplomarbeit des Rußland-Deutschen Alex Breitkreuz ist zu entnehmen, daß 2004 die Initiativniki im Gebiet eine stattliche Mitgliederzahl von 300 aufwiesen.

 

Die staatliche Verfolgung verlief in Wellen: Krikun legt die Höchstphasen staatlicher Verfolgung auf die Jahre 1954, 1958, 1964, 1971, 1981 und 1984 fest. (S. 108)

 

Weil die Gemeinden im Gebiet unregistriert und somit illegal waren, konnten sie keine Bethäuser einrichten. Doch alle Versuche nach 1948, in die Legalität zu gelangen, wurden von den Gebietsbehörden abgewiesen. Im Mai 1967 war es endlich so weit: Die Baptistengemeinden wurden als erste Religionsgemeinschaft des Gebietes überhaupt offiziell zugelassen. So steht es auf der Webseite dieser Kaliningrader Gemeinde („mir-kld.ru“). Allerdings schreibt Krikun in seinem Buch, die Baptisten seien nur als „eine der ersten religiösen Organisationen des Gebietes“ registriert worden. (S. 106) Wesentlich ist auf jeden Fall, daß diese Registrierung lange vor der Registrierung der Russischen Orthodoxen Kirche im Gebiet erfolgte – das ist erst im April 1985 passiert. Die Katholiken und Lutheraner im Gebiet wurden 1991 registriert.

 

Eng verknüpft mit der Registrierung war die Frage der Immobilien. Erst im dritten Anlauf konnte mit entsprechenden Feierlichkeiten am 12. August 1979 ein kleines, nagelneues Bethaus eingeweiht werden. Das Haus befand sich in der Krylowa 38 fernab aller öffentlichen Verkehrsmittel im Norden der Stadt. Sogar der Gebietsbeauftragte für religiöse Angelegenheiten, J. J. Makhobajski, ist zur Feierstunde erschienen. Zu ihm hatte sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt. Krikun schreibt, Makhobajski habe sich als „ehrlicher und intelligenter Mensch“ erwiesen. „Wenn es erforderlich war, trat er für die Rechte der Gläubigen ein.“ (S. 114) Wahrscheinlich ist die sehr frühzeitige Registrierung der Baptisten diesem persönlichen Verhältnis zu verdanken.

 

Im Jahre 1965 und 1973 wurden Häuser unter Privatnamen erworben mit der Absicht, sie in Bethäuser umzuwandeln. Im ersten Fall wurde das Haus schnell vom Staat konfisziert, im zweiten Fall hingegen wurde das fast fertiggestellte Haus nach langen behördlichen Verzögerungen 1975 Opfer einer Brandstiftung. Danach wurde es planiert.

 

Schon 1976 nach der Ausreise Meissners war der Kraftfahrer Wiktor Schumejew „Leitender Pastor“. Als Zehnjähriger war er gemeinsam mit seinen Eltern 1950 aus dem Gebiet Belgorod (Westrußland) nach Kaliningrad übersiedelt. Anfang 2011 ging er als Pastor in Rente.

 

Der studierte, 1946 geborene Ingenieur Anatoli Krikun stammt aus Berditschew im Gebiet Zhitomir nahe Kiew, wo bereits sein Vater Iwan als Prediger gedient hatte. Im Jahre 1967 zog er ins Kaliningrader Gebiet um; 1973 löste er Schumejew als Gemeindesekretär ab. Krikun wurde 1993 zum Diakon ordiniert, im Jahr danach zum Pastor. Offizieller Leitender Pastor (Bischof) wurde er 1996.

 

Mit dem Machtantritt Mikhail Gorbatschows 1985 hört das Buch plötzlich auf. Krikuns eigene Wahl zum Leitenden Presbyter bzw. Bischof wird nicht mehr erwähnt. Ebenfalls unerwähnt blieb der Umzug der Gemeinde in einen imposanten Neubau in der Uliza Gagarina 18 im Osten der Stadt. Dort ist am 23. August 1998 ein Kirchenzentrum mit 500 Plätzen eingeweiht worden. Zu den rund 700 Gästen zählten 100 Besucher aus Deutschland; die Deutschen – unter ihnen viele ehemalige Königsberger – hatten sich mit rund 500.000 Mark am Neubau beteiligt. Laut Breitkreuz hatte diese Kaliningrader Gemeinde im Jahre 2004 318 Mitglieder; im gesamten Kaliningrader Gebiet gab es damals 426 Baptisten in registrierten Gemeinden. Das Gemeindeleben hat sich stark etabliert: Im Jahre 1999 konnte ein noch existierendes und staatlich anerkanntes „Bibelkollege“ eingerichtet werden. Es ist mit dem von Aussiedler geführten „Bibelseminar Bonn“ verbunden.

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 19. Mai 2011
Pressedienst der Russischen Evangelischen Allianz

 

Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-08, 1.386 Wörter oder 10.112 Schläge mit Leerzeichen.

 

Das breite Mittelfeld

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Steckt mehr als Geld hinter der WSEKh?

 

Kommentar

 

M o s k a u -- Steckt mehr als Geld hinter der „All-Russischen Arbeitsgemeinschaft der Evangeliumschristen“ (WSEKh)? Ist sie mehr als das Geschöpf eines einzigen, ehrgeizigen Mannes? Wird die Arbeitsgemeinschaft den leiblichen Tod ihres Mäzen – bzw. den Tod seines Bankkontos – überleben? Diese Fragen beschäftigten Beobachter ihres zweiten gesamtrussischen Kongresses, der vom 26. bis 28. April im Moskauer Hotel „Ismailowo“ stattfand. Dieser Kongreß und seine 800 Teilnehmer sollen den 1948 geborenen Unternehmer Alexander Semtschenko Hunderttausende von Dollar gekostet haben. Inzwischen vertritt die 2008 gegründete WSEKh (ВСЕХ) 21 kleine Kirchenbünde und 665 Ortsgemeinden.

 

Für ihre Gegenspieler ist diese Arbeitsgemeinschaft ein rein künstliches Gebilde. In einem Interview unmittelbar vor dem Kongreß versicherte Alexei Smirnow, Präsident der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB), die WSEKh sei bemüht, das zu spalten was längst zusammengeschmolzen sei. „Sie nennen sich selbst Evangeliumschristen – wir Evangeliumschristen-Baptisten sind für sie nur noch ‚Baptisten’. Wir können uns auf keinen gemeinsamen Dienst mit demjenigen (Semtschenko) einlassen, der diesen Prozeß angefangen hat, ehe er Buße tut für die Aufspaltung und Zerstörung der Bruderschaft. Das ist für uns eine geistliche und prinzipielle Frage.“ Dabei nannte der RUECB-Präsident diese neue Bewegung „unbiblisch“, denn sie sei ausschließlich „aus Kränkungen“ entstanden.

 

Unbestritten ist die Tatsache, daß die WSEKh eine kräftige Abwerbung ohne Absprache mit den betroffenen Kirchen betreibt. Bis 2008 waren Leonid Kartawenko, Simon Borodin (beide Missionsab­teilung) und selbst Alexander Semtschenko leitende Mitarbeiter der RUECB. Zwei Jahre danach machten Pawel Kolesnikow (Baptistenpastor in Selenograd bei Moskau) und Irina Metrofanowa (Katechismus-Abteilung der RUECB) den gleichen Sprung.

 

Die Erwiderung

Beim Kongreß selbst stieß man auf leidenschaftliche Befürworter der WSEKh. Manche Anhänger verstehen diese Gemeinschaft als das Aufbegehren gegen eine hierarchisch denkende, eher ungebildete „Nomenklatur“ der Sowjetära, die sich auf Nebensachen (Taufe durch Untertauchen, bestimmte Bekleidungs- und Musikformen) festgebissen habe. Gerade diese „alte Garde“ verteidige vehement die herkömmliche baptistische Subkultur mit ihren mannigfaltigen, ungeschriebenen Regelungen und Verboten. Dagegen ist das schrille, jährliche Osterkonzert der WSEKh eine beeindruckende Mixtur von Schmaus, Sound und Show. Leonid Kartawenko schrieb: „Die Evangeliumschristen sind aufgeschlossener gegenüber der Gesellschaft, gegenüber neuen Menschen und neuen Methoden, den Menschen das Heil nahezubringen.“

 

Im Gespräch geißelte ein erfahrener Gast aus dem Westen das finanzzentrische Denken der letzten Jahrzehnte: „Man wollte Spenden bekommen – nicht Partner sein. Man nahm das Geld mit beiden Händen entgegen. Doch sonst hieß es: ‚Wir wollen so bleiben wie wir sind.’“ Trotzdem seien die Unionen „viel zu viel damit beschäftigt gewesen, westliche Sponsoren zu beglücken. Dabei haben sie die internen Kräfte, die hier entstanden sind, aus dem Blick verloren.“ An die nichtanwesenden Traditionalisten gewandt, meinte der Gast: „Sobald das Geld hier versickert, seid Ihr schon in Amerika. Keiner glaubt mehr, daß Ihr Rußland wirklich im Blick habt. Wer soll noch auf Euch setzen? Davon hat der Westen die Nase voll.“

 

Das breite Mittelfeld

Im russischen Protestantismus gibt es ein breites, theologisches Spielfeld zwischen „Traditionalisten“ und charismatischen Kreisen. Genau dieses weite Feld „zwischen traditioneller protestantischer Kultur und Charismata“ will die – nichtcharismatische - WSEKh belegen. „Die Plattform, die mit Semtschenkos Geld geschaffen worden ist, ist künstlich“, räumte ein Gast aus Westeuropa ein. „Das ist nur eine Bühne, aber das Anliegen dahinter ist real.“

 

Alexander Feditschkin, ein Pastor der RUECB im Süden Moskaus, kann den Vorwurf einer künstlichen Entstehung nicht begreifen. Er sagt, seine eigene Sehnsucht nach einer konfessionsübergreifenden und offenen missionarischen Bewegung sei schon in den 90er Jahren entstanden. Da Semtschenko von den Grundpfeilern evangelikaler Theologie nicht abweiche, bezeichnete Feditschkin dessen Denken als „sehr biblisch“. Dieses Verlangen, und nicht etwa das Geld eines Semtschenko, sei die treibende Kraft der Bewegung. Der Baptist Anatoli Kaluzhny, Hauptpastor einer unionsfreien, nichtcharismatischen Gemeinde mit 1.500 Besuchern in Kiew, sagte es noch deutlicher: „Die WSEKh – das bin ich. Sie verkörpert genau das, was ich auch will.“

 

Dieses Mittelfeld zwischen den Fronten bemüht sich um ein entspanntes Verhältnis zu den strittigen Fragen, die die Evangelikalen Rußlands sonst trennen. Ein Beobachter meinte: „Sobald einer das Wort ‚Geistesgaben’ in den Mund nimmt, wird er als Pfingstler verschrien. Aber das geht nicht - wir können nicht auf Dauer anticharismatische Positionen vertreten. Man muß sachlich diskutieren dürfen. Sonst schafft man Aggressionen; so verliert man junge Leute.“

 

Obwohl die einst baptistische Gemeinde in Tuschino (im Nordwesten Moskaus) zur charismatischen Union des Sergei Rjakhowski gehört, macht sie bei der WSEKh mit. Es hieß im Gespräch: „Solche Gemeinden sind bei den Charismatikern nicht voll angekommen – sie sind Baptisten geblieben.“ Entsteht also ein neuer, linker Flügel des russischen Baptismus?

 

Für dieses Mittelfeld sind die traditionellen baptistischen Auseinandersetzungen über die korrekte Form der Wassertaufe uninteressant. In den WSEKh-Gemeinden ist die Taufe durch Besprengen gang und gebe; sogar Kindgetaufte werden ohne Wiedertaufe als Mitglieder aufgenommen. Für ein gemeinsames Missionieren auch mit orthodoxen Kreisen hält man sich offen.

 

Manche Bünde der WSEKh verstehen sich als calvinistisch, doch darüber diskutieren möchten sie auch. Ein Gesprächspartner versicherte: „Auch solche, die calvinistisch denken, definieren sich nicht aus einem Feindbild heraus. Bisher haben wir uns in diesem Lande schon immer über ein Feindbild definiert. Aber diese Bewegung möchte für etwas sein. Das verschafft uns eine neuartige russische Identität.“

 

Ein westlicher Beobachter versicherte, es sei gerade die „alte Nomenklatur“, die überkonfessionellen Bewegungen wie die Evangelische Allianz, die Lausanner Bewegung und Gruppierungen der christlichen Geschäftsleute behindert hätten. Doch der WSEKh fehle diese Nomenklatur nahezu gänzlich.

 

Dieser Beobachter berichtete, er habe im Rahmen des Kongresses eine Sitzung zur Außenmission erlebt, in der die versammelten sich bereitstellten, auf Kosten ihrer eigenen Gemeinden 30 Missionare nach Afrika zu entsenden. „Das sind neue Töne,“ frohlockte er. „Diese Leute haben ein völlig neues missionarisches Selbstbewußt­sein. Das hat auch Zukunft, denn der Westen wird sich hinter solche Initiativen stellen.“

 

Die Gefahren

Die „All-Ukrainische Union von Assoziationen der Evangeliumschristen-Baptisten“, einer der größten Baptistenbünde Europas, gilt als eine Zitadelle des Traditionalismus. Vor wenigen Jahren gipfelte ihre Mitgliedschaft bei rund 135.000. In Moskau wurde nun behauptet, diese Union nehme jährlich um 3.000 Mitglieder ab. Mitgliederzahlen bei der RUECB schwanken zwischen 72.000 und 80.000 - Tendenz eher fallend.

 

In Moskau sagte Anatoli Kaluzhny voraus: „Nun werden die Baptistenbünde es schwer haben. Jetzt gibt es Alternativen – eine Gemeinde kann sich selbst die passendste Union aussuchen.“ Doch angesichts einer langjährigen Konfessionsvielfalt ist diese Option nicht neu – neu ist höchstens die potentielle Größe der Alternative WSEKh.

 

Manche Anhänger der WSEKh erkennen einen Exodus jüngerer, gebildeter und innovativer Leute aus den Reihen der RUECB. „Regional sind Verbände von Leitern entstanden, die mit dem administrativen System der alten Unionen nicht klar kamen. Die alten Unionen haben es nie verstanden, diese innovativen Kräfte zu halten.“ Ferner hieß es: „Wenn dieses Experiment WSEKh gelingt, sind alle weg aus den Kreisen der Evangeliums­christen-Baptisten. Die innovative Kraft, die hinter diesen Leuten steht, ist enorm.“

 

Dabei darf nicht vergessen werden, daß auch die WSEKh nicht ohne westliche Verbindungen auskommen will. Zum Moskauer Kongreß waren Südbaptisten aus dem Bundesstaat Georgia, leitende Vertreter des „Lausanne-Komitees für Weltevangelisation“, der „International Federation of Free Evangelical Churches“ (IFFEC) und der deutschen Mission „Licht im Osten“ angereist. Weitere Missionen wie „Wycliff“, „Radio Teos“ und die lettische „Baznica“ waren ebenfalls zugegen. Bezüglich des Kommens von Lausanne wurde konstatiert: „Sie kamen hierher weil sie in dieser Gruppierung eine Zukunft sehen.“

 

Ein ausländischer Teilnehmer prognostizierte: „Die ‚Freien Evangelischen Gemeinden’, die ‚Evangelical Covenant Church’ sowie die ‚Christian and Missionary Alliance’ haben viel Geld in Rußland investiert. Das lief üblicherweise über den Baptistenbund und sie verzichteten darauf, eine eigene Konfession zu gründen. Doch wenn aus der WSEKh eventuell eine Kirche wird, wird die Versuchung viel zu groß sein, nicht mitzumachen.  Da werden sie endlich etwas Handfestes in der Hand haben.“

 

Die Zukunft

Im Hotel Ismailowo war man sich einig: Gegenwärtig sei die WSEKh ein Netzwerk und keine Kirche. Jetzt sei sie nur ein Konglomerat ohne deutliches Profil. In ihren Reihen befänden sich Baptisten, Evangeliumschristen, Charismatiker, messianische Juden, Calvinisten und Arminianer. Der Presbyterianer und Fünf-Punkte-Calvinist Walerian Ten will aus der WSEKh eine Kirche machen, doch dafür ist seine Theologie nicht konsensfähig. Aber manche meinen, es sei nur eine Frage der Zeit, bis aus dem Netzwerk eine Kirche wird. Die Evangeliumschristen im engeren Sinne haben bereits eigene, kleine Denominationen.

 

Entscheidend hinsichtlich der kirchlichen Landschaft der Zukunft ist die Frage, ob die RUECB der WSEKh das riesige Mittelfeld zwischen baptistischer Subkultur und Charismata streitig macht. Können die RUECB-Gemeinden an der Basis flexibel genug sein; können sie sich auf das Wesentliche im Evangelium konzentrieren? In Moskau hieß es: „Wenn die RUECB bei ihrer Tradition verharrt, holt sie sich mit der WSEKh eine gewaltige Konkurrenz ins Haus.“ Doch es gibt Anzeichen dafür, daß jüngere Baptistenpastoren ins Mittelfeld vorpreschen.

 

Der historische Baptismus – die RUECB - bleibt die größte einheitliche protestantische Kirche im heutigen Rußland. Und es gibt durchaus Anzeichen dafür, daß sie Kräfte im Mittelfeld aufnehmen kann. Es ist auch denkbar, daß die Anhänger der WSEKh die eigenen Stärken sowie die Schwächen der anderen Seite überzeichnen. Die WSEKh agiert ebenfalls hierarchisch – das bringt das massive Geldgefälle zwischen oben und unten mit sich.

 

Ein Konkurrenzkampf zwischen WSEKh und der charismatischen Bewegung einerseits gegenüber der RUECB und den ihr verbundenen Kräften andererseits ist im Gange. Die WSEKh will die bisherige Vorrangstellung der RUECB bei Staat und Orthodoxie ad acta legen. Doch diese intern-baptistische Auseinandersetzung wirft einen negativen Schatten auf den öffentlichen Ruf des Protestantismus. Deshalb wäre es sehr zu hoffen, daß die westlichen Kirchen und Missionen mit Wort und Portemonnaie nicht voreilig zur Vertiefung dieses Grabens beitragen. Manche hegen noch die Hoffnung, Alexander Semtschenko und seine Arbeit mögen in den Schoß der RUECB zurückkehren. Sie werden dort immens gebraucht – und die Unterschiede sind eher stilistisch als inhaltlich. Dafür wäre allerseits viel Flexibilität, Geduld und Beharrlichkeit vonnöten.

 

Dr.phil. William Yoder

Smolensk, den 11. Mai 2011

Für diesen Beitrag übernimmt nur der Autor die Verantwortung. Er will informieren und erhebt nicht den Anspruch, mit diesem Aufsatz für irgendeine Organisation zu sprechen. Meldung Nr. 11-07, 1.569 Wörter oder 11.548 Schläge mit Leerzeichen.

Vorsprung oder Krise?

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Die russische Sehnsucht nach dem christlichen Staat

 

M o s k a u -- Rußland sei „bereits der beste Teil Europas, und wir bieten ihm auch die hellste Zukunft an“. Das behauptete der bekannte orthodoxe Erzpriester Wsewolod Tschaplin, Vorsitzender der „Synodalen Abteilung für die gegenseitigen Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft“, Anfang April in der Fernsehsendung „Duell“ des Senders „Rossija I“. Nach seiner Überzeugung lasse sich der Westen, einschließlich der USA, nur noch als nachchristlich bezeichnen. Der Westen stelle sogar das gottloseste aller Systeme dar; an der Gottlosigkeit seien „der Kommunismus und Nazismus zusammengebrochen“. An ihm werde auch der Kapitalismus zusammenbrechen. Rußland könne das werden, was der Westen nicht mehr sei.

 

Bei einer internationalen Moskauer Konferenz über die „Verantwortung der Christen für das irdische Vaterland“ am 8. April fügte Tschaplin hinzu, im christlichen Volke Rußlands entstehe eine „besondere moralische Mission“, die sich in einem „Aufruf zur gesellschaftsumfassenden Bescheidenheit, Selbstbeschränkung und zum Konsumverzicht“ äußert. Den westlichen Völkern sei man bereits voraus: Schon heute sei ein Drittel der russischen Bevölkerung „praktizierende (orthodoxe) Christen“; die Mehrheit sei auf höhere, übernatürliche Werte ausgerichtet. Die christliche Erziehung des Volkes habe schon jetzt dazu geführt, daß eine bedeutende Mehrheit „Geld und das Eigeninteresse“ als Lebensinhalt ablehnt.

 

Nach Tschaplins Überzeugung kehre das alte Vorbild eines christlichen Rußlands wieder: „Es ist heute offensichtlich, daß Volk und Kirche eins sind.“ „Das russische Volk wird wieder zu einem christlichen Volk, zur Heiligen (Kiewer) Rus werden, völlig unabhängig davon, ob das anderen gefällt oder nicht.“ Auf dieser Moskauer Tagung hob ein anderer Redner das Vorbild der „theozentrischen“ Gesellschaft hervor.

 

Diesen „theozentrischen“ Ansatz läßt sich auch in gesellschaftlich offenen Kreisen des Protestantismus (Charismatiker und manche Baptisten z.B.) orten, die im Einsatz um die „traditionellen christlichen Werte“ eine gemeinsame Basis für das Zusammenwirken mit der Orthodoxie erkennen. Die Orthodoxie und diese Protestanten treten auch für eine Art der „civil religion“ ein, die das Zusammenwirken von Christen, Juden und Muslimen zur Verteidigung der bewährten moralischen Werte bejahen.

 

Doch in der Wertung der russischen Vergangenheit und Gegenwart klaffen die Ansichten von Protestanten und konservativen Orthodoxen auseinander. Bei seinem Vortrag in einer Moskauer Oberschule am 11. April berichtete Juri Sipko, der ehemalige Präsident der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“, anstelle eines moralischen Vorsprungs von einer tiefsitzenden Krise der russischen Gesellschaft.

 

Noch gebe es keine Aufarbeitung der Geschichte der Sowjetära, stellte Sipko fest. „Noch fehlt uns ein Verständnis für das, was wir wirklich sind.“ Völlig im Gegensatz zu Tschaplin beschrieb der Baptist die russische Gesellschaft als „unreif“: Zwischen den vielen Ethnien und nationalen Gruppierungen gebe es „keine Konsolidierung, keine gemeinsamen Werte und Ziele“. Zwischen den Nationen bestünde „kein gegenseitiges Verständnis - wir sind ökonomisch und sozial stratifiziert:“

 

Auch die Rolle der Großkirche beschreib er als verhängnisvoll: „Die Tragik des Christentums besteht darin, daß sie das Vorherrschen der Lüge in unserer Gesellschaft hingenommen hat.“ Es herrsche der Eindruck vor, „daß wir uns Christentum und Kirche nur vormachen“. Das führe zu Mißtrauen und Zynismus bei unseren Kindern. Die Erneuerung könne erst dann eintreffen, „wenn wir uns eingestehen, daß wir krank sind“.

 

Zu diesen Äußerungen des Wsewolod Tschaplin schrieb Alexander Negrow, Rektor der protestantischen „Christlichen Universität St. Petersburg“: „Natürlich stimme ich der Vorstellung zu, daß es ohne einen aktuellen Glauben an Christus, eine lichte Zukunft weder für den Einzelnen noch für die Nation geben wird.“ Er lehnte jedoch die von Tschaplin angedeutete Vorstellung, daß sich Moskau nochmals zum „dritten Rom“ (nach Rom und Konstantinopel) aufschwingen könnte, ab. „Rußland wird in geistlicher Hinsicht nicht der beste Teil Europas werden – das könnte man höchstens aus propagandistischen Gründen behaupten.“

 

Die genannte Konferenz am 8. April wohnten auch drei christlich-demokratische Politiker aus den Niederlanden bei. Orthodoxe – sowie manche charismatischen Kräfte und der evangeliums-christliche Bischof Alexander Semtschenko – pflegen den Kontakt mit christlich-demokratischen Kräften in Westeuropa. Die Moskauer Anwältin Katja Smyslowa, eine Hauptorganisatorin dieser Konferenz, wechselte Anfang 2010 von der baptistischen zur orthodoxen Konfession über.

 

Völlig andere Informationen

In wundervoller Weise überlebte der Charismatiker Igor Tumasch, ein Mitglied der großen, Minsker Gemeinde „Neues Leben“, den verheerenden Bombenanschlag auf die U-Bahn-Station „Oktjabrskaja“ am 11. April. Der Anschlag kostete neben vielen Verletzten 13 Menschen das Leben. Er erzählte: „Ich war nur fünf Meter von der Detonation entfernt und spürte die mächtige Druckwelle. Ich war mit Blut beschmiert, doch später stellte es sich heraus, daß es sich um fremdes Blut handelte.“ Auch seine Gemeinde befaßt sich übrigens mit der christlich-demokratischen Politik – Tumasch war unterwegs zur einer Gemeindestunde zum Thema „Wir retten die Nation.“ Der Jurist dieser sich in einem ehemaligen Kuhstall beheimateten Gemeinde, Sergei Lukanin, hatte sich nur 15 Minuten vor der Explosion samt Familie auf diesem Bahnsteig aufgehalten.

 

Dr.phil. William Yoder

Berlin, den 18. April 2011
Pressedienst der Russischen Evangelischen Allianz

 

Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-06, 782 Wörter oder 5.746 Schläge mit Leerzeichen.

 

Die EAU ist wieder im Kommen

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Geplant ist eine Glaubenskonferenz noch in diesem Jahr

 

M o s k a u -- Die „Europäisch-Asiatische Föderation der Unionen der Evangeliumschristen-Baptisten“ (EAF) auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ist wieder im Kommen. Sie plant u.a. eine große Glaubenskonferenz, die im Raum Kiew am 18. und 19. Oktober 2011 stattfinden soll. Das wurde bekanntgegeben auf einer Pressekonferenz im Moskauer Seminar der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) am 25. März.

 

Als die UdSSR 1991 zerfiel, sei, so Alexander Firisiuk (Minsk) von der belarussischen Union, die Föderation geschaffen worden, „um das Gespräch und die Einheit im Geiste zu erhalten. Wir sind auch tatsächlich eine Familie in Christus geblieben.“ Sie ist auch das, was noch am ehesten an den großen, alten All-Unionsrat der Sowjetära erinnert. Wjatscheslaw Nesteruk, Präsident der ukrainischen Union, meinte z.B.: „Uns ist es sehr angenehm, uns miteinander zu unterhalten. Wenn ich nach Moskau fahre und die Brüder antreffe, habe ich das Gefühl, wieder zu Hause zu sein.“ 

 

Bei diesem Pressegespräch betonten die Föderationsvertreter die guten Beziehungen zur in Prag beheimateten „Europäischen Baptistischen Föderation“ (EBF) – die meisten ehemals sowjetischen Bünde gehören beiden Föderationen an. Dabei wurde aber hinzugefügt, daß sich die EAF als die eindeutig konservativere Föderation empfinde. RUECB-Präsident Alexei Smirnow meinte: „Es ist sehr wichtig, daß wir der Welt unsere Einigkeit in Christus vorleben. Denn der Liberalismus greift nicht nur den Verstand an; er trägt dazu bei, daß sich die Menschen entzweien und allerlei Überzeugungen und Auffassungen anheimfallen.“

 

Während man bei der EBF Englisch spricht, bleibt Russisch die lingua franca der EAF. Unionen aus 15 Staaten gehören heute zur EAF – die offiziellen Unionen der drei baltischen Staaten sowie Georgiens jedoch nicht. Doch auch in diesen Ländern gibt es russischsprachige Baptisten, die sich zur EAF zählen. In den baltischen Staaten z.B. gibt es auffallend viele Baptisten ukrainischer Nationalität. Im Gegensatz zur EBF ist die von Juri Apatow (Moskau) geleitete EAF keine juristische Person.

 

Eigentlich war es der Aufbau einer grenzübergreifenden Jugendarbeit, die von dem Parlamentarier Pawel Ungurjan (Kiew) und Pastor Jewgeni Bakhmutski (Moskau) geleitet worden ist, die die EAF aus dem Winterschlaf riß. Im August 2008 fand in Odessa eine imponierende Jugendkonferenz mit fast 3.000 Teilnehmern aus 19 Ländern statt. Jedes Jahr im Februar gibt es ferner eine Arbeitskonferenz für Jugendmitarbeiter der EAF im Moskauer Raum. Im August 2009 unmittelbar nach der Amsterdamer Konferenz zur 400-Jahr-Feier des europäischen Baptismus fand in Kiew zum gleichen Anlaß eine russischsprachige Konferenz mit rund 1.700 Erwachsenen statt. 

 

Die diesjährige Konferenz im Oktober soll unter dem Wort aus Philipper 3,13 stehen: „Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist.“ Ein Hauptredner wird der in Osteuropa bekannte John MacArthur (Sun Valley/Kalifornien) sein. Inzwischen kann er auf mehr als zwei Jahrzehnte des Wirkens auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zurückblicken. Heute hat die von ihm geleitete „Master’s Academy International“ Filialen u.a. in Samara/Wolga und in Irpin bei Kiew (das baptistische „Irpin Biblical Seminary“). Der deutsche Ableger dieser Akademie nennt sich “European Bible Training Centre“ und verfügt über Niederlassungen in Berlin und Zürich.

 

Das Neuaufleben der EAF hängt auch damit zusammen, daß die einigende Wirkung der überkonfessionellen Organisationen Rußlands nachläßt. Die EAF bietet eine alt-neue Möglichkeit an, Koalitionen über die eigenen, engen Grenzen hinaus zu schmieden. Die russische Orthodoxie und der Staat unterstreichen z.Zt. ohnehin die Bedeutung des Kiewer Rus, des mittelalterlichen Zusammenschlusses von Rußland, der Ukraine und Belarus.

 

Sonstige Entwicklungen

Am 23. März erlebte die altehrwürdige Zentrale Baptistengemeinde Moskaus die Abschluß­feier einer der dienstlich erfahrensten Abgängerklassen in der Geschichte des europäischen Protestantismus. Sechzehn der 55 Superintendenten (Starschy Presbyter) der RUECB erhielten den theologischen Magisterabschluß des „Moskauer Theologieseminars“. Manche dieser Geistlichen verfügten bisher über keinen wissenschaftlichen Theologieabschluß. Im Laufe der vergangenen drei Jahre hatten sie sich vor allem im Fernstudium auf dieses Examen vorbereitet. Im Zusammenhang mit dem zweimal jährlich stattfindenden Unionsrat hatten sie eine zusätzliche Woche mit dem Studium vor Ort im Moskauer Seminar verbracht. Hauptgastredner bei dieser Feierstunde war der moldawische Pastor und Politiker Valeriu Ghiletchi (Chisinau), der gegenwärtig als Präsident der EBF fungiert.

 

Seit genau einem Jahr ist Alexei Smirnow als Präsident der RUECB im Amt. Beim Unionsrat, der bis zum 25. März andauerte, ging es nun in verstärktem Maße um Zahlen. Jewgeni Bakhmutski, der Leitende Vizepräsident der Union, versicherte: „Wir wollen ein wahres Bild von Entwicklungen innerhalb unserer Bruderschaft gewinnen. Wir möchten genau erfahren, wie es bei uns aussieht und wohin wir uns bewegen.“ Nach seinen Angaben gehe es vor allem darum, weitere Pastoren für den Gemeindedienst zu gewinnen.

 

Auf der Webseite der Missionsabteilung der RUECB ist zu erfahren, daß im Februar und März zwei Expeditionen unterwegs waren. Missionarische Expeditionen über Tausende von Kilometern haben sich gerade während der kältesten Jahreszeit bewährt – sie bestehen seit rund 10 Jahren. Dann gibt es im russischen Osten mehr Eis (d.h. feste Fahrtwege) und weniger Fliegen. Beide Expeditionen besuchten vor allem Gefängnisse und Straflager; die eine im Südwesten des Landes (Tambow, Woronesch, Tula und Belgorod z.B.), die andere in den zentralsibirischen Regionen von Krasnojarsk, Chakassien und Tuwa. Die Expedition im Westen machte am 24 März Schluß nachdem sie 21 Lager, drei Reha-Zentren und 15 Gemeinden besucht hatte. Da viele der Besuchten drogenabhängig sind oder waren, wird nicht nur geistliche Literatur verteilt, sondern auch Informationen über kirchliche Reha-Zentren, die nach der Entlassung aufgesucht werden können. Die Hörerzahlen bei Veranstaltungen in den Lagern schwankten zwischen vier und 250; die jüngsten Zuhörer in Sonderschulen waren erst 10 Jahre alt. Auch die angestellten Mitarbeiter waren oftmals mit von der Partie. Besonders effektiv bei der Verkündigung in Lagern sind Missionare, die selbst einst drogenabhängig oder inhaftiert waren.

 

Die RUECB, die größte einheitliche, protestantische Kirche Rußlands, vertritt fast 80.000 erwachsene Mitglieder in 1.750 Ortsgemeinden und Gruppen.

 

Dr.phil. William Yoder

Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB

Moskau, den 5. April 2011

 

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der Unionsleitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-05, 923 Wörter oder 6.594 Schläge mit Leerzeichen.

 

 

Je weiter von Moskau . . .

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Neueste Entwicklungen bei der Russischen Evangelischen Allianz

 

M o s k a u -- „Je weiter von Moskau, desto offener ist man für die Arbeit der Allianz.“ Diese nicht nur scherzhafte Bemerkung war zu hören auf einer Sitzung des nationalen Komitees der 2003 gegründeten Russischen Evangelischen Allianz in Moskau am 17. März. Obwohl die diesjährige nationale Konferenz der Allianz abgesagt werden mußte, reisten zwei Gäste aus Deutschland an: Baptistenpastor Ulrich Materne, (Wittenberge), Osteuropa-Beauftragter der Deutschen Allianz, sowie der lutherische Pfarrer Reinhard Holmer, Direktor des Evangelischen Allianzhauses in Bad Blankenburg/Thüringen. Pastor Wladimir Rjagusow, Baptist und Vorsitzender der Russischen Allianz, war aus Krasnodar zur Sitzung angereist.

 

Auf der Sitzung wurde festgestellt, daß gerade auf regionaler Ebene die Allianz-Arbeit Fortschritte zu verzeichnen habe. In mehr als 10 Städten gebe es interkonfessionelle Ortsgruppen, die sich als Teil der Weltbewegung der evangelischen Allianzen verstehen. Zu ihnen zählen – abgesehen von Gruppen in Fernost: Woronesch, Stary Oskol und Krasnodar im Südwesten, Nizhny Nowgorod an der Wolga, Perm und Izhewsk am Ural sowie Nowosibirsk, Kemerowo und Omsk in Sibirien. Dazu gehört auch die von Alexander Feditschkin geleitete Ortsgruppe Moskau.

 

Unmittelbar nach der Moskauer Sitzung reisten Rjagusow und die beiden deutschen Gäste zu Allianz-Versammlungen in Stary Oskol und Woronesch ab. In Woronesch versammelten sich am 19.3. 25 die Vertreter von nicht weniger als fünf Denominationen, um über Reflektionen zum Thema des „Vater Unser“ nachzudenken. Zählt man beide Orten zusammen, waren Lutheraner, Charismatiker, Pfingstler, Methodisten, Evangeliums­christen und Baptisten vertreten. Stary Oskol ist dafür bekannt, daß es fünf verschiedene baptistische Denominationen hat. Das sind vor allem autonome Gruppierungen – die Gemeinde der offiziellen „Russischen Union der Evangeliums­christen-Baptisten“ sowie die bekannten, nichtregistrierten „Initiativnki“ waren bei der Begegnung in Stary Oskol nicht dabei. Hauptgastgeber in Stary Oskol waren der autonome Baptist Wladimir Kotenjew und der Lutheraner Sergei Matiukh; in Woronesch war es der methodistische Pastor Igor Wolowodow.

 

Streckenweise kann diese fast nur von Freiwilligen geführte, 1846 entstandene Laienbewegung für die protestantische Zusammenarbeit auch in Rußland konkrete Fortschritte verzeichnen. Im ersten Jahr ihres Dienstes als Büroleiterin ist es der Moskauer Methodistin Swetlana Potschtowik gelungen, viel Geschäftliches bei der Russischen Allianz zu ordnen. Nun werden Reisen zu Tagungen im westlichen Ausland gründlich vorbereitet. Das Anlegen ausführlicher Adressendateien wird es der Allianz ermöglichen, verstärkt als eine Art „Google“ Vermittlungs- und Verbindungsdienste innerhalb Rußlands wahrzunehmen. Nun wird das russischsprachige Gebetsheft, das jedes Jahr vor Abhaltung der Allianz-Gebetswoche Anfang Januar erscheint, präzis verteilt. Die Auflage soll auf mindestens 15.000 erhöht werden. Wer als Gemeinde oder Gemeinschaft noch Exemplare wünscht, wird gebeten, sich direkt bei Frau Potschtowik zu melden: (+7 916 152 8089 oder „rea@pochta.ru“). Die nächste Gebetswoche der weltweiten Allianz soll vom 8. bis 15. Januar 2012 stattfinden.

 

Inzwischen funktioniert die neue Webseite der Russischen Allianz, allerdings unter einer neuen Adresse: „rea-moskva.org“. Die vergangenen Gebetshefte und einiges mehr sind auf dieser Webseite zu finden. Besonders beliebt ist der Pressespiegel (obsor), der dreimal wöchentlich auf der Nachrichtenseite erscheint. Allerdings sind die deutschen und englischen Seiten noch im Aufbau; Web-Redakteur ist der in Moskau und Belarus lebende US-Amerikaner William Yoder.

 

Die nächste Nationalversammlung der Russischen Allianz wird voraussichtlich am 15. März 2012 in Moskau unmittelbar nach dem Nationalen Gebetsfrühstück stattfinden. Dann ist ein Austausch zwischen Vertretern der regionalen Allianzen vorgesehen.

 

Ulrich Materne merkte in Moskau noch einmal an, daß sich die Allianz als eine Basisbewegung verstehe – als eine Bewegung von Laien und Pastoren an der Basis, denen „eine innere, geistliche Einheit der Christen am Herzen liegt“. Das wird nicht überall in Rußland gern gesehen, denn nicht wenige kirchenleitende Persönlichkeiten haben Angst davor, daß der Austausch zwischen Laien aus den verschiedenen Denominationen zu Abwerbung führen könnte.

 

Dr.phil. William Yoder

Pressedienst der Russischen Evangelischen Allianz

Moskau, den 29. März 2011

 

Eine offizielle Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz in Deutsch und Russisch. Meldung Nr. 11-04, 575 Wörter oder 4.321 Schläge mit Leerzeichen.

 

„Gott steht uns bei“

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Entscheidungen auf der Moskauer Synode der ELKER

 

M o s k a u -- Bei einem feierlichen Gottesdienst in Moskaus Sankt-Peter-und-Paul-Kathedrale am 12 März wurde Pfarrer Dietrich Brauer als Bischof der „Evangelisch-Lutherischen Kirche Europäisches Rußland“ (ELKER) eingeführt. Auf der vorhergehenden Synode der ELKER, die im Moskauer Vorort Puschkino stattfand, war Brauer einstimmig zum neuen Bischof der ELKER gewählt worden. Sein Stellvertreter wurde Propst Wladimir Proworow aus Uljanowsk/Wolga. Die ELKER ist eine der sieben Regionalkirchen der in St. Petersburg beheimateten „Evangelisch-Lutherische Kirche in Rußland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien“ (ELKRAS). Proworow ist gleichzeitig Präsident der gesamtkirchlichen ELKRAS-Synode. Erzbischof der ELKRAS ist August Kruse (St. Petersburg).

 

Brauers Wahl war für viele ein Einlaß zur Freude und Dankbarkeit. Der 28-Jährige gehört zu den jüngsten und wohl auch tatkräftigsten evangelischen Bischöfen Europas. Dieses Moskauer Amt hatte Siegfried Springer (geb. 1930)) von 1992 bis 2007 inne. Ihm folgte ein weiterer deutscher Staatsbürger, Edmund Ratz (geb. 1933), der bis 2010 gleichzeitig als Erzbischof der gesamten ELKRAS diente. Im Frühsommer 2010 nahm Brauer seinen Dienst als Bischöflichen Visitator am Dienstsitz Moskau auf – in den Jahren 2005-2010 hatte er mit großem Erfolg als Pastor im Raum Gusew/Gumbinnen, Gebiet Kaliningrad/Königs­berg gewirkt. Zum Erfolg dieses Dienstes hatte auch seine Ehefrau, die Pastorin Tatjana Petrenko, in entscheidendem Maße beigetragen. (Beide stammen aus der ehemaligen UdSSR.)

 

Allerdings hat der Bischof in seiner kurzen Moskauer Amtszeit Schweres zu bewältigen gehabt. Am 19. August 2010 nahm sich in Moskau ein lediges Gemeindeglied, der 26-jährige Andrei Pautow, das Leben. In den russischen Medien fälschlicherweise als Pastor bezeichnet, hatte sich Pautow seit Jahren zum Erhalt der alten deutschen Kirche in Gnadentau (Gebiet Wolgograd) eingesetzt.

 

Bald danach wurden Dimitri Lotow (geb. 1965) und Dietrich von Bülow-Sternbeck (geb. 1966) wegen des Verdachts moralischer Vergehen ihrer geistlichen Ämter enthoben. Lotow, bekannt als der Vertreter eines hochkirchlichen und stark sakramentalen Kirchenverständnisses, hatte seit 1997 als Pastor für den russischsprachigen Teil der Gemeinde von Peter-und-Paul gedient. Seit Herbst 2009 hatte Bülow-Sternbeck den gleichen Dienst für den deutschsprachigen Teil der Gemeinde verrichtet.

 

Auf der gerade stattgefundenen Synode in Puschkino wurde die Enthebung der Ordinationsrechte dieser beiden Männer bestätigt. Den Pfarrdienst für die beiden Gemeinden in Peter-und-Paul hat Andrei Bobylew übernommen. Doch Lotow widersetzt sich weiterhin dieser Beschlüsse. Wegen Beschwerden aus den Gemeinden u.a. mußte auch der langjährige Verwaltungs­leiter der ELKER, Alexander Zerr, von der Synode entlassen werden.

 

Auf der Synode meinte ein Pfarrer aus dem Wolgagebiet im vertraulichen Gespräch: „Ich denke, wir als Kirche machen eine geistliche Prüfung und einen geistlichen Reifungsprozeß durch. Ich bin optimistisch hinsichtlich der Zukunft. Gott wird uns beistehen!“

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 29. März 2011
Pressedienst der Russischen Evangelischen Allianz

 

Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, die offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-03, 416 Wörter oder 3.100 Schläge mit Leerzeichen.

Eine Stimme zugunsten der nationalen Eintracht

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In Moskau bemüht sich das Nationale Gebetsfrühstück um ein neues Format

 

M o s k a u – Am 15. März versammelten sich rund 200 Vertreter religiöser und säkularer Organisationen im exklusiven Moskauer „Präsident-Hotel”, um das 11. Gebetsfrühstück seit 1995 zu erleben. Es trug die Überschrift „Rußland – ein multinationales und multikulturelles Land“ und war vom leidenschaftlichen Aufruf des Nikolai Swanidse geprägt, sich der sozialen und ökonomischen Not der Jugend zu stellen. Swanidse, ein prominenter Fernsehjournalist und Vorsitzender der staatlichen „Kommission der Öffentlichkeitskammer für multinationale Beziehungen und Gewissensfreiheit“, geißelte den aggressiven, xenophobischen Nationalismus, der unter der Jugend immer mehr um sich greife. Millionen junger Menschen „leiden unter Armut, Rauheit, Gewalt und ungerechter Gerichte und suchen nach Wegen, ihre Aggressionen loszuwerden“. Der staatlichen Propaganda gegenüber der Jugend warf er vor, die Xenophobie zu fördern – sie sei „sagenhaft überflüssig und von nationalistischem Charakter“.

 

Swanidse wies darauf hin, daß die „patriotischen“ Gesellschaften und Medien Rußlands die japanischen Erdbeben als eine „gerechte Strafe für das Bedrängen der Kurilen-Inseln“, die direkt vor dem japanischen Hoheitsgebiet liegen, deuten. Daran erkennt er das gänzliche Vermissen von Barmherzigkeit gegenüber den Bedürftigen in Japan und anderswo. Diese inhumane Haltung beklagte er als „ein Ergebnis unseres moralischen Isolationismus, als ein nachimperiales Syndrom“. Es sprach sich darum für ein nationales Programm, das Menschen beibringt, sich gegenseitig zu achten, aus. „Das ist etwas, was unserem Lande fast gänzlich fehlt.“ Die Programme eines „sozialen Fahrstuhls“ könnten der Jugend mit Hoffnung für die Zukunft ausstatten. Auch Russen müßten lernen, daß wir alle vor allem erst einmal einfach Menschen seien, ohne ethnische oder konfessionelle Etiketten.

 

Einheit was das Gebot des Tages. Sergei Melnikow, Leiter des “Rats für die Zusammenarbeit mit religiösen Organisationen am Sitz des Präsidenten der Russischen Föderation”, erwähnte den terroristischen Anschlag auf Moskaus Flughafen Domodedowo am 24. Januar mit 37 Toten und 180 Verletzten. Dank der Blutspenden hatte sich „das Blut in den Adern der Überlebenden mit dem von Menschen aus allen Glaubensrichtungen vermischt“. Das symbolisiere die Existenz Rußlands als ein vereinigter und einziger Organismus. Akhmad Garifullin, ein Adjutant des leitenden Moskauer Muftis, wies darauf hin, daß der Sieg der Sowjetunion über den Faschismus nur deshalb möglich war, weil das Land wie ein einziger Organismus unabhängig von konfessionellen Grenzen gehandelt hatte. Die Herausforderungen der Gegenwart verlangten ein ähnliches Maß an Einigkeit. „Das Gebet ist die Waffe der Gläubigen. Im Kampf gegen den Terror sind unsere Reihen geschlossen..“

 

Nebenbei erläuterte Alexander Torschin, Stellvertretender Vorsitzender des Rates der Russischen Föderation (des Oberen Hauses), die traditionelle russische Aversion gegenüber dem Begriff „Toleranz“. Neben allen positiven Deutungen, wie Freundschaft und gegenseitiger Achtung, assoziiere der russische Mensch diesen Begriff mit einer unzulässigen Duldung  von „Ungerechtigkeit, Rauheit und Kulturlosigkeit“. Toleranz könne auch so ausgelegt werden, daß sie einem alles erlaube.

 

Das neue Format

“Wir Baptisten durften kein einziges Wort los werden!” klagte ein kirchlicher Mitarbeiter der Baptisten nach dem Ereignis. Bisher war das Gebetsfrühstück im wesentlichen ein Forum für die Selbstdarstellung der größten protestantischen Kirchen und Organisationen. Deshalb bedeutete das diesjährige Format, das die Vorträge und Grußworte auf Politiker sowie auf einen einzigen katholischen, muslimischen und jüdischen Vertreter beschränkte, ein völlig neuer Ansatz. Leitende protestantische Persönlichkeiten wie der Charismatiker Sergei Rjakhowski und der Pfingstler Eduard Grabowenko waren zum Schweigen verdammt; der mächtige Geschäftsmann, Bischof und ehemaliger Baptist Alexander Semtschenko war nicht einmal zugegen. Die einzigen Protestanten, die das Wort ergriffen, waren Pawel Sautow am Anfang und sein junger Vertreter, Wjatscheslaw Starnikow; am Ende. Beide stammen aus der kleinen „Russischen Assoziation selbständiger evangelischer Gemeinden“. Vor fast einem Jahr ersetzte Sautow den Baptisten Witali Wlasenko als Vorstandsvorsitzenden der „Stiftung Nationales Gebetsfrühstück“. Wlasenko ist gegenwärtig der stellvertretende Stiftungsvorsitzende.

 

Dank seines neuen, bisher unerprobten Formats litt dieses kleinere und kürzere Gebetsfrühstück an vereinzelten Geburtswehen. Allen russischen Sitten zuwider blieb man bei den Gebeten zumeist an den Tischen sitzen. Die Gebete der katholischen, jüdischen und muslimischen Vertreter schienen eher vorgelesen als gebetet zu werden.

 

Alexander Torschin, seit Jahren ein regelmäßiger Teilnehmer am Nationalen Gebetsfrühstück in Washington/USA, erläuterte in seinem kurzen Beitrag die beabsichtigte, neue Ausrichtung der russischen Bewegung. In Übereinstimmung mit dem nordamerikanischen Vorbild soll das Ereignis in erster Linie zu einer Veranstaltung von und für Politiker – und nicht für Kirchenvertreter - werden. Das hebt sich stark von den bisherigen protestantischen Veranstaltungen, die von einigen wenigen Politikern aufgesucht wurden, ab. Torschin zollte Barack Obama Anerkennung für seine Rede auf dem Washingtoner Frühstück am 3. Februar. Ohne jegliche Bezugnahme auf die Politik hatte der US-Präsident von seinem eigenen, persönlichen Glaubensweg berichtet.

 

Torschin kann sich nicht vorstellen, daß russische Politiker demnächst von ihrem persönlichen Glauben bezeugen werden. Er meint dennoch, daß recht bald mit Gebetstreffen in der russischen Duma und im Parlament begonnen werden könne. (Siehe seine russischsprachige Webseite: „www.torshin.ru“.) In seiner Rede am 15. März beschrieb er die Zusammenkünfte von kleinen Gruppen gläubiger Politiker als eine einigende Kraft, als „eine weiche Diplomatie“, die in einer höchst streitlustigen Gesellschaft die friedliche Lösung von Konflikten fördere. Ein Freund der Protestanten, Torschin hatte 2008 westliche Landwirte und Fachkräfte zur Rückkehr und Neubesiedlung eines Teils der Weiten Rußlands eingeladen.

 

Die Kritik am neuen Format des Frühstücks hängt mit der Befürchtung zusammen, das Ereignis werde nicht explizit christlich bleiben. Ewgeni Bakhmutski, Erster Vizepräsident der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“, beklagte in einem Interview, daß ihm bei den protestantischen Rednern ein christuszentrisches Beten fehlte. 

 

Zum ersten Mal seit Jahren war kein einziger orthodoxer Geistlicher in Sicht. Z.Zt. erklärt das Moskauer Patriarchat immer wieder, das bisherige Format des Gebetsfrühstücks laufe der orthodoxen Praxis zuwider. Gemäß orthodoxer Tradition müsse das öffentliche Beten orthodoxen Geistlichen überlassen werden; auch sei das gemeinsame Beten mit nichtorthodoxen Christen nicht vorgesehen. Folglich tritt die Orthodoxie für ein von ihr geführtes, interkonfessionelles Forum ein. Ein erstes öffentliches Treffen könnte noch in diesem Herbst stattfinden.

 

Dennoch geht die russische Gebetsfrühstücksbewegung noch lange nicht unter. Am 20. März fand in Sankt Petersburg ein ähnliches Frühstück statt; ein weiteres ist für Krasnojarsk/Sibirien im April vorgesehen. Das nächste Moskauer Frühstück soll am 13. März 2012 stattfinden.  

 

Dr.phil. William Yoder

Smolensk, den 21. März 2011

Diese Veröffentlichung will informieren und gibt nur die Meinung des Verfassers wieder. Meldung Nr. 11-02, 962 Wörter oder 7.329 Schläge mit Leerzeichen.

 

"Unsere Hände sind gebunden“

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Zur Lage der Jugend bei den nichtregistrierten Baptisten und Pfingstlern

 

Kommentar

 

M o s k a u -- Der Staat ist noch immer der Gegner für die nichtregistrierten Baptisten und Pfingstler der ehemaligen Sowjetunion - doch heute sind es größtenteils andere Staaten. Dank der Emigrationswelle, die bereits vor 30 Jahren einsetzte, befinden sich die staatlichen Gegner heute vor allem in Deutschland und im Nordwesten der USA. In Rußland verbleiben heute rund  25.000 erwachsene, nichtregistrierte Baptisten – etwa 16% der Zahl von 1966 für die gesamte UdSSR. Rund 100.000 evangelikale Baptisten und Pfingstler sind heute im Großraum Portland/Oregon versammelt; eine ähnliche Zahl hat es nach Sacramento in Kalifornien gezogen. Folgerichtig besitzen nichtregistrierte Baptisten heute den Namen: „Internationaler Gemeindebund – oder Rat - der Evangeliumschristen-Baptisten“.

 

Ein Bericht aus dem Raum Portland, der am 28. Februar vom Moskauer Pressedienst „Portal-Credo“ abgedruckt worden ist, beschreibt in erschüttender Weise die Seelenot eingewanderter russischer und ukrainischer Eltern, die nun in einem völlig neuen kulturellem Umfeld mit ihrem Nachwuchs zu Rande kommen müssen. Diesem Bericht zufolge führen zwischen 50 und 67% der eingewanderten Oberschüler ein Doppelleben. Vor und nach dem Unterricht ist ein längerer Aufenthalt auf der Schultoilette nötig, um sich entsprechend den Erwartungen der jeweiligen Umgebung zurechtzumachen.

 

Aber auch Drogen, Prostitution und Gewaltverbrechen sind im Spiel. David Klassen, Pastor einer slawischen Gemeinde in der Stadt Gresham/Oregon meinte: „Viele der älteren Generationen hatten einst wegen ihres Glaubens in sowjetischen Gefängnissen gesessen. Heute gelten ihre Kinder als Banditen und sitzen deshalb im Gefängnis. Natürlich bricht das die Herzen der Eltern.“

 

Der Wunsch nach Wohlstand hatte diese Menschen nach Übersee gelockt. Dazu zählte aber auch die Erwartung, ihren von der UdSSR geprägten Glauben in einer Umgebung frei von atheistischen und orthodoxen Drängeleien unverändert erhalten zu können. Doch offensichtlich machte man die Rechnung ohne den Wirt – die Kinder. Mit Leichtigkeit gelingt es der dortigen, kulturellen Dampfwalze, ihnen die Kinder abzutrotzen. Es hieß lapidar: „Die Auswanderung hat die Kluft zwischen den Generationen gesteigert.“

 

Die Abwehr einer eindringenden Umwelt durch das Zusammenhalten der Ortsgemeinde greift nicht mehr im nordamerikanischen Kontext. Ungeschulte Laienpastoren aus der Heimat sind für die Auseinandersetzung mit der neuen Gesellschaft nicht gewappnet. Diesen seelisch bedürftigen Familien wäre es auch eine Schande, bei säkularen, staatlich kontrollierten Sozialämtern um Hilfe nachzusuchen. Familienvater und Pastor - die Patriarchen - haben die Sache zu richten. Diese Neueinwanderer streben nach dem schnellen Geld auf Baustellen und in Autoschlossereien; die Frauen sollen sich um den vielköpfigen Nachwuchs kümmern. Eine längerfristige, kulturelle Einschulung ist nicht vorgesehen.

 

Eine leidende Mutter aus den ukrainischen Karpaten beklagte sich, ihre Kinder würden es mit einer Anzeige bei der Polizei quittieren, wenn sie ihnen eine körperliche Strafe androhe. In Amerika würden die Kinder die Eltern diktieren. Ein russischsprachiger Sozialarbeiter behauptete: „Manche Eltern fragen ihre Kinder nicht einmal nach den Hausaufgaben weil sie Angst haben, der Staat könnte ihnen die Kinder wegnehmen.“

 

Der Prozeß in Salem

Diese Angst ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. In der zweiten Jahreshälfte 2009 wurde die Welt im Internet (z.B. www.examiner.com) Zeuge eines Gerichtprozesses in Salem/Oregon, bei dem ein ukrainisches Paar mit sieben Kindern für mehr als sieben Jahre ins Gefängnis wanderte. Nach körperlichen Bestrafungen hatten sich die drei ältesten Kinder von Oleksandr und Liudmila Kozlov an die Polizei gewandt. Herzzerreißend war dann das Spektakel, als die sechs Minderjährigen im Prozeß gegen die eigenen Eltern aussagten. (Das siebte Kind war damals nur wenige Monate alt.) Eine der Überschriften bei der dortigen Presse lautete: „Vor Gericht rechtfertigen Eltern mit der Bibel den Kindesmißbrauch“. Mit bis zu 100 Protestlern am Verhandlungsort ergriffen vier benachbarte Aussiedlergemeinden für das angeklagte Paar Partei.

 

Gesteigert wurde das Strafmaß durch die beharrliche Nichteinsicht der Eltern. Die bibeltragende Liudmila Kozlova verglich sich mit dem alttestamentlichen Daniel, umgeben von Löwen und Feinden. An die gerichtlichen Weisungen und Gepflogenheiten hielt sich das Paar nicht. Ohne jeglichen Beleg warf der Vater den Staatsbeamten vor, die Kinder unter Drogen gesetzt und die Fotos der Prügelwunden per Photoshop digital verschlimmert zu haben. Ein Diakon aus ihrer Heimatgemeinde, der „First Slavic Church“, versicherte, wäre er – der Diakon - selbst betroffen, hätte er sich beim Anblick solcher Bilder und trotz Androhung einer Haftstrafe auch geweigert, sich bei der Polizei zu melden.

 

Schützenhilfe aus Übersee traf ein – auch aus Rußland. Ein Brief auf der Webseite des „Internationalen Gemeindebundes“ (http://iucecb.com) vom 26. August 2009 an den US-Präsidenten Barack Obama beschwor die völlige Schuldlosigkeit des Ehepaares. Diese überwiegend russischsprachige Webseite wird immer mehr von Protesten gegen die Maßnahmen westlicher Staaten geprägt. Sie tritt auch für die Rechte jener Eltern ein, die in Deutschland für die Heimbeschulung eintreten. In einem Brief an die deutsche Bundeskanzlerin vom 19.2.2011 heißt es bezüglich sieben zu kurzen Haftstrafen Verurteilten: „Wir sind sehr besorgt über die Verfolgung unserer Brüder und Schwestern im Glauben . . .  aus Salzkotten. Sie werden dafür verfolgt, daß sie ihre Kinder im christlichen Glauben und Gehorsam gegenüber Gottes Wort zu erziehen versuchen. Sie haben nicht zugelassen, daß ihre Kinder am Sexualkundeunterricht und an gottlosen Theateraufführungen teilnahmen.“

 

Resumee

Erst recht durch die Vorfälle in Salem 2009 wird der alte Leidensweg der nichtregistrierten Kreise der Sowjetunion kompromittiert. Waren diese Menschen tatsächlich wegen ihres Glaubens verfolgt worden, oder hatte man damals mitunter die eigenen (sub)kulturellen Normen mit Glauben verwechselt? Danach sieht es in den USA aus – war es in der alten Sowjetunion wirklich immer ganz anders gewesen? Ist diese Verwechselung erst nach 1990 entstanden?

 

Es ist viel Tragisches dabei. Eltern haben nach eigenem Verständnis das Beste für ihre Kinder gewollt – doch das Ergebnis waren Haftstrafen. (Das kann ich aber im konkreten Falle Salem nicht beurteilen.) Natürlich fühlen sich die nichtregistrierten Baptisten und Pfingstler von Liebe bewegt – doch die andere Seite kann das als Verachtung empfinden. Ein US-Missionar in Rußland behauptet sogar, die Beziehungen der Nichtregistrierten zu anderen Evangelikalen seien „durch Haß“ geprägt. Offensichtlich können Absicht und Ergebnis weit auseinander klaffen. „Unsere Hände sind gebunden“, meinte die betroffene Mutter aus den Karpaten. Der Satz läßt sich wahrlich mehrfach deuten; er kann neben Trauer auch Freude und Erleichterung auslösen.

 

Diese Entwicklungen sind allerdings nicht neu – schon Anfang der 90er Jahre wurde u.a. aus Pennsylvania über Spannungen zwischen den Aussiedlergenerationen berichtet. Es sind aber auch Hoffnungszeichen in Sicht. Olga Parker, eine Therapeutin bei den „Lutheran Community Services Northwest“, meinte z.B., daß die Flexibilität ein Schlüssel zum Erfolg sei. „Russischsprachige Eltern müssen verstehen, daß ein gegenseitiges Einvernehmen wesentlich wichtiger sei als Strenge und Genauigkeit.“

 

Dr.phil. William Yoder

Moskau, den 16. März 2011
Pressedienst der Russischen Evangelischen Allianz

 

Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-01, 1.036 Wörter oder 7.458 Schläge mit Leerzeichen.

Eine Mitteilung aus der Baptistenzentrale:

Ruwim Woloschin, Missionsdirektor bei der “Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten”, hat sich für mindestens ein Jahr beurlauben lassen. Einstweiliger Missionsdirektor ist Mikhail Zhdan. Woloschin wird weiterhin als ein Pastor in der „Zweiten Baptistengemeinde“ Moskaus fungieren.

 

Eine Stimme aus der Wüste und eine Stimme aus dem Kreml?
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Zur Debatte zwischen den evangeliumschristlichen Baptisten Juri Sipko und Alexander Semtschenko
 
M o s k a u -- Im Februar 2008 kam es zum Bruch zwischen dem Geschäftsmann Alexander Semtschenko und der Leitung der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“. Mit dessen Folgen ist die RUECB bis heute konfrontiert. Nachdem Semtschenko die Sicherheitskräfte seiner Baufirma „Teplotechnik“ eingesetzt hatte, um ein wildes Lager der Gegner einer Waldrodung zu sprengen (siehe unsere Meldung vom 18.8.2010), nahm der öffentliche Disput zwischen ihm und Juri Sipko, bis März 2010 Präsident der RUECB, seinen Lauf. Im dissidentisch-orthodoxen Nachrichtendienst „Portal-Credo“ am 8. Oktober 2010 bezeichnete der Ex-Präsident es als „Unsinn“, daß ein Unternehmer gleichzeitig Bischof sein könne. (Semtschenko ist seit 2008 Bischof der kleinen „Union der Kirchen der Evangeliumschristen“.) Über Semtschenkos kirchliche Mitarbeiter meinte Sipko damals: „Dutzende der heiligen Lehrer des Evangeliums werden aus seiner Hand gefüttert. Der Klang des Geldes übertönt das Gewissen. Dieser schwarze Fleck liegt auf den Verkündigern des Evangeliums.“ Sipko setzte mit zwei Interviews in Portal-Credo am 16. und 28. September 2011 nach; Semtschenko reagierte erstmals mit öffentlicher Kritik in einem Interview mit demselben Nachrichtendienst am 6. Oktober 2011.
 
Für die vielen Unzufriedenen ist Juri Sipko eine mutige und prophetische Stimme. Im Interview mit Semtschenko am 6. Oktober schrieb Portal-Credo: „Die russische Gesellschaft wartet noch auf Worte der Wahrheit, der Moral und der politischen Reife von ihren religiösen Vertretern. In einem solchen, prophetischen Stile tritt Pastor Juri Sipko auf.“ Doch Semtschenko, womöglich der einzige, protestantische Oligarch des Landes, erwiderte: „Alle seiner Reden verraten nur eins: Ressentiments.“ Er halte sich für „den großen Führer einer großen protestantischen Union“, doch die Staatsmacht „wollte mit ihm keine Verbindung eingehen“. Sipko selbst gab zu, kein Vertrauter der Mächtigen zu sein und meinte in einem seiner Interviews: „Ich beobachte von zu Hause aus die politischen Prozesse ein wenig.“
 
Die Position einer Fundamentalopposition, die Sipko vertritt, ist deutlich zu vernehmen im Interview vom 28. September vier Tage nachdem Wladimir Putin angekündigt hatte, abermals für das Amt des Staatspräsidenten zu kandieren. Er geißelte den Widerstreit zwischen Putin und Dmitri Medwedew als abgekartetes Spiel und „Theater“ und versicherte: „Für Putin und Medwedew ist die Lüge ein fundamentales Mittel der Staatslenkung.“ Er folgerte: „Ein wertefreier Mensch hat nicht das Recht, einen Staat zu führen. Beide Jungens in diesem Tandem haben ihren Anspruch auf die Macht verwirkt.“
 
Im Interview vor einem Jahr hatte Sipko versichert: „Wer reich ist in Rußland ist auch Dieb. Der Reiche in Rußland ist unehrlich, ein Betrüger und Lügner. Ein Dieb bekämpft den nächsten Dieb; der Verbrecher schützt sich vor anderen Verbrechern. Dies trifft für alle Reichen in Rußland zu – auch für solche, die heute vorgeben, den Geist, die Ehre und das Gewissen der Nation zu repräsentieren.“ Über die Ausgeschlossenen hieß es ein Jahr danach: „Wer nicht stirbt, reist aus.“ Doch zur Lösung der gesellschaftlichen Krise hebt der ehemalige Präsident auch die geistliche Option hervor: „Wir alle bedürfen der Bekehrung. Ich glaube an die Gnade Gottes.“
 
Die Antwort Semtschenkos
In seiner Erwiderung am 6. Oktober gab sich Semtschenko betont staatsmännisch. Mit globalen Vorwürfen wie „politisches Theater“ konnte der Unternehmer nichts anfangen. Auch den Vorwurf „Lüge“ hielt er für eine unzulässige Pauschalisierung. Schließlich seien alle Politiker von Rang kraft ihres Amtes gezwungen, nur mehr-oder-weniger die ganze Wahrheit zu sagen. Somit sei für ihn der Vorwurf der Lüge „sehr, sehr subjektiv“.
 
In seinen Beiträgen listete Sipko die respektablen, oppositionellen Politiker auf, die durch die Staatspartei Putins kaltgestellt worden sind. Doch Semtschenko hielt dagegen, es gebe in der heutigen Duma keine oppositionelle Partei, die für Protestanten hinnehmbar wäre. Den Nationalisten Wladimir Schirinowski und KP-Chef Gennadi Sjuganow bezeichnete er als „schrecklich“. In Boris Jelzin sah Semtschenko einen sympathischen Menschen, „der sich jedoch als Politiker schwach erwies“ und die Russen beinahe um ihr Land gebracht hätte. Im Interview vom 6. Oktober setzte Semtschenko noch eins drauf: „Ich erachte in Putin einen großen Segen für Rußland. Er ist ein Symbol der Stabilität und des Fortschritts.“
 
Von der gegenwärtigen Opposition erwartet der Kirchenmäzene wenig Gutes: „In dieser Opposition versammeln sich vor allem Unwillen und Haß auf die staatlichen Strukturen.“ Er meinte ferner, für das miese Verhältnis der Protestanten zum Staat seien sie selbst mitverantwortlich. Im Gegensatz zur Orthodoxie sei es „ihnen noch nicht gelungen, ihr eigenes Verhältnis zum Staat auszuformulieren“. Der Unternehmer versicherte ferner, man könne ihm „der Untätigkeit nicht vorwerfen, denn von allen setzte ich mich am häufigsten und am konkretesten mit der Staatsmacht auseinander“. Die Behauptung, er selbst sei kein prinzipienloser Opportunist, untermauert Semtschenko häufig mit dem Hinweis, er sei – etwa im Gegensatz zu Sipko – zur Sowjetzeit inhaftiert gewesen (1982). 
 
Gemeinsam mit dem Charismatiker Sergei Rjakhowski, dem Bischof der  2.000-Gemeinde-starken „Vereinigten Russischen Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“, sieht er es als seine Aufgabe an, in politischen Kreisen für Verständnis gegenüber der kleinen, oftmals unsichtbaren protestantischen Bewegung zu werben. „Wir leiten eine große Arbeit zur Zusammenführung der russischen Protestanten.“ Für staatliche Kreise sollen die protestantischen Kirchen ein attraktiver und hilfreicher Partner werden. „Das heißt aber nicht, daß wir uns einfach der Autorität des Staates unterwerfen und allen seinen Forderungen und Launen folgen sollten.“
 
Resümierend versicherte der Geschäftsmann: „Unser Staat hat nicht die Absicht, den Protestantismus zu vernichten.“ Das Hauptproblem seien vielmehr Möchtegern-Konvertiten in den Reihen der Orthodoxie, die meinen, der Kirche am ehesten einen Dienst zu erweisen, indem sie „die Physiologie eines protestantischen Pastors polieren“. Auf weiterführende Gedanken kämen sie nicht. Zur Dissonanz innerhalb der protestantischen Reihen sowie im Verhältnis der Protestanten zur Gesellschaft meinte er: „Leider ist die Kultur des Dialogs in Rußland noch stark unterentwickelt. Deshalb müssen wir damit beginnen, aufeinander zu hören und einander zu verstehen.“
 
Die heutige von Alexei Smirnow geleitete RUECB agiert vorsichtiger als die beiden hier beschriebenen Kontrahenten. Leitender Vizepräsident Jewgeni Bakhmutski hat wiederholt dazu aufgerufen, auf politische Äußerungen zu verzichten. Witali Wlasenko, deren Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen, sagte: „Wir wollen uns weiterhin bemühen, Brücken zu staatlichen und orthodoxen Stellen zu schlagen.“
 
Semtschenkos neueste Projekte
Vor Monaten verkündete das Moskauer Patriarchat die Absicht, 600 neue Kirchen im Moskauer Raum zu bauen. Nach heftigen Protesten seitens der Bürger und staatlichen Bedenken wurde die Zahl auf 200 zurückgefahren. Inzwischen wird an 18 Baustellen gehämmert. Am 4. Oktober dankte das Kirchenoberhaupt, Patriarch Kirill, der Firma „Teplotechnik“ dafür, „daß sie nicht nur der Hauptauftragnehmer sondern auch der Hauptsponsor des Kirchenbaus in Weschnjaki sein wird“. Hiermit will der Unternehmer Semtschenko zweifellos auf die ihm eigene Art und Weise neue Brücken schlagen.
 
Trotz aller finanziellen Engpässe im eigenen Mitarbeiterstab hat Semtschenko auch Portal-Credo eine größere Spende zukommen lassen. Bisher war diese Agentur sehr viel stärker dem politischen Lager des Ex-Präsidenten Sipko zuzuordnen gewesen.
 
Dr.phil. William Yoder
Moskau, den 31. Oktober 2011
Pressedienst der Russischen Evangelischen Allianz
“rea.org@mail.ru” oder “kant50@gmx.de”
Webseite „rea-moskva.org“
Handy von Yoder in Moskau: +7 916 381 2273
 
Eine Veröffentlichung der Russischen Evangelischen Allianz. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine offizielle Meinung der Allianz-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 11-22, 1.057 Wörter oder 7.646 Schläge mit Leerzeichen.
 
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Weitere Informationen:
Bei der Jahreskonferenz der „Euro-Asiatischen Föderation der Unionen der Evangeliumschristen-Baptisten“ (EAF) in Kiew am 18.-19.10. wurde der Beschluß gefaßt, eine neue baptistische Union aus Georgien als Mitglied aufzunehmen. Sie besteht aus 24 Gemeinden; ihre feierliche Gründung soll erst im November kommenden Jahres vor Ort in Georgien begangen werden. In Georgien besteht bereits die von Erzbischof Malkhaz Songulashvili geleitete „Evangelische Baptistenkirche Georgiens“ mit 75 Ortsgemeinden. Diese neue Union wird eher traditionell und slawisch geprägt sein. Nun wird bis auf weiteres eine georgische Union der EAF angehören, die zweite – die Kirche Songulashvilis – der in Prag beheimateten „Europäischen Baptistischen Föderation“. (Die größten baptistischen Unionen in der Ukraine und Rußland gehören beiden Organisationen an.)
 
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