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Nachrichten 2009
Geehrte Freunde!
 
Die “Associated Baptist Press” aus Florida/USA hat uns um mehrere Antworten gebeten. Folglich haben wir beschlossen, den Text auch unserem üblichen Leserkreis zukommen zu lassen. Wir wünschen allen ein frohes und gesegnetes Fest!
 
Der jährliche Spagat zu Weihnachten
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Über das Begehen der Feiertage in Rußland
 
M o s k a u --
 
1. Welche Bedeutung hat Weihnachten in der russischen Gesellschaft?
 
Erst jetzt entdecken die Russen Weihnachten wieder. Es gab überhaupt kein offizielles Begehen von Weihnachten in Rußland zwischen 1925 und 1992. Doch einige Weihnachtsbräuche wurden stillschweigend auf das Neujahrfest übertragen, um ihnen das Überleben zu sichern. Erst jetzt werden sie nach und nach auf das Weihnachtsfest zurück- (oder vorwärts!) übertragen. Die Wiedereinfuhr wird dadurch erschwert, daß Weihnachten, Neujahr und meistens auch Ostern zweimal begangen werden müssen. Lenin hat 1918 den gregorianischen Kalender von 1582 eingeführt, doch die orthodoxe Kirche hält sich weiterhin an den julianischen, nach dem der 25. Dezember an dem Tag stattfindet, den der westliche Kalender für den 7. Januar hält. Gegenwärtig beträgt der Unterschied zwischen beiden Kalendern 13 Tage. (Der julianische Kalender stammt von 45 vor Christus.)
 
Als Erbe der Sowjetära bleibt Sylvester – gefeiert nach dem weltweit anerkannten, gregorianischen Kalender – der Hauptfeiertag des Jahres. Der 25. Dezember ist kein offizieller Feiertag in Rußland, und erst zwischen dem 1. und 14. Januar wird kräftig gefeiert. Man sagt, zwischen Neujahr und dem „alten Neujahr“ (vom 1. bis zum 14. Januar) stehen die Räder in Rußland still.
 
2. In welcher besonderen Art und Weise feiern russische Baptisten Weihnachten?
 
Die Kirchen westlichen Ursprungs, in denen weiterhin die ethnischen Minderheiten beheimatet sind – die Katholiken, Lutheraner und Mennoniten z.B. - begehen Weihnachten fast ausschließlich am 25. Dezember. Andere, wie die Baptisten, die Wert auf ihre russische Identität legen, feiern zweimal. Wie Baptisten mit dem Kalender-Spagat zu Rande kommen, hängt von der Fantasie und Kreativität der baptistischen Führung vor Ort ab. Ein Freund teilt mit, in seiner Baptistengemeinde würden die letzten Stunden vor Mitternacht am 24. Dezember und am 31. Dezember auf den Knien im Gebet verbracht.
 
In seiner Baptistengemeinde feiert die Familie am Abend vom 24. Dezember, und der Hauptgottesdienst des Jahres findet am 25. statt. Baptisten benutzen den 7. Januar oftmals als Anlaß zur Evangelisation: Menschen werden von der Straße weg zum Gottesdienst eingeladen. Abends am 24. Dezember oder am 6. Januar werden Weihnachtslieder auf der Straße gesungen. Das passierte auch in den letzten Jahren der Sowjetunion, doch das Musizieren geschah oftmals nur im Gehen.
 
3. Was gefällt Ihnen an der russischen Weihnacht am meisten?
 
Die Weihnachtsgeschenke in Rußland bleiben bescheiden; ein Einkaufsrausch von mehrwöchiger Dauer bleibt aus. Auch der Advent mit seinen vier Sonntagen kommt kaum vor. Aber es gibt Geschenke für die baptistischen Kinder am 24. und dieser Abend ist bei den meisten baptistischen Kindern und Eltern die Sternstunde des Jahres.
 
Der Abend vom 6. Januar ist eine hervorragende Zeit für Baptisten wie mich, eine orthodoxe Kirche aufzusuchen. Dann wird die ganze Nacht hindurch gesungen. Der Kerzen strahlen und die getragenen, fast traurigen und höchst melodischen Lieder der orthodoxen Tradition erschallen bis in die morgigen Stunden hinein. Eigentlich passiert fast das Gleiche auch zu Ostern bei den Orthodoxen.
 
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 10. Dezember 2009
baptistrelations@yandex.ru
www.baptistrelations.org
Tel/Fax: 007-495-954-9231
 
Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 09-39, 467 Wörter oder 3.181 Anschläge mit Leerzeichen.





Die klassische Musik hält durch
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Institut und Chor „Logos“ sind der Beweis

Reportage

M o s k a u – Im russischen Baptismus haben Anbetungsteams und der christliche Pop gemischten Chören und Streichensembles noch nicht den Garaus gemacht. Ewgeni Semjonowitsch Gontscharenko, der 59-jährige Gründer und Direktor des musikalischen Dienstes „Logos“, versichert: „Ich meine, Rußland werde einen anderen Weg einschlagen. Bei uns gibt es eine andere Kirchenkultur und der orthodoxe Einfluß ist beachtlich. Wir werden um den Erhalt unserer Kirchenlieder, Chöre und Orchester kämpfen.“ Charismatiker (nicht Pfingstler) sind auch in Rußland dafür bekannt, traditionelles, kirchliches Liedgut zu verpönen. Doch erzählt Gontscharenko gerne von einer charismatischen Gemeinde mit 1.000 Seelen in der Stadt Jaroslawl, die ein Mitglied nach Moskau zum Studium bei Logos entsandte. „Sie war damals der beste Student(in), und heute verfügt die Gemeinde über einen Chor!“

Am 21. November führten Logos und sein “Institut für sakrale Musik” zu ihrem 30-jährigen Bestehen eine Arbeitskonferenz an ihrem Stammplatz, der Moskauer „Zweiten Baptistengemeinde“, durch. Ehemalige Studenten und Dozenten erschienen aus fernen Winkeln der einstigen Sowjetunion, um vergangene Zeiten hochleben zu lassen und über die neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen zu berichten. Der 23. Jahrgang bekam seine Abschlußdokumente ausgehändigt. In diesem Jahr führte Logos Konferenzen ebenso in Samara, Nizhni Nowgorod und St. Petersburg durch.

Neben seinem Studienangebot verfügt Logos über zwei Chöre – einer davon ist ein Jugendchor. Am 28. November (dem internationalen Muttertag) führte einer von ihnen in Kubinka westlich von Moskau ein Festkonzert mit 350 Teilnehmern durch. Das Ereignis wurde von der Kommune veranstaltet und nicht wenige Armeeoffiziere waren zugegen. Die Bedingungen und das Ergebnis waren für das heutige Rußland typisch. Der Direktor berichtet: „Die Stadtväter flehten uns an, das Wort ‚Baptist’ nicht vorkommen zu lassen. Also traten wir im Namen eines christlichen Kulturzentrums namens ‚Logos’ auf. Vom Konzert waren alle begeistert.“ Nachher entschuldigten sich die städtischen Gastgeber für ihre Scheu: „Wie konnten wir denn überhaupt Angst haben!“

Der Chor Logos ist schon häufig außerhalb der Grenzen Rußlands aufgetreten. Er trat bei den baptistischen Feierlichkeiten „Amsterdam 400“ im vergangenen August auf und hat bereits Holland, Deutschland, Schweden, Ungarn, Finnland und Estland mehrmals besucht. Dreimal machte er in Großbritannien Station. Doch die wohl unvergeßlichste Fahrt war eine euphorische Blitztour durch die USA 1990, die 43 Auftritte innerhalb von 28 Tagen beinhaltete.

Aber der Spaß ist mit Schweiß gekoppelt. Das Bildungsprogramm von Logos besteht aus einem Fernstudium, das mit drei zweiwöchigen Seminaren pro Jahr verbunden ist. Der Studiengang dauert vier Jahre und wird meistens mit dem Bachelor-Abschluß beendet. Eine ganze Palette von theoretischen Fächern wird angeboten sowie Musikkomposition, Chor- und Orchesterleitung, Soloauftreten, Klavierimprovisation und kirchliches Theater. Klassische Gitarre wurde kürzlich hinzugefügt; beim nächsten Seminargang im März soll Geigenunterricht hinzukommen.

Die Kerngruppe besteht aus sieben oder acht Honorarkräften, die zum Teil verdiente Professoren auf staatlichen Hochschulen sind. Doch auf Grund der bescheidenen Honorare kann die Arbeit bei Logos nur als Liebesdienst, der weit über eine Pflichtkür hinausreicht, bewertet werden. Das Institut hat guten Kontakt mit staatlichen Konservatorien und befindet sich gegenwärtig in einem langwierigen Prozeß zur Erlangung der staatlichen Akkreditierung. Viele Absolventen sind als Lehrer in staatlichen Schulen tätig – russische Baptisten verfügen über keine vollamtlichen Kantoren. Ein Abschluß bei Logos gilt als i-Tüpfelchen; bei Abgängern besteht er meistens zusätzlich zu den üblichen, national anerkannten Musikabschlüssen.

Studenten aus vielen Winkeln Rußlands und Zentralasiens besuchen das Moskauer Institut, doch Logos verfügt auch über Filialen in Prokhladny (Nordkaukasus), Krasnodar, Nowosibirsk und Almaty (Kasachstan). Die Filiale in Omsk wird von Gontscharenkos Sohn Timofei geleitet. Kleine Musikschulen, die von mennonitischen Aussiedlern im Raum Bielefeld eröffnet worden sind, könnten als inoffizielle Filialen gelten. In den ersten Jahren arbeitete Ewgeni Gontscharenko viel mit Mennoniten und Pfingstlern zusammen. Als Pastorensohn wuchs er in Frunse (heute Bischkek/Kirgistan) auf; er studierte in Almaty. An beiden Orten lebten damals Tausende von Mennoniten.

Allein in Moskau haben bereits rund 400 Studenten das Institut absolviert. Nimmt man die Filialen hinzu, erhöht sich die Zahl auf 500. Doch Logos befaßt sich nicht nur mit Musik. Kurse über die Bibel und musikspezifische Fragen der Theologie sind bei allen Studierenden Pflicht. Obwohl Dozenten wie Michail Iwanow vom baptistischen „Theologieseminar Moskau“ Kurse bei Logos durchgeführt haben, bestehen keine offiziellen Beziehungen zu irgendeinem Seminar. Der Baptist Boris Berezhnoi (Moskau) lehrte bei Logos während der 80er Jahre bis er 1990 sein eigenes Volksensemble „Blagowestie“ (Verkündigung) ins Leben rief. (Siehe hierzu unsere Meldung Nr. 51 vom 28.11.2007.)

Logos hat seinen eigenen Verlag und veröffentlicht neben einer Zeitschrift, Noten und Literatur zu Themen der Musik, auch theologische und kirchenhistorische Werke. Das Werk hat eine Konferenz zum Wirken von Iwan Prokhanow (1869-1935) abgehalten und kürzlich Bücher über ihn und andere Gründungsväter des russischen Baptismus publiziert. Eine feste Säule der Verlagsarbeit war der Mennonit Clyde Weaver aus Pennsylvania/USA, der 1995 verstarb. Heute ist der Kirchenhistoriker Wladimir Popow stark in der theologischen Arbeit von Logos engagiert. Die „Russische Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB) selbst verfügt über keinen Verlag.

Aus der musikalischen Arbeit von Logos haben sich gute Beziehungen zur russischen Intelligenz ergeben. Eine Bibelstunde am Mittwochabend hat ihnen die Chance gewährt, sich mit baptistischem Gedankengut auseinanderzusetzen. Ein langjähriger Musikdozent bei Logos ist orthodoxen Glaubens, ein anderer ist römischer Katholik.

Die Anfänge
Eingangs mußte sich die musikalische Arbeit von Ewgeni Gontscharenko im Stillen abspielen. Geheime Unterrichtseinheiten wurden u.a. in Odessa, Kiew und Taschkent durchgeführt. Doch die Unterstützung seines Bundes für die Arbeit nahm zu und nach einem Gesuch beim sowjetischen „Rat für religiöse Angelegenheiten“ wurden 1979 Kurse offiziell genehmigt. Ein erstes, öffentliches Seminar wurde abgehalten. Logos fing mit Fernkursen an – genau wie 12 Jahre zuvor der Kirchenbund mit dem Theologieunterricht begonnen hatte. Dennoch hielt der staatliche Widerstand an. Der Direktor beschreibt dessen Haltung wie folgt: „Wir haben öffentliche Hochschulen. Bemühen Sie sich dort um einen Studienplatz.“ Doch bekennenden Christen wurde nur selten ein Studienplatz gewährt.

Ende der 70er Jahre zog Goncharenko nach Moskau. Logos’ erster Westkontakt von bleibender Bedeutung wurde 1985 mit Ron und Patricia Owens, musikalischen Missionaren beim südbaptistischen „Foreign Mission Board“, geschlossen. Das Ehepaar, das heute als Pensionierte im Bundesstaat Arkansas lebt, unterrichtete bei Logos. Manche seiner Lieder und Theaterstücke wurden übersetzt, werden heute von Logos benutzt und auf den CDs seiner Chöre verbreitet.

Der Direktor hält den Austausch mit Studenten und Dozenten für den angenehmsten Aspekt seines Dienstes. Er erzählt: „Die Tage vergehen wie im Flug wenn wir uns zu Seminaren versammeln.“ Logos ist nun einmal sein Lebenswerk gemeinsam mit seiner Frau Ludmilla. Ihr Leben ist ohne diesen Dienst nicht vorstellbar.

Das größte Problem von Logos liegt im ständigen Kampf um seine Finanzierung. Gontscharenko gibt an, daß nur 40% der Studienkosten durch Studiengebühren gedeckt seien; die RUECB fördert das Institut nicht. Westliche Quellen spielten bisher eine unentbehrliche Rolle. Doch Logos befaßt sich nicht mit Gemeindegründungen und das ist die Priorität ersten Ranges bei den meisten westlichen Missionsgesellschaften. „Unser nächstes Seminar beginnt im März,“ sagt der Direktor lächelnd, „doch von woher das Geld kommen soll, wissen wir noch nicht.“

Trotz der bescheidenen Zahl der Studenten von außerhalb Rußlands, die auf die Auflösung der Sowjetunion zurückzuführen sei, ist keine Studentenverknappung zu vermelden. „Es gibt bereits 15 Bewerbungen für März, und wir haben noch gar keine Einladungen an die Gemeinden versandt,“ berichtet Gontscharenko. Der Kurs kann höchstens 40 Studenten aufnehmen. Eine gewisse Zahl steige wieder aus, räumt er ein, doch das Institut habe nicht die Absicht, seine hohen Anforderungen zurückzuschrauben. Beide Söhne des Ehepaars, Timofei und Kirill, sind in der musikalischen Arbeit von Logos engagiert. Das Phänomen Anbetungsteam möge eine gewisse Bedrohung darstellen, doch die Zukunft von Logos scheint von noch langer Dauer zu sein.

Logos verfügt über eine russischsprachige Webseite: “www.center-logos.ru”. Achtung: YouTube bietet diesen Chor sowie einen weiteren, orthodoxen Chor gleichen Namens an.

Dr. phil. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 7. Dezember 2009
baptistrelations@yandex.ru
www.baptistrelations.org
Tel/Fax: 007-495-954-9231
Handy von Yoder in Moskau: 007-906-075-7199

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 09-38, 1.241 Wörter oder 9.096 Anschläge mit Leerzeichen.



Ein Aufruf zu gemeinsamen, orthodox-protestantischen Anstrengungen
Russische Baptisten nehmen zum gewaltsamen Tod eines orthodoxen Geistlichen Stellung
 
M o s k a u – In einem Kondolenzschreiben an Kirill, den Patriarchen der Russischen Orthodoxen Kirche, am Tage nach der Ermordung eines Priesters, rief Juri Sipko, der Präsident der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB), zum gemeinsamen Einsatz und Gebet auf. Ziel sei es, „aufkommenden, negativen Tendenzen in der Gesellschaft entgegenzuwirken“. Daniel Sysojew, ein 35-jähriger Ehemann und Vater dreier Töchter, war kurz vor Mitternacht am 19. November auf dem Hof seiner Moskauer Kirche aus nächster Nähe erschossen worden. Sein Chorleiter wurde schwer verletzt.
 
„Was soll noch aus unserer Gesellschaft werden,“ fragte Witali Wlasenko, Direktor für kirchliche Außenbeziehungen bei der RUECB, in einem Gespräch nach dem Vorfall. „Nicht einmal ein Priester kann sich auf seinem Kirchengelände sicher fühlen! Die Leiter unserer Kirchen müssen zusammenkommen und gemeinsam darüber beraten, wie der gegenwärtigen Gefahr am besten beizukommen sei.“
 
In einer weiteren Stellungnahme rief RUECB-Missionsleiter Ruwim Woloschin zu gemeinsamen, orthodox-protestantischen Anstrengungen auf, um den gegenwärtigen staatlichen Vorstoß zur Drosselung missionarischer Aktivitäten aufzuhalten. „Auf den Gängen der russischen Macht wird eine neue Gesetzgebung über missionarische Tätigkeiten vorbereitet. Das ist absurd! Wir setzen solche unter Druck, die andersartig sind, und verfolge jene, die uns segnen.“ Dabei zitierte Woloschin den Kirchenvater Tertullian: „Das Blut der Märtyrer ist der Samen der Kirche“, und stellte Sysojews Tod in eine Reihe mit der Tötung des beliebten und toleranten Priesters Alexander Men im September 1990. Woloschins Brief schließt mit der Zusicherung: „Wir sehen uns wieder an den Füßen des Heilands.“
 
Wlasenko beschrieb die baptistische Reaktion in diesen beiden Briefen als einen Ausdruck tiefster Trauer. Sysojew war als orthodoxer Fundamentalist bekannt, der häufig gegen „Sektierer“ wie Adventisten und Zeugen Jehovas auftrat. Doch Wlasenko versicherte: „Vater Sysojew hatte das Recht auf eine eigene Meinung. Ihm stand das Recht zu, uns oder die Mormonen zu kritisieren. Und das hätte niemals seine Tötung gerechtfertigt! Unsere Äußerungen zu seinem Gunsten sollten als Unterstützung der Glaubensfreiheit gewertet werden.“
 
Trotz Äußerungen ernsthafter Trauer seitens des Patriarchen ist festzustellen, daß Sysojew auch der orthodoxen Hierarchie kein einfacher Mitarbeiter war, denn er fungierte außerhalb der Grenzen „politischer Korrektheit“. In Moskau missionierte er unter muslimischen Gastarbeitern aus den zentralasiatischen Nachbarstaaten und behauptete, sogar 80 von ihnen getauft zu haben. Verschiedentlich geißelte er die islamische Welt als die „grüne Pest“ und verfaßte ein Buch, das sich gegen Eheschließungen zwischen Christen und Muslimen aussprach. Er gab an, 14 anonyme Todesdrohungen erhalten zu haben – islamistische Nationalisten sind auch am ehesten für seinen Tod verantwortlich.
 
Bisher haben muslimische und russisch-orthodoxe Hierarchien die Bevölkerung der zentralasiatischen Republiken unter sich aufgeteilt und stillschweigend vereinbart, keine „Schafe“ im anderen Lager zu stehlen. Da stößt Sysojews mangelnde „Korrektheit“ wiederum auf Sympathie seitens der Baptisten, denn die evangelistischen Bemühungen von Orthodoxen und Protestanten widersprechen dem traditionellen Verständnis kanonischen Rechts wie es von der orthodoxen Hierarchie vertreten wird. Das Missionieren von Orthodoxen sowie von Protestanten unter den Gläubigen anderer Religionen steht auch im Widerspruch zur Gesetzgebung gegen die Mission, die von der russischen Justizabteilung anvisiert wird.
 
Dr. phil. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 28. November 2009
baptistrelations@yandex.ru
www.baptistrelations.org
Tel/Fax: 007-495-954-9231
Handy von Yoder in Moskau: 007-906-075-7199
 
Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Meldung Nr. 09-37, 479 Wörter oder 3.618 Anschläge mit Leerzeichen.



Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen
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Ein Gespräch mit Pastor Gennadi Sergienko
 
M o s k a u – Gennadi Andrejewitsch Sergienko wurde 1957 in Moskau geboren und wuchs in der altehrwürdigen Zentralen Baptistengemeinde der Stadt auf. Bei der „Dallas Theological Seminary“ machte er 1994 den Diplomabschluß; er promoviert z.Zt. im Fach Neues Testament an der „Fuller Theological Seminary“ in Pasadena/Kalifornien. Bisher diente er als Dozent an mehreren theologischen Hochschulen in Moskau; in einem Falle war er deren Rektor. Er ist gegenwärtig Hauptpastor der Zweiten Baptistengemeinde in Moskau.
 
Unsere Abteilung hegt die Hoffnung, dieses Interview möge von weiteren gefolgt werden. Dabei sind Gespräche mit Personen, die gegenteilige Auffassungen vertreten, willkommen..
 
Bruder Sergienko: Beschreiben Sie bitte den theologischen Wandel unter den russischen Baptisten seit 1990. Wie sahen die Auffassungen vorher aus, und was ist aus ihnen geworden?
 
Die geschichtlichen Umwälzungen der 90er Jahre eröffneten uns völlig neue Chancen. Aber sie stellten uns gleichzeitig vor neuartige Herausforderungen. Leider nutzten viele Gläubige die offenen Tore, um das Land für immer zu verlassen. Nach meiner Einschätzung sind Hunderttausende von Protestanten emigriert. Eine negative Folge der Emigration bestand darin, daß die Leitungsstrukturen der Union der Baptisten verarmten – auch auf oberster Ebene. Ich zolle denen Respekt, die den Mut hatten, sich der Herausforderung zu stellen und Leitungsaufgaben in die Hand zu nehmen. Aber sie konnten sich erst im Amt die nötigen Fertigkeiten aneignen. “Learning by doing” nennt man das.
 
Es ist hinreichend bekannt, daß die 90er Jahre eine Flut ausländischer Missionare mit sich brachten. Die baptistische Union wurde somit gezwungen, sich neue Partner auszusuchen. Nach meiner Einschätzung wurde keine glückliche Wahl getroffen: Sie fiel zugunsten von fundamentalistischen Missionen und Kirchen aus, die formal sowohl dem Namen wie dem Bekenntnis nach nicht als baptistisch gelten. Das war bedauerlich, denn diese Wahl kappte die gewachsenen Verbindungen und Beziehungen zur großen, weltweiten Familie der Baptisten. Es klingt seltsam, daß wir im Grunde die ausgestreckte Hand jener Organisationen abwiesen, die uns zu kommunistischen Zeiten unterstützt hatten.
 
Hätten sich die russischen Baptisten tatsächlich anders entscheiden können?
 
Die Wahl wahr insofern verständlich, als die russischen Baptisten schon immer dem konservativen Flügel des Protestantismus nahestanden. Allein der Wahnsinn und die Tragik der stalinistischen Ära zwangen einen, die Bibel durch die apokalyptische Brille zu lesen! Das Klima der neuen Freiheiten und der Wegfall einer offensichtlichen Zensur gewährten uns endlich die Chance, unsere wahren Ansichten kundzutun. Da war es eigentlich kein Wunder, daß wir auf jene Gruppen zugingen, mit denen wir ein ähnliches Denk- und Wertegebäude teilten. Wir waren auch schwer beeindruckt von der Tatsache, daß sich die Hauptvertreter dieser Gruppen mit ihren beachtlichen Titeln wie „Doktor“ und „Professor“ nicht vor den „Liberalen“ verstecken mußten. Heute, 20 Jahre danach, können wir uns die Ergebnisse jener Kooperation ansehen.
 
Sie haben mir bereits von der russischen Arbeit des „Master’s College und Seminar“ aus Santa Clara/Kalifornien erzählt. Diese Einrichtung wird von Dr. John F. MacArthur angeführt; ihre russische Filiale nennt sich “Predigerinstitut und Seminar von Samara”.
 
Es hat auch gute Entwicklungen gegeben, aber jetzt habe ich vor Augen die negativen Folgen unseres US-gesponserten Bildungssystems. Da meine ich vor allem die Absolventen der Predigerschule in Samara/Wolga. Wenn sie in ihre Gemeinden zurückkehren, lösen sie häufig ernsthafte Probleme aus, die zu Spaltungen führen. Da denke ich vor allem an Gebiete um Rostow-am-Don in Südrußland, Baschkortostan (die Gegend um Ufa), und das Omsker Gebiet in Sibirien. Diese Neulinge kehren nach einem oder zwei Jahren mit einer „schlechten Nachricht“ in ihre Gemeinden zurück: Der Glaube der Vorfahren sei mangelhaft gewesen – sie hätten die falsche Doktrin vertreten.
 
Diese Rhetorik ist eingebettet in einer feierlich vorgetragenen Verpflichtung zur biblischen Unfehlbarkeit. Das stellt uns vor die größte Herausforderung überhaupt, denn die russischen Baptisten haben schon immer die Bibel äußerst ernst genommen! Doch nun wird uns eine Terminologie aufgedrängt, die aus einem völlig anderen historischen Zusammenhang stammt. Unter dem Motto der schriftlichen „Unfehlbarkeit“ wird uns eine unfehlbare Auslegung der Schrift aufgepfropft. Doch ein fundamentalistisches Lesen der Bibel unterschlägt die mannigfaltigen Stimmen der Schrift zugunsten einer einzigen Interpretation, einer einzigen Doktrin. Und wenn einer diese Lesart nicht teilt, ist er schnell draußen! Der Bildungszweck wird auf Indoktrination reduziert. Die Schrift zeugt nicht mehr von Jesus Christus – sie wird zum Mittel, um die ideologische Festlegung auf eine ganz bestimmt Weltsicht zu forcieren. Manche dieser Prediger hatten einst der kommunistischen Ideologie gehuldigt und ich frage mich, ob in ihrer Gedankenwelt das Christentum mehr als nur eine neue Begrifflichkeit für altes Denken verkörpert.
 
In der Vergangenheit blieben russische Baptisten im allgemeinen von der “Theologie” unbescholten. Aber sie verfügten immerhin über eine eindeutig christuszentrische Herangehensweise an die Schrift. Ist das nicht auch der hermeneutische Schlüssel, den der Auferstandene Jesus seinen Jüngern in Lukas 24 mitteilt? Unsere vergangene, überragende Stärke wird nun für Mangelware gehalten – unsere Ahnen „konnten es nicht besser wissen“. Ja, unsere Väter waren meistens Analphabeten und sehr einfache Menschen. Aber sie waren Jesus begegnet und waren bereit, dafür ihr Leben zu opfern. Jetzt erliegen wir der stets vorhandenen Versuchung, uns auf den „richtigen“ Weg zu einem höherwertigen Wissenstand festzulegen. Wir denken wir stünden vor der verlockenden Möglichkeit, die letzte, ultimative „Wahrheit“ zu erfassen. Doch Paulus schämte sich nicht, einzugestehen, daß unser Wissen nur Stückwerk sei, daß wir nicht so klar sehen, wie wir es gerne hätten (I. Kor. 13). Er wertet die Behauptung, über höherwertiges Wissen oder höherwertige Gaben zu verfügen sogar als einen Beleg für geistliche Unreife (I. Kor. 13,11). Das hat in der russischen, evangelikalen Gemeinschaft dazu geführt, daß jedes einzelne, winzige Grüppchen meint, über einen besonderen, exklusiven Zugang zur Wahrheit zu verfügen! So gewinnt man bestimmt niemanden für Christus. Das hilft uns auch nicht, einen konstruktiven Dialog mit der Russischen Orthodoxie zu führen.
 
Welche weiteren Tendenzen sind für diese neue Bewegung charakteristisch?
 
Ich würde zuerst die erhabene Rolle des Leiters erwähnen. Das allgemeine Priestertum wird durch die Autorität eines Einzelnen ersetzt. Und das ist auch logisch: Verfügt der Leiter über die letzte Wahrheit, dann ist eine bedingungslose Unterwerfung gegenüber seiner Sichtweise und seinem Willen nur folgerichtig.
 
Zweitens, werden im Leben der Gemeinde nur Kleinkreise betont. Kleinkreise sind ein fundiertes Prinzip bei der Bildung von Gemeindeleben – abgesehen von den Fällen, in denen sie auf Kosten aller anderen Gemeindedienste geschehen. In habe Fälle erlebt, in denen dem Gemeindepastor die Fähigkeit genommen wurde, mit den eigenen Gliedern zu kommunizieren, denn sie waren ausschließlich dem Leiter ihres Kleinkreises rechenschaftspflichtig. Bei jeder Kleinigkeit mußten sie den Rat ihres Leiters suchen. Kleinkreise dienen dann dazu, eine eindeutig sektiererische Struktur aufzubauen, in der alle in eine Kette von Unterwerfungen eingefügt werden. Menschliche Mühen ersetzen die Kraft die Heiligen Geistes.
 
Drittens, wird die Rolle der Frau im Leben der Gemeinde emphatisch negiert. Damit meine ich nicht nur das Lehramt, sondern überhaupt jegliche Rolle. Frauen werden ausschließlich passive Funktionen unter männlicher Leitung zugewiesen. Ein solcher Chauvinismus ist sogar in unserer von Männer beherrschten Gesellschaft neu.
 
Wie geht’s weiter? Bestehen Aussichten, daß eine einheimisch verwurzelte Theologie doch noch entsteht?
 
Leider ist der Boden für die Entstehung einer einheimischen Theologie des russischen Baptismus noch nicht reif. Ich sagte schon: Für eine Bildung, die über Indoktrination hinausreicht, sind wir noch nicht bereit. Stattdessen stimmen wir unbewußt weiterhin ein adaptiertes, doch völlig ausländisches Lied an, dessen Akzent das Entstehungsland preisgibt. Kein Wunder, daß uns die Auswanderung dermaßen zugesetzt hat! Wer würde sich weiterhin in einem anrüchigen, hoffungslosen Babylon aufhalten wollen? Wir sind im Grunde eine marginalisierte, in sich geschlossene, religiöse Minderheit geblieben, die unfähig ist, die Schrift in einer sinnvollen, Kontext gerechten Art und Weise zu lesen. Deshalb fühlen wir uns eher in einer Palästina des ersten Jahrhunderts nach Christus zuhause, als in den Realitäten der russischen Gegenwart. Wir lesen die Bibel, um den Herausforderungen der heutigen Zeit zu entfliehen. Doch das Volk Gottes ist schon immer aufgefordert worden, Vergangenheit und Gegenwart zu verschmelzen. Das ist die prophetische Aufgabe der Kirche heute. Da müssen wir uns die Frage stellen, ob wir für diese Hausforderung gewappnet sind.
 
Die Fragen stellte: Dr. phil. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 22. November 2009
baptistrelations@yandex.ru
„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“
Tel/Fax: 007-495-954-9231
Handy von Yoder in Moskau: 007-906-075-7199 

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung oder dieser Abteilung zu vertreten. Meldung Nr. 09-36, 1.288 Wörter oder 9.194 Anschläge mit Leerzeichen.




Aleksei Smirnow wird neuer Präsident der RUECB
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Entscheidende Wahl am 19. November in Moskau


M o s k a u – Im März 2010 soll Pastor Aleksei Wasilewitsch Smirnow Juri Sipko als Präsidenten der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) ablösen. Das war das Ergebnis einer Abstimmung beim Unionsrat (Sowjet Sojusa) der RUECB im „Moskauer Theologieseminar“ am 19. November. Nun wird Smirnow, der mit überwältigender Mehrheit gewählt worden ist, der einzige Kandidat für das Amt des Präsidenten bei der Moskauer Unionsversammlung (Sjesd) vom 23 bis 25 März 2010 sein. Der Unionsrat, der aus den 57 Superintendenten (auch „Bischöfe“ genannt) der Union besteht, tagt zweimal jährlich. Die Versammlung (Sjesd) trifft sich nur alle vier Jahre, um die Wahl des Unionspräsidenten zu bestätigen und weitere wichtige Fragen zu erörtern.

Aleksei Smirnow (geb. 24. Mai 1955) hat bereits zwei Amtsperioden als Präsident der kleinen, 17-Gemeinden-starken „Assoziation der Brüdergemeinden“ (ABC) hinter sich und ist weiterhin Pastor der Gemeinde „Spasenie“ (Erlösung) in Dedowsk am westlichen Stadtrand Moskaus. Er ist ferner seit 2006 Leiter der Pastorenabteilung bei der RUECB. In Februar diesen Jahres löste er Walentin Wasilizhenko als Leiter des „Öffentlichen Rats“, eines losen Dachverbands von 10 Kirchenbünden baptistischer Tradition, ab. Die ABC spielt eine führende Rolle im Öffentlichen Rat, der 2006 fast zeitgleich mit dem Dienstbeginn von Smirnow in der RUECB-Zentrale gegründet wurde.

Doch Smirnow gilt nicht nur als Pastor der Pastoren. Bei einem Interview im vergangenen Februar betonte er, Baptisten aller Schattierungen hätten „gemeinsam der Außenwelt gegenüber aufzutreten und ein einheitliches Erscheinungsbild anzustreben“. Alle baptistischen Denominationen sollten eine Einheit gegenüber den politischen und orthodoxen Sektoren der Gesellschaft bilden. Nach innen plädierte er für eine Konsensbildung unter baptistischen Führungspersönlichkeiten: „Das gemeinsam Beschlossene soll zusätzliches Gewicht bekommen.“

Im kommenden März wird Juri Kirillowitsch Sipko nicht weniger als 16 Jahre in der Moskauer Baptistenzentrale verbracht haben – seit 2002 hat er als Präsident der RUECB gedient. Sipko, der in Omsk/Sibirien aufwuchs, hatte die acht Jahre zuvor als Leitender Vizepräsident der Union amtiert. Man geht davon aus, der scheidende Präsident (geb. 1952) werde eine andere kirchliche Stelle annehmen. Es scheint gewiß, daß Dr. Peter Mitskewitsch, gegenwärtig Leitender Vizepräsident des Bundes, weiterhin als Rektor des „Moskauer Theologieseminars“ fungieren wird.

Am 31. März 2009 gab dieser Nachrichtendienst bekannt, Viktor Rjagusow, Pastor der 800-Mitglieder-starken Gemeinde „Preobrazhenie" (Verwandlung) in Samara/Wolga, sei beim gerade stattgefundenen Unionsrat zum Nachfolger Sipkos bestimmt worden. Doch danach bekam Rjagusow Bedenken und entschied sich, auf seinem Posten als Pastor und Regionaler Vizepräsident zu bleiben. (Für die dadurch entstandene Verwirrung möchten wir uns entschuldigen.)

Aleksei Smirnow ist mit Inna Nikolajewna Smirnowa verheiratet. Das Paar hat fünf erwachsene Söhne.

Sowohl der scheidende wie der künftige RUECB-Präsident sind nur der russischen Sprache mächtig.

Die RUECB, die größte einheitliche, protestantische Kirche Rußlands, vertritt fast 80.000 erwachsene Mitglieder in 1.750 Ortsgemeinden und Gruppen.

Dr. phil. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 21. November 2009
baptistrelations@yandex.ru
„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“
Tel/Fax: 007-495-954-9231
Handy von Yoder in Moskau: 007-906-075-7199

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Meldung Nr. 09-35, 436 Wörter oder 3.258 Anschläge mit Leerzeichen.


Von Vergangenheit auf Zukunft umschalten
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Sitzung des „Öffentlichen Rats“ baptistischer Kirchen in Moskau


M o s k a u -- Der „Öffentliche Rat“ (Obschestwenni Sowjet) der rund 10 baptistischen Denominationen Rußlands müsse von Vergangenheit auf Zukunft umschalten. Das war ein Hauptergebnis seiner 10-stündigen Sitzung in der Moskauer Zentrale der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) am 23. Oktober. In den ersten Jahren seit seiner Gründung im Juni 2006 habe sich das Gespräch über das in der Vergangenheit Vorgefallene und die Notwendigkeit der Versöhnung gedreht. Nach der Sitzung meinte Dr. Peter Sautow (Moskau), Präsident der 48-Gemeinde-starken „Russischen Assoziation Unabhängiger Evangelischer Gemeinden (RANETs auf Russisch): „Jüngeren Generationen ist die Spaltung des Baptistenbundes aus dem Jahre 1961 nicht mehr wichtig. Schon darum müssen wir neue Themen finden, die nach vorne zeigen.“

Er fuhr fort: „Bisher sind bei den Baptisten Tradition und Praxis bestimmend gewesen – nicht die Theologie.“ Er berichtete, die Gründung seines Gemeindebundes 1994 habe in starkem Maße damit zu tun gehabt, daß Mitglieder des Baptistenbundes diesen neuen Gemeinden auch in Detailfragen Vorschriften machen wollten. „Wir haben z.B. nur eine Predigt in unseren Gottesdiensten – nicht etwa drei.“ Die Ausführungen des RUECB-Präsidenten Juri Sipko bei dieser Sitzung schlugen in die gleiche Kerbe: „Wir haben uns versammelt, um die globalen Aufgaben breiter aufzufassen, als wir es gemäß der uns üblichen Traditionen, auf die wir in unseren Gemeinden beschränkt waren, gewohnt sind. Jeder von uns hat eine innere Reformation, eine Art innerer Läuterung, nötig.“

Peter Sautow ortet die angestrebte, gemeinsame Basis in der bibelzentrischen Theologie, die für Christen baptistischen Glaubens typisch sei. Ein Konzentrieren auf die Bibel werde es gestatten, zeitbedingte Ausdrucksformen und Traditionen abzustreifen und einen neuen Weg nach vorne zu bahnen. Der Rat habe auch deshalb beschlossen, einen Arbeitskreis von bis zu 10 Theologen zu bilden, der die Kernaussagen der Schrift neu herausstellen soll. Die historischen „Sieben Prinzipien“ des Baptismus (u.a. Autorität der Bibel, allgemeines Priestertum, Trennung von Staat und Kirche, Selbständigkeit der Ortsgemeinde, Abendmahl ausschließlich für erwachsene Gläubige) sollen diesem Kreis als Leitbild dienen, denn sie würden als Basis für alle Kirchen baptistischer Überzeugung fungieren können. Bei der Sitzung meinte Mikhail Iwanow, RUECB-Abteilungsleiter für Theologie und Katechismus: „Ohne erneutes Denken gibt es kein erneutes Leben. Jedem praktischen Fortschritt geht die gedankliche Einsicht voraus. Schon darum kann es kein Christentum ohne Theologie geben.“

Nach Sautow hieß es: „Eine neue theologische Eintracht soll uns vorantreiben.“ Aus der theologischen Einmütigkeit soll sich ein gemeinsames Aktionsprogramm für Baptisten der verschiedenen Denominationen geben. Dieses Programm soll Baptisten noch viel stärker in die Öffentlichkeit führen: „Wir möchten Brücken zu politischen Kreisen schlagen.“ Etwa im Sinne des Nationalen Gebetsfrühstücks soll der Öffentliche Rat eine öffentliche Stimme des russischen Protestantismus werden. Allerdings umfaßt das Gebetsfrühstück viele Kreise außer den rein baptistischen.

Dr. Sautow meinte, die von Alexander Semtschenko geschaffene WSEKh („All-Russische Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Christen“) dürfe nicht ohne weiteres als Parallelorganisation und Konkurrenz verstanden werden. Semtschenko ist Geschäftsmann und Bischof der 26-Gemeinde-starken “Union der Kirchen Evangelischer Christen” (Prokhanowtsi), die weiterhin dem Öffentlichen Rat angehört. Die WSEKh umfaßt schließlich mehr als nur baptistische Kreise. Dennoch meinte Sautow, auch Semtschenko selbst könne keinen theologischen Unterschied zwischen seinem Verein und dem Öffentlichen Rat erkennen – die Differenzen seien deshalb vor allem auf politischem und personalpolitischem Gebiet zu suchen. Die WSEKh zeichnet sich allerdings durch eine besondere Loyalität zur russischen Regierung aus.

Leitender Sekretär des Öffentlichen Rats ist seit Februar Alexei Smirnow, ein leitender Pastor der „Assoziation der Brüdergemeinden“ (ABC) in Dedowsk bei Moskau und Direktor der Pastorenabteilung bei der RUECB .

Die Kontinuität wird betont
Neuer Bundespräsident bei den nichtregistrierten Baptisten

Beim sechsten Kongreß des „Internationalen Gemeindebundes – oder Rates - der Evangeliumschristen-Baptisten“ in Tula am 7. und 8. Oktober wurde Nikolai Stepanowitsch Antonjuk (Timoschowsk, Gebiet Krasnodar) zum neuen Präsidenten gewählt und bestätigt. Sein Stellvertreter wurde Gennadi Sergeewitsch Efremow aus St. Petersburg. Somit wird Antonjuk offiziell zum Nachfolger des langjährigen „Patriarchen“ Gennadi Krjutschkow, der von 1965 bis zu seinem Ableben im Juli 2007 die Leitung innehatte. Die beiden jüngeren Männer waren bereits Anfang 2008 vorläufig in ihre Ämter berufen worden. Zu dieser turnusmäßigen „Vollversammlung“ in der Gemeinde Tula waren 750 Delegierte und Gäste erschienen; die letzte hatte vor genau vier Jahren an demselben Ort stattgefunden.

Gemeint hiermit ist der Kirchenbund, der sich im August 1961 vom großen „All-Unionsrat der Evangeliumschristen-Baptisten“ abspaltete und lange unter dem Namen “Rat der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten“ fungierte. Seine Glieder wurden auch „Initiativniki“ oder „Untergrundkirche“ genannt, denn sie lehnten damals – wie bis zum heutigen Tage – eine offizielle, staatliche Registrierung ab. Aus diesem und anderen Gründen hat der Kirchenbund gegenwärtig u.a. in Kasachstan, Belarus und im Gebiet Kaliningrad der Russischen Föderation mit starker staatlicher Gegenwehr zu zun.

Auch gemeindeintern hat dieser Bund Schwierigkeiten. Im offiziellen, neuen, deutschsprachigen Bericht aus Tula (siehe „iucecb.com“) heißt es: „Jetzt haben wir verhältnismäßige Freiheit, doch die Sünde setzt seine Arbeit fort. Heute besteht die Gefahr darin, daß der Feind in unseren Reihen den Liberalismus hineinzupflanzen versucht, das heißt, ein nachgiebiges Verhalten gegenüber der Sünde. Es wächst das Verlangen zum Vergnügen und zur Bereicherung.“ Der Bericht fährt fort: „Unter der Jugend drängt die Welt hinein. Sie verändert ihr äußeres Aussehen und (die Welt) lockt sie mit vielen verschiedenen Vergnügungen an.“ Doch bei den Beschlüssen wurde die Kontinuität betont: Die Diener haben „den Weg der Bruderschaft für gut befunden und das Vorhaben, auch weiterhin denselben Weg zu gehen, den man zur Zeit von Gennadi Konstantinowitsch (Krjutschkow) gegangen ist.“ Am Schluß berichtet man: „Der unwandelbare Kurs der Bruderschaft wurde wieder bestätigt.“ Krjutschkow, Vater von neun Kindern, hatte von 1970 bis 1990 im Untergrund auf der Flucht vor seinen Häschern gelebt.

Etwa 1966 erreichte dieser Gemeindebund seine höchste Mitgliederzahl: 155.000. Im neuen Bericht gibt er seine Mitgliedschaft im gesamten Gebiet der ehemaligen UdSSR mit 70.000 in rund 3.000 Gemeinden und Gruppen an – hinzu kommen 42.500 Kinder. Die abnehmende Zahl ist vor allem auf die starke Auswanderung zurückzuführen. Im gleichen Gebiet haben die registrierten Unionen der Evangeliumschristen-Baptisten rund 310.000 Mitglieder. (Dabei geht man in der Ukraine von zwei registrierten Bünden mit insgesamt 150.000 Mitgliedern aus.) Gemessen an der Proportion zwischen Gemeinde- und Mitgliederzahlen, ergäbe sich beim Internationalen Gemeindebund eine Mitgliedschaft innerhalb der russischen Föderation von gegenwärtig 26.000 Personen. Die RUECB, die größte einheitliche, protestantische Kirche Rußlands, vertritt fast 80.000 erwachsene Mitglieder in 1.750 Ortsgemeinden und Gruppen.

Dabei darf nicht vergessen werden, daß es in den GUS-Staaten auch Hunderte autonomer Baptistengemeinden gibt, die keiner der genannten Denominationen angehören. Der Internationale Gemeindebund der Evangeliumschristen-Baptisten verfügt über einen Beobachterstatus im Öffentlichen Rat.

Dr. phil. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 31. Oktober 2009
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Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 09-34, 10.044 Wörter oder 7.846 Anschläge mit Leerzeichen.


2009: Der intensivste Dialog, der je mit Protestanten geführt worden ist
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Was hinter der gegenwärtigen Verwirrung steckt

Kommentar

M o s k a u – Unsere Leser sind zweifellos verwirrt – wir sind es wohl auch. Am 22. Oktober publizierte unsere Abteilung einen Bericht über den Protest der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB) gegen einen neuen Gesetzentwurf, der die Freiheit zur Durchführung missionarischer Bemühungen erheblich einschränkt. Doch am 16. Oktober hatten wir einen Bericht über eine hoffnungsvolle Zusammenkunft des „Christlichen Interkonfessionellen Beratungskomitees“ (Christian Inter-Confessional Advisory Committee for the CIS-Countries and Baltics - CIAC) veröffentlicht. Der protestantische Vertreter in diesem Komitee, der Baptist Witali Wlasenko, hatte darüber berichtet: „Die Einstellung der Menschen war sehr offen. Es herrschte ein Geist christlicher Liebe und Akzeptanz vor.“ Die sehr restriktive neue Gesetzgebung war am 12. Oktober vom Justizministerium publiziert worden – drei Tage vor der Begegnung im CIAC.

Die Verwirrung rührt wohl von daher, daß sich das Moskauer Patriarchat der “Russischen Orthodoxen Kirche“ (ROK) gleichzeitig in entgegensetzte Richtungen bewegt. Im vergangenen März wurde der nationalistische Priester und selbsternannte Sektenkundler Alexander Dworkin ins Justizministerium geholt, um dessen „Kommission für die Anwendung staatlicher Expertise über die Religionswissenschaft“ anzuführen. Viele der Zusammenstöße mit Protestanten in jüngster Zeit sind auf die Aktionen seiner Anhänger in Kirche und Staat zurückzuführen. Und der neue Gesetzentwurf gegen den Proselytismus ist zweifellos ein Kind dieses Justizministeriums.

Roman Lunkin vom „Slawischen Zentrum für Recht und Gerechtigkeit“ in Moskau weist jedoch darauf hin, daß Erzbischof Ilarion, der Nachfolger des Metropoliten Kirill im Amt des Leiters der orthodoxen Außenbeziehungen, im vergangenen Halbjahr fünf bedeutende Zusammenkünfte mit protestantischen Kirchenführern durchgeführt hat. Daraus schließt Lunkin: „Hier handelt es sich um den intensivsten Dialog mit Protestanten in der gesamten Geschichte der ROK-Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen.“ Kürzlich attackierten orthodoxe Scharfmacher Ilarion dafür, daß er die Leitung der umkämpften, in Samara beheimateten, charismatischen Gemeinde „Neues Leben“ als „Brüder in Christo“ angesprochen hatte. Wlasenko, RUECB-Leiter für kirchliche Außenbeziehungen, berichtete über seine erste Begegnung mit Ilarion am 15. Mai: Ich halte ihn für „einen sehr weisen und frommen Mann. Er ist hoch gebildet und entsprechend über die Geschichte der Baptisten informiert. Ich habe mich über das Gespräch mit ihm sehr gefreut und hoffe auf eine wunderbare Arbeitsbeziehung in Zukunft.“

Bei einem Treffen im „Slawischen Zentrum“ am 22. September hatte der zentristisch orientierte Priester Wsewolod Tschaplin, der als offizieller Sprecher des Moskauer Patriarchats gilt, eingeräumt: „In Rußland übersehen wir oftmals die Interessen der religiösen Minderheiten. Unsere Kirche will zur Behebung des Problems beitragen. Ein orthodoxer Priester sollte jedem beliebigen Gläubigen helfen, den Weg zu seinem (oder ihrem) Pastor zu finden.“ Allein die Tatsache, daß Tschaplin im Zentrum erschienen war, rief den Zorn der orthodoxen Hardliner hervor.

Kürzlich berichtete die Webseite des diakonischen Dienstes “Agape Unlimited” über ein „Umdenken“ in der russischen Orthodoxie. Diese medizinische Mission wurde 1993 von dem US-amerikanischen Arzt Bill Bucknell in Moskau etabliert. Nun schrieb der russische Anwalt des Vereins: „In den 90er Jahren hatte die Kirche einen negativen Ruf – sie galt als Eigentum des KGB. Nun gibt es Tausende gläubiger Priester. Jetzt ist die Kirche diakonisch tätig. Der neue Patriarch hat ein offenes Ohr und verkündigt das Evangelium. Vieles in der Kirche ist in Bewegung. Nicht mit ihr zu kooperieren bedeutet für Protestanten eine verpaßte Chance. Der Protestantismus ist in diesem Lande ein geschlossenes System (gemeint ist wohl: „bei ihr ist nichts los“). Doch die Russische Orthodoxe Kirche dehnt sich aus.“ Diese Schilderung ist zweifellos eine Vereinfachung – sie ist nichtsdestotrotz lesenswert. Eine andere ihrer Veröffentlichungen führt fort: „Wenn Sie Kinder lieb haben, haben wir eine besondere Nachricht für Sie! Im Sommer 2010 bieten wir zwei Kinderlager an. Eins der Lager werden wir gemeinsam mit einem orthodoxen Priester, der nördlich von Moskau tätig ist, durchführen. Er hat ein Herz für den Herrn und auch für Kinder.“

Roman Lunkin berichtet von einem gewaltigen Widerstreit zwischen Tradition und Modernität in der Orthodoxie. „In Anbetracht der Auseinandersetzungen in diesem Lande 2009 liegt es auf der Hand, daß die Widersprüche zwischen der tatsächlichen, sozialen Rolle Andersgläubiger und der Ignoranz der Anhänger Dworkins unlösbar geworden sind.“ An anderer Stelle führt er fort: „In Krisenzeiten tut sich die nationalistische Rhetorik besonders hervor. Es ist natürlich, daß sich dann Hauptwidersacher der ‚Sekten’ mit Nationalisten zusammentun werden.“

Lunkin ist jedoch nicht ohne Hoffnung: “Das Verhältnis der ROK zu den religiösen Minderheiten befindet sich in einem Prozeß der Selbstfindung. Seine Komplexität ergibt sich aus der Tatsache, daß die Orthodoxie als Symbol und Kern der russischen Geschichte und Kultur fungiert. Die Kirche hat nie mit anderen Konfessionen einen Dialog auf gleicher Augenhöhe geführt; sie hat nie im demokratischen Kontext ein Verhältnis zu anderen Gruppierungen entwickelt. Doch nun verfügt sie über die einzigartige Chance, Initiator interkirchlichen Dialogs und Garant interreligiösen Friedens zu werden.“

Der Alarmruf „Wolf!“
Mit unserem Schreiben vom 22. Oktober stieß unsere Abteilung den Alarmruf „Wolf!“ aus. Das darf man aber nur mit Bedacht tun, denn es ist ja bekannt, wie es dem Hirtenjungen nach dem dritten und letzten Alarm ergangen ist. Doch die Leitung der RUECB ist überzeugt, der Gesetzentwurf vom 12. Oktober bedeute eine reelle Gefahr. Wir haben um Hilfe gebeten, und deshalb ist es auch nur recht und billig, der Frage nachzugehen, in welcher Weise Freunde in anderen Ländern uns am besten beistehen könnten:

1. Wir sind auf den Rat und die Erfahrung von Experten in Fragen der Orthodoxie angewiesen.
Wo und wie haben protestantische Kirchenvertreter eine Verständigung mit orthodoxen Kreisen erreicht? Die deutsche EKD verfügt über breite Erfahrung im Umgang mit der ROK. Besonders hilfreich wären wohl auch die Erfahrungen anderer Protestanten, die ebenfalls in einer orthodoxen Mehrheitskultur leben.

Können wir den Orthodoxen glaubhaft vermitteln, daß wir ihren Vorwurf bezüglich Proselytismus ernst nehmen ohne dabei das eigene Mandat zur Evangelisierung preiszugeben? Den Katholiken Rußlands ist vorgeworfen worden, „potentielle Orthodoxe zu bekehren“. Sollten wir Protestanten den ethnischen Russen eine eindeutige Option eröffnen, ihren Weg mit Christus innerhalb der Orthodoxie zu finden? Falls ja, könnten wir im Laufe der Zeit ein ähnliches Entgegenkommen seitens der Orthodoxie erwarten? Könnte gemeinsam mit orthodoxen Kreisen evangelisiert werden? Derartige Versuche anläßlich der evangelistischen Feldzüge an der Wolga 1992 war offensichtlich verfrüht – für beide Seiten.

2. Rechtsexperten könnten uns helfen, Diskrepanzen zwischen der Russischen Verfassung und deren Auslegung seitens staatlicher Gesetzeshüter klarzustellen. Natürlich werden westliche Anwälte auch nur dann einsteigen können, wenn ihnen eine passende Übersetzung des Gesetzentwurfs vom 12. Oktober vorliegt. (Der Anfang ist gemacht, siehe: http://www.stetson.edu/~psteeves/relnews/0910a.html#07.) Rechtsexperten könnten uns auch behilflich sein wenn sie verstehen, wie russische Staatsvertreter von der Erfordernis, die eigene Gesetzgebung einzuhalten, am ehesten zu überzeugen seien – daß dies auch in ihrem eigenen Interesse läge.

Dr. phil. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 28. Oktober 2009
baptistrelations@yandex.ru
Tel/Fax: 007-495-954-9231
„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 09-33, 1.061 Wörter oder 7.752 Anschläge mit Leerzeichen.

Wir beobachten mit Besorgnis und Verblüffung
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Russische Baptisten reagieren auf den neuen Gesetzentwurf über missionarische Aktivitäten


M o s k a u – Ein neuer Gesetzentwurf, der am 12. Oktober vom Russischen Justizministerium veröffentlicht worden ist, wird im Falle seiner Ratifizierung die Glaubensfreiheit in Rußland erheblich beschneiden. Darüber hat die „Russische Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB) am 20. Oktober in einem offenen Brief berichtet, der von ihrem Präsidenten, Juri Sipko, unterzeichnet und an den russischen Staatspräsidenten, Dmitri Medwedew, gerichtet ist. Im Brief heißt es: „Wir beobachten mit Besorgnis und Verblüffung die Entwicklungen in den Beziehungen zwischen Kirche und Staat. Vorgesehene Veränderungen im Gesetz über die Glaubensfreiheit werden diese Freiheit zur reinen Deklaration herabstufen.“ Die neue Gesetzgebung würde das bereits restriktive, geltende Gesetz „Über die Gewissensfreiheit und die religiösen Vereinigungen“ vom 26. September 1997 verschärfen. Eine gesetzliche Verschärfung wird jetzt nicht zum ersten Mal versucht: Die gegenwärtig vorgeschlagenen Bestimmungen sind in manchen Fällen eine abgeschwächte Form jener, die bereits 2006 unterbreitet worden sind.

Die Unionsleitung fühlt sich auch betroffen von der Tatsache, daß Regierungsvertreter bei einem runden Tisch von Kirchenleitern im Justizministerium am 18. September nicht alle Teile des neuen Gesetzentwurfs offenlegten. Dennoch haben Baptisten den Eindruck, daß der neue Gesetzentwurf vom 12. Oktober bereits von den vier offiziellen, „traditionellen“ Religionen Rußlands (russische Orthodoxie, Islam, Judaismus, Buddhismus) abgesegnet worden ist. Schon das Gesetz von 1997 verlieh diesen vier Religionen einen bevorzugten Status. Pastor Witali Wlasenko, Leiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der RUECB, meinte, der neue Gesetzentwurf sei vor allem gegen Katholiken und Protestanten gerichtet – eben gegen solche, die in Rußland über kein eigenes, geographisches Territorium verfügen .

Die neue Gesetzgebung will alle Formen missionarischer Aktivität registrieren und regulieren sowie bestimmen, in welcher Weise sie auszutragen sind. Eine missionarische Handlung muß ohne psychologischen Druck oder das Anbieten materieller Vorteile vollzogen werden. Zuwiderhandlungen werden mit Geldbüßen belegt.

Vorgeschlagene Änderungen
Das neue Gesetzeswerk sieht vor, daß nur jene religiösen Vereine, die bereits seit 15 Jahren in Rußland registriert sind, sich um die Genehmigung missionarischer Aktivitäten bemühen dürfen. Nur den Mitgliedern einer religiösen Organisation wird das Missionieren gestattet, und bei Übertretungen des einzelnen Missionars haftet der ihn unterstützende Verein mit. Jedoch darf eine kirchliche Organisation einen ihrer Mitglieder offiziell an einen anderen kirchlichen Verein delegieren.

Vom Missionieren werden prinzipiell ausgeschlossen alle, die jemals wegen extremistischer Aktivitäten verurteilt worden sind sowie Ausländer, die sich nur vorübergehend (etwa als Touristen) in Rußland aufhalten. Missionarische Bemühungen müssen auf „Angebote von materiellen, sozialen oder anderen Vorzügen“ verzichten und „jegliche Drohung mit physischer Gewalt, psychologischem Druck oder eine Manipulation des Bewußtseins“ vermeiden.

Ohne das Ausstellen einer Genehmigung durch kommunale und einrichtungseigene Vertreter darf weder in Krankenhäusern, Waisenhäusern noch Pflegeeinrichtungen missioniert werden. In oder auf dem Gelände staatlicher Gebäude - ebenfalls nicht in der Nähe von Bauten einer anderen religiösen Gemeinschaft - ist das Missionieren untersagt. Der Journalist Roman Lunkin (Moskau) merkt an, diese Bestimmung müßte auch die Orthodoxen tangieren, denn sie besitzen ein paar Kapellen in Moskauer Regierungsgebäuden.

Wesentlich bei diesem Gesetzentwurf ist die Bestimmung, daß Minderjährige ohne die Genehmigung ihrer Eltern oder eines Vormunds religiösen Veranstaltungen nicht beiwohnen dürfen. Sie dürfen auch nicht ungenehmigt mit gedrucktem Material, Audio- oder Videoträgern versorgt werden. Nach der baptistischen Erwiderung steht diese Bestimmung im Widerspruch zum Befehl Jesu: „Laßt die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht“ (Markus 10,14). Das Schreiben unterstreicht deren Absurdität mit einem Beispiel: „Personen übler Absicht könnten Kinder in einen Gottesdienst entsenden. Anschließend belegt die Staatsgewalt die Gemeinde mit einer Geldstrafe. Das wird eine bequeme und gewinnträchtige Art und Weise sein, eine Gemeinde zu ruinieren und das kommunale Budget aufzustocken. Doch warum sollte sich ein Pastor als Polizist betätigen?“ Die Stellungnahme fährt fort: „Warum darf ein Teeny nur mit elterlicher Genehmigung eine Gemeinde besuchen, wenn das gleiche nicht gilt für Kinos, Sportstätten und Diskos? Ist ein Gotteshaus gefährlicher als ein säkularer Ort? Diese Gesetzgebung will religiöse Organisationen als schädlich einstufen, und das ist eine klare Diskriminierung.“

Baptisten wehren sich dagegen, ähnlich wie Vulgaritäten und Besitzbeschädigungen eingestuft zu werden. Sie fragen: „Wie könnte eine ungenehmigte religiöse Veranstaltung bedrohlicher sein als ein Aufruhr von Betrunkenen?“ Nach der neuen Gesetzgebung können Geldstrafen bei Organisationen bis zu 15.000 Rubel (349 €) betragen. Das durchschnittliche Monatsgehalt in Rußland beträgt gegenwärtig 24.600 Rubel (572 €). Die Stellungnahme versichert, eine Drosselung missionarischer Aktivitäten werde sich nachteilig auf die protestantische Sozialarbeit auswirken. „Ohne missionarische Aktivitäten werden Trunkenheit und Drogenmißbrauch zunehmen. Protestanten haben sich mit beachtlichem Erfolg um die Rehabilitation von Alkoholikern und Drogensüchtigen bemüht. Wenn der Staat beginnt, den sozialen Dienst der Kirchen zu zerstören, wird er gezwungen sein, zusätzliche Gefängnisse zu bauen.“

Gegen die Vieldeutigkeit
Baptisten sind besorgt über die Vieldeutigkeit der vorgeschlagenen Gesetzgebung. In einer zur Anarchie neigenden Gesellschaft werde eine zunehmende Gesetzeszahl Niederträchtigen nur weitere Optionen zum Gesetzesmißbrauch liefern. Die Stellungnahme fragt z.B.: Was sei neben materiellen und sozialen Vorteilen unter „andere Vorzüge“ zu verstehen? Einem Alkoholiker im Falle des Gemeindebesuchs Nüchternheit zu versprechen, könnte auch als „anderen Vorzug“ verstanden werden. Das Schreiben meint ferner, daß „sich nahezu jede Diskussion als eine Form ‚psychologischen Drucks’ auslegen läßt“. Roman Lunkin fügt hinzu, eine Predigt über das Letzte Gericht oder die Notwendigkeit der Sündenvergebung ließe sich auch als „psychologischen Druck“ und „Manipulation des Bewußtseins“ deuten. Die Geldstrafe dafür beträgt 5.000 Rubel (116 €).

Baptisten merken an, der Entwurf unterscheide nicht zwischen einer professionellen missionarischen Tätigkeit und einem Gespräch zwischen Laien, der sich im Laufe des alltäglichen Lebens abspielt. „Nahezu alle Gläubigen werden sich dem Verdacht einer Gesetzesübertretung aussetzen.“ Jeder könnte nach Bedarf irgendwann gerichtlich belangt werden. Ein Vergleich mit der Denunzierungskult im Terrorjahr 1937 wird gezogen: „Durch die nebulöse Formulierung von Gesetzen wird ein dicker Baum von Optionen für das Denunzieren von Christen durch feindselige Nachbarn, Kollegen und Bekannte blühen.“

Diese Stellungnahme vertritt die Auffassung, die Ratifizierung einer derartigen Gesetzgebung würde zum weiteren moralischen Abbau der russischen Gesellschaft beitragen. Sie würde ebenfalls die Entfremdung zwischen den privilegierten und den nichtprivilegierten Glaubensgemeinschaften steigern, denn sie liefert keinen Schutz gegen die erneute Verfolgung religiöser Minderheiten. Immerhin hätten die russischen Baptisten in den 140 Jahren ihrer Existenz „kaum mehr als 25 Jahre Freiheit“.

Nicht zuletzt würde der Gesetzentwurf „der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die von der UNO akzeptiert und von Rußland ratifiziert wurde, widersprechen“, denn sie verstoße eindeutig gegen das Recht des Einzelnen auf Glaubensfreiheit. Eine solche Gesetzgebung würde „die internationale Autorität Rußlands schädigen“. Das Schreiben folgert: „Für ein neues Gesetz über missionarische Aktivitäten besteht kein objektiver Bedarf. Es bestehen bereits „genügend Gesetze, um mit solchen fertig zu werden, die gesetzestreue Bürger betrügen“. Über extremistische und terroristische Gruppierungen heißt es: „Wir bezweifeln, ob Veränderungen in der gegenwärtigen Gesetzgebung ihre Aktivitäten irgendwie behindern werden.“

Witali Wlasenko fügt hinzu: “Die RUECB ist nicht an sich gegen eine Regulierung missionarischer Aktivitäten – doch wir wenden uns allemal gegen deren Verbot.“ Die Union wird ihre 1.750 Gemeinden und Gruppen bitten, „sich im Gebet und Fasten zu vereinen“. Ausländische Gemeinden sind zur Teilnahme eingeladen. Er weist darauf hin, daß seine Kirche am Expertenaustausch mit anderen Kirchen, die in ihren Beziehungen mit dem Staat ähnliche Erfahrungen gemacht haben, interessiert sei. Schriftliche Sorgenbekundungen, die an russische Botschaften weltweit gerichtet werden, seien immer willkommen.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 22. Oktober 2009
baptistrelations@yandex.ru
Tel/Fax: 007-495-954-9231
„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-32, 1.153 Wörter oder 8.925 Anschläge mit Leerzeichen.


Keine Rückkehr zur Wiege
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Ein Bericht über die Evangelische Kirche Tuschino

Reportage

M o s k a u -- Eine Gemeindegründung im nordwestlichen Stadtteil Tuschino erblickte 1992 als Hoffnungszeichen aus dem Kreise der Moskauer „Mutterhenne“ – der historischen „Zentralen Baptistengemeinde“ – das Licht der Welt. Doch ab Ende 2002 war sie keine Baptistengemeinde mehr. Was als Hausgruppe in der Wohnung des Pastors Alexander Kusnetsow begonnen hatte, hatte sich in eine vollständige charismatische Gemeinde verwandelt. Tuschino bedeutet einen besonders schweren Rückschlag für die baptistische Bewegung, denn ihre beachtliche Gemeindeschar (heute rund 400) verfügte auch über einen kirchlichen Großbau – einen seltenen Vorzug im raumknappen Moskau.

Der Untergang der Baptistengemeinde Tuschino ist auch deshalb schmerzvoll, weil ihre ursprüngliche Führung gänzlich aus der Zentralen Baptistengemeinde kam. Kusnetsow (geb. 1960) und sein Assistent Andrei Petrow waren beide als Jugendleiter dort aktiv. Alexanders Vater, Alexei Kusnetsow, wurde erster Pastor der neuen Gemeinde; 1994 wurde Sohn Alexander als Baptistenpastor dort ordiniert. Ehemalige Mitglieder der Gemeinde Tuschino berichten weiterhin in herzlichen Tönen von Alexei Kusnetsow. Eine einst führende Person erzählt: „Alexanders Vater war auch vielen von uns ein Vater. Solange er dabei war, bremste er den Trend zur Entwicklung einer charismatischen Gemeinde.“ Kusnetsow Senior wurde 1997 in die Ewigkeit gerufen.

Als der Tonpegel anstieg und die Unterweisung zunehmend charismatischer wurde, suchten die Baptisten in Scharen das Weite. Ein Gemeindediakon, der im Januar 2002 ausstieg, berichtet: „Unser Gemeindesaal hatte sich in eine Disko verwandelt. Ich verabschiedete mich mit der Begründung, ich sei Baptist.“ Im Jahr darauf hatte bereits weit über die Hälfte der Glieder die Gemeinde verlassen. Heute ist nur noch ein kleiner Bruchteil der ursprünglichen Mitglieder dabei. Achtzig der rund 200 Ausgetretenen begannen, sich in einem Keller in der weiteren Nachbarschaft zu versammeln. Dieser neuen Gruppe ging es nicht sonderlich gut – heute versammelt sie sich in der Baptistengemeinde Khimki nördlich von Moskau.

Im Jahre 2000 wurde die junge Baptistengemeinde Eigentümerin einer imposanten Versammlungsstätte - es handelte sich um das Kulturhaus einer bankrotten Textilfirma. Alexander Kusnetsow betont, nicht nur Baptisten seien über die Identität der nichtcharismatischen, nordamerikanischen Spender im Dunkeln, die den Erwerb des Gebäudes ermöglicht hatten. Er selbst kenne auch nur die Vermittler, die mit den eigentlichen Spendern in Verbindung standen. Das soll auch seine ethische Berechtigung haben: „Die rechte Hand soll nicht wissen, was die linke Hand tut.“ Kusnetsow betont nachdrücklich, die Spenden seien nicht durch seine Hände gegangen. Doch weil er und Petrow die eigentlichen Gemeindegründer waren und Zugang zu den Geldern hatten, die für den Immobilienerwerb erforderlich waren, verfügten die beiden über einen unschlagbaren Vorsprung als es darum ging, sich gegen die Gemeindemehrheit durchzusetzen.

Die Gemeinde ist stolz auf die finanzielle Selbstversorgung. In einem Gespräch meinte der Pastor: „Im Westen haben wir keine Partner. Wir haben nur persönliche Freunde – nämlich ein Ehepaar in Richmond“ (Bundesstaat Virginia). Die umfangreichen Sanierungsarbeiten, die halb so teuer wie der Kaufpreis waren, brachte die Gemeinde selbst auf. Kusnetsow insistiert:: „Wenn wir (wie die Baptisten) nur über ein herkömmliches Verständnis vom Heiligen Geist verfügten, hätten wir unsere finanziellen Ziele nie erreicht.“

Tuschino wurde 2002 die Mitgliedschaft in der “Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten” (RUECB) entzogen. Im Mai des darauffolgenden Jahres trat die Gemeinde der charismatischen, von Sergei Rjakhowski geleiteten „Vereinigten Russischen Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens (ROSKhWE) bei. Dieses große, lose zusammengesetzte Netzwerk stattet seine Gemeinden mit staatlicher Zulassung aus. Es bleibt ein willkommener Partner für Gemeinden, die von starken Leitern, die einen einsamen, eigenständigen Weg einschlagen wollen, geführt werden. Zu den weiteren ROSKhWE-Mitgliedern zählt die Moskauer „Gute Nachricht“-Mega-Gemeinde. Sie wird angeführt von dem ehemaligen Baptisten Rick Renner aus dem US-Bundesstaat Oklahoma.

Die charismatische Führungsebene Rußlands enthält viele ehemalige Baptisten, und da ist Tuschino keine Ausnahme. (Das trifft weniger für den von Pawel Okara geführten Pfingstbund zu, der auf die zaristische Ära zurückgeht.) Die Spaltung in Tuschino ist sehr wahrscheinlich das Ergebnis der baptistischen Tendenz, voreilig Urteile zu fällen und auszuschließen gekoppelt mit der charismatischen Neigung, sich auf gewagte Experimente einzulassen ohne Beachtung der Empfindlichkeiten und Überzeugungen anderer. Den Fall Tuschino hat sich die baptistische Bundesleitung lange überlegt – doch charismatische Gemeinden im allgemeinen haben viele Anhänger, die meinen, sie seien unberechtigt und vorschnell aus baptistischen Kreisen verstoßen worden. Alexander Kusnetsow betont immer wieder, es sei die baptistische Union gewesen, die ihn und seine Gemeinde hinausbefördert hatte – nicht umgekehrt. Doch die aus der Gemeinde ausgetretenen Baptisten insistieren, der Pastor sei unwillig gewesen, notwendige Kompromisse einzugehen.

Tuschinos Leitender Pastor erklärt: „Veränderung fällt nie leicht, denn sie bringt eine Polarisierung der Meinungen mit sich. Doch ohne sie kann man keine Bewegung nach vorne bringen.“ Er ist im Umgang mit der Jugend besonders begabt. Jugend- und Musikfeste, Sommerlager und die Jugendbeteiligung bei Gottesdiensten haben dafür gesorgt, daß die Gemeinde jüngeren Menschen besonders verlockend erscheint.

Entwicklungen seit 2003
Zum Zeitpunkt der Trennung von der RUECB verhielt sich Tuschino relativ radikal in bezug auf das spezifisch Charismatische. Kontrahenten berichten, der furchterregende „Toronto-Segen“ von 1994 hatte auch dort Fuß gefaßt. Alexander Kusnetsow unterstützt Alexei Ledjaew, den russischen, lautstarken Anführer der in Riga beheimateten Denomination „Nowoe Pokolenie“ (Neue Generation).

Große Segmente der charismatischen Weltbewegung bewegen sich jedoch zur Mitte hin, und da ist Tuschino keine Ausnahme. Obwohl er an anderer Stelle Benny Hinn verteidigt, betonte Kusnetsow in einem Interview mit unserer Abteilung, seine Gemeinde sei niemals Vertreterin der Theologie von Gesundheit und Reichtum („health and wealth“) gewesen. „Es muß ausgewogen sein,“ sagte er. „Wir meinen nicht, daß ein Gläubiger in jedem Falle reich und gesund sein müsse.“

Das Zungenreden ist ebenfalls keine Voraussetzung für die Mitgliedschaft in Tuschino. „Im Gegensatz zu den Pfingstlern, sind wir nicht der Auffassung, daß nur diejenigen, die in Zungen reden, die Geistestaufe bereits empfangen hätten.“ Das Zungenreden sei vielmehr „eine Frage des persönlichen Glaubens – keine Frage der Kirchenpolitik“.

Im allgemeinen steht Kusnetsow zu Rick Renner und Sunday Adelaja, dem umstrittenen, in Nigeria geborenen Kiewer Pastor. Beide nennen sich inzwischen „Apostel“, doch der Pastor in Tuschino nimmt Abstand von der Lehre des „Apostolischen Vertikals“. „Wir halten eine brüderliche Form der Gemeindeleitung für angebracht. Wir erkennen keine Basis für die ’vertikale’ Gemeindeführung, die von Sunday praktiziert wird.“

Ludmilla, die Ehefrau von Kusnetsow, wurde vor fünf Jahren als Pastorin ordiniert. Doch er fügt sofort hinzu, seine aus Weißrußland stammende Gattin sei kein Diakon und würde niemals der leitende Pastor (bzw. Pastorin) werden können. „Doch ein Pastor, der mit Menschen arbeitet, sich mit Familienfragen und den Gemeindedienst von Frauen befaßt, dürfte auch eine Frau sein.“

Alexander Kusnetsow wünscht sich seine Gemeinde als Bewegung, nicht als Denomination. Obwohl er seine Gemeinde auch als pfingstlerisch beschreibt, versichert er: „Ich halte mich nach wie vor für einen Baptisten. Ich habe keine Entscheidung gefaßt, aus dem Baptistenbund auszutreten. Ich denke, eine Gemeinde wie die unsrige könnte dem Baptistenbund beitreten und dessen Spektrum erweitern.“ Er fühlt sich weiterhin zwischen den Stühlen: „Als wir im Baptistenbund waren, hielten sie uns für Charismatiker. Bei der ROSKhWE halten sie uns nun für Baptisten.“

Im Gegensatz zum sehr eigenwilligen Rick Renner, betont dieser Leitende Pastor die Bedeutung interkonfessioneller Zusammenarbeit. Er insistiert: „Keine Gemeinde oder Denomination darf es sich erlauben, immer selbständig zu agieren. Ohne die kirchliche Einheit ist keine bedeutende evangelische Bewegung oder Erweckung denkbar.“ Er freut sich besonders über einen kürzlich von ihm mitgegründeten, 40-köpfigen „Pastorenklub“, der auch über baptistische Teilnehmer verfügt. Zwischen 2005 und 2009 diente das Gebäude in Tuschino als Heimat für die überkonfessionelle, presbyterianisch-geprägte „Russisch-Amerikanische Christliche Universität“.

Pastor Kusnetsow räumt Fehler in der Vergangenheit ein, aber er stellt den grundsätzlichen Weg seiner Gemeinde nicht in Frage. Ihr Verständnis vom Heiligen Geist hält er für besonders vielversprechend. Obwohl er gelegentlich Offerten an die Adresse der Baptisten richtet und nicht wenige Baptisten sich nach einer Aussöhnung sehnen, halten die Ehemaligen eine erneute Zusammenführung für höchst unwahrscheinlich. Die durch die Trennung entstandenen Verletzungen seien unverheilt und die Ehemaligen erkennen keine Bereitschaft seitens der Gemeinde, neue Kompromisse zugunsten der Einheit – etwa die Senkung des elektronischen Lärmpegels! – einzugehen. Schon in Anbetracht des Vermögens der Gemeinde, sich völlig selbständig zu behaupten, besteht in Tuschino kein offensichtlicher Bedarf, zu der Wiege zurückzukehren, der sie einst entstieg.

Dr. phil. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 16. Oktober 2009
baptistrelations@yandex.ru
Tel/Fax: 007-495-954-9231
„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 09-31, 1.304 Wörter oder 9.693 Anschläge mit Leerzeichen.


Der Patriarch hat Wort gehalten
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Das Moskauer CIAC plant eine Konferenz für alle christlichen Konfessionen

M o s k a u – Für den 4. Februar 2010 ist eine konfessionsübergreifende Moskauer Konferenz geplant, die die Werte der christlichen Familie hervorhebt. Das war ein Hauptergebnis des Gesprächs von fast 20 kirchenleitenden Persönlichkeiten in den Räumlichkeiten der Russischen Orthodoxen Kirche – Moskauer Patriarchats (ROK) in Moskau am 15. Oktober. Die Möglichkeit einer noch viel größeren Jugendkonferenz im Sommer 2010 wurde ebenfalls erörtert – eine derartige Konferenz fand letztmals 2001 statt.

Die Sitzung am 15. Oktober war erst die zweiten Begegnung des „Christlichen Interkonfessionellen Beratungskomitees“ („Christian Inter-Confessional Advisory Committee for the CIS-Countries and Baltics“ – CIAC) seit 2001. Geschaffen 1993 um das Gespräch zwischen den drei großen christlichen Konfessionen im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zu fördern, führte es in den Jahren 1994, 1996 und 1999 wichtige Konferenzen durch. Diese Aktivitäten wurden jedoch im Februar 2002 jäh unterbrochen nachdem der Vatikan beschlossen hatte, seine nichtregionalen „Apostolischen Administraturen“ auf russischem Boden in vier regionale Diözesen umzuwandeln. Dies war nach orthodoxer Überzeugung ein flagranter Verstoß gegen das kanonische Recht.

Das CIAC wird nun von Ilarion, dem Erzbischof von Wolokolamsk und seit Anfang 2009 Leiter des ROK-Außenamts, Pawel Pezzi, dem Römisch-Katholischen Erzbischof der Diözese Moskau, und Pastor Witali Wlasenko, Direktor für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten, angeführt. Wlasenko vertritt in dieser Eigenschaft sämtliche protestantischen Kirchen Rußlands. „Der Patriarch hat Wort gehalten,“ folgerte Wlasenko nach dem Gespräch am 15. Oktober. Beim letzten Treffen des CIAC am 2. Oktober 2008 hatte der damalige Metropolit Kirill versichert, die interkonfessionellen Verbindungen würden ausgebaut, auch wenn „ich nicht behaupten kann, daß alle strittigen Fragen gelöst worden seien“.

In einem Gespräch nach der Begegnung erläuterte Wlasenko, in der gegenwärtigen Phase erneuter Annäherung müßten die größten gemeinsamen Nenner hervorgekehrt werden. Eine orthodoxe Meldung nach der Begegnung am 15. Oktober beschreibt den Kampf gegen Drogen, Alkoholismus, Pornographie, den „Kult von Konsum und Gewalt“, Abtreibung und Selbstmord als einigende Basis für alle Christen. „Wir müssen mit dem anfangen, worüber wie uns alle einig sind,“ sagte der Baptist. „Sobald ein stärkeres, vertrauensvolleres Verhältnis erreicht ist, können wir uns den komplizierteren und eher strittigen Themen zuwenden.“ Die mögliche Jugendkonferenz im kommenden Sommer könnte sich eventuell mit Fragen der christlichen Partnersuche und -findung befassen.

Trotz angestiegener Besorgnis protestantischer Kreise über eine neue, noch restriktivere Gesetzgebung betonte Wlasenko den sehr herzlichen und freundschaftlichen Ton dieser Gespräche. „Die Einstellung der Menschen war sehr offen. Es herrschte ein Geist christlicher Liebe und Akzeptanz vor.“

Weitere gegenwärtige Entwicklungen
Der neue, vom Justizministerium am 12. Oktober vorgeschlagene Gesetzentwurf würde alle missionarisch aktiven Ausländer zwingen, ein „religiöses“ Visum zu beantragen. In der Vergangenheit war es wiederholt sehr schwierig geworden, ein solches Visum zu ergattern. Jeder Missionar, auch ein russischer Staatsbürger, die in öffentlichen Einrichtungen - etwa in Krankenhäusern, Waisenhäuser und Schulen - auftreten möchte, müßte sich erst einmal von der örtlichen Staatsvertretung eine Genehmigung holen. Die Orthodoxen scheinen im Wesentlichen mit dem Gesetzentwurf einverstanden zu sein. In der Pressemeldung über das Treffen am 15. Oktober wird Ilarion so zitiert: „Bei der Vorbereitung von Missionaren wird es erforderlich sein, die Problematik (grober Attacken auf die Kirche) anzusprechen. Die Mission darf nicht in Proselytismus ausarten.“

Doch der orthodoxe Theologe und Priester Andrei Kurajew (Moskau) sieht den neuen Gesetzentwurf als bürokratischen Alptraum an und fordert, das Missionieren genau zu definieren. „Ist nicht jeder Gläubige auch ein Prediger?“ fragte er. „Die Großmutter, die ihre Nachbarn im Zug anspricht, könnte man ja auch als Missionarin und Predigerin bezeichnen. Wir können doch nicht jedes Gemeindeglied mit einem Unbedenklichkeitszeugnis ausstatten. Die Apostel waren auch völlig ohne jegliche Dokumentation.“

Die RUECB, die größte einheitliche, protestantische Kirche Rußlands, vertritt rund 80.000 erwachsene Mitglieder in 1.750 Ortsgemeinden und Gruppen.

Dr. William Yoder
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Seelsorge für eine ganz besondere Klientel
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Ein „Zentrum für die Unterstützung von Pastoren“ soll im kommenden Jahr entstehen

M o s k a u -- „Was in der Welt vorkommt, kommt in geringerem Maße auch bei uns vor. Auch wir sind Versuchungen ausgeliefert.“ So kommentiert Pastor Sergei Wladimirowitsch Babitsch (Moskau) die Tatsache, daß auch Pastoren der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB) in Sünden und Abhängigkeiten geraten, aus denen sie sich nicht eigenständig befreien können. Über Fragen von Familie, sexuellen Abhängigkeiten, Alkohol und finanziellen Schwierigkeiten stolpern Pastoren am meisten – wie bei Christen wohl überhaupt. „Doch Pastoren sind eine ganz besondere Klientel,“ fügt der Mitarbeiter der Pastorenabteilung der RUECB hinzu. „Sie halten sich bereits für gebildet und lebenserfahren. Es scheint manchmal so, als würden sie nicht länger Antworten für sich selber suchen – sie geben sie stattdessen nur anderen.“

Ein neues, von der Pastorenabteilung entworfenes Programm betont zwei Bereiche: Prävention und Rehabilitation. Die Themen umfassen eine gesunde Lebenshaltung, eine positive Sexualität, eheliches Wachstum, Kindererziehung und die Formierung einer wahrlich geistlichen Persönlichkeit. Pastoren wünschen sich Zusammenkünfte, die sich weniger mit Theorie befassen und mehr mit praktischen Hinweisen bezüglich des rechten Umgangs mit Versagen, Konflikten, Enttäuschungen und Zweifeln. Im Laufe eines geplanten, 10-tägigen Kurses soll Pastoren eine tägliche, höchstvertrauliche und hochqualifizierte Seelsorge angeboten werden. Auszeiten für das Zwiegespräch mit Gott und den Austausch mit Kollegen im Kleinkreis sind ebenfalls vorgesehen.

Am 30. Juni konnte Babitsch erstmals die Zentrale der deutschen Baptisten, des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, in Elstal bei Berlin besuchen. Dort traf er sich zu Beratungen mit den Pastoren Olaf Kormannshaus und Friedbert Neese zusammen. Neese ist in besonderer Weise für die Betreuung von ordinierten Mitarbeitern zuständig. Er besuchte ebenfalls den baptistischen Pastor und Seelsorger Hermann Hartfeld (Brühl). Der russische Gast interessierte sich insbesondere für die unter deutschen Pastoren geläufige „Supervision“. Bei solchen, regelmäßig stattfindenden Treffen reagiert ein Kreis von Kollegen auf die persönlichen Fragen und Bedürfnisse, die von einem der anwesenden Pastoren vorgetragen werden. Nach Babitsch „löst Gott manchmal auf eine wundervolle Art und Weise Probleme des Einzelnen“ durch den Austausch mit Kollegen.

Der Moskauer Pastor sieht in der Prävention einen Grundstein bei der Ausbildung und Entwicklung von Pastoren. Nach seiner Überzeugung sei es nicht länger hinzunehmen, daß „unreife oder neubekehrte Menschen, die auf diesen Dienst nicht vorbereit worden sind, zu Pastoren berufen werden. Ein solcher Bruder muß für den Dienst zugerüstet werden. Die Ernennung verlangt, daß er gewisse charakterliche und bildungsmäßige Voraussetzungen erfüllt – und, daß er Zugang zu einer entsprechenden Zurüstung hat.“ Babitsch denkt an eine Art Vikariat, die ein bis drei Jahre dauert und regelmäßige Treffen mit Kollegen, einem Mentor oder dem zuständigen „Bischof“ (Altpresbyter) mit einschließt.
 
Zur Rehabilitation meint Babitsch: „Auch nach einer persönlichen Katastrophe oder einem Versagen muß es mit dem Leben des Pastors weitergehen. Ein Pastor, der viele Jahre dem Dienst für Gott gewidmet hat, soll nicht hinterher das Gefühl haben, ein Geächteter zu sein, der nur noch von Gott benötigt sei. Das eheliche Scheitern eines Pastors soll nicht bedeuten, daß er automatisch von allen Formen der kirchlichen Weiterbeschäftigung ausgeschlossen werde.“ In der Hoffnung auf erhöhte Gerechtigkeit und eine tatsächliche Hilfe für die Betroffenen, sollen die Prozesse von Prävention und Rehabilitation koordiniert und standardisiert werden.
 
Nun hofft Sergei Babitsch auf die Fortsetzung der Beratungen in Deutschland und die Fortführung seiner Einweisung in die deutschen Erfahrungen. Er und ein Team von Kollegen sind bemüht, diesen neuen Dienst auf so viele Regionen Rußlands wie möglich auszudehnen. Er geht davon aus, daß ein „Zentrum für die Unterstützung von Pastoren“ im kommenden Jahr an einem konkreten Ort im Großraum Moskau seinen Dienst aufnehmen kann. 
 
Leiter der Pastorenabteilung ist Alexei Wassilewitsch Smirnow (Dedowsk bei Moskau), leitender Pastor bei der mit der RUECB verbundenen „Assoziation der Brüdergemeinden“ (ABTs).

Dr. William Yoder
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Moskau, den 2. Oktober 2009
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Die Moral mit unmoralischen Mitteln durchsetzen
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Interview mit dem Präsidenten der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten


M o s k a u -- Die religiöse Erziehung der Kinder ist Elternpflicht. Das war die Meinung von Juri Sipko (Moskau), dem Präsidenten der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB), in einem Interview mit dem alternativen, orthodoxen Moskauer Pressedienst „Portal-Credo“ am 9. September. Anlaß war die Ankündigung, gegen Ende des gerade angelaufenen Schuljahres in mehreren Regionen Rußlands den Kurs „Geistlich-moralische Erziehung“ als obligatorisches Schulfach einzuführen. Dieser Kurs hieß bis vor kurzem „Grundlagen orthodoxer Kultur“ und wird von der Russischen Orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats wesentlich mitbestimmt.

Doch nach Sipko seien der russische Staat und die Gesellschaft dermaßen stark in Lüge und Korruption verstrickt, daß sie gar nicht imstande seien, der jüngeren Generation moralische Werte zu vermitteln. Wir denken, „unsere Kinder werden religiöse Geheimnisse sowie geistliche und ethnische Normen in sich aufnehmen, doch diese haben sich weder Eltern noch Lehrer selber angeeignet. Das trifft auch für die Diener der Kirche zu. Wann hören wir endlich auf, uns selber etwas vorzumachen?“ Heute sei man sich selber die größte Gefahr; gegenwärtig werde das russische Volk von der ungeistlichen und unmoralischen Haltung der eigenen Gesellschaft gefährdet. „Jene, die Gesetze verfassen und vollstrecken, verstoßen ungestraft gegen dieselben.“ Hinzu komme, daß die führenden Generationen unserer Gesellschaft allesamt im Atheismus und Darwinismus erzogen worden seien. Doch „in der Gottlosigkeit gibt es keine Moral; sie ist im Grunde unmoralisch.“

Präsident Sipko wies ferner daraufhin, daß die Einführung von Maßnahmen, die die Orthodoxie begünstigen, gegen die äußerst wichtige, in der Verfassung verankerte Gleichstellung aller Religionen verstoße. „Die Moral läßt sich nicht mit unmoralischen Mitteln durchsetzen.“

Dieser Unterricht soll eingangs für Schüler am Ende des vierten und am Anfang des fünften Schuljahres eingeführt werden. Auch das ist für Sipko problematisch: „Um wirklich Neues aufzunehmen, ist es dann wahrscheinlich zu spät. Mit 12 Jahren ist es bei Kindern schon so weit, daß sie Erwachsene - auch Eltern und Lehrer - schamlos auslachen.“

Er vermutet, die Schule „werde mit der Religion das machen, was sie bereits mit der kommunistischen Ideologie gemacht hat. Wir erinnern uns an die Spielereien bei den Pionieren und beim Komsomol. Dank der Massenanwendung wurde eine ganze staatliche Ideologie zum Gespött, das sich zersetzend auf die Seelen der Kinder auswirkte.“ Die religiöse Bildung des zaristischen Staates „brachte den Menschen den Haß auf die Religion bei. Schließlich haben Menschen, die den Religionsunterricht durchlaufen hatten, die Kirchen, die heiligen Bücher und sogar die Geistlichen selbst vernichtet.“

Juri Sipko erkennt die einzige Lösung darin, daß Eltern ihre Erziehungspflicht auch in religiösen Belangen wahrnehmen. „Ich hätte in unseren Schulen einen Kurs Ethik vorgezogen,“ fügte er hinzu. „Ich hätte die Einhaltung der Verfassung vorgezogen.“ Nur so wäre die Glaubensneutralität des Staats zu wahren gewesen.

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Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 24. September 2009
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Ukrainische Baptisten feierten in Kiew
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Aufbruch und Kontinuität zum 400. Jubiläum der baptistischen Bewegung


Kommentar

M o s k a u / K i e w -- Wie keine andere baptistische Union Osteuropas haben die Ukrainer den Sprung ins Blickfeld der Öffentlichkeit geschafft. Das wurde deutlich als die Baptisten slawischer Zunge ein viertägiges Fest in der ukrainischen Hauptstadt zum 400. Geburtstag der baptistischen Weltbewegung veranstalteten. Ab dem 27. August fand in der Zentralen Baptistengemeinde Kiews eine Konsultation mit 250 Teilnehmern aus 26 Ländern statt. Der krönende Abschluß bildete eine bewegende, dreistündige Feierstunde mit fast 5.000 Teilnehmern im staatseigenen Nationalpalast „Ukraine“ am 30. August. Allein der Chor bestand aus 370 Sängern und Sängerinnen. Dort wurden nicht wenige Augen feucht als die Veranstalter mit multimedialer Unterstützung die langen Leidensjahre kommunistischer Verfolgung Revue passieren ließen. „Wer hätte das gedacht!“ jubelte der katholische Nachrichtendienst RISU aus Lemberg. „Die Welt hatte nicht damit gerechnet, daß nach Jahrzehnten der Verfolgung und Unterdrückung, daß nach härtester Traumatisierung und Demütigung, die Baptisten sich wieder aufrichten und getrost von ihrem Glauben reden würden!“

Das Kiewer Ereignis feierte sowohl die Kontinuität wie den Aufbruch im Wirken des slawischen Baptismus. Wie bereits beim großen Jugendkongreß in Odessa ein Jahr zuvor wurde im Abendmahl auf der Abschlußveranstaltung die Weiterreichung des Stabs an die jüngere, postsowjetische Generation symbolisch dargestellt. In einem Interview mit der RISU am Rande hielt Grigori Komendant, pensionierter Präsident der „All-Ukrainischen Union der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten“ die Kontinuität hoch. Methoden ließen sich verändern, doch „Jugendliche müssen verstehen, daß sie keine Bahnbrecher seien. Es bestehen Glaubensprinzipien, die weder durch einen konservativen noch liberalen Ansatz verändert werden dürfen.“ Beim Evangelisten der Missionsgesellschaft Billy Grahams, Wiktor Hamm (Winnipeg), lautete es: „Wir stehen auf den Schultern der Glaubensväter, die vor uns da waren. Mein Vater Gerhard Hamm verbrachte mit den Leitern der nichtregistrierten Baptisten ganze Nächte im Gebet, damit die riesige Sowjetunion wieder laut und deutlich das Evangelium hören könne. Nun ist es soweit. Laßt uns die Zeit dafür nutzen, Menschen für Christus zu gewinnen!“

Neben einem persönlich vorgetragenen Grußwort des griechisch-katholischen Patriarchen Lubomir Husar (Lemberg) konnte sich die Abschlußveranstaltung mit geschriebenen Grußworten von Staatspräsident Wiktor Juschtschenko, Ministerpräsident Julia Timoschenko und dem Kiewer Oberbürgermeister Leonid Tschernowetski (einem Charismatiker) schmücken. Bei der Veranstaltung hielt der Baptist Alexander Turtschinow, Erster Stellvertretender Ministerpräsident der Ukraine und rechte Hand der Ministerpräsidentin, eine Rede. Juri Reschetnikow, Leiter des einst gefürchteten Staatsministeriums für Religiöse Angelegenheiten und selbst Baptist, nannte seine Kirche die viertgrößte Konfession der Ukraine. Der 29-jährige Pawel Ungurjan (siehe unsere Meldung vom 18.8.2009), Landesjugenddirektor der ukrainischen Baptistenunion und Mitglied des Nationalparlaments, war ein Hauptinitiator des Ereignisses.

Wiederholt klang an, daß sich die Ukrainer als Vorreiter unter den Baptisten slawischer Nation verstünden. Zum kürzlich erfolgten Ukraine-Besuch des Moskauer Patriarchen Kirill hieß es im Interview mit Komendant: „Kirill kennt die ukrainische Nation nicht vollständig. Gemessen an seinem Territorium und Einfluß könnte man Rußland eigentlich als ‚slawisch-asiatisch’ bezeichnen. Im Gegensatz dazu ist die Ukraine ein wahrlich slawisches Land.“ In Berichten über das Ereignis wurde die starke Vertretung der ukrainischen Diaspora betont. Ein Russe gab an, die Ukraine und Moldawien seien – wohl abgesehen vom Baltikum - in konfessioneller Hinsicht die freiesten Länder der ehemaligen Sowjetunion.

Mit Zahlen wurde großzügig umgegangen – meistens wurde die Zahl ukrainischer Baptisten mit 200.000 angegeben. Tony Peck (Prag), Generalsekretär der „Europäischen Baptistischen Föderation“ (EBF) gab in Kiew an, die Ukrainer stellten einen Viertel der 800.000 Baptisten Europas. Komendant meinte, bereits 2002 habe der ukrainische Bund den britischen als den größten Baptistenbund Europas abgelöst. Doch im EBF-Jahrbuch für 2009 weist der Baptistenbund Großbritanniens eine Mitgliedschaft von 136.677 auf; die „All-Ukrainische Union der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten“ - 133.258. Hinzu kommen Nichtregistrierte und die 10.000 Mitglieder der baptistischen „Brüderschaft“ der Ukraine. Doch auch das Vereinigte Königreich verfügt über weitere baptistische Unionen und selbständige Baptistengemeinden. Bei den all-europäischen Jubiläumsfeierlichkeiten der EBF in Amsterdam Ende Juli – es waren 900 Besucher zugegen - hatte Ungurjan von 40.000 baptistischen Jugendlichen in der Ukraine gesprochen. Doch in Kiew berichtete die RISU von einem jugendlichen Anteil von 40%. Das wäre genau die doppelte Menge.

Man sagt, die gesamte Mitgliedschaft des sowjetischen „All-Unionrats der Evangeliumschristen-Baptisten“ habe etwa in den 70er Jahren eine Million betragen. Doch im Grußwort von Juschtschenko am 30. August hieß es, daß nur 3.000 Baptisten den stalinistischen Terror überlebt hätten. Komendant gab an, 1991 habe es bei der Verselbständigung des ukrainischen Bundes nur 90.000 Baptisten in der Ukraine gegeben. Klar ist eigentlich nur, daß es in den letzten zwei Jahrzehnten erfreuliche Wachstumsentwicklungen gegeben habe.

Nachdenkliches am Eröffnungstag

Die Notwendigkeit kritischer Selbstreflexion wurde am ersten Tag spätestens beim Vortrag von Mikhail Iwanow (Moskau), dem Leiter der theologischen Abteilung bei der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ deutlich. In seinem Referat unterstrich er die wesentliche Bedeutung der Gewissensfreiheit im Entstehen und Gedeihen der baptistischen Bewegung. Er betonte wiederholt, daß die Gewissensfreiheit allen gelte, auch „Pfingstlern, Adventisten, Zeugen Jehovas, Krischna-Anhängern und sogar Atheisten“. Was wir anderen abverlangen, müssen wir auch anderen gewähren.

Doch dieser Grundpfeiler baptistischer Theologie laufe der defensiven, abwehrenden Denkweise osteuropäischer Kultur zuwider. Beispielsweise „schweigen wir oftmals bei der Verfolgung charismatischer Gemeinden“ aus Angst davor, selbst unter den Einfluß charismatischer Tendenzen zu geraten. Viel bequemer sei es, die Freiheit des Gewissens auf die eigene „Freiheit zur Verkündigung des Evangeliums zu verengen“. Hinzu komme, daß unsere Gemeinden unzureichend in der biblischen Lehre verwurzelt seien. „Deshalb ist es notwendig, sich mit der theologischen Festigung unserer Gemeinden zu befassen – damit wir auch nicht passiv weiterhin die Unterdrückung Andersdenkender unterstützen.“

Die Übernahme fremden Gedankenguts klang schon im ersten Vortrag am Eröffnungstag an. Darin zeigte der baptistische Historiker und Bildungsspezialist Sergei Sannikow (Odessa) minutiös auf, in welch starkem Maße die slawischen Baptisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts ihr Weltbild und ihre Theologie von den in die Ukraine eingewanderten Mennoniten preußischer Herkunft übernommen hätten. Die herkömmliche Kleider- und Gottesdienstordnung, Gemeindezucht, der Pazifismus, die Abschottung von der Welt und die politische Enthaltsamkeit seien keineswegs baptistischen Ursprungs, sondern ein Überbleibsel mennonitischen Einflusses. Sannikow trat deshalb für die Schaffung einer neuen, eindeutig baptistischen Identität ein.

Dazu würden in Osteuropa tätige Kreise aus Nordamerika gerne beitragen. Doch in einem anderen Vortrag wurde Rick Warren namentlich kritisiert, weil er zu den vielen Nordamerikanern zählt, die ein kalvinistisches Heilsverständnis vertreten. In Osteuropa hat die zur Werkgerechtigkeit tendierende arminianische Heilslehre eine lange Tradition. Osteuropäer wähnen in der erst in den letzten zwei Jahrzehnten verbreiteten, kalvinistischen Lehre einer bedingungslosen Heilszuversicht einen Freibrief für frevelhaftes Verhalten. Nach Meinung des Referenten, Pastor Alexander Sipko aus Spokane/USA, könnte das Festhalten an einem solchen Heilsverständnis zu einem „bösen Erwachen“ am Lebensende führen.

Im erwähnten Interview versicherte Altpräsident Komendant, eine „vernünftige Balance“ zwischen Tradition und Aufbruch könne zu einem Ausgleich zwischen den Generationen führen: „Es ist nie nur die eine Seite schuldig.“ Da blieb nur die schwierige Frage, an genau welchem Punkt auf der Werteskala ein Gleichgewicht sich herstellen könne.

Dr. phil. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
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„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 09-27, 1.095 Wörter oder 8.518 Anschläge mit Leerzeichen.



Schrumpfung – notwendig aber ungesund
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Die Zukunft theologischer Bildung in Euro-Asien


M o s k a u / O d e s s a – Ein in Rußland tätiger US-Amerikaner berichtet, die “Southern Baptist Convention” komme bei der Versorgung ihrer 16 Millionen Mitglieder mit nur fünf Seminaren aus. Die Staaten der ehemaligen Sowjetunion, die heute höchsten drei Millionen Protestanten beherbergen, verfügen über rund 150 Seminare und Bibelschulen. Bei einem sommerlichen Interview in Odessa meinte Dr. Sergei Wiktorowitsch Sannikow (Odessa), Geschäftsführender Direktor und Gründer der “Euro-Asian Accreditating Association” (E-AAA), hierzu: „Es ist eindeutig, daß die Zahl der theologischen Bildungseinrichtungen schrumpfen wird und muß. Aber es wäre verkehrt, diesen Prozeß als eine ‚Gesundschrumpfung’ zu bezeichnen.“ Zu viele Karrieren und ausländische Unterstützungskanäle stünden auf dem Spiel – schon deshalb könne der Prozeß nur als schmerzlich empfunden werden. „Bei der Gründung dieser Einrichtungen gab es keinen strategischen Plan – sie sind spontan entstanden. Die Menschen waren begeistert und westliche Unterstützung war vorhanden – also schritt man zur Tat.“

Sannikow fügte hinzu, die E-AAA bemühe sich, die Schläge möglichst abzufedern. Ein ausführlicher Austausch unter führenden Dozenten finde gegenwärtig im Internet statt. „Wir ermutigen die Einrichtungen, einzigartige Programme zu entwickeln oder sich mit anderen Instituten zusammenzuschließen. Jede Einrichtung wird ein erkennbares Gesicht haben, jede wird eine Nische finden müssen.“ Diversifikation (Mannigfaltigkeit) sei angesagt – erst recht wenn kein eindeutiger Standortvorteil zu erkennen sei.

Das “Moskauer Theologische Seminar”, das Flagschiff der “Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten”, gehört zu den Einrichtungen, die sich bemühen, Filialen um sich zu sammeln. Sannikow meinte: „Das halte ich für eine gute Entwicklung – erst recht in Rußland. Der Staat und die ökonomischen Zwänge setzen die kleineren Ausbildungsstätten unter Druck. Kleinere Einrichtungen begreifen, daß sie effektiver arbeiten können wenn sie sich der Dozenten und Programme größerer Einrichtungen bedienen. Strukturelle Mißstände werden behoben. Größere Einrichtungen können sehr viel effektiver Bibliotheken und andere Ressourcen organisieren und weiterleiten.“

Der Direktor von E-AAA, ein ukrainischer Baptist, vertritt die Auffassung, daß sich in den nächsten Jahrzehnten die Zahl interkonfessioneller Ausbildungsstätten nicht deutlich erhöhen werde. „Der Denominationalismus nimmt rasch zu,“ warnte er, „abgesehen von manchen Kreisen der Jugend. Es fällt den Menschen auch schwer, irgendwie von der eigenen Denomination Abstand zu nehmen wenn man meint, nur sie vertrete die gesamte Wahrheit.“ Auch sehr kleine Kirchen wie die Wesleyaner – sie gehören weder zu den Methodisten noch Nazarenern – haben in Moskau eine eigene Schule. Die Moskauer „Geistliche Akademie des Apostels Paulus“ hat ebenfalls einen sehr kleinen Unterstützerkreis. Ein zweites von Gennadi Sergienko geleitetes „Moskauer Theologisches Seminar“ schloß vor wenigen Monaten seine Tore. Eine interkonfessionelle Einrichtung ist z.B. das „Moskauer Seminar der Evangeliumschristen“ (siehe Meldung 09-14 vom 28.4.2009).

In einigen wenigen Fällen wird das Bildungsangebot weiterhin ausgebaut. Das trifft vor allem für die neo-charismatische Bewegung zu, die trotz ihrer hohen Zahl an Gemeindeschülern erst jetzt damit beginnt, theologische Einrichtungen mit akademischem Niveau zu schaffen. Das von “Greater Europe Mission” unterstützte “Zaporozhye Bible College”, das sich nördlich der Krim befindet, begründet ihr beachtliches Bauprogramm mit einem Standortvorteil.

Fünf-und-fünfzig der rund 150 Ausbildungsstätten im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion gehören der E-AAA an: 28 von diesen befinden sich in der Ukraine, weitere 15 in Rußland (sieben davon in Moskau). Es gibt jeweils ein Mitglied in Belarus, Moldawien, Armenien and Litauen u.a. Das baptistische Seminar in Akademgorodok bei Nowosibirsk und eine baptistische Predigerschule in Samara/Wolga gehören nicht dazu. Vor etwa sechs Jahren gab die E-AAA eine gesamte Studenten- bzw. Schülerschaft unter ihren Mitgliedern von 7.000 an. Sannikow ist sich nicht sicher, ob die Zahl seitdem gesunken sei. Das Zählen von Eingeschriebenen hat sich stets als schwierig erwiesen. Eine ukrainische Schule, die sich auf den Fernunterricht spezialisiert hatte, gab z.B. eine Eingeschriebenenzahl von 5.000 an. Wie lange gilt ein Schüler oder Student als eingeschrieben, wenn er ein Programm begonnen hat ohne es auch abzuschließen? Folglich hat die E-AAA in jüngster Zeit Kriterien für das Zählen von Eingeschriebenen entwickelt in der Hoffnung, besser das tatsächliche Wirken der Einrichtungen vergleichen zu können.

Im usbekischen Taschkent gibt es eine offiziell zugelassene, baptistische Schule; eine weitere, die vor allem von pfingstlerischen und charismatischen Kreisen getragen wird, befindet sich in Almaty/Kasachstan. Ukrainische Schulen und Hochschulen unterstützen mehrere inoffizielle Schulen in den zentralasiatischen Republiken. Keine der dortigen Einrichtungen ist bisher von der E-AAA akkreditiert worden. Es kommen außerdem nicht wenige künftige Pastoren aus Zentralasien zum Studium nach Rußland und der Ukraine.

Die offiziell erst 1997 gegründete E-AAA umfaßt pfingstlerische, lutherische, presbyterianische, baptistische und interkonfessionelle Einrichtungen – allerdings keine adventistischen. Obwohl sich mehrere Mitglieder an anderen Orten befinden, fühlt sich die E-AAA für russischsprachige Einrichtungen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zuständig. Dabei weist Direktor Sannikow darauf hin, daß die – staatlich nicht anerkannten - Akkreditierungskriterien nicht von der EAAA alleine entwickelt worden seien. Sie ist das jüngste Regionalmitglied der “International Council for Evangelical Theological Education” (ICETE). Geschaffen 1980 mit Unterstützung der Weltallianz (WEA), umspannen die sieben Regionalfilialen der ICETE heute den Globus.

Die Arbeit der E-AAA wird von ihren 55 Mitgliedern gefördert. Regelmäßige Mitgliedsgebühren fallen an, eine weitere Gebühr wird für jeden Studenten, der in ein akkreditiertes Programm aufgenommen wird, erhoben. Kosten für die Besuche von E-AAA-Komissionen bei Mitgliedseinrichtungen werden ebenfalls vom Gastgeber getragen. Sannikow wies jedoch darauf hin, daß sich die Arbeit der E-AAA nicht auf Akkreditierungsfragen beschränke. Ihr von Taras Djatlik (Riwne/Westukraine) angeführtes Forschungszentrum publiziert eine Zeitschrift auf Papier und Bücher als CDs, sammelt historische Dokumente und verteilt Studienhefte zu Führungsfragen. Es führt Konferenzen und Seminare durch; deren Ergebnisse werden oftmals publiziert. Ein Projekt aus jüngster Zeit befaßt sich mit der Wirkung theologischer Ausbildung in Euro-Asien. Dieses Zentrum wird nicht von den Mitgliedsbeiträgen getragen, sondern von den Zuschüssen ausländischer Organisationen und Stiftungen.

Die Anfänge in Odessa
Dr. Sergei Sannikow befaßt sich seit Jahrzehnten mit der theologischen Ausbildung in Rußland und der Ukraine. Als der sowjetische “All-Unionsrat der Evangeliumschristen-Baptisten” im Januar 1991 in Moskau sein erstes Seminar für das Studium vor Ort eröffnete, war Sannikow der Rektor. Doch Räumlichkeiten in der historischen Zentralen Baptistengemeinde Moskaus waren sehr beengt und die Bibliothek kaum der Rede wert. Deshalb wurde nach einem einzigen Lehrabschnitt der Entschluß gefaßt, das Seminar nach Odessa in eine bereits 1989 gegründete Bibelschule zu verlegen. Nach Klärung der logistischen Fragen sollte das Seminar in zwei Jahren nach Moskau zurückkehren.

Doch die Auflösung der UdSSR im Dezember 1991 und die Zersplitterung des „All-Unionsrats“ kurz darauf schufen eine völlig neue Ausgangslage. Eingangs blieb Odessa das Seminar der neuen ukrainischen Union; ein zweites Seminar wurde 1993 in Moskau eröffnet. Die Hauptausbildungsstätte der ukrainischen Union befindet sich heute in Irpen westlich von Kiew.

Aus politischen Überlegungen bejaht Sannikow die Aufteilung des alten Baptistenbundes. Schließlich wäre es politisch ungünstig gewesen, einer ausländischen Institution Rede und Antwort stehen zu müssen. „Wir haben keine organisatorische Einheit notwendig, um die Einheit in Christus, die wir verspüren, auszudrücken,“ erklärte er. „Ich leide nicht unter dieser Trennung.“ Er räumte jedoch ein, daß die Trennung einen geistlichen Preis habe. „Es gibt einen gewissen Nationalismus in unseren Gemeinden, und er belastet das Leben unseres Bundes und unsere Beziehungen untereinander. Eine Gruppe betont das Russische, die andere, das Ukrainische. Ich habe nicht das Gefühl, die eine Gruppe sei schuldiger als die andere. Aber jede Gemeinde hat Leute, die die Nationalitätenfrage überzeichnen.“

Der E-AAA-Direktor versicherte dennoch, die Ukraine werde auf absehbare Zeit eine Brücke zwischen Ost und West bleiben. „Die Ukraine wird nicht so sehr wie Georgien auf einem Beitritt zur Europäischen Union bestehen. Aber wir sind keine Russen – wir haben eine andere Mentalität. Zwischen den 16. und 18. Jahrhunderten bewegten wir uns in der Mitte. Vielleicht werden wir uns für immer in der Mitte befinden – weder europäisch noch asiatisch. Aber das ist auch ganz in Ordnung so!“

Die Anschrift der russischsprachigen E-AAA-Webseite lautet: “www.e-aaa.org”.

Dr. phil. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 22. August 2009
baptistrelations@yandex.ru
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Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 09-26, 1.210 Wörter oder 9.107 Anschläge mit Leerzeichen.



Ein Baptist mit doppeltem Beruf
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Der ukrainische Jugendleiter Pawel Ungurjan

M o s k a u / A m s t e r d a m -- “Die Baptisten Westeuropas werden schwächer – als globale Bewegung bewegt sich der Baptismus ostwärts und südwärts. Die baptistische Jugend von heute lebt vor allem in Afrika, Asien und Lateinamerika. Wir, die jungen Baptisten der Ukraine, wollen eine strategische Plattform und ein Sprungbrett bilden, die diese Entwicklungen fördern.“ So äußerte sich der 29-jährige Pawel Ungurjan (Kiew), Landesjugenddirektor bei der 133.000-Mitglieder zählenden „All-Ukrainische Union der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten“ in einem Gespräch auf der „Amsterdam 400“-Konferenz der Europäischen Baptistischen Föderation am 26. Juli.

Die Anfänge sind jedoch bescheiden. Im Januar entsandte seine Jugendabteilung zwei Missionare in die zentralasiatischen Republiken der ehemaligen UdSSR. Zwei Familien sollen im September folgen. Andere arbeiten schon länger in Kazakhstan. Der Jugendleiter berichtete: „Es freut mich sehr, daß viele Ukrainer in den missionarischen Dienst nach Rußland gezogen sind – auch nach Sibirien, Fernost und dem Hohen Norden. Unsere Union hat weitere Mitarbeiter in Moldawien, Rumänien, Belarus und Armenien.” Ein leitender Baptist in Kiew, Wiktor Kulbitsch, gab 2004 an, daß 450 ukrainische Baptisten in Rußland als Missionare tätig seien. Weitere 38 waren tätig in Ländern wie Australien, Afghanistan, Israel, Portugal und Kanada. Die Ukraine, der „Bibelgürtel“ der ehemaligen Sowjetunion, verfügt heute über die größte baptistische Union auf dem europäischen Festland.

Der in Odessa aufgewachsene Ungurjan fuhr fort: “Die evangelistische Explosion der neunziger Jahre war das Ergebnis einer anfänglichen, generellen Euphorie. Doch heute führt die Jugend die Bewegung an; heute sind wir die Avantgarde. Und ältere Glieder fangen an, uns dabei zu unterstützen. Er meinte, die Bewegung bedürfe nun einer verstärkten Institutionalisierung: „Wir sollten alles schrittweise organisieren. Wir müssen in den Haushalt jeder Ortsgemeinde aufgenommen werden. Viele gelangen zu der Überzeugung, daß wir einen oder zwei Missionare aus jeder Gemeinde brauchen – und daß sie finanziert werden müssen. Unsere Union besteht aus 2.800 Gemeinden. Hätten wir zwei Missionare aus jeder Gemeinde, würden sie eine gewaltige Armee bilden. Unsere Union hat 40.000 junge Menschen. Die Arbeit innerhalb der Ukraine ist unsere rechte Hand – doch die linke Hand gilt der Arbeit in anderen Ländern.“

Der Jugendleiter verwies auf die sehr engen Beziehungen zur Jugendabteilung der russischen Union, die von Pastor Ewgeni Bakhmutski (Moskau) geleitet wird. Ein Höhepunkt für beide war eine Jugendkonferenz in Odessa mit 3.000 Teilnehmern aus 19 Staaten. Das gemeinsame Engagement für die Mission sei der Klebstoff, der die nationalen Jugendbewegungen zusammenschweiße. Gelegentlich kommt das Gerücht auf, die in Moskau ansässige „Euro-Asiatische Föderation der Unionen der Evangeliumschristen-Baptisten“, in der die Staaten der ehemaligen UdSSR abgesehen vom Baltikum und einem Teil des Kaukasus vertreten sind, harrt der Einstellung ihrer Arbeit entgegen. Doch er ist überzeugt, die Jugend russischer Zunge sei imstande, der Föderation neues Leben einzuhauchen.

Pawel Ungurjan vertritt die Auffassung, osteuropäische Ereignisse wie die Jugendkonferenz in Odessa im August 2008, die nur wenige Wochen nach der globalen Jugendkonferenz des Baptistischen Weltbundes in Leipzig stattfand, auf keinen Fall als konkurrierende Parallelveranstaltung eingeordnet werden dürfen. „Es ist ganz hervorragend, daß wir diese beiden Gruppen von Aktivisten haben,“ betonte er in Amsterdam. „Sie spiegeln die Vielfalt der Baptisten wieder. Viele junge Menschen haben weder das Geld noch das Visum, um solche Ereignisse im Westen aufsuchen zu können. Die Konferenz in Odessa wurde von der Jugend vorbereitet und hat sie über Grenzen hinweg in einer ganz besonderen Art und Weise vereinigt. Solche Ereignisse sind wahrlich ein Geschenk des Himmels.“

Er glaubt nicht, daß bedeutende, theologische Differenzen weiterhin zwischen der baptistischen Jugend in Ost und West bestehen. Er räumte jedoch ein, daß „kulturelle und psychologische Unterschiede“ existieren. „Es gibt Mentalitätsunterschiede. Wir aus der russischsprachigen Welt wuchsen in einer Gegend auf, in der Christen über lange Zeit Druck ausgesetzt werden. Wir vertreten weiterhin konservative Positionen bezüglich Äußerlichkeiten wie Kleidung und Anbetungsformen. Unser Verständnis gewisser demokratischer Werte ist unterschiedlich. Wir sollten jedoch immer das betonen, was uns vereint.“

Doch was müßte sich noch unter den ukrainischen Baptisten ändern? „Wir müssen unser Verständnis von der heutigen Zeit ändern,“ antwortete Ungurjan. „Wir verfügen gegenwärtig über einmalige Chancen und müssen uns täglich bemühen, sie zu begreifen und auszunutzen. Wir müssen ebenfalls unsere Sicht auf die Ukraine verändern. Wir sind zu einer Brücke zwischen Ost und West geworden; wir müssen die neue, globale Rolle der Ukraine ernstnehmen. Heute sind wir imstande, Missionare auf das gesamte Gebiet östlich und südlich von uns vorzubereiten.“

Die Arbeit des Jugendleiters unter der Woche
Der Anwalt Pawel Ungurjan fügte hinzu, daß er nur am Wochenende als Jugendleiter gelte. Nach ersten Erfahrungen im Stadtrat von Odessa wurde er im September 2007 ins ukrainische Parlament, die “Werkhowna Rada”, gewählt. Er sowie drei weitere Baptisten und ein Pfingstler gehören dort der Regierungspartei, dem „Block Julia Timoschenko“ an. Ein-hundert-fünf-und-fünfzig der 450 Parlamentsmitglieder gehören dieser Partei an. Sein Parteikollege ist Dr. Alexander (oder Oleksandr) Turtschinow, Doyen der baptistischen Politiker in der Ukraine. Turtschinow ist seit 1993 mit Ministerpräsidentin Timoschenko verbunden und dient gegenwärtig als ihr Erster Stellvertretender Ministerpräsident. Der 1964-geborene Ökonom wurde durch seine vorübergehende Funktion als erstes ziviles Oberhaupt des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU (einst KGB) bekannt. Seine Amtszeit währte nur von Februar bis September 2005. Ungurjan fügt hinzu, daß viele Baptisten als Dorfbürgermeister oder Mitglieder von Stadt- und Regionalräten aktiv seien.

Findet Ungurjan es bedenklich, daß alle Baptisten im Parlament dem Block Timoschenko angehören? „Es wäre besser, wenn sich die Baptisten auf verschiedene politische Parteien verteilten,“ antwortete er. „Doch leider ist nur eine Partei bereit, Baptisten in ihre Reihen aufzunehmen. Die anderen Parteien verfügen über keine Baptisten – sie wollen auch keine.“ Der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko fühlt sich dem orthodoxen Kiewer Patriarchat verpflichtet; die pro-russische, von Wiktor Janukowitsch angeführte „Partei der Regionen“ steht zum Moskauer Patriarchat. Ungurjan unterließ den Hinweis, daß viele Baptisten anfangs im Jahre 2004 Wiktor Juschtschenko unterstützten. Der Kiewer Bürgermeister, Geschäftsmann und Charismatiker Leonid Tschernowetski ist mit der Partei von Wiktor Juschtschenko liiert. Tschernowetski ist Mitglied der von dem Nigerianer Sunday Adelaja gegründeten „Botschaft (Embassy) Gottes“. Noch 2008 behauptete die „Embassy“, allein in Kiew über 25.000 Mitglieder zu haben. Doch Adelajas Verwicklung in einem betrügerischen „Ponzi“-Schnellballsystem u.a. hat zu Einbüßen im laufenden Jahr geführt.

Trotz der äußerst zurückhaltenden Einstellung seiner Union, äußert sich Pawel Ungurjan verständnisvoll hinsichtlich des nigerianischen Pastors. „Es ist gut, daß es in der Ukraine einen Sunday Adelaja gibt. Bis zu seinem Eintreffen war das Gesicht des ukrainischen Protestantismus stets nur europäisch und weiß gewesen. Er dient uns als Lehre und Belehrung. Aber er hat dazu geneigt, das Ausmaß seiner Erfolge zu übertreiben, und das hinterläßt einen unseriösen Eindruck. Seine Behauptung, die Orange-Revolution eigentlich inszeniert zu haben, kam nicht gut an. Es wäre für ihn viel besser, wenn er mit uns Baptisten und der evangelikalen Bewegung überhaupt kooperieren würde. Dann würden die Leute sagen: „Jawohl“.

Wie reagieren die Ukrainer überhaupt auf einen baptistischen Politiker? „Viele Menschen sind entsetzt, andere freuen sich darüber. Aber auch innerhalb unserer eigenen Gemeinden herrscht keine einheitliche Meinung. Manche Baptisten sind weiterhin der Auffassung, politisches Engagement sei unnötig. Doch ich bin der Meinung, man müsse sich beteiligen an dem Versuch, eine neue Qualität von Regierung zu schaffen. Christen sind dazu aufgerufen, zur Veränderung der Gesellschaft beizutragen.“ Dieser Politiker ist ein eindeutiger Optimist. Auf die Frage, ob die politischen Bemühungen der ukrainischen Baptisten eine größere Distanz zwischen ihnen und den Baptisten Rußlands schaffen würden, erwiderte er: „Ich denke, das Gleiche wird auch noch in Rußland passieren.“

Im Augenblick ist Pawel Ungurjan für Klärungsfragen unabkömmlich: Am 15. August 2009 hat er geheiratet!

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 18. August 2009
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Manche kasachischen Evangelikalen suchen die Einheit
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Bericht über ein Land mit christlichen Wurzeln


M o s k a u – Manchmal beschreiben die ethnisch-kasachischen Evangelikalen Kasachstans ihre Bekehrung als eine Rückkehr zu den Wurzeln. Dabei weisen sie darauf hin, daß zwischen dem zweiten und 14. Jahrhundert die Turkvölker im Gebiet des heutigen Kasachstans größtenteils assyrisch-koptischen Glaubens waren. Im 14. Jahrhundert hatte der Eroberer Tamerlan (oder Timur Lenk) mit Gewalt den Islam durchgedrückt. Kasachen heute verwerfen Jesus als einen russischen Gott – den Gott der Kolonisatoren. Doch die Turkvölker der Region waren mehrheitlich christlich für mehr als 1.000 Jahre – und das schon lange vor der Bekehrung Rußlands im 10. Jahrhundert. Überreste christlicher Kultur sind weiterhin in der kasachischen Kultur vorhanden: Der Tod eines Menschen wird für drei, sieben und schließlich 40 Tage betrauert. „Eine derartige Tradition gibt es im Islam nicht,“ erzählt ein kasachischer Evangelikaler.

Doch die Islamisierung schlug voll durch, und als Kasachstan 1991 die staatliche Unabhängigkeit erlangte, gab es nicht mehr als 40 protestantische Kasachen im ganzen Lande. Zu dem Zeitpunkt hatten Baptisten russischer Union bereits mehr als ein Jahrhundert in dem Lande verbracht – ethnisch-deutsche Lutheraner und Mennoniten noch länger. Warum hatten sich Christen nicht stärker bemüht, Kasachen für den christlichen Glauben zu gewinnen? „Russische Baptisten hatten keine Ahnung von den Kasachen – unsere Kulturen sind völlig verschieden,“ antwortet einer. Das Bekehren von Kasachen war auch während der kommunistischen Ära gefährlich.

Die Missionare, die ab 1991 in das Land strömten, schritten schnell zur Tat. Bis zu 100.000 Kasachen haben sich zum christlichen Glauben bekannt. Doch durch Emigration und die durchaus hohen Kosten der Nachfolge sind nur noch 15.000 von ihnen heute in Kasachstan aktiv. Im Lande gibt es insgesamt rund 70.000 Protestanten; sie sammeln sich in 1.000 registrierten sowie in einer noch höheren Zahl kleiner, nichtregistrierter Gemeinden. Die meisten ethnisch-kasachische Gemeinden sind unregistriert. Die registrierte Baptistische Union Kasachstans gehört zu den wenigen Denominationen mit sowohl russischen wie kasachischen Mitgliedern: Von den 12.000 Mitgliedern dieses Kirchenbundes sollen 1.500 kasachischer Nation sein. Rund 67% der 16,4 Millionen Bürger des Landes sind Kasachen, weitere 21% sind Russen. Nach Indien und Argentinien ist Kasachstan flächenmäßig das neuntgrößte Land der Erde.

Gegenwärtige Auseinandersetzungen mit dem Staat
Gemeinsam haben muslimische und russisch-orthodoxe Kreise drei Versuche gestartet, um die toleranten Religionsbestimmungen aus der Verfassung von 1995 zu entfernen. Der letzte Vorstoß kam im Dezember 2008 zum Erliegen als Staatspräsident Nursultan Nasarbajew durchaus couragiert die Unterschrift verweigerte. Das weiterhin geltende Gesetzeswerk von 1995 gewährt allen religiösen Gemeinschaften gleiche Rechte. Ein leitender Evangelikale Kasachstans erklärt kategorisch: „Wir vertreten die Auffassung, diese ursprüngliche Verfassung vertrete die Sicht der Bibel in allen Punkten.“ Die Satzung einer interkonfessionellen Vereinigung, die er angehört, spricht von der Erwartung, daß sich alle Mitglieder der Staatsverfassung unterwerfen.

Kasachstan bleibt bedeutend toleranter als seine unmittelbaren, zentralasiatischen Nachbarn. Die Registrierung einer kasachischen Ortsgemeinde setzt weiterhin nur 10 Mitglieder voraus – in Kirgistan liegt die Zahl inzwischen bei 200. In Usbekistan ist im Haushalt nur eine Bibel zugelassen; sonstige religiöse Literatur muß in kirchlichen Einrichtungen gelagert werden. Doch Turkmenistan wird als die restriktivste der zentralasiatischen Republiken eingestuft.

In Kasachstan wird Protestanten unterstellt, unter den Bürgern Zwietracht zu säen. Ein Bürgerkrieg indonesischen Ausmaßes wird beschworen. Russische Orthodoxe und sunnitische Muslime geben zu Protokoll, daß sie die Anhänger der jeweils anderen Religion nicht missionieren werden. Es sind eben die Evangelikalen, die sich weigern, die vorhandenen Grenzen und Besitzstände zu respektieren. Voraussichtlich müssen bis Ende des Jahres die meisten der 20 protestantischen Seminare und Bibelschulen die Tore schließen. Der Staat weigert sich, die wissenschaftlichen Abschüsse der Dozenten anzuerkennen.

Doch einige Evangelikale bestehen darauf, daß die Unterdrückung subtil ausfalle und sich vor allem gegen Christen kasachischer Nation richte. Ethnisch-kasachische Pastoren werden vom Staat nicht anerkannt; die Bekehrten haben nahezu keine Chance, eine Anstellung in staatlichen Einrichtungen zu ergattern. Gemeinden werden polizeilich überwacht. Eine rigide Zensur ist in Kraft; alle importierten Bücher werden darauf untersucht, ob sie terroristische Passagen enthalten. Es ist u.a. auch schwierig geworden, Bekehrte auf öffentlichen Friedhöfen zu beerdigen.

Ein Pastor, der bemüht ist, den Staatsvertretern die Loyalität und Hilfsbereitschaft der Evangelikalen unter Beweis zu stellen, beschreibt die Protestanten als die vehementesten Verfechter der weiterhin geltenden kasachischen Verfassung. Sie verstehen sich als Wahrer der Verfassung gegenüber Kommunalbehörden, die außerhalb des Gesetzes agieren. „Manchmal attackieren staatseigene Zeitungen und Zeitschriften uns Evangelikale. Doch das dürfen sie sich nicht erlauben – so verstoßen sie gegen das Gesetz.“ Zeugen Jehovas, Scientologen und Mormonen gelten ebenfalls als „Protestanten“ in den öffentlichen Medien. Der Pastor berichtet: „Die Zeugen Jehovas sind uns eine schwere Last geworden.“

Derselbe Pastor fügt hinzu: “Unser größtes Problem ist jedoch nicht die Regierung – damit würden wir schon klar kommen. Unser Problem ist vor allem die Verfolgung, die die Gläubigen innerhalb der eigenen Familie erleben. In unserer Kultur sind die Familien sehr eng. Dreihundert Jahre lang befanden wir uns unter russischer Herrschaft und nur unter dem Schutz der Familie konnte unsere Kultur überleben.“ Üblicherweise werden zu Christus Bekehrte von ihrer Verwandtschaft geschaßt – eine höchst schmerzhafte Erfahrung für alle Kasachen.

Die versuchte Lösung
Unabhängig von der Landesverfassung hat Präsident Nasarbajew vier Glaubensgemeinschaften zu den traditionellen Religionen des Landes erkoren: sunnitsche Muslime, russische Orthodoxe, römische Katholiken und Protestanten. Als „Protestanten“ gelten offiziell nur Lutheraner und russische Baptisten.

Eine staatlich-anerkannte interkonfessionelle Vereinigung existiert. Sie besteht gegenwärtig aus jenen protestantischen Gruppierungen, die weder russisch-baptistisch noch lutherisch sind. Rund 100 Ortsgemeinden gehören ihr an. Es besteht die Hoffnung, daß innerhalb von drei Jahren mindestens 600 der 1.000 registrierten Ortsgemeinden der Vereinigung beitreten.

Das augenblickliche Ziel der Vereinigung besteht darin, von einer der beiden protestantischen Denominationen in Schutz genommen zu werden. Diese Kirche soll beim Staat für die Vereinigung eintreten. Die Vereinigungsleitung hat vorläufig die Hoffnung aufgegeben, die russischen Baptisten für diese Aufgabe zu gewinnen. Franz Thießen (oder Tissen), seit 1993 Oberhaupt der Baptistenunion Kasachstans, wird als „gottesfürchtigen Mann“ beschrieben. Ein Vereinigungsvertreter sagt: „Seine Gemeinde in Saran bei Karaganda hat bereits 2.000 Mitglieder und wächst weiter. Das ist für mich ein Indiz dafür, daß er ein Mann Gottes sei.“ Doch die Union Thießens hat 2006 ihre Beziehungen zu den internationalen, baptistischen Organisationen abgebrochen und ist auch nicht verbündet mit der konservativen und eigenständigen „Southern Baptist Convention“ der USA. Verbindungen bestehen vor allem zu ein paar Aussiedlergemeinden im Raum Düsseldorf, die größtenteils aus ehemaligen Bewohnern Kasachstans bestehen. Berichte bestätigen, daß Thießen auch von der theologisch konservativen, 1846-gegründen Bewegung der Evangelischen Allianz Abstand nehme, da sie für ihn als „ökumenisch“ gelte. Die geschichtliche Sternstunde des kasachischen Protestantismus fand im September 2006 in Almaty statt, als die „Global Mission Fellowship“ gemeinsam mit anderen eine internationale Missionskonferenz durchführte. Zugegen waren Pastoren und Missionare aus 48 Staaten; ein Ergebnis war die erstmalige Begegnung überhaupt mit Staatsvertretern auf höchster Ebene. Die baptistische Union Kasachstans blieb dem Ereignis fern.

Selten unter den Unionen registrierter Baptisten ist die Tatsache, daß die von Thießen geleitete Union enge Beziehungen zur Bewegung der nichtregistrierten Baptisten unterhält. In ihren Auseinandersetzungen mit dem Staat hat Thießen sie unterstützt. Kürzlich erhielten mehrere ihrer Pastoren Geldstrafen für das Abhalten nichtregistrierter Gottesdienste. Diesen Knoten läßt sich nicht leicht durchschlagen, denn die „Internationale Union der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten“ (IUCECB) würde die staatliche Registrierung verweigern, auch wenn man sie ihr gewähren würde. Im Prinzip lehnt die IUCECB das ab, wonach sich Hunderte von kasachischen Gemeinden sehnen: die staatliche Zulassung.

Folglich besteht die Hoffnung, Juri Nowgorodow (Astana), Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Kasachstans seit 2005, möge sich der Sache der nichtregistrierten, evangelikalen Gemeinden annehmen. Aber inzwischen hat seine Kirche engen Kontakt mit der in St. Louis-beheimateten “Lutheran Church-Missouri Synod”, die sich ebenfalls allen Verbindungen zu den international-etablierten Organisationen des mehrheitlichen Luthertums entzieht. Kasachische Lutheraner agieren zurückhaltend den evangelikalen Gruppierungen gegenüber – erst recht gegenüber Charismatikern.

Eine von Maxim Maximow geleitete charismatische Gemeinde in Almaty hat über 2.000 Mitglieder und nimmt mit ihrem Fernsehsender „CNL“ eine führende Rolle bei den christlichen Sendern russischer Zunge ein. Diese Gemeinde gehört der von dem Schweden Ulf Ekman gegründeten Bewegung „Neues Leben“ an. Zumindest in Kasachstan fährt sie einen höchst eigenständigen Kurs völlig unabhängig von den anderen evangelikalen Kirchen.

Die interkonfessionelle Vereinigung meint, der Staat reagiere mit Wohlwollen auf ihre Bemühungen, denn er würde lieber mit einer oder zwei evangelische Körperschaften verhandeln als mit Hunderten. Sie meint, mit einem einzigen, vereinigten Seminar könnte man es vielleicht noch immer hinbekommen, die hohen Akkreditierungsauflagen des Staates zu erfüllen.

Die Hürden bleiben beachtlich – in Kasachstan gibt es weiterhin Hunderte kleiner, nichtregistrierter Denominationen mit Leitungen, die der interkonfessionellen Kooperation keine größere Bedeutung beimessen. Beispielsweise sind koreanische Evangelikale weiterhin in Kasachstan aktiv – und es soll allein in Südkorea über 100 selbständige, presbyterianische Denominationen geben.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 6. August 2009
baptistrelations@yandex.ru
Tel/Fax: 007-495-954-9231
„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 09-24, 1.390 Wörter oder 10.734 Anschläge mit Leerzeichen.



RUECB erwägt die Mitgliedschaft in der „Konferenz europäischer Kirchen“
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Angehängt: Ein Kurzkommentar zu “Amsterdam 400”


M o s k a u / A m s t e r d a m – Die Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) hat die Absicht, dem Unionsrat ihrer Kirche den erneuten Beitritt zur in Genf beheimateten „Konferenz europäischer Kirchen“ (KEK) nahezulegen. Das ist ein Ergebnis der 13. Vollversammlung der KEK, die vom 15. bis 21. Juli in Lyon/Frankreich tagte. Nach einer Unterbrechung von etwa einem Jahrzehnt, hat die RUECB nun erstmals wieder an einer größeren Konferenz der KEK teilgenommen. In jüngster Vergangenheit hat sich die RUECB an den „Europäischen Ökumenischen Versammlungen“ der Kirchen beteiligt – die letzte fand im September 2007 in Sibiu/Rumänien statt. Diese sind jedoch keine KEK-Veranstaltungen im engeren Sinne, da sie von der katholischen Kirche mitgetragen werden.

Abgesandter der RUECB in Lyon war Pastor Witali Wlasenko – Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei dieser Kirche. Nach der Konferenz gab er zu Protokoll: „Die KEK ist für uns eine passende Bühne, auf der wir den Dialog mit anderen Kirchen führen können. Wir müssen erfahren, wohin der Wind weht und von den neuesten Entwicklungen hören. Wir müssen wissen, wie die anderen Kirchen denken und ihr Urteil bezüglich der kirchlichen Lage in Rußland erfahren. Rußland bleibt ein Teil Europas und es ist notwendig, daß wir unser Interesse und unsere Anteilnahme an dem, was sich in der kirchlichen Gemeinschaft Europas abspielt, zum Ausdruck bringen.“

Wlasenko bedauerte das Fehlen des Moskauer Patriarchats der “Russischen Orthodoxen Kirche” in Lyon und äußerte die Hoffnung, daß sie noch zu diesem 1959-gegründeten Forum europäischer Kirchen zurückkehren möchte. In Lyon fanden immerhin tiefergehende Gespräche zwischen ihm und den Vertretern anderer orthodoxer Kirchen statt. Gespräche mit westeuropäischen Baptisten und mit Dr. Edmund Ratz, dem Erzbischof der in St. Petersburg beheimateten Evangelisch-Lutherischen Kirche Rußlands (ELKRAS) erwiesen sich ebenfalls als besonders hilfreich.

Diskussionen im Plenum erweisen sich meistens als sehr langwierig – in Lyon waren immerhin 306 Kirchendelegierte zugegen. Wlasenko merkte dennoch an, daß viel von der KEK gelernt werden könne über den Aufbau transparenter und demokratischer Kirchenstrukturen.

In Amsterdam unmittelbar nach dieser Konferenz meinte Witali Wlasenko: „Ich denke, wir werden voranschreiten und im nächsten Frühling unserem Rat vorschlagen, wieder Mitglied der KEK zu werden.“ Auf dem Papier bleibt die „Euro-Asiatische Föderation der Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ Mitglied der KEK. Dennoch ruht ihre Mitgliedschaft und man geht davon aus, daß – vorausgesetzt, die leitenden Gremien stimmen zu – die RUECB diese Mitgliedschaft einfach übernimmt. Wlasenko meint, die Russische Orthodoxie müsse ebenfalls um ihre Meinung gebeten werden bezüglich einer Mitgliedschaft der RUECB in der KEK.

Wlasenko führt das anhaltende Zögern russischer Baptisten, sich interkonfessionellen Organisationen anzuschließen, auf die Angst vor einem möglichen Identitätsverlust zurück. Äußere Einflüsse könnten die Union in Richtungen lenken, die der Unionsführung nicht genehm seien. „Wir müssen sehr behutsam unter uns vorgehen und viel Zeit fürs Gespräch einräumen. Wir sind eigentlich für den Dialog, die Annahme und Friedensstiftung. Aber wir hegen noch die Angst, unsere Grenzen und unser Profil zu verlieren.“ Nach den Jahrzehnten erzwungener, unfreiwilliger Einheit unter kommunistischer Vorherrschaft wird es einige Mühe erfordern, russische Baptisten in die Gemeinschaft mit anderen Kirchen innerhalb und außerhalb Rußlands zurückzuholen. Auf jeden Fall wird für die absehbare Zukunft die Mitarbeit der RUECB im Rahmen der KEK nur mäßig bleiben.

Kurzkommentar zu Amsterdam
Langjährige KEK-Delegierte der deutschen Baptisten sind enttäuscht von der mangelnden Teilnahme russisch-orthodoxer Delegationen bei Konferenzen in den letzten Jahren. Kürzlich meinte ein Deutscher: „Ihre Delegationen erscheinen in Sitzungen, an denen erwartet wird, daß sie die Stellungnahme eines ihrer daheimgebliebenen Vorsitzenden vorlesen. Doch ansonsten sind sie kaum präsent. An den Diskussionen beteiligen sie sich nie.“

Beziehungen innerhalb der baptistischen Welt sind zweifellos herzlicher. Die in Prag beheimatete „Europäische Baptistische Föderation“ hat sich einige Mühe gegeben, die Unionen Mittel- und Osteuropas mit an Bord zu holen. Der scheidende EBF Präsident, Toma Magda, ist ein Kroate. Ihr Präsident seit Juli 2009 ist der moldawische Kirchendiplomat und Politiker Valeriu Ghiletchi. Rund 100 Ukrainer, Russen und Belarussen erhielten Visa für den Besuch der „Amsterdam 400“ Feierlichkeiten. Sie fanden vom 24. bis 26. Juli in Amsterdam statt. Doch mitunter ist die Teilnahme auch ein baptistisches Problem: Zu dem Abschlußgottesdienst in Amsterdam, dem Höhepunkt der Konferenz zum 400. Jubiläum des Baptismus, waren die Chöre aus Rußland und Ungarn sowie die allermeisten Ukrainer bereits abgereist.

Die anhaltende Distanz zwischen Ost- und Westeuropa läßt sich teilweise auf die sprachliche Problematik zurückführen. Die „lingua franca“ Westeuropas ist bekanntlich Englisch; im Osten nimmt das Russische weiterhin diese Funktion wahr. Wahrscheinlich seien große, kurze Konferenzen für das Kennenlernen von Menschen aus Ost und West wenig geeignet. Längerfristige, kleinere Zusammenkünfte zum Zweck der Begegnung und des Kennenlernens sollten erprobt werden.

Baptisten aus dem Baltikum – jedenfalls jene, die nicht zur russischen Nation gehören – sowie viele Baptisten aus dem Kaukasus haben bereits die Umstellung von einer östlichen auf eine westliche Orientierung vollzogen. Sie fühlen sich innerlich London sehr viel näher als Moskau. Das trifft jedoch nicht für die meisten Ukrainer, Russen, Belarussen und Protestanten aus Zentralasien zu. Eine zweite, slawische Jubiläumskonferenz unter dem Titel „Amsterdam 400“ findet vom 27. bis 29. August in Kiew statt.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 31. Juli 2009
baptistrelations@yandex.ru
Tel/Fax: 007-495-954-9231
„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-23, 815 Wörter oder 5.911 Anschläge mit Leerzeichen.



Baptistisches Kinderlager in Usbekistan gefährdet
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Gerichtsverfahren in Taschkent eingeleitet


M o s c o w – Rechtzeitig zu Beginn der Sommerferien ist das Kinderlager der usbekischen Baptisten “Radost” (Freude) in den Bergen nahe der Hauptstadt Taschkent geschlossen worden. Sein Direktor, der baptistische Laienprediger und Geschäftsmann Dmitri Pitirimow, wurde am 7. Juli von der Polizei verhört. Ein Gerichtsverfahren wurde eingeleitet. Das 1996 gegründete Lager hat in den letzten Jahren jeweils acht sommerliche Kinderwochen mit bis zu 70 Teilnehmern durchgeführt. Die Gesamtzahl der Kinder pro Sommer belief sich auf rund 500.

Die Kampagne gegen die „Freude“ begann am 15. Juni als die Zeitschrift „Horizont“ einen Aufsatz abdruckte mit der Überschrift: „Die traurigen und verbrecherischen Taten der ‚Freude’“. Es folgten Beiträge in anderen Zeitungen und Medien. Der Aufsatz im „Horizont“ zitiert den Fall eines Schülers der fünften Klasse, der im vergangenen Sommer an einer Kinderwoche im Lager teilgenommen hatte. Nach den Berichten der Eltern fiel danach sein verstörtes Verhalten auf. Da er sich für einen Sünder hielt, war er nicht mehr fröhlich, versuchte vor Mahlzeiten zu beten und las ständig aus Schriften, die er irgendwie im Zusammenhang mit dem Lager ergattert hatte. Der Verfasser folgert: „Er hat eine psychologisches Trauma erlitten, dessen Überreste ihm bis zum Ende seines Lebens begleiten werden.“ Der Aufsatz hält es für unglaublich, daß usbekische Bürger ihre Kinder freiwillig in die Hände eines Baptistenpastors geben würden. „Ist der Sohn zum Sektierer geworden,“ fragt der Verfasser. „Horizont“ wirft dem Lager vor, Zwietracht in muslimische Familien gesät und bewußt Minderjährige gegen deren Eltern aufgebracht zu haben. Der Artikel weist ferner auf die verdächtig niedrigen Preise des Lagers hin: ungefähr $5 US pro Woche. Er schreibt wiederholt, daß dieser vermeintlich „kostenlose Käse“ mit wesentlichen Auflagen verbunden sei.

Dmitri Pitirimow erwidert, kein Kind werde ohne einen von den Eltern oder Erziehungsberechtigten unterschriebenen Einweisungsschein (Putjowka) aufgenommen. Er kann auch den Einweisungsschein vorweisen, den Raissa Aslanowa, die Mutter des Kindes, für ihren Sohn und ein weiteres Kind unterschrieben hatte. Alle Einweisungsscheine weisen ausdrücklich darauf hin, daß die „Freude“ ein baptistisches Lager sei und erläutern ferner, was die Baptisten eigentlich seien. Kinder werden sogar ermutigt, eine Bibel mitzubringen. Der Zweck des Lagers wird als „geistliche Erbauung“ beschrieben und Eltern unterschreiben an einer Stelle, wo es heißt: „Der Sinn dieser Erholungseinrichtung ist mir bekannt. Die Sicherheitsbestimmungen sind mir vertraut und ich stimme den Bedingungen für den dortigen Aufenthalt zu.“

Der Lagerleiter versichert, es habe sich nichts im Geheimen abgespielt – eine Liste der Kinder wurde wöchentlich an die Miliz übergeben. Er behauptet ferner, das Lager gebrauche keine religiöse Literatur und gebe auch keine an die Kinder weiter. Statt dessen würden viele kindergerechte Filme vorgeführt: „Unsere Zusammenkünfte sind immer interessant. Wir bieten viele Spiele und Lieder; es gibt viel Spaß und Gelächter.“

Der genannte Artikel berichtet auch vom “traurigen Zustand“ der Sanitäranlagen des Lagers. Doch Pitirimow erwidert: „Unsere sanitären Bedingungen sind nicht schlechter, und sogar oftmals besser, als jene der umliegenden Erholungseinrichtungen.“ Nach geringfügigen Aufbesserungen wurde im vergangenen Sommer die „Freude“ vom sanitären Dienst zugelassen.

Ist Usbekistan ein muslimisches Land?

Es wird angegeben, die usbekische Bevölkerung von 27,7 Million sei zu 89% muslimisch. Doch Dmitri Pitirimow, ein in Usbekistan geborener Mensch russischer Nation, besteht darauf, daß Usbekistan kein muslimisches Land sei. Das Land verfüge weiterhin über eine säkulare Staatsverfassung, die den Gläubigen jeglicher Benennung gleiche Rechte einräume. „Bei uns gibt es keinen Streit zwischen muslimischen und christlichen Gläubigen“. Im Bezug auf muslimische Gruppen, die sich nicht mit dem Staat verbünden, fügt er hinzu: „Muslime sind einer stärkeren Verfolgung ausgesetzt als wir Christen.“ In Usbekistan handle es sich um eine Auseinandersetzung zwischen einem militant säkularistischen Staat und Gläubigen. In der medialen Kampagne erkennt er einen Versuch des Staates, den Ruf der Union der usbekischen Baptisten zu beschädigen und das Kinderlager zu schließen. „Doch niemals hat das Land über muslimische Kinderlager verfügt.“ Trotz seiner offiziell säkularen Haltung definiert die usbekische Gesetzgebung jüngsten Datums den Proselytismus und jegliche missionarische Tätigkeit als strafbare Verhandlung, die mit bis zu drei Jahren Gefängnis zu ahnden sei.

Nach einem Exodus nach Rußland und dem Westen verfügt die Baptistische Union Usbekistans nur noch über 2.700 Mitglieder in rund 60 Gemeinden und Gruppen. Die meisten von ihnen sind erst nach 1990 Christen geworden. Menschen usbekischer Nation, die sich heute zu Christus bekehren, halten die Tatsache meistens geheim. Die größten protestantischen Gemeinden des Landes sind charismatischer Orientierung; die Mehrheit der Christen, die in Usbekistan verbleiben, sind ethnisch-russische Orthodoxe.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 15. Juli 2009
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Tel/Fax: 007-495-954-9231
„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-22, 713 Wörter oder 5.129 Anschläge mit Leerzeichen.



Unsere Erwartungen wurden nicht erfüllt
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Baptistisches Echo auf den Moskauer Besuch von Barack Obama


M o s k a u -- “Unsere Erwartungen wurden nicht erfüllt.” Das war die Erwiderung von Pastor Witali Wlasenko, dem Direktor für kirchliche Außenbeziehungen bei der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB), auf den ersten offiziellen Besuch des US-Präsidenten Barack Obama in der russischen Hauptstadt am 6. und 7. Juli. Trotz Gespräche im Vorfeld des Besuches war es zu keiner Begegnung des US-Präsidenten mit Vertretern der rund eine Million Protestanten Rußlands gekommen. Obama traf sich immerhin mit Patriarch Kirill, dem Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche – Moskauer Patriarchats. Seine Gattin, Michelle Obama, war bei einem orthodoxen Frauenorden, den „Schwestern der Barmherzigkeit des Heiligen Dimitri“, zu Gast. Doch in der Suchthilfe z.B. leisten Protestanten Beachtliches.

“Es ist merkwürdig, daß sich Präsident Obama mit der politischen Opposition treffen würde, jedoch nicht mit uns,” fügte Wlasenko hinzu. „Wir sind gewiß keine politische Opposition, aber wir sind ein wichtiger Bestandteil der russischen Realität. Jeder Blick auf Rußland liegt schief, wenn die vielen nichtorthodoxen Glaubensrichtungen unseres Landes nicht mit berücksichtigt werden.“

Richard Nixon sorgte für wichtige Signale als er am 28. Mai 1972 anläßlich seines einzigen Besuches in der Sowjetunion als US-Präsident dem Gottesdienst in der historischen „Zentralen Baptistengemeinde“ Moskaus beiwohnte. Es gäbe Gründe für die Behauptung, daß nun ein weiteres „wichtiges Signal“ vonnöten sei. In einer Stellungnahme aus Istanbul am 7. Juli, am letzten Tag des Rußlandbesuches des US-Präsidenten, wies Patriarch Kirill ausländische religiöse Organisationen darauf hin, daß sie in Rußland das Gesetz zu beachten und zu befolgen hätten. Damit meinte er auch nicht nur seine muslimischen Zuhörer vor Ort: „Im Jahre 1990 sind buchstäblich ganze Regimente von Missionaren aus Amerika, Westeuropa und Südkorea in Rußland aufgetaucht mit der Absicht, uns das Beten beizubringen. Doch wir erwiderten, daß wir bereits verstünden, wie man zu Gott bete. Schon seit 1.000 Jahren praktizieren das orthodoxe Christen und Muslime.“

„Doch der Tag ist noch nicht zu Ende,“ versicherte Pastor Wlasenko. „Wir haben die feste Hoffnung, daß der US-Präsident uns bei seinem nächsten Besuch aufsucht. Wir bleiben fest von der Notwendigkeit einer verstärkten Verständigung zwischen Ost und West überzeugt und wir freuen uns, daß Dr. Obama überhaupt gekommen ist. Wir beten ernsthaft um gute Beziehungen zwischen unseren beiden Staaten.“

Baptist soll bei einer Staatskommission mitarbeiten

Selten sind alle Entwicklungen auf der kirchlichen Ebene düster. Am 23. Juni ist Witali Wlasenko herzlich empfangen worden von Marina Belogubowa im Moskauer Haus des „Zentralen Föderativen Bezirkes“ (ZFO), eines größeren politischen Gebietes außerhalb der Moskauer Stadtgrenzen. Frau Belogubowa leitet die Verwaltungsabteilung des ZFO. Wlasenko gab zu Protokoll, daß Fortschritte erzielt worden seien bei der Klärung strittiger Fragen. Ein Themenbereich betraf den schmerzlichen Vorfall vom vergangenen August, als die Gebietsbehörden versuchten, das protestantische Kinderlage „Bächlein“ westlich von Moskau zu schließen just als die Zweijahreskonferenz der RUECB ihre Tore öffnete. (Siehe unsere Meldung 8-34 vom 2. August 2008).

Gegen Ende der Unterredung lud Frau Belogubowa den Baptistenpastor dazu ein, sich als Experten der „Kommission für interethnische und interkonfessionelle Beziehungen“ des ZFO zur Verfügung zu stellen. Als regionales Organ hat der ZFO nicht die Wirkung eines nationalen Staatsministeriums. Doch Wlasenko ist bereit, der Kommission nach Bedarf beizustehen.

Zur russischen Bevölkerung von 142 Millionen zählen 20 Millionen Muslime und 275.000 Juden. Die RUECB, die größte einheitliche, protestantische Kirche Rußlands, vertritt rund 80.000 erwachsene Mitglieder in 1.750 Ortsgemeinden und Gruppen. Ihr Präsident ist Juri Sipko.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 9. Juli 2009
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Rußland – eine sterbende Nation?
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Ein Gespräch mit der Pädagogin und Trauma-Spezialistin Marilyn Murray


M o s k a u -- “Rußland ist ein sehr belastetes Land und wird buchstäblich zu einer sterbenden Nation.” Das stellte Marilyn Murray, eine US-amerikanische Pädagogin und Trauma-Spezialistin, die sich mit den Langzeitfolgen von Trauma und Mißbrauch im Kindesalter befaßt, bei einem Gespräch in Moskau am 23. Juni fest. Beweis dafür sei die dramatische, demographische Entwicklung des ethnisch-russischen Bevölkerungsanteils innerhalb des Landes. Dieser Feststellung stimmte auch ihr Gastgeber, Pastor Witali Wlasenko, Direktor für kirchliche Außenbeziehungen bei der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten, zu. Frau Murray, die sich seit 2002 halbzeitig in Rußland aufhält, beschrieb „Angst und Kränkung“ als zwei Gefühle, die das Land entscheidend prägen. „Der Kreislauf von Mißbrauch und Schmerz setzen sich immer wieder fort, wenn eine Intervention ausbleibt.“ Auf ihrer Webseite schreibt sie: „Weil die wesentlichen emotionalen Wunden der Bevölkerung nicht anerkannt und angesprochen worden sind, haben viele Russen gelernt, durch die Flucht in Süchten ihren Schmerz zu verschütten und ihre Traumata zu betäuben.“ Süchte können aus Substanzmißbrauch, Eßgier oder Arbeitswut bestehen – sie können auch sexueller Natur sein.

Die 72-jährige Pädagogin – sie ist Gastdozentin in der Abteilung für Psychologie und Erziehung an der Moskauer Staatsuniversität – berichtete ferner, daß ihr Rußland an die USA im Laufe der 80er Jahre erinnere. „Davor redeten wir Amerikaner nicht über eigene Erfahrungen mit sexuellem Mißbrauch, mit Suchtabhängigkeiten oder Gewalt. Das verleiht mir heute das Gefühl von déjà vu.” Da Rußland am 20. Mai die „Europäische Sozialcharta“ unterschrieben hat, ist damit zu rechnen, daß sein Schulwesen trotz orthodoxen und konservativen Widerstands unter Druck geraten wird, endlich mit sexuellen Erziehungseinheiten zu beginnen. „Auf diesem Gebiet ist Rußland weit abgeschlagen,“ behauptete sie. „Konservative insistieren, Kinder sollen von ihren Eltern eine sexuelle Erziehung bekommen – doch nicht mehr als 5% aller russischen Eltern nehmen diese Verantwortung wahr.“ Am 11. Juni schrieb die „Moscow Times“: „Detaillierte sexuelle Darstellungen sind in Boulevardzeitungen und im spätabendlichen Fernsehen allgegenwärtig. Aber sie zielen auf Stimulation, nicht auf Information.“

Frau Murray vertritt die Ansicht, Menschen protestantischer Herkunft seien gegen die geläufigen Gefahren und Verletzungen der russischen Gesellschaft keineswegs gefeit. Bei der Moskauer Begegnung meinte sie: „Es verbirgt sich ein gewaltiger Schmerz hinter dem christlichen Lächeln.“ Die Nachfolger Jesu seien noch weit von jeglicher Vollkommenheit entfernt. Alle verfügten über „Löcher oder Hohlräume“ in ihrer Vergangenheit. Keine Erziehung sei vollkommen, denn keine Eltern seien vollkommen – sie seien letztlich auch nur Menschen. Viele dieser „Löcher“ oder Schmerzen können nur geheilt werden, wenn wir selber gemeinsam mit Christus sie stopfen – das könne kein anderer an unserer Stelle tun. Kinder verfügten über eine sehr direkte und selbstverletzende Denkweise, sagte sie: „Kinder meinen, daß Gutes guten Kindern widerfährt. Nur schlechte Kinder erleben Schlechtes.“

Wechsel plus Ausgewogenheit

Es besteht dennoch Hoffnung. Marilyn Murray träumt von einem Paradigmenwechsel in der russischen Gesellschaft. Damit meint sie ein Abrücken vom sowjetischen Dogma, in dem der Mensch nur dann einen Wert hatte, wenn er den Staat unterstützte, hin zu einer Position, die den Wert jedes Einzelnen hochhält. Sie sagte: „Du bist wertvoll und der Liebe würdig schon allein aufgrund der Tatsache, daß Gott dich geschaffen hat.“

Dieser Wechsel müsse jedoch von Ausgewogenheit begleitet werden. Die russische Gesellschaft torkele schon lange zwischen extremen Positionen hin und her. Das höchst repressive Zeitalter der 40er und 50er Jahre stehe der heutigen Phase des Hedonismus und der Genußsucht gegenüber. Eltern und Großeltern, die dürre Jahre des Verzichts hinter sich hätten, „verwöhnen nun häufig den Nachwuchs“.

Die Trauma-Spezialistin will mit einem Erziehungs- und Trainingsprogramm zur Umkehrung beitragen. Sie und ihr in Scottsdale/Arizona beheimateter Verein “Health Restoration International” haben bereits Kurse für 1.600 Interessierte aus 177 Städten der ehemaligen Sowjetunion durchgeführt. Ihre „Murray Method“-Seminare bestehen aus fünf Stufen mit zwei weiteren Stufen für solche, die selbst gerne unterrichten möchten. Rund 100 Personen lassen sich heute zu solchen „Ausbildern der Ausbilder“ qualifizieren.

“Health Restoration International” bemüht sich in besonderer Weise um das Ausbilden von Pastoren. Frau Murray merkte an, daß im dörflichen Leben einem Pastor nahezu alles abverlangt werde: Er solle geistliche und emotionelle Mißstände sowie fehlgelaufene Beziehungen „reparieren“. Doch selten seien diese Pastoren ausgebildet darin, anderen seelsorgerlich beizustehen. Ferner hätten sich die meisten Pastoren niemals mit Fragen der eigenen Erziehung im sowjetischen System auseinandergesetzt. Viele stammen selbst aus Familien, die Alkohol- und Kindesmißbrauch erlebt hätten. Ihr fällt ebenfalls auf, daß Pastoren meistens „ihrem Zeitpensum keine Grenzen setzen“. Sie verbringen ihre Zeit damit, sich den Problemen anderer zuzuwenden. Es bleibt wenig Zeit, sich um die eigene Gesundheit und das Wohlergehen der Gattin und Kinder zu kümmern.

Zwei Baptistenpastoren gehören zu den leitenden Assistenten in dieser Arbeit: Roman Popow (Rjasan) ist Direktor für Pastorenbetreuung und hält Seminare für Pastoren bis nach Jakutien und Tadschikistan ab. Wladimir Radjabow (Krasnodar) erteilt Unterricht im Kaukasus und in Dagestan.

Marilyn Murray versteht es, in größeren Maßstäben zu denken. Sie träumt von einer landesumfassenden, interreligiösen Kampagne, die sich dem physischen, emotionalen, geistigen und geistlichen Wohle aller widmet. Sie hat bereits prominente Amerikaner seelsorgerlich betreut – zu ihnen zählt der durch seine Herkunft höchst belastete Weltstar-Boxer Mike Tyson. Heute zählt er zu ihren größten Anhängern; er hat sie auch bereits in Moskau besucht.

Sie berichtete, Gott öffne ihr täglich neue Türen und gestatte ihr als Pädagogin, seine Liebe Menschen mitzuteilen, die üblicherweise von Pastoren und Missionaren nicht erreicht werden. Ihr wird gestattet, Vorlesungen mit einem Bibelwort zu beginnen – auch an der Moskauer Universität und bei Vorlesungen für Gefängnispsychologen. Sogar muslimische Studenten freuen sich darauf, ein Wort Gottes zu hören. „Wunder passieren – Rußland liegt doch nicht im Sterben.“

Frau Murray ist Mitglied der „Scottsdale Bible Church”, einer Gemeinde, die den Weltmissionsauftrag ernstnimmt. Die Anschrift ihrer russischen Webseite lautet: “www.murraymethod.ru”. Ihre in den USA beheimatete Webseite ist zu finden unter: “www.hriltd.org”.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 27. Juni 2009
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Schwerter zu Kinderzentren
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Das „Kindergesundheitszentrum Zhemtschuzhinka“ hat einiges zu bieten

Reportage

M o s k a u -- Im weißrussischen Imenin sieben Kilometer nördlich der baptistischen Hochburg von Kobrin wurde aus einem Schwert ein Kinderlager, das sich sehen lassen kann. Auf dem weiträumigen Gelände einer Raketenstellung ist am 3. Juni 1995 nach zweijährigen Restaurationsarbeiten das „Kindergesundheitszentrum Zhemtschuzhinka“ (Kleine Perle) offiziell ins Leben gerufen worden. „Zu der Zeit suchte unsere Regierung händeringend nach Abnehmern für brachliegende Militärgelände; da ist unser Baptistenbund gerne in die Bresche gesprungen,“ erzählte Iwan Gritsjuta, der Stellvertretende Leiter des Großvorhabens. Bald vermengten sich die ehemaligen Militärgüter beider Machtblöcke auf dem Gelände als der inzwischen verstorbene deutsche Baptist Helmut Sonnenberg (Wernigerode) seine Hilfslieferungen aus den Beständen der NATO-Armeen aufnahm.

Inzwischen haben mehr als 14.000 Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Lande die Tore des Lagers passiert; sein Hauptdienst besteht weiterhin im Abhalten von Sommerlagern. Die Kinder stammen nur zur Hälfte aus baptistischen Familien; Veröffentlichungen des Zentrums geben an, daß mehr als 5.000 von ihnen sich für ein Leben mit Jesus entschieden hätten. Zhemtschuzhinka will mit seinen 230 Betten in diesem Sommer vier 15-tägige Lager für jeweils 190 Kinder durchführen. Hinzu kommen ein 8-tägiges Lager für altere Jugendliche und ein 6-tägiges Lager für jene Kinder, die am meisten an den Folgen von Tschernobyl zu leiden haben. Während des Lageraufenthaltes werden die Kinder medizinisch auf Herz und Nieren (und natürlich auch Schilddrüse) geprüft. Medizinische Untersuchungen werden auch Erwachsenen angeboten; inzwischen wurden über 41.000 von ihnen medizinisch überprüft. Eine Poliklinik und Zahnarztpraxis stehen mit im Angebot – alles ohne staatliche Zuwendungen. Weil das Zentrum Natur und Räumlichkeiten in üppigem Maße zu bieten hat, sollen in diesem Jahr auch mindestens 12 Konferenzen und fünf Hochzeiten dort stattfinden.

Doch die Leitung des Zentrums hat noch sehr viel mehr vor. Ein höchst ansehnliches, rekonstruiertes Gebäude (ein Seniorenheim) mit 28 Räumen für betagte und bedürfte Menschen will in absehbare Zukunft seine Türen öffnen. In gehörigem Abstand vom Kinderlager (etwa fünf Kilometer) entsteht in einer Waldlichtung ein Rehabilitierungszentrum für Suchtkranke.

Es stellt sich dabei auf die Frage, ob das Projekt für einen Kirchenbund mit nur 13.500 Mitgliedern nicht überdimensioniert sei und einen übermäßig hohen Prozentsatz der wenigen, vorhandenen Geldmittel an sich ziehe. Allerdings läßt sich die Frage kaum beantworten – vielleicht werde die Öffentlichkeit auch erst aufmerksam auf protestantische Vorhaben, wenn sie von dieser Größenordnung sind.

Besonders überzeugend ist die Tatsache, daß das Kinderzentrum Schritte in Richtung finanzieller Selbständigkeit unternimmt. Neben mehreren Gewächshäusern entsteht nun der Ackerbau auf offenem Felde. Extra dafür wurde zusätzliches, angrenzendes Land aufgekauft; das Areal umfaßt nun 40 Hektar. Darauf sollen später auch die Klienten des Suchthilfezentrums Beschäftigungstherapie erleben. Heiße Semmel wären in der Umgebung immer gefragt: In der ehemaligen Offizierssauna soll eine Bäckerei entstehen. Vor Monaten wunderten sich die Lagermitarbeiter über einen Gast aus USA, der sich fast ausschließlich für Stromrechnungen interessierte. Sein Nachbohren hatte dennoch einen Sinn, denn zum Schluß spendete er dem Zentrum drei neue, mittelgroße Windräder belorussischer Produktion. Demnächst sollen die Windräder das gesamte Gelände mit Strom versorgen. Zhemtschuzhinka soll erst der dritte Windpark Weißrußlands werden. „Auf eine solche Idee wären wir selbst nie gekommen,“ gestand der ukrainische Vizedirektor Gritsjuta. „Doch wer könnte Einwände gegen ein solches Projekt haben?“

Bei einem Vorhaben dieser Größenordnung wird nahezu alles benötigt: Möbel, Fahrzeuge, Ersatzteile, landwirtschaftliche Maschinen, Bettwäsche, Kleidung, Küchengeräte – ohne überhaupt von den noch leerstehenden Räumen des Seniorenheims zu reden. Im Winter sind die Räumlichkeiten leider kaum zu verwenden. Dort, wo Heizungsanlagen bereits bestehen, erhebt sich das Problem der Heizkosten.

Natürlich sind auch Menschen gefragt. Freiwillige Handwerker, Bauarbeiter, Kraftfahrer, Köche, Kinderpädagogen, Ärzte, Krankenschwestern und Landwirte. Gibt es einen pensionierten Bäckermeister, der willige Hände anleiten möchte? Könnten nicht auch Missionsteams aus westlicher Richtung mit anfassen? Zu den bisherigen Hauptspendern zählt der medizinische Dienst der Missouri-Convention der US-Südbaptisten; anfangs waren auch Aussiedlermissionen wie „Logos“ und „Friedensstimme“ am Aufbau beteiligt. Gegenwärtig mit von der Partie ist die „German Baptist Aid“ des deutschen „Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden“.

Was spräche gegen Konferenzen westlicher Gruppen im weißrussischen Grünen? Nach Berichten der Zentrumsleitung erkennen die Minsker Behörden deren Leistungen zum medizinischen Wohl der Allgemeinheit durchaus an. Zhemtschuzhinka kann deshalb dafür sorgen, daß möglichst alle möglichst rasch mit Einladungen für den Visumserhalt ausgestattet werden. An den Kosten würde es nicht scheitern: Eine Bahnfahrt von Stettin bis Terespol quer durch Polen kostet gegenwärtig 16 Euro. Von der Grenze bei Terespol/Brest sind es ganze 45 Kilometer bis Kobrin.

Doch die Zentrumsleitung gesteht, daß die Kontakte etwa nach Polen sehr schwach entwickelt seien. Zwischen ihnen steht bekanntlich die Mauer von Schengen und auch die Baptisten westlich dieser Mauer orientieren sich lieber in Richtung der untergehenden Sonne.

Unglaublich aber wahr: Belarus verfügt über eine optische Sauberkeit schweizerischen Niveaus. Auf den Straßen liegt so gut wie kein Müll. Doch verbirgt sich hinter dem Grünen allenthalben Cäsium-137? Es gibt Zweifler, die behaupten, ganz Belarus sei seit 1986 atomar verstrahlt und eine Kindererholung, die ihren Namen verdiene, nur im Ausland stattfinden könne. Doch Lagerverantwortliche wie Iwan Gritsjuta insistieren, Imenin verfüge auch nach internationalen Maßstäben über hervorragende ökologische Werte.

Direktor von Zhemtschuzhinka ist der Baptistenpastor Wladimir Wanditsch. Das Zentrum ist weiterhin ausschließliches Eigentum der in Minsk ansässigen „Union der Evangeliumschristen-Baptisten in der Republik Belarus“. Das Zentrum ist über die Anschrift „kobrincamp@mail.ru“ zu erreichen. Seine russischsprachige Webseite hat die Adresse: „www.campkobrin.org“.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 19. Juni 2009
baptistrelations@yandex.ru
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Eine Denkweise, die den Nationalisten diametral entgegensteht
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Vertreter der Orthodoxen, Baptisten und der Regierung treffen sich in Woronesch

M o s k a u – Begegnungen einer Delegation von Baptisten mit Regierungsvertretern und Vertretern der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) in Woronesch am 4. Juni wiesen einmal wieder auf die Einzigartigkeit der zwischenkirchlichen Beziehungen in dieser westrussischen Stadt hin. Pastor Witali Wlasenko, Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB) in Moskau, berichtete anschließend: „Unsere Gespräche waren herzhaft und freundlich. In Woronesch haben wir stets über gute Beziehungen zu den Orthodoxen verfügt. Dort haben sich unsere beiden Kirchen niemals bekämpft.“ Er fügte hinzu, daß
Sergii (Familienname Fomin), der gutherzige Metropolit von Woronesch und Borisoglebski, die von Finnen organisierte Medienkampagne „Macht der Veränderung“ unterstützt hatte, als sie von April bis Mai 2006 in Woronesch stattfand. Dieses evangelistische Programm, das seit 2003 in 20 russischen Städten durchgeführt worden ist, muß sich gegenwärtig mit erheblichem Widerstand seitens der ROK in Saratow (Wolga) auseinandersetzen.

Der Metropolit, der ebenfalls die ROK-Abteilung für Diakonie anführt, spielte eine entscheidende Rolle bei der Gründung einer Antidrogenkampagne in Woronesch im November 2005 – ein Projekt, das von Baptisten mitgetragen wird. Noch wichtiger ist die Tatsache, daß Sergii am 8. Dezember 2005 in Woronesch zur Gründung eines der seltenen „Interreligiösen Räte“ beitrug. Dieser Rat umfaßt sechs Glaubensgemeinschaften einschließlich der Juden und Muslime. Anläßlich dessen Gründung meinte der Metropolit: „Unser Rat ist nicht nur interreligiös – er hat auch Kommunalpolitiker mit dabei. Ich meine, es werde sich um ein erfolgreiches Experiment handeln.“ Der Rat wird von einem Politiker angeführt, doch seine beiden Stellvertreter sind der orthodoxe Priester Andrei (Tarisow) und Oleg Alekseew, Leitender Pastor der größten Baptistengemeinde in Woronesch.

Russische Nationalisten vertreten die Auffassung, die Glaubensvielfalt schwäche die Nation, da sie deren Einheit zerstöre. Doch die Denkweise des Woronescher Rates steht ihnen diametral entgegen. Ein Bericht über den Rat in einer Lokalausgabe der “Komsomolskaja Prawda” vom 22.4.2008 trägt die Überschrift: „Interkonfessionale Kooperation – Ein Fundament der nationalen Sicherheit Rußlands“. Ein in demselben Jahr vom Rat publizierten Aufsatz hat den Titel: „Der zwischenkonfessionelle Friede im Lande – ein wesentlicher Faktor bei der Stabilisierung der Gesellschaft.“ Ein Untertitel des Beitrages in der „“Komsomolskaja Prawda” lautet: „Alle sind verschieden – Alle sind gleichwertig.“

Wlasenko berichtete, Pastor Alekseew genieße hohes Ansehen in orthodoxen Kreisen und habe bereits – und werde – mehrere Staatsorden entgegennehmen. „Alekseew hat ein einzigartiges Verhältnis mit den Orthodoxen. Er hütet sich, sie zu kritisieren und hat mit ihnen hervorragende Beziehungen.“

Der Rat unterscheidet dennoch zwischen “traditionellen” und „nicht-traditionellen“ Glaubensrichtungen und stellt den evangelistischen Bemühungen von Protestanten keinen Blankoscheck aus. Ein Bericht gibt z.B. an: „Die Vertreter einer Glaubensrichtung aus Übersee betrieben Mission unter dem Deckmantel des Englischunterrichts in einem örtlichen Kindergarten. . . . Staatliche Behörden sollten eine aktive Rolle spielen bei der Klärung derartiger Vorfälle.“

Nichtsdestotrotz nimmt die Zahl der Baptisten zu. Nach einer Begegnung von Woloschin und Wlasenko mit Baptistenpastoren am 5. Juni berichteten sie von 24 Gemeinden in der Region Woronesch. „Siebenundsiebzig Prozent unserer Pastoren sind tätig in neugegründeten Gemeinden,“ erzählte Wlasenko. „Vor 20 Jahren waren es nur zwei oder drei Gemeinden. Die ROK hat zwar 400 Gemeinden im Gebiet, doch nicht alle sind gegenwärtig aktiv.“

Zusätzliche Nachrichten

1. Am 25. Mai wurden RUECB-Präsident Juri Sipko, Witali Wlasenko und die Repräsentanten anderer protestantischer Kirchen eingeladen, einem Empfang von dem ROK-Patriarchen Kirill anläßlich des „Gedenktages von Kyrill und Method“ beizuwohnen. Es handelte sich um deren erste Begegnung mit Kirill seit seiner Inthronisierung am 1. Februar. Wlasenko zitiert den Patriarchen wie folgt: „’Brüder, ich freue mich sehr, Sie zu treffen. Ich freue mich, daß Sie gekommen sind!’ Er versicherte uns, daß alle zwischenkirchlichen Projekte einschließlich des orthodox-protestantisch-katholischen „Christlichen Interkonfessionellen Beratungskomitees“ (Christian Inter-Confessional Advisory Committee – CIAC) fortgesetzt werden sollen. Der Patriarch hat nichts eingestellt.“

2. Russische Baptisten hegen die Hoffnung, bald mit dem Bau einer Kirche in der kriegszerstörten Stadt von Zchinwali/Südossetien beginnen zu können. Witali Wlasenko berichtet, seine Abteilung habe jedoch Bedenken hinsichtlich eines baldigen Baubeginns. „Wir müssen uns zuerst mit dem Baptisten in Georgien verständigen. Sie fühlen sich auch für dieses Gebiet zuständig und von daher müssen wir sehr sensibel und rücksichtsvoll vorgehen.“ Georgien sieht das abgespaltene Gebiet Südossetien als einen Teil des eigenen Landes an.

3. Ungefähr 55 Ukrainer, 45 Russen und 10 Weißrussen haben vor, an den Jubiläumsfeierlichkeiten “Amsterdam 400” vom 24. bis 26. Juli teilzunehmen. Zu den zu erwartenden Gästen zählen der russische Chor „Logos“ und die russisch-ukrainische Musikgruppe „Zhiwaja Kaplja“ (Lebendiger Tropfen). (Für weitere Gäste aus Ost und West ist in Amsterdam noch Platz.) Er kleineres Jubiläumsfest mit 250 Teilnehmern ist für Kiew vom 27. bis 29. August vorgesehen.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 11. Juni 2009
baptistrelations@yandex.ru
Tel/Fax: 007-495-954-9231
„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-18, 734 Wörter oder 5.547 Anschläge mit Leerzeichen.

Der Moskauer Pastor sieht in der Prävention einen Grundstein bei der Ausbildung und Entwicklung von Pastoren. Nach seiner Überzeugung sei es nicht länger hinzunehmen, daß „unreife oder neubekehrte Menschen, die auf diesen Dienst nicht vorbereit worden sind, zu Pastoren berufen werden. Ein solcher Bruder muß für den Dienst zugerüstet werden. Die Ernennung verlangt, daß er gewisse charakterliche und bildungsmäßige Voraussetzungen erfüllt – und, daß er Zugang zu einer entsprechenden Zurüstung hat.“ Babitsch denkt an eine Art Vikariat, die ein bis drei Jahre dauert und regelmäßige Treffen mit Kollegen, einem Mentor oder dem zuständigen „Bischof“ (Altpresbyter) mit einschließt.

Zur Rehabilitation meint Babitsch: „Auch nach einer persönlichen Katastrophe oder einem Versagen muß es mit dem Leben des Pastors weitergehen. Ein Pastor, der viele Jahre dem Dienst für Gott gewidmet hat, soll nicht hinterher das Gefühl haben, ein Geächteter zu sein, der nur noch von Gott benötigt sei. Das eheliche Scheitern eines Pastors soll nicht bedeuten, daß er automatisch von allen Formen der kirchlichen Weiterbeschäftigung ausgeschlossen werde.“ In der Hoffnung auf erhöhte Gerechtigkeit und eine tatsächliche Hilfe für die Betroffenen, sollen die Prozesse von Prävention und Rehabilitation koordiniert und standardisiert werden.

Nun hofft Sergei Babitsch auf die Fortsetzung der Beratungen in Deutschland und die Fortführung seiner Einweisung in die deutschen Erfahrungen. Er und ein Team von Kollegen sind bemüht, diesen neuen Dienst auf so viele Regionen Rußlands wie möglich auszudehnen. Er geht davon aus, daß ein „Zentrum für die Unterstützung von Pastoren“ im kommenden Jahr an einem konkreten Ort im Großraum Moskau seinen Dienst aufnehmen kann.

Leiter der Pastorenabteilung ist Alexei Wassilewitsch Smirnow (Dedowsk bei Moskau), leitender Pastor bei der mit der RUECB verbundenen „Assoziation der Brüdergemeinden“ (ABTs).

Eine großzügige Orthodoxie in Minsk
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Die Baptisten von Belarus bleiben optimistisch

Reportage

M i n s k – Die “Gute Nachricht” (Blagowestie)-Gemeinde in der Minsker Ulitsa Tschaikowskogo 37 im Norden der Stadt ist gut vorangekommen. Sie wurde 1990 mit einer Handvoll von Gläubigen aus der nichtregistrierten Baptistenbewegung gegründet. Heute ist sie die zweitgrößte Baptistengemeinde der Stadt, die der belarussischen (weißrussischen) „Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ angehört. In den vergangenen 19 Jahren hat die „Gute Nachricht“ 500 Menschen getauft und zwei Tochtergemeinden ins Leben gerufen. Vor zwei Jahren entsandte sie 100 ihrer Mitglieder, um die Gemeinde „Neue Erde“ zu gründen. Anfang 2009 mußte sie zwecks Gründung der Gemeinde „Licht der Hoffnung“ weitere 70 Mitarbeiter abgeben. Die drei Gemeinden haben einen sonntäglichen Gottesdienstbesuch von 500 bis 600; nur die älteste Baptistengemeinde der Stadt, Golgatha, hat eventuell mehr.

“Wir blicken auf eine wundervolle Zeit in den vergangenen sieben oder acht Jahren zurück,” berichtete Hauptpastor Dmitri Lasuta am 27. Mai. „Wir haben jährlich 40 Neutaufen erlebt und erziehen neue, gemeindeleitende Personen. Ein zweijähriges, von 25 ehemaligen Studenten besuchtes Abendprogramm bietet hautnahe Erfahrung in der Missions- und Gemeindearbeit. Doch der Pastor gestand: „Es kommen keine großen Scharen zu uns – wir müssen um jedes neues Mitglied ringen. Darum auch müssen wir sehr professionell vorgehen. Aber ich bleibe bei meinem Optimismus: Die Kirche macht hervorragende Erfahrungen.“

Die “Gute Nachricht” war nie eine gewöhnliche, weißrussische Baptistengemeinde. Das begann damit, daß Pastor Lasuta am Anfang seines Dienstes einen Bart trug. Seine Gemeinde war wohl ferner die erste Baptistengemeinde des Landes, die Schlagzeuge im Gottesdienst zuließ. Auffallend sind die vielen Jugendlichen und das Fehlen einer Kleiderordnung. Lasuta berichtete: „Dank der Pfingstler entdeckten wir, daß unsere Gottesdienste fröhlich sein dürfen – daß es keine Sünde sei, Gott zu feiern.“ Seine Gemeinden sind die ersten Baptistengemeinden des Landes, die Frauen die Leitung von Hauskreisen überläßt. In der Vielfalt erkennt der Pastor Schönheit. „Ich meine, Gott benutzt die verschiedenen Strömungen des Christentums, um uns insgesamt zu bereichern.“

Was muß sich innerhalb der baptistischen Bewegung verändern? „Wir müssen den Wert der Toleranz hervorkehren,“ erwiderte er. „Wir sollten betonen, daß unsere Union viele gemeinsamen Werte vertritt, es bestehen jedoch unterschiedlichen Methoden und Stile. Erst jetzt beginnt unsere Leitung zu begreifen, daß wir ohne Zukunft seien, wenn wir die Unterschiede unter uns nicht anerkennen.“ Obwohl der Minsker Geistliche Bedenken hegt bezüglich der Theologie des US-Amerikaners Brian McLaren, ist er begeistert vom Titel seines 2004 erschienenen Buches: „A Generous Orthodoxy” (Eine großzügige Orthodxie bzw. Ein großzügiges Evangelikalentum). „Genau das haben wir nötig!“ schwärmte er. „Es ist uns nicht gestattet, einen Gottesdienst als ‚Begräbnisfeier’ oder als ‚Disko’ abzutun. Das ist eine Beleidigung und dagegen müssen wir uns wehren. Uns bleibt nur der Weg der großzügigen Orthodoxie. Wir müssen uns mit den Veränderungen der Zeit auseinandersetzen und die unveränderlichen Wahrheiten mit einer sich ständig wandelnden Methodik weitergeben.“

Wie stehen die anderen Gemeinden der weißrussischen Union zu dieser Gemeinde? „Manche sind für uns, andere sind es nicht,“ antwortete Lasuta. Der Pastor ist immerhin teilzeitiger Dozent am Minsker Seminar der Union und leitet eine Gemeindegründungsinitiative der 1933 geschaffenen „Slavic Missionary Service“.

Warum nahm die “Gute Nachricht” vor einem Jahrzehnt die Mühe auf sich, der „Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ beizutreten? „Mit anderen hatten wir nur eine begrenzte Gemeinschaft,“ erläuterte der Pastor, der schon 1998 ein Theologiestudium am „Regent College“ in Vancouver/Kanada abschloß. „Wir wollten uns für neue Erfahrungen und Ideen öffnen. In vielem waren wir Selbstversorger, doch hinsichtlich der Gemeinschaft eben nicht.“

Gemeindliche Anfänge

Dmitri Lasuta gab zu Protokoll, daß sich 1989 eine zweite Spaltung innerhalb der nichtregistrierten Baptistenbewegung Weißrußlands vollzog. Ursprünglich war die Bewegung 1961 vom gesamtsowjetischen „All-Unionsrat der Evangeliumschristen-Baptisten“ abgespalten. Achtundzwanzig Jahre danach verlangte sein weißrussischer Zweig eine Neuregistrierung seiner Mitglieder. „Damals hatte diese Kirche ein Mittel zur Selbstreinigung entwickelt, genannt Sündenbekenntnis. Jedes Gemeindemitglied sollte vor die versammelte Gemeinde treten und seine Sünden bekennen. Mein Freundeskreis und ich waren der Meinung, daß das nur als freiwilliger Schritt in Frage käme. Deshalb sind wir und einige Hunderte mehr aus dem Bund ausgetreten.“ Er fügte hinzu: „Ich habe bei ihnen auch viel Gutes mitbekommen – Treue und Hingabe z.B.“ Bis heute versteht er sich als Pazifist. Doch Lasuta empfindet jenen Gemeindebund ebenfalls als gesetzlich und rechthaberisch: „Der geistliche Hochmut bleibt bei ihnen ein Problem.“

Heute unter dem Namen „Internationale Union der Kirchen der ECB“ (IUCECB) bekannt, bleiben die einstigen „Initiativniki“ in Belarus relativ stark vertreten. Sie haben noch bis zu 4.000 Mitglieder im Lande und verfügen über große Gemeinden in Minsk, Brest, Gomel und Mogilew. Ihre Mitgliedschaft weltweit beträgt rund 78.000; wohl die Hälfte von ihnen wohnt weiterhin in den Ländern der ehemaligen UdSSR.

Allerdings ist die weitere Zersplitterung der baptistischen Gruppierungen im Lande noch nicht zum Stillstand gekommen. Im vergangenen Jahr sind 16 Gemeinden mit rund 300 Mitgliedern aus der offiziellen weißrussischen Union ausgetreten. Leiter der neuen Gruppierung ist Viktor Nemtsew (Minsk), ein ehemaliger Professor. Der Bruch wird eher auch Leitungsfragen als auf Theologie zurückgeführt. Ein Mitarbeiter der offiziellen Union sagt: „Unser größtes, gegenwärtiges Problem ist der Mangel an Einheit.“

Pastor Lasuta ist der einzige Unionspastor, der bis heute in der umstrittenen, charismatischen “Neues Leben”-Gemeinde in Minsk gepredigt hat. Er erläuterte: „Ich wollte meinen Respekt für das zum Ausdruck bringen, was sie als faktische Untergrundkirche leisten. Ich habe Achtung vor ihrem Mut.“ Die 1.000-köpfige Gemeinde, die sich in einem ehemaligen Kuhstall am westlichen Stadtrand versammelt, ist für ihren streitbaren Umgang mit staatlichen Stellen bekannt. Zu ihren Aktionen zählten bisher ein 23-tägiger Hungerstreik im Jahre 2006 sowie eine Petition mit 50.000 Unterschriften, die im März 2008 der Europäischen Union in Brüssel überreicht worden ist.

Dennoch bleibt die baptistische Zeltmission in Belarus aktiv und das baptistische Kinderlager und diakonische Programm „Zhemtschuzhinka “(Kleine Perle) in Kobrin unweit von Brest verfügt über starke Beziehungen zur Minsker Regierung. In einem Gespräch räumte Sergei Lukanin (Minsk), der Anwalt von “Neues Leben”, ein, daß sich die Lage seit 2007 entspannt habe. Damals verbrachten drei Pastoren der Gemeinde mehrere Tage im Gefängnis. Problematisch bleibt auf jeden Fall die riesigen Graubereiche in der Handhabung des Gesetzes. Viele Praktiken (und Gebäude), die dem Gesetz nach als illegal einzustufen seien, werden weiterhin von der Regierung des Präsidenten Alexander Lukaschenko toleriert. Zum 1. Juni 2009 wurde „Neues Leben“ einmal wieder aufgefordert, sein höchst ungewöhnliches Gotteshaus zu räumen.

Lasuta resümierte: “Ich danke Gott für die Lage, in der wir uns befinden. Ich wünschte mir, wir hätten mehr Freiheit, doch wir haben auf jeden Fall sehr viel mehr Freiheit als vor 20 Jahren. Wir haben nicht das Recht, uns zu beklagen. Wir haben noch immer viele Möglichkeiten, unseren Nachbarn und Verwandten ein Zeugnis zu geben. Das bleibt die Hauptquelle für das weitere Anwachsen der Gemeinde. Unsere Regierung könnte autoritär sein, aber sie ist auf keinen Fall totalitär. Wir schweben irgendwo in der Mitte zwischen Demokratie und Totalitarismus. Die wirtschaftliche Schocktherapie, die die russische Regierung von Boris Jelzin der Bevölkerung unterwarf, blieb uns erspart und viele Beobachter meinen, diese Politik habe unserem Lande nur geholfen. Wir bleiben gespannt bezüglich der Aussichten auf weitere Wandlungen und Verbesserungen.“

Die „Union der Evangeliumschristen-Baptisten in der Republik Belarus“ vertritt 13.500 Mitglieder in 290 Ortsgemeinden. Ihr Präsident ist Nikolai Sinkowets (Minsk). Ungefähr 100.000 (1%) der 9,8 Millionen Bürger des Landes sind Protestanten.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Minsk/Moskau, den 3. Juni 2009
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Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-17, 1.168 Wörter oder 8.473 Anschläge mit Leerzeichen.

Zusammenarbeit zwischen den Orthodoxen und Baptisten Rußlands setzt sich fort
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Erstmalige Begegnung mit dem neuen Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats

M o s k a u – Die von höchsten Stellen getragene, langfristig bestehende Kooperation zwischen
dem Moskauer Patriarchat der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) und der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB), die durch die Bemühungen von Kirill, den neuen „Patriarchen von Moskau und dem gesamten Rus“, verstärkt worden war, wird weiter bestehen. Das war die Schlußfolgerung von Witali Wlasenko, dem Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der RUECB, nach einem erstmaligen Treffen mit Ilarion Alfejew in Moskau am 15. Mai. Der 42-jährige Ilarion (auch als Hilarion bekannt), der Erzbischof von Wolokolamsk 130 km westlich von Moskau, hat Anfang 2009 Kirill als Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats abgelöst.

Pastor Wlasenko beschreibt sein neues Gegenüber als “einen sehr weisen und frommen Mann. Ich bin von seiner Wertschätzung der Bibel beeindruckt. Er ist hochgebildet und ist entsprechend über die Geschichte der Baptisten informiert. Ich habe mich über das Gespräch mit ihm sehr gefreut und hoffe auf eine wunderbare Arbeitsbeziehung in Zukunft.“ Ilarion, der bereits über mehrjährige Erfahrungen in der internationalen Ökumene und im Bereich der orthodox-katholischen Beziehungen verfügt, diente als Bischof von Wien und Österreich von 2003 bis 2009. Ilarion drückte auch sein Interesse an einer Fortsetzung der Arbeit des „Christlichen Interkonfessionellen Beratungskomitees“ (Christian Inter-Confessional Advisory Committee – CIAC) aus. Nach fast siebenjähriger Pause tagte dieses aus Orthodoxen, Katholiken und Protestanten bestehende Komitee am vergangenen 2. Oktober. Pastor Wlasenko vertritt die Protestanten im dreiköpfigen Führungsteam. Ein überzeugter Verfechter bilateraler Beziehungen, sprach sich der Erzbischof auch für eine Fortsetzung der theologischen Konsultationen zwischen ROK und RUECB aus. Er vertritt ferner die Auffassung, die Ernennung eines vehement nationalistischen Priesters, Alexander Dworkin, zum Vorsitzenden der „Kommission für die Anwendung staatlicher Expertise über die Religionswissenschaft“ beim Justizministerium keinen Schatten auf die offiziellen Beziehungen zwischen Orthodoxen und Baptisten zu werfen brauche.

Der in Moskau geborene Ilarion, der erst im März zum Erzbischof erhoben worden ist, hat dem westlichen Protestantismus vorgeworfen, er betreibe wegen seines Verzichts auf die apostolische Sukzession und des Mangels an dogmatischen Lehrmeinungen, ein seichtes „Christianity light“. Doch er und Wlasenko erkennen in der Übereinstimmung von Orthodoxen und Baptisten in ethischen Fragen bezüglich Ehe und der Familie eine starke Basis für die Zusammenarbeit.

Der Erzbischof verfügt über breite wissenschaftliche Interessen und hat bereits 30 Bücher sowie mehr als 500 Aufsätze veröffentlicht. Einige davon sind ebenfalls auf Deutsch erschienen. Er betätigt sich sogar als Komponisten – sein „Weihnachtsoratorium“ wurde in Wien im vergangenen Dezember uraufgeführt.

Baptisten besuchen das russische Außenministerium

Am Tage zuvor, am 14. Mai, wurde Witali Wlasenko von Oleg Wasnetsow, einem Vizepräsidenten des Außenministeriums, der für die Beziehungen mit Bürgerorganisationen innerhalb Rußlands zuständig ist, empfangen. Ein Gesprächspunkt dabei war die Tatsache, daß es Kirchenvertretern aus westlichen Staaten nicht mehr möglich ist, kurzfristig ein offizielles Visum für Rußland zu ergattern. Noch vor einem Jahr konnten russische Protestanten, oftmals innerhalb von 24 Stunden, von ihrem Außenministerium die Einladung erhalten, die für das Ausstellen offizieller Besuchsvisa erforderlich ist.. Heute kann die Prozedur einen ganzen Monat beanspruchen. Wasnetsow versprach, der Frage nachzugehen. Wlasenko meinte, daß eine Unterredung mit Außenminister Sergei Lawrow auf jeden Fall zu empfehlen sei.

Nach dieser Begegnung berichtete Wlasenko: „Es war ein gutes Gespräch und die Leute waren sehr offen. Doch über die Protestanten wußten sie wenig und sie schienen überrascht von der Tatsache, daß ihr Land etwa eine Million protestantischer Bürger hat. Das zeigte mir einmal wieder wie wichtig es sei, daß wir Kontakte mit den politischen Vertretern unseres Landes suchen und pflegen.“

RUECB besucht EBM in der Schweiz

In diesem Jahr war die Russische Union der Evangeliumschristen-Baptisten erstmalig vertreten bei der Jahreskonferenz der Europäischen Baptistischen Mission (EBM). Diese fand vom 7. bis 9. Mai in Bülach bei Zürich statt. Nach dem Besuch berichtete Pastor Witali Wlasenko, der Delegierte der RUECB: „Es war ein wunderbarer Besuch. Es war sehr interessant, sich die Berichte aus Afrika, Südamerika und Indien anzuhören. Doch nun muß ich mich mit meinen Kollegen in Rußland beraten – die russischen Baptisten sind z.B. bereits in Indien aktiv. Außenmissionen aus Nordamerika möchten ebenfalls mit uns kooperieren und wir müssen entscheiden, wie wir am besten die Arbeit des Reiches Christi fördern sowohl in unseren Gemeinden wie im Ausland.“ Dies setze intensive Beratungen mit Ruwim Woloschin (Moskau), dem Direktor der RUECB für Heimat- und Auslandsmission, voraus. Wlasenko fügte hinzu: „Ich meine nicht, daß eine Entscheidung noch vor Einführung unseres neuen Präsidenten im März 2010 getroffen werden kann.“ Der neue Unionspräsident wird Wiktor Rjagusow, Hauptpresbyter (Bischof) des Gebietes Samara, sein.

Im Jahre 1979 schloß sich die MASA (Missionarische Aktivitäten in Südamerika) der 1954 gegründeten EBM an. Die Mission arbeitet eng mit der Prager „Europäischen Baptistischen Föderation“ zusammen und hat ihren Sitz auf dem baptistischen Campus in Elstal bei Berlin. Der Generalsekretär ist Pastor Christoph Haus (Elstal). Zu den 18 Mitgliedern der EBM gehören inzwischen die Unionen von Ungarn, Tschechien, Kroatien und dem westlichen Teil Kubas. Die EBM verfügt über die Adresse: „ebm-masa.de“.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Odessa/Moskau, den 23. Mai 2009
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Der juristische Nihilismus ist Rußlands größtes Problem
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Juri Sipko beklagt das Versagen einer würdigen Diktatur

M o s k a u – In einem Interview mit seinem eigenen Pressedienst am 4. Mai, beschrieb Juri Sipko, Präsident der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RIECB), seine Kirche als überzeugte Verfechterin der Staatsverfassung. Er beklagte das völlige Versagen einer würdigen Diktatur, die von Wladimir Putin am Anfang seiner Dienstzeit angekündigt worden ist: die Diktatur der Verfassung. Sipko stimmte auch vehement mit der Einschätzung von Dimitri Medwedew, dem heutigen Präsidenten, überein, daß der juristische Nihilismus das größte aller Probleme in der russischen Gesellschaft sei. Orthodoxe stellen die Behauptung auf, die russische Nation sei – zumindest potentiell – ihren westlichen Nachbarn moralisch überlegen. Doch im Gegensatz hierzu stellte Sipko die Vermutung auf, Rußland könnte wegen des willkürlichen Charakters seiner Justiz in seiner Entwicklung noch 1.000 Jahre zurückliegen. Er fügte jedoch hinzu, daß das marxistische Erbe seines Landes an seinen Ursprungsort – Westeuropa – zurückgeschickt werden sollte.

Nach Angaben des baptistischen Leiters begann der Abstieg mit dem „Gesetz über die Religion und die Freiheit des Gewissens“, das von der Duma im Juni 1997 verabschiedet worden ist. Es schaffte einen äußerst bedenklichen Präzedenzfall, in dem es eine Hierarchie unter den Hunderten von russischen Glaubensgemeinschaften schuf. Es gewährte den „traditionellen Religionen“ – vor allem der Orthodoxie, dem Islam, Judaismus und Buddhismus – einen bevorzugten Anspruch auf staatliche Anerkennung. Er wies in diesem Interview darauf hin, daß bereits dieses Gesetz an sich verfassungswidrig sei – es zerstöre die in der Verfassung verankerte Gleichstellung aller russischen Glaubensgemeinschaften.

Sipko beschrieb die Schaffung einer „Kommission für die Anwendung staatlicher Expertise über die Religionswissenschaft“ im vergangenen März als die logische Folge des Nihilismus bzw. der Gesetzgebung von 1997. Dieses äußerst umstrittene Komitee, das für die Bewertung religiöser Organisationen zuständig sei, besteht vor allem aus vehementen Parteigängern des Moskauer Patriarchats. Kommissionsleiter ist Alexander Dworkin, ein äußerst temperamentvoller, orthodoxer Geistlicher und selbsternannter Sektenkundler (Siehe die Pressemeldung vom 13. April auf unseren beiden Webseiten.)

Als Lösungsansatz im Blick auf die juristische Anarchie schlug der Baptistenpräsident vor, russische Staatsdiener abermals auf die Schulbank zu setzen, um sie mit der Verfassung vertraut zu machen, die sie zu verteidigen hätten. Zu den Schülern sollte auch Alexander Konowalow, der orthodoxe Pfarrer, der seit Mai 2008 auch als Russischer Justizminister fungiert, zählen. Sipko vertrat die Auffassung, jeder Politiker höheren Ranges solle auf die Verfassung vereidigt werden: „Jeder ist dazu aufgerufen, dem Vaterland zu dienen – und nicht seinem jeweiligen Boss.“

Der RUECB-Präsident verglich den legitimen Staat mit dem Berufsethos von Ärzten. Wenn ein Patient erkrankt, begreift der Arzt die Klagen des Patienten nicht als einen Angriff auf sein professionelles Können. Statt dessen wird sich der Arzt bemühen, möglichst umgehend das Leiden seines Patienten zu mindern. Mit dem gleichen Verständnis sollten Staatsdiener „sofort reagieren, um die Freiheit und Menschenrechte eines Bürgers wiederherzustellen. Nur unwürdige Politiker fassen das Klagen der Patienten als eine persönliche Attacke auf.“ Er fügte hinzu: Wir Russen „müssen damit anfangen, uns gegenseitig zu respektieren, zu unterstützen und zu lieben“. In Rußland gebe es doch so wenig Menschen. „Menschen mit einem freien Gewissen sind die wahren Träger russischer Souveränität.“

Mit einem Hinweis auf das Überleben im Zeitalter massiver Repressionen versicherte Juri Sipko, daß er im Machtanspruch der Orthodoxie keine entscheidende Gefährdung der baptistischen Bewegung erkenne. „Ich denke, der gegenwärtige Versuch, das Land auf eine Monoreligion zu reduzieren, das Verlangen unserer Volkes nach selbständigen Bürgern und der persönlichen Freiheit, nur verstärken wird. Unter solchen Bedingungen werden Baptisten, die die Gewissensfreiheit für alle unterstützen, einen bedeutenden Zulauf erleben. Gott sei Dank dafür!“

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Kiew/Moskau, den 15. Mai 2009
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Sind wir ein Bindestrich oder ein “Und””?
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Wer sind die Evangeliumschristen innerhalb der RUECB?

Reportage

M o s k a u – Wer genau sind die „Evangeliumschristen“ innerhalb der “Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten” (RUECB)? Manchmal tragen wir Baptisten selbst zur generellen Verwirrung bei. Der russischsprachige Teil der Webseite des Moskauer Seminars der RUECB (www.moscowseminary.org) berichtet völlig korrekt von „Evangeliumschristen-Baptisten“, doch die Überschrift auf der englischsprachigen Seite lautet „Union der Evangeliumschristen und Baptisten“. Handelt es sich bei unserer Union um einen Bindestrich oder um ein „Und“? Sind wir eine einzige, aus zwei Zweigen bestehende Konfession, oder sind wir tatsächlich zwei verschiedene Konfessionen? Wahrscheinlich sind wir einer Fehlbezeichnung aufgesessen, denn die wenigen leitenden Persönlichkeiten, die ich dazu befragte, hielten ein „Und“ für die passendere Variante. Der 1928 geborene Dr. Alexei Bytschkow, Generalsekretär des „Allunionsrates der Evangeliumschristen-Baptisten“ von 1971 bis 1992, der danach als Baptistenpastor diente, sieht sich wieder als „Evangeliumschristen“. „Anfangs hatte ich mich als Evangeliumschristen verstanden, doch als ein Leiter der gesamten Union, geriet diese Identität in Vergessenheit.“

Evangeliumschristen und Baptisten haben sich erst 1944 – unter nicht gerade freiwilligen Umständen - zu einer Denomination, dem „Allunionsrat der Evangeliumschristen-Baptisten“ zusammengeschlossen. In den Jahren der Verfolgung nach 1944 ließe sich das Verhältnis zwischen den beiden Konfessionen wohl am ehesten als „Bindestrich“ bezeichnen. Doch in den Jahren seit der Perestroika hat das Empfinden für die konfessionellen Unterschiede wieder zugenommen. Manche spalteten sich vom Allunionsrat ab. Zwei der 10 Denominationen, die heute zum „Öffentlichen Rat“ baptistischer Kirchen gehören, bezeichnen sich als „Evangeliumschristen“. Im allgemeinen waren Evangeliumschristen städtisch-bürgerlicher, ausgebildeter, stärker sozial-gesinnt und ökumenischer als ihre zahlreicheren baptistischen Geschwister. Doch der Baptist Alexander Zuzerow, der gegenwärtig als Rektor des „Moskauer Seminars der Evangeliumschristen“ fungiert, definiert die Evangeliumschristen schlicht als „theologisch konservativ. Sie bejahen die verbale Inspiration und die Unfehlbarkeit der Schrift.“

Die Entstehungsgeschichte der Evangeliumschristen ist mit dem Namen von Iwan Prokhanow (1869-1935), der in einer Familie von Molokhanern in Wladikawkas aufwuchs und sich 1887 den Baptisten anschloß, eng verbunden. Später siedelte er sich in St. Petersburg an, wurde Mitglied der Evangeliumschristen und bleib Anführer dieser Bewegung von 1908 bis 1928. Ihm gelang es nicht, Baptisten und Evangeliumschristen zu vereinen, doch die Einheit der Evangelikalen blieb sein ständiges Anliegen. Er ist bekannt wegen des Satzes: „Im Grundsätzlichen Einigkeit, im Zweitrangigen Freiheit, und in allem insgesamt Liebe.“ In seinem Streben nach christlicher Einheit sprengte er sogar die Rahmen der evangelikalen Bewegung. Nach Verhaftung des Patriarchen Tikhon 1922 erklärte er sich solidarisch mit seinem ehemaligen Unterdrücker: der Russischen Orthodoxen Kirche. Für eine begrenzte Zeit vor 1928 trat er sogar für eine Form des christlichen Sozialismus ein.

Doch heute ist das Profil der Bewegung verwässert und ihr Name muß oftmals als Ausweg für Gruppen herhalten, die sich nicht als „Baptisten“ bezeichnen wollen. Ein weiteres Beispiel des gleichen Phänomens ist die Neigung von Pfingstkirchen, sich auf den Namen „evangelisch“ zu beschränken. Das geschieht meistens sehr zum Bedauern der benachbarten, lutherischen Gemeinden. Obwohl die fundamentalistische und separatistische Theologie vieler Aussiedler aus der UdSSR sie am anderen Ende des theologischen Spektrums gegenüber den einheimisch-russischen Evangeliumschristen setzt, agieren nicht wenige von ihnen unter dem Fittichen „Evangeliumschrist“. Das wurde größtenteils getan um eine Verwechselung mit den einheimischen, deutschen Baptisten zu vermeiden, die von den Aussiedlern als theologisch liberal angesehen werden. Zuzerow behauptet, es könne in Rußland bis zu 20 Gruppierungen geben, die sich als „Evangeliumschristen“ bezeichnen. Ganz offensichtlich sind „Evangeliumschristen“ sowohl eine konkrete Konfession wie eine sehr generelle Bezeichnung vergleichbar mit dem Terminus „Protestant“.

Plötzlich sind die Evangeliumschristen als selbstständige Große in Rußland wieder sichtbar geworden. Der Moskauer Unternehmer Alexander Semtschenko, bis Februar 2008 ein lebenslanger Baptist, führte in einem Moskauer Hotel Ende April 2009 eine Konferenz mit fast 1.000 Teilnehmern durch. Anlaß war das hundertjährige Jubiläum der Gründung der von Prokhanow angeführten „Allrussischen Union der Evangeliumschristen“. Semtschenko ist für den Vorwurf anfällig, er haben den Namen „Evangeliumschrist“ nur genutzt als Vehikel, um Organisationen parallel zur RUECB aus dem Boden zu stampfen. Er hat dennoch mehr Anrecht auf den Namen als andere, denn er ist immerhin im vorigen Jahr zum Bischof der „Union der Kirchen evangelischer Christen” – wohl genauer als „Union der Kirchen der Evangeliumschristen“ zu übersetzen – ernannt worden.

Moskauer Seminar der Evangeliumschristen

Mir ging es darum, Informationen über die Evangeliumschristen zu sammeln. Deshalb dachte ich eingangs, ich hätte die falsche Adresse gewählt als ich dem „Moskauer Seminar der Evangeliumschristen“ im Norden der Stadt meine Aufwartung machte. Mir teilte der Rektor mit, die Einrichtung habe sich trotz ihres Namens seit ihrer Gründung stets als überkonfessionell verstanden. Ihre Webseite (www.moscowseminary.ru) unterstreicht die ökumenische Zusammensetzung der Studentenschaft. Ihre 80 Studenten (nur 35 von ihnen studieren vollzeitig und vor Ort) bestehen zu 40% aus Baptisten, 32% aus Pfingstlern/Charismatikern, 15% aus Evangeliumschristen, 6% aus Methodisten und jeweils 3% aus Nazarenern und Presbyterianern.

Dank finanzieller Unterstützung der in Greenwood/Bundestaat Indiana beheimateten Mission “OMS International”, konnten Alexei Bytschkow und Witali Kulikow (1936-2007), Chefredakteur der inzwischen eingestellten Zeitschrift „Bratski Westnik“, das Seminar 1993 gründen. Bytschkow betont, die Einrichtung habe von Anfang an über starke Beziehungen zur Orthodoxie geführt und nennt den 1990 ermordeten, orthodoxen Visionär und Priester Alexander Men einen leitenden Geist. Bis heute haben insgesamt vier Orthodoxe zum Dozentenstab gehört.

Im überkonfessionellen Ansatz sieht das Seminar ein Standbein seines Versuches, sich „am Markt“ zu behaupten. Zuzerow nennt seine Einrichtung das einzige überkonfessionelle Seminar Moskaus und führt aus: „Wir schlagen vor, daß andere Denominationen wie die Baptisten sich uns anschließen. Wir meinen, 70% unseres Lehrprogramms ist überkonfessionellen Charakters und wir sind gerne bereit, Dozenten aus den jeweiligen Konfessionen das Recht einzuräumen, die restlichen 30% den eigenen Studenten beizubringen. Es hat keinen Sinn, Gelder zu verschwenden und ein fünftes Rad am Wagen anzubringen – wir selber können für das Grundsätzliche sorgen. Alles ist bereit. Wir haben uns die Mühe gemacht, Genehmigungen u.a. vom Brandschutz und von der Hygiene zu besorgen. Wir haben alle Steuern bezahlt. Es wäre ein Zusammenwirken ohne Verlierer. Der Clou dabei ist, daß wir niemanden konvertieren wollen. Die kleinen Kirchen wissen, daß ihre Schützlinge bei uns gut aufgehoben sind.“ Etwa um die Lehre der Erwachsenentaufe ist das Seminar bei Presbyterianern und Lutheranern nicht bemüht. Doch im Bezug auf den notwendigen aber schmerzlichen Prozeß der Zusammenlegung bleiben die Fragen nach „wer“ und „wen“ offen. Welche Seminare seien bereit, die eigenen Tore zu schließen damit andere überleben können?

Mit Bedacht habe ich in diesem Aufsatz das Wort “ökumenisch“ benutzt. Es ist genau das Wort, das Pastor Bytschkow benutzte, um die Ausrichtung seines Seminars zu beschreiben. Und just an dieser Stelle spiegelt das „Moskauer Seminar der Evangeliumschristen“ das Erbe der Evangeliumschristen wider: das Streben nach „geschwisterlichen“, überkonfessionellen und ökumenischen Beziehungen.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau/Berlin, den 28. April 2009
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Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-14, 1.064 Wörter oder 8.083 Anschläge mit Leerzeichen.

Den Esel mit dem Schutz des Gemüsegartens beauftragen
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Alexander Dworkin wird Leiter der neuen Religionskommission im Justizministerium

M o s k a u – Am 3. April wurde Alexander Dworkin, der russische Priester, der für die Verleumdung von religiösen Gemeinschaften, die nicht zum Moskauer Patriarchat der russischen Orthodoxie gehören, berühmt ist, zum Vorsitzenden der „Kommission für die Anwendung staatlicher Expertise über die Religionswissenschaft“ beim Justizministerium gewählt. Genau ein Monat zuvor am 3. März war die Kommission offiziell ins Leben gerufen worden. Der US-Staatsbürger Dworkin soll 1983 das “Saint Vladimir's Orthodox Theological Seminary” in Crestwood/Bundesstaat New York absolviert haben und versteht sich als Sektenkundler. Er ist wegen der eingeworfenen Fensterscheiben und anderer Akten des Vandalismus, die auf seine Auftritte in der russischen Provinz folgen, bekannt. Das Wahlergebnis erzeugte einen sofortigen und heftigen Widerspruch seitens der Religionswissenschaftler und vieler anderer Bürger, die den multiethnischen und multikonfessionellen Charakter der russischen Gesellschaft bejahen. Mit einem Hinweis auf die russische Literatur verglich der Religionsexperte Michael Sitnikow Dworkins Wahl mit dem Versuch, „den Esel mit dem Schutz des Gemüsegartens zu beauftragen“.

Diese Kommission ersetzt eine ältere Regierungskommission von Religionswissenschaftlern, die im Juni 1998 geschaffen wurde, um den Staat in religionsbetreffende Fragen zu beraten. Diese Kommission, die auf ihre Überparteilichkeit großen Wert legte, hatte geholfen, das Registrieren von geschäftlichen Interessen, die sich als Glaubensvereine verkleiden wollten, zu verhindern. Doch nur die neue, unter dem Schirm des Justizministeriums agierende Kommission wird über weitreichende Befugnisse verfügen. Sie wird daran beteiligt sein, die Gesetzgebung über religiöse Organisationen zu inszenieren und auszuführen. Der Soziologe Sergei Filatow folgerte: „Nun wird der Staat für den Haß und die Verleumdung, die aus Dworkin emporschießen, geradestehen dürfen.“

Russischer Justizminister ist seit Mai 2008 der Anwalt Alexander Konowalow (geb. 1968), der von manchen als orthodoxen Mönch bezeichnet wird. Er ist auf jeden Fall ein überzeugter Schüler des 1955 geborenen Dworkin und war offensichtlich dafür verantwortlich, daß sein ehemaliger Lehrer ins Justizministerium geholt wurde. Ein Stellvertretender Vorsitzender der Kommission ist Roman Silantew, der für seine Ausfälle gegenüber den 20 Millionen Muslimen Rußlands bekannt ist. Ein weiteres Kommissionsmitglied ist der Journalist Jewgeni Mukhatarow, der – wie Dworkin – schon häufig Pfingstler und Charismatiker attackiert hat. Ein besonders renommiertes Mitglied ist der offizielle Chefideologe der Regierungspartei „Einheitliches Rußland“: Iwan Demidow. Demidow, auch ein bekannter Fernsehshowmeister, ist ein Anhänger der antidemokratischen Ideologie des „Neo-Eurasianismus“. Nur ein Mitglied der alten Kommission gehört der neuen an. Roman Lunkin, ein Forschungskandidat der Russischen Akademie der Wissenschaften, beschreibt das Justizministerium als „auf dem Kriegspfad“. Der Justizminister habe die ursprüngliche Kommission von wissenschaftlichen Experten durch eine „orthodoxe Kampftruppe“ ohne wissenschaftlichen Anspruch ersetzt.

Reaktion der Nichtorthodoxen

In einem Interview mit dem alternativen, orthodoxen Nachrichtendienst “Portal-Credo” reagierte Juri Sipko, der Präsident der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) mit Verzweiflung. Er beklagte das Unvermögen des russischen Staates, seine eigene Gesetzgebung durchzusetzen und fragte: „An wen sollten wir uns noch wenden wenn sogar das Verfassungsgericht nicht gewillt ist, die eigene Verfassung zu verteidigen?“ Er bezeichnete es als angebracht, mit Witz auf die gegenwärtige Entwicklung zu antworten. Nach seiner Überzeugung befasse sich die Regierung schon seit langem mit dem steten Versuch, die Glaubensfreiheit möglichst einzuschränken.

Ein Stellvertreter, Witali Wlasenko, Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der RUECB, war optimistischer. Er – wie bereits Michael Sitnikow – möchte glauben, daß nicht alle staatlichen Ministerien dem merkwürdigen Beispiel des Justizministeriums folgen werden. „Vielleicht handelt es sich einfach um einen Irrtum“, meinte Wlasenko. „Wir stehen nicht alleine in der Opposition und hoffen, daß die Kommission noch erweitert wird. Dann würde sie auch die Stimme der Protestanten und die volle Breite religiösen Lebens in Rußland widerspiegeln. Der Baptist ist auch um die geistlichen Folgen besorgt. „Ich bange um das Zeugnis der Russischen Orthodoxen Kirche. Eine christliche Inquisition wäre noch sehr viel schädlicher für unser Zeugnis als die alte atheistische es jemals hätte sein können.“

Womöglich lieferte Sergei Rjachowski, Bischof der „Vereinigten Russischen Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“, das schlagendste Argument. Als Mitglied des von Dimitri Medwedew verantworteten „Präsidialen Rates für die Zusammenarbeit mit religiösen Vereinigungen“ verteidigt er oft die Sache der Protestanten mit Hinweisen auf den Patriotismus. Dworkin, der bis 1990 zwei Jahrzehnte in den USA verbracht hatte, wirft er vor, Zweitracht und Destabilisation nach Rußland zu importieren. „Gewissensfreiheit und Menschenrechte berühren die Sicherheit der Russischen Föderation. Wenn eine Destabilisierung geschieht, wird auch der Staat gleich mit destabilisiert, denn es werden Millionen von Bürgern davon betroffen.“ Im wesentlichen werfen sich Rjachowski und Dworkin gegenseitig vor, verkappte Amerikaner zu sein.

Der Großmufti Rußlands, Rawil Gaynetdin (Kasan), berichtete, russische Muslime würden der neuen Kommission wegen ihrer Parteilichkeit und des Fehlens jeglicher wissenschaftlichen Expertise keine Beachtung schenken. Er fügte hinzu: „In Anbetracht dessen skandalöser Entstehungsumstände werde ich dieses Staatsorgan nicht weiter kommentieren.“

Wenn nicht damit zu rechnen ist, daß russische Gerichte überpartaiisch entscheiden, kann das Straßburger Europäische Gericht für Menschenrechte mit noch vielen weiteren Fällen aus östlicher Richtung rechnen. Das „Slawische Zentrum für Recht und Gerechtigkeit“ in Moskau hat bereits damit begonnen, die vom Justizministerium geschaßte Expertenkommission für Glaubensfragen neu entstehen zu lassen. Das Zentrum hat enge institutionelle Bindungen mit dem in Straßburg ansässigen „Europäischen Zentrum für Recht und Gerechtigkeit“. Beide sind Filialen der in Washington beheimateten “American Center for Law and Justice”. Roman Lunkin berichtet, daß das Justizministerium zuerst die Moskauer Niederlassung der “Russischen Bibelgesellschaft” ins Visier nehmen will. Ihr wirft das Ministerium vor, keine religiöse Organisation zu sein. Obwohl überwiegend protestantisch in ihrer Zusammensetzung, vertreibt die Gesellschaft die offiziell kanonisierte orthodoxe Fassung der Heiligen Schrift.

Weshalb machen sich jüngere Politiker in Rußland so viel Mühe, den Nichtorthodoxen das Leben zu erschweren? Die Politikwissenschaftlerin Anastasia Mitrofanowa weist darauf hin, daß viele von ihnen in säkularen Familien mit Beziehungen zur kommunistischen Partei aufgewachsen seien. Auch deshalb seien sie an das Schwarz-Weiß-Denken gewohnt. Erst im Erwachsenenalter konvertiert und getauft, neigen Neubekehrte mit einer derartigen Biographie dazu, „päpstlicher als der Papst“ zu sein.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 13. April 2009
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Tel/Fax: 007-495-954-9231
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Außer Gaynetdin haben alle der genannten Personen einen Moskauer Wohnsitz.

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-13, 938 Wörter oder 7.319 Anschläge mit Leerzeichen.

Eine große Chance zur Ehre Gottes nutzen
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Führender russischer Baptist besucht die tschetschenische Regierung

M o s k a u – Tschetschenien und seine Hauptstadt Grosny erleben einen rasanten Wiederaufbau – und daran sollten sich auch Baptisten beteiligen. Das war das Fazit von Pastor Witali Wlasenko (Moskau), Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB), nach einem Besuch in der einst von Krieg zerstörten Stadt vom 3. bis 5. April. Wlasenko war von dem tschetschenischen Hauptmufti Sultan Mirsajew, den er in einem gemeinsamen, staatlichen Studiengang in Moskau kennengelernt hatte, nach Grosny eingeladen worden. In Grosny besuchten Wlasenko und seine Gattin Jana ebenfalls Ramsan Kadyrow, den 32-jährigen Machthaber und Präsidenten der Republik Tschetschenien.

Danach berichtete Wlasenko in Moskau: „Die tschetschenische Regierung hat versprochen, uns beim Wiederaufbau zu unterstützen und ich bin der Auffassung, es sei angebracht, ihrer Einladung Folge zu leisten.“ Wir sollten diese große Chance zur Ehre Gottes nutzen. Wir sollten umgehend einen vollzeitigen Pastor dorthin entsenden, der die Ortsgemeinde wieder sammeln könnte. Es wäre unmöglich, von auswärts her vieles bewerkstelligen zu können.“ Bis zum Ausbruch des ersten Tschetschenienkrieges im Dezember 1994 hatte die Gemeinde rund 450 Mitglieder. Heute verbleiben nur einige wenige hochbetagte Damen, die Wlasenko zu seinem Bedauern nicht ausfindig machen konnte. In den Zwischenkriegsjahren (1996-99) wurde das zerstörte baptistische Bethaus teilweise wiederaufgebaut. Doch dann wurde die Arbeit eingestellt und bis heute nicht wieder aufgenommen. Das Gebäude hat ein neues Dach, doch alle Fenster und jegliche Isolation fehlen. Die juristische Eigentumsfrage ist ebenfalls noch nicht geklärt.

Ende des Jahres 2000 kam der zweite Tschetschenienkrieg zum Stehen. Pastor Wlasenko staunte nicht wenig über das Tempo des Wiederaufbaus und die positive Stimmung unter der Bevölkerung der Hauptstadt. „Die Leute ackern um die Uhr, um ihre Häuser und die Stadt wiederaufzubauen. Die Straßen sind pieksauber; nur am Rande der Stadt sind die Kriegsschäden noch sichtbar. Überall gibt es Kinder, und sogar die kleineren Kinder begeben sich ohne Erwachsenenbegleitung zur Schule.“ Die imposante neue Moschee im Zentrum der Stadt hat sich als Brennpunkt tschetschenischen Lebens etabliert. Die wiederaufgebaute russisch-orthodoxe Kirche wird sehr bald wiedereröffnet; zur Wiederkehr nach Tschetschenien werden die Russen aufgefordert. Es gibt sogar Gespräch darüber, die jüdische Synagoge wiederaufzubauen. In einem vertraulichen Gespräch versicherte ein leitender tschetschenischer Politiker gegenüber Wlasenko, seine Regierung wünsche einen für alle Glaubensrichtungen offenen weltlichen Staat – und keinen islamischen. Doch der Baptist ist sich nicht sicher, in welchem Maße sich die Ansichten des Politikers mit denen der Regierung insgesamt überschneiden.

Achmat Kadyrow, der Vater des jetzigen Präsidenten, hatte ab 2000 bis zu seiner Ermordung im Mai 2004 als inoffizielles und später als offizielles Staatsoberhaupt gewirkt.
Ramsan Kadyrow wurde im Februar 2007 zum Präsidenten ernannt. Beide hatten im ersten Tschetschenienkrieg gegen die russische Armee gekämpft. Im Gespräch mit den baptistischen Gästen führte der jetzige Präsident den Seitenwechsel seiner Familie beim Ausbruch des zweiten Tschetschenienkriegs auf die Erkenntnis zurück, daß die Russische Föderation fest entschlossen sei, Tschetschenien nicht in die Selbständigkeit zu entlassen.
Die Freiheit, wonach das tschetschenische Volk sich sehnte, ließe sich auch innerhalb des russischen Staatenbundes verwirklichen. Ferner sei das tschetschenische Volk von der Notwendigkeit überzeugt worden, sich gegen die zunehmend radikalisierten – und oftmals ausländischen – islamistischen Extremisten schützen zu müssen. Der jetzige Präsident verspüre weiterhin große Dankbarkeit gegenüber dem heutigen Ministerpräsidenten Wladimir Putin wegen seiner anhaltenden Unterstützung und Loyalität.

Angesichts des eindeutig negativen Rufs der Familie Kadyrow im Ausland räumt Wlasenko ein, er habe während seines kurzen Aufenthaltes nicht die Chance gehabt, „hinter die schicke Fassade zu schauen“. Der Baptist ist überzeugt, daß sich Christen es nicht erlauben dürfen, über die Verbrechen hinweg zu sehen, die jede bzw. alle Parteien begangen hätten. „Manche behaupten, der Krieg sei vorüber und man deshalb im Namen des Friedens die Vergangenheit ruhen lassen solle. Doch ein stabiler und anhaltender Friede läßt sich nur auf der Wahrheit aufbauen. Anwälten muß das Recht eingeräumt werden, Untersuchungen anzustellen. Die Fakten müssen auf den Tisch und die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden.“ Dabei gibt der Pastor auch zu bedenken, daß die Familie Kadyrow der Region eine Phase des Friedens und der Stabilität gebracht habe – zwei Werte von hoher moralischer Bedeutung. Er sagt: „Ich freue mich unwahrscheinlich, daß der Krieg und Aufstand vorüber sind und die Menschen wieder anfangen können, an der Erfüllung ihrer Träume zu arbeiten.“

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 7. April 2009
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Viktor Rjagusow als Nachfolger von RUECB-Präsident Juri Sipko vorgeschlagen
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Ergebnisse der Frühjahrssitzung des Bundesrates

M o s k a u – Bei der nächsten Konvention der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) in Moskau vom 23. – 25. März 2010 wird ihr Bundesrat Viktor Rjagusow als den Nachfolger von Juri Sipko als RUECB-Präsidenten vorschlagen. Die Amtszeit wird vier Jahre betragen. Das war ein Hauptergebnis des zweimal-jährlich stattfindenden Bundesrates (Sowjet Sojusa), der am 27. März im Moskauer Seminar der RUECB zu Ende ging. Die Konvention (Sjesd), das höchste legislative Organ der RUECB, trifft sich nur alle vier Jahre. Sie tagte letztmalig im Zusammenhang mit dem großen Kongreß, der sich im August 2006 in Brjansk ereignete und selbst im zweijährigen Rhythmus stattfindet. In Brjansk war Juri Sipko für weitere vier Jahre in seinem Amt bestätigt worden.

Viktor Semjonowitsch Rjagusow (geb. 16.10.1951), Pastor der 800-Mitglieder-starken „Preobrazhenie" (Verwandlung) Gemeinde in Samara/Wolga, dient in dieser Gemeinde seit 1980. Er ist seit 1992 „Bischof“ (“Erster Presbyter” in Russisch) für die Gebiete von Samara und Uljanowsk. Er ist ferner einer der sieben Regionalen Vizepräsidenten der RUECB und ist verantwortlich für das gesamte Wolgagebiet. In Gegensatz zu seinem älteren Bruder, Dr. Wladimir Rjagusow, der bis 2006 Rektor des Moskauer Bibelinstituts war und vielen in Deutschland und Kalifornien bekannt, beherrscht der Kandidat keine Fremdsprache.

Ein Thema anhaltenden Dialogs beim Bundesrat betrifft den Calvinismus, vor allem seine Lehre des ewigen, nicht rückgängig zu machenden Heils. An der Debatte muß auch Wiktor Rjagusow teilnehmen, denn die in Samara befindliche Predigerschule mit dem Schwerpunkt Homiletik wird von der entschieden calvinistischen „Grace Community Church“ des John MacArthur in Sun Valley/Kalifornien getragen.

Fragen an anderer Stelle

1. Am 12. März gab das Russische Justizministerium Pläne zur weiteren Einschränkung der missionarischen Aktivitäten von Ausländern bekannt. Bis spätestens Dezember soll die neue Gesetzgebung unterschriftsreif sein. In einem Gespräch mit der Zeitung „Gasiety“ meinte Sergei Miluschkin von diesem Ministerium: „Die gegenwärtige Gesetzgebung besagt, daß Ausländer nur auf Einladung einer einheimischen, religiösen Organisation einer Verkündigungstätigkeit nachgehen dürfen. Doch in der Praxis funktioniert diese Bestimmung nicht. Wir werden deshalb vorschlagen, daß predigende Ausländer, die nichts weiter als ein Touristenvisum in der Tasche haben, nicht nur mit einer Ausweisung zu rechnen haben, sondern auch mit einer weitergehenden Bestrafung.“

Protestanten, die beim Runden Tisch in der Staatsduma am 19. März dabei waren, reagierten mit Vehemenz auf die vorgeschlagenen Maßnahmen. Konstantin Bendas, Erster Vizepräsident der von Sergei Rjachowski geleiteten „Vereinigten Russischen Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“, erwiderte: „Die bestehende Gesetzgebung ist durchaus imstande, die Bürger vor einer Einmischung in ihre Privatsphäre zu schützen. Falls eine illegale Verkündigung stattgefunden habe, dann nur aufgrund des Bildungsmangels unter den gesetzesschützenden Organen und der Justiz – nicht aufgrund von Gesetzeslücken.“

Rechtsanwalt Anatoli Ptschelintsew vom “Slawischen Rechtszentrum” Moskaus wies im eigenen Pressedienst darauf hin, daß eine derartige Gesetzgebung gegen internationale Richtlinien für die Gewährung von Glaubensfreiheit verstoße. Bemühungen, missionarische Aktivitäten einzuschränken, wertete er als einen „Rückfall in sowjetisches Denken“.

2. Gelegentlich bekommen auch Baptisten Zuwendungen von staatlichen Stellen. Gegen Ende Mai gab Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow bekannt, daß im laufenden Jahr die Stadt 182 Millionen Rubel (4.044.444 €) zur Sanierung von 17 historischen, religiösen Bauten ausgeben würde: 15 orthodoxe sowie ein muslimisches und ein baptistisches Gebäude. Das erwählte Gebäude ist das Zuhause der 1.700-Mitglieder-zählenden „Zentralen Baptistengemeinde“, das jahrzehntelang während der Sowjetära das einzige, offiziell zugelassen, protestantische Gotteshaus Moskaus darstellte. Für 2009 bekommt die Gemeinde 5,5 Millionen Rubel (122.222 €); in den vergangenen beiden Jahren hat die Stadt den Kirchenbau bereits mit insgesamt 5,2 Millionen Rubel subventioniert. Die Regierungen von Stadt und Land haben in den vergangenen 15 Jahren Millionen von Rubeln für die Sanierung der lutherischen Kathedrale von Sankt-Peter-und-Paul in Moskau eingesetzt.

Die RUECB, die größte einheitliche, protestantische Kirche Rußlands, vertritt heute rund 80.000 erwachsene Mitglieder in 1.750 Ortsgemeinden und Gruppen.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 31. März 2009
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Eine erneute Zweiteilung Europas?
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Ein Plädoyer für Kirchenkongresse auf ukrainischem Boden

Ein Kommentar

M o s k a u – Europäische Baptisten wollen beisammen sein. Ein Beleg dafür ist die Tatsache, daß der russische „Logos“-Chor 40 Sänger zum Festkongreß anläßlich des 400-jährigen Jubiläums des europäischen Baptismus nach Amsterdam entsenden möchte. Doch eine gewisse Parallelisierung tritt jedoch zutage. Nach dem Weltjugendtreffen des Baptistischen Weltbundes in Leipzig Anfang August 2008 gab es ein zweites, russischsprachiges Jugendtreffen in Odessa/Ukraine Ende desselben Monats. Zum Ereignis in Leipzig trafen 6.300 Jugendliche aus aller Welt ein; in Odessa waren es immerhin 3.500. Vom 24. bis 26. Juli 2009 ereignet sich „Amsterdam 400“. Ein osteuropäischer Kongreß aus gleichem Anlaß findet vom 27.-29. August in Kiew statt.

Es wäre ungerecht, den russischen und ukrainischen Baptisten deswegen Vorwürfe zu machen. Hohe Preise und eine äußerst restriktive Visavergabepraxis der Staaten des Schengener Abkommens machen gesamteuropäische Treffen auf westlichem Terrain fast unmöglich. Für Gäste aus Osteuropa hält das Amsterdamer Vorbereitungskomitee die Arme offen, doch die Zahl der tatsächlichen Gäste wird nicht von ihm bestimmt werden. Freunde in den USA behaupten, in Nordamerika sei ein kirchlicher Weltkongreß nicht mehr denkbar. (Der Mennonitische Weltkongreß 2009 findet in Paraguay statt.)

Wichtig bei der Frage von Parallelveranstaltungen ist immer noch die Frage der Sprache: Russisch fungiert weiterhin als die „lingua franca“ Osteuropas, im Westen ist es natürlich das Englische. Die Frage der unterschiedlichen, gottesdienstlichen Stile in Ost und West rangiert dabei m.E. an dritter oder vierter Steller.

Mitte März 2009 wurde ohne Angabe von Gründen eine für Ende April vorbereitete Deutschlandtour der ukrainischen Musikgruppe „Zhiwaja Kaplja“ (Lebendiger Tropfen) durch die deutsche Botschaft in Kiew verhindert. Die Elstaler Mitarbeiter des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden hatten runde Arbeit geleistet; alle denkbaren Dokumente lagen vor; sogar eine genaue Beschreibung der Veranstaltungsorte- und termine. Bei der Kiewer Botschaft hieß es, eine Antwort auf den sofort eingeleiteten Einspruch gegen die Ablehnung werde sechs bis acht Wochen beanspruchen – telefonische Rückfragen nahezu unmöglich. Bisher ist es dieser völlig unbescholtenen Musikgruppe nur gelungen, westwärts bis Estland vorzudringen.

Bereits im Mai 2007 konnten baptistische Radfahrer mit ukrainischem Paß bei der großen Fahrradexpedition von Varel/Deutschland bis Wladiwostok erst ab Grenze bei Brest in Weißrußland dabei sein. Das Gleiche galt schon damals für die Gruppe „Zhiwaja Kaplja“, die auch an der Fahrt beteiligt war.

Offensichtlich ist es noch keinem Vertreter der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) gelungen, ein halb- oder ganzjähriges Dauervisum für ein Schengenland zu bekommen. Deshalb ist jede Ausreise weiterhin mit einem erheblichen, bürokratischen Aufwand verbunden. Was allerdings in den USA kaum ein Problem sei, da häufig Besuchsvisa mit einer Gültigkeit von einem Jahr an Kirchenvertreter ausgestellt werden.

Eigentlich wäre es sinnvoll, alle gesamteuropäischen Kirchenkongresse – und christlichen Popkonzerte! - in die Ukraine zu verlegen. Dort sind die Preise anständig und die Einreise visafrei für die Bürger praktisch aller europäischen und nordamerikanischen Staaten. Nicht die christlichen Musikbands aus Osteuropa sollten auf Westournee gehen - die Fans mit westlichem Reisepaß sollten lieber zu ihnen kommen. Was wäre sonst zu tun? Wegen der neuntägigen Konzerttour im April wird ein Protestschreiben deutscher Baptisten an das deutsche Außenministerium überlegt.

Aller Unkenrufe zum Trotz – touristische Visa für Rußland für bis zu 30 Tage werden weiterhin großzügig vergeben. Gegenwärtig kann man sogar ohne Visum von einer Ostsee-Fähre aus für mehrere Tage nach Rußland einreisen. Allerdings sieht es bei der Einreise humanitärer Güter viel schwieriger aus. Im Juni letzten Jahres z.B. schenkte die Baptistengemeinde Krefeld ihrer Partnergemeinde in Uljanowsk/Wolga einen Minibus mit Hebebühne für den Transport von Gehbehinderten. Nun, nach halbjähriger Wartezeit auf Halde in Rußland, steht der 1992 zugelassene Bus mit 112.000 km auf dem Tacho wieder zuhause in Deutschland. Die Zollbehörde hatte 9.000 Euro verlangt, doch der Bus hat einen jetzigen Marktwert von nicht mehr als 7.000 Euro.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 23. März 2009
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Ein Punkt mehr auf der kirchlichen Landkarte Rußlands
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Entwicklungen unter den Baptisten Rußlands seit Februar 2008

Ein Kommentar

M o s k a u – Vor 13 Monaten trat Alexander Semtschenko von seiner leitenden Rolle in der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB) zurück. Das Jahr danach war nicht einfach, denn der baptistische Mäzene hinterließ ein beachtliches, finanzielles Loch. Die Sanierung der Moskauer RUECB-Zentrale war nur eins von zahlreichen Projekten, das er finanziert hatte. Als fortschrittlicher Geist bekannt, hatte der 1948-geborene Semtschenko in letzter Zeit einiges getan, um die russischen Baptisten auf die Bühne der gegenwärtigen russischen Öffentlichkeit zu holen. Seine lautstarken und lebendigen Osterkonzerte haben ein fröhliches Bild des russischen Protestantismus vermittelt, das sich stark von den muffigen Klischees der Sowjetära abhebt.

Dank seiner Bemühungen als Verleger um die illegale “Samisdat”, verbrachte er einen Teil des Jahres 1982 hinter Gittern. Doch seine 1989 gegründete Monatszeitung „Protestant“ schoß erst einmal wie eine Rakete in die Höhe. Sie erreichte eine Auflagenhöhe von 170.000 und war vorübergehend sogar an ländlichen Kiosken erhältlich. Obwohl sie heute mit einer Auflagenhöhe von 12.000 keine Veröffentlichung der RUECB mehr sei, bleibt sie die qualitativ beste Zeitung der russischen Protestanten. Sein Verlag hat aktiv christliche Literatur produziert; eine seiner Veröffentlichungen nennt ihn zurecht einen „Pionier“. Es war auf jeden Fall seine Verwandlung vom staatsgegnerischen Verleger zum millionenschweren Geschäftsmann, die ein Großteil seiner kirchlichen Arbeit erst ermöglichte. Seine Baufirma “Teplo-Technika” hat Heizungssysteme für mehr als 100 Moskauer Gebäude und Gebäudekomplexe produziert – zu ihnen zählte die Sanierung des weltberühmten Bolschoi-Theaters.

In Veröffentlichungen führt Alexander Semtschenko sein Ausscheiden bei der RUECB auf einen „Konflikt mit dem Präsidenten“ (Juri Sipko) zurück. Die andere Partei berichtet jedoch, daß Semtschenko als nichtgewähltes Ehremitglied von RUECB-Gremien darauf bestand, bei wichtigen Entscheidungen mit unterzeichnen zu dürfen. Sie weist ebenfalls auf unterschiedliche Auffassungen im Verhältnis zwischen Baptisten und der Regierung hin. Der abgetretene Leiter berichtet davon, er habe in den 80er Jahren „jungen Leuten beigebracht, wie man am besten der gottlosen Staatsmacht widersteht“. Doch die existentiellen Zwänge eines erfolgreichen Geschäftsmannes haben sein Denken in neue Richtungen geführt. Das Verhältnis der RUECB zu seinem primären Einzelmäzenen war wohl nie einfach, denn beide Seiten verfügten über verschiedenartige Stärken. Semtschenko verfügte über wirtschaftliche Macht; die RUECB-Führung über eine weitgehende Loyalität unter den Baptistengemeinden.

Semtschenko denkt ergebnisorientiert; er fühlt sich dem verpflichtet, was funktioniert. Er soll keine Scheu vor dem Unerprobten empfinden – keine gewöhnliche Eigenschaft bei den russischen Protestanten. Der Geschäftsmann wünscht sich eine andere Art von Kirche: innovativ, modern und den Vorstellungen der gegenwärtigen russischen Regierung ergeben. Ein Beobachter behauptet, Semtschenko würde am liebsten die 55 „Bischöfe“ (Pastorenälteste) der RUECB in den vorzeitigen Ruhestand entlassen. Seine Anhänger gehören zu den jüngeren Jahrgängen. Zwei seiner bekanntesten Mitarbeiter sind Leonid Kartawenko and Simon Borodin – beide ehemalige Abteilungsleiter für Mission bei der RUECB. Semtschenkos Bruch mit der RUECB verstehen manche als einen Ausdruck der Spannung zwischen Modernisierern und Traditionalisten. Andere sehen in ihm nur den Säkularisierer.

Nach dem Abschied im Februar vergangenen Jahres setzte Alexander Semtschenko den Prozeß zum Aufbau baptistischer Parallelstrukturen mit Entschiedenheit fort. Was bisher als selbständige Äste am Baum der RUECB zu verstehen war, entwickelte schnell ein Eigenleben. Obwohl die allermeisten Moskauer Seminare mit schwindenden Studentenzahlen zu kämpfen haben, ist Semtschenko dabei, ein eigenes Bildungsprogramm mit einem Institut für Homiletik zu gründen. Sein Nachrichtendienst (www.protestant.ru) will es mit „Invictory“, dem charismatischen in Kiew beheimateten Internetdienst, aufnehmen. „Invictory“ gilt als die beliebteste, russischsprachige, protestantische Nachrichtenagentur.

Obwohl er nicht als Theologe angesehen wird, wurde Semtschenko im vergangenen Jahr zum Bischof der 26-Gemeinde-starken “Union der Kirchen evangelischer Christen” ernannt. Die Mitglieder dieser 1992 geschaffenen Kleinkirche werden zu Ehren des russischen Gemeindegründers Iwan Prochanow (1869-1935) auch „Prochanowtsi“ genannt. Eine Konferenz über Prochanow, das Ende April in einem bekannten Moskauer Hotel abgehalten wird, soll zu einer Sternstunde dieser Parallelbewegung werden. Insider behaupten, die Konferenz könnte stattliche sieben Millionen Rubel ($200.000 US) verschlingen. Das würde die Kosten von fünf der jährlichen Nationalen Gebetsfrühstücke decken.

Beobachter weisen darauf hin, daß diese Entwicklungen nicht als vollständigen Bruch mit der RUECB zu werten seien. Einige Baptisten arbeiten für beide – die Grenzen zwischen ihnen seien eher flüssig. Doch wenn Semtschenko die Kosten trägt, haben seine eigenen Projekte Vorrang. Seit dem Bruch ist es nicht mehr möglich, mit einem Gehalt aus der Quelle Semtschenko ausschließlich für die RUECB zu arbeiten.

Die Zusammenarbeit mit Sergei Rjachowski

Semtschenko ist sich bewußt, daß er nicht auf eigene Faust alle Ziele erreichen könne. Die Kooperation mit dem Teil der charismatischen Bewegung, der sich mit Sergei Rjachowski, dem offiziellen Bischof der lose-organisierten, 2.000-Gemeinde-starken „Vereinigten Russischen Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“ verbunden fühlt, gewinnt an Schwungkraft. Ein erstes Indiz des Zusammengehens war eine Stellungnahme am 28. August 2008 zugunsten der russischen Anerkennung der abgespaltenen Gebiete von Abchasien und Südossetien. Die Erklärung wurde von beiden sowie von Wassili Stoljar, dem Präsidenten der Adventisten des Siebenten Tages, unterzeichnet.

Es ließe sich sogar die These vertreten, Semtschenko wiederhole das, was Rjachowski schon früher bewerkstelligt habe. Im Jahre 1998 spaltete sich Rjachowski von der traditionell-pfingstlerischen „Russische Kirche der Christen evangelischen Glaubens“ – heute von Pawel Okara geleitet – ab und gründete einen zweiten eher zeitgenössischen und westlich-geprägten Kirchenbund. Beide Kirchenführer leben heute eher distanziert von den Denominationen, aus denen sie selber stammen.

Rjachowski und Semtschenko empfehlen sich der Regierung als besonders loyal an. Die Medien Semtschenkos begrüßen und werben um den russischen Militärdienst. Rjachowski hat gegenwärtige ukrainische Auslegungen von politischen Vorgängen während der Sowjetära und die Entscheidung Estlands, das Kriegerdenkmal aus Sowjetzeiten aus Tallinn zu entfernen, kritisiert. Gemeinsam mit dem Adventisten Stoljar sind sie die einzigen Protestanten, die dem „Rat für die Zusammenarbeit mit den religiösen Organisationen am Sitz des Russischen Präsidenten“ angehören. Seit seiner Sitzung in Tula am 11. März ist dieser Rat besonders eng mit dem Moskauer Patriarchat und dem Präsidenten Medwedew verbunden. Obwohl alle drei der protestantischen Kirchenführer zur Etablierung des Nationalen Gebetsfrühstücks beigetragen hatten, ist keiner von ihnen sechs Tage später zu diesem Moskauer Jahresereignis erschienen.

Obwohl er in seinen Veröffentlichungen die Leiter selbständiger Kirchen feiert, drückt Semtschenko zugleich seine Sorge bezüglich der fehlenden Einheit unter den evangelischen Christen aus. Ein Indiz dieser Sorge könnte die Schaffung seiner jüngsten Parallelorganisation, die „All-Russische Union der evangelischen Christen“ (WSECh in Russisch), sein. Sie ist in ihrer Art ein zweiter „Öffentlicher Rat“, der sich bemüht, alle baptistisch-orientierten Denominationen unter einem Schirm zu vereinen. Bis dato existiert die WSECh dennoch vor allem auf dem Papier und der Geschäftsmann räumt ein, daß der Weg zur allgemeinen Anerkennung ein langer sei. Ein Streben nach der Einheit, die sich in der Abspaltung von einer bestehenden Kirche und der Schaffung einer neuen Organisation äußert, die sich der Einigung verschreibt, ist keineswegs neu.

Zweifellos sind die Bemühungen des Alexander Semtschenko imstande, einen zusätzlichen Punkt auf der kirchlichen Landkarte Rußlands zu setzen. Doch das Ganze zu vereinen, kann ihm nicht gelingen – eher wahrscheinlich ist eine weitere Atomisierung der evangelischen Bewegung. Weder Rjachowski noch Semtschenko wären als geistliche Größen zu beschreiben – sie sind eher als Kirchendiplomaten mit bestimmten kirchlichen und politischen Zielsetzungen zu beschreiben. Ein Beobachter sieht in den Bemühungen Semtschenkos eine völlig neue Art von Einigung – bedingt durch monetäre und nicht durch geistliche Anliegen.

Manche leitenden Pastoren der RUECB sagen aus, Semtschenko habe eine ansehnliche Leistung erbracht und werde weiterhin als Glaubensbrüder akzeptiert. Der Geschäftsmann selbst polemisiert selten gegen die RUECB und räumt ein, daß sich die eigene, neue Kleinkirche nicht als alleinige Erbberechtigte des Vermächtnisses von Prochanow verstehen dürfe. Die Hoffnungen auf Versöhnung und erneute Kooperation schwinden, aber sie sind noch nicht gänzlich begraben.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 20. März 2009
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Tel/Fax: 007-495-954-9231

Dieser Bericht will informieren und erhebt auf keinen Fall den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Meinung der RUECB-Leitung zu vertreten. Um Erlaubnis vor der Weiterveröffentlichung wird gebeten. Meldung Nr. 09-09, 1.214 Wörter, 9.826 Anschläge.


Verwahrlosung der Jugend ist den Eltern anzulasten
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Neuntes Nationales Gebetsfrühstück ereignete sich in Moskau

M o s k a u -- Rußland vergeude seinen größten Reichtum selbst – seine Jugend. Diese Auffassung vertrat Pastor Juri Sipko, Präsident der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB), beim Nationalen Gebetsfrühstück im regierungseigenen Präsident-Hotel in der russischen Hauptstadt am 17. März. Die Verwahrlosung der russischen Jugend sei nicht der Jugend selbst, sondern deren Eltern anzuleisten. „Was hier in unserem Haus geschieht, ist das Ergebnis unserer eigenen Fahrlässigkeit, Eitelkeit und Verlogenheit.“

Dieses neunte Nationale Gebetsfrühstück seit 1995 war dem Thema der Jugend gewidmet. In dem Zusammenhang wurden erschreckende Zahlen genannt: In Rußland sollen sich mehr als 900.000 Menschen im Gefängnis befinden; zwei Millionen (1,5% der Bevölkerung) seien drogenabhängig. Der pro Kopf Verbrauch an reinem Alkohol pro Jahr soll bei 16 Litern pro Staatsbürger liegen. (In den USA liegt der Verbrauch um 50% niedriger.)


Konstantin Bendas, „Geschäftsführer für die Angelegenheiten des Vorstehers“ bei der charismatischen „Vereinigten Russischen Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerichen Glaubens“ (ROSChWE auf Russisch), gab die seit Jahren vertretene Haltung der Protestanten wieder. Er versicherte, man müsse alle Christen und wohlmeinenden Kräfte vereinen, um den sozialen Mißständen des Landes Herr zu werden. Daß Protestanten das Recht verdient hätten, sich zu sozialen Fragen zu äußern, hatte der Journalist Roman Lunkin wenige Tage zuvor im oppositionellen, orthodoxen Pressedienst „Portal-Credo“ unterstrichen: „Die Protestanten arbeiten häufig aktiver mit Rauschgiftsüchtigen, Gammlern und Verwahrlosten zusammen als die Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche - Moskauer Patriarchats und der Muslime.“

Im Privatgespräch nach der Veranstaltung versicherte der Botschafter eines westeuropäischen Staates: „Mir hat es hier sehr gefallen. Man hat nicht um den heißen Brei geredet, so wie ich es bei staatlichen Veranstaltungen gewohnt bin. Hier wurde klarer Wein eingeschenkt. Ich werde in Zukunft immer wieder kommen.“ In diesem Jahr waren erstmals die Botschafter ausländischer Staaten eingeladen worden; auch US-Botschafter John Beyrle nahm die Einladung wahr.

Gute Wünsche für die Weiterentwicklung gab es von alten Freunden des Gebetsfrühstücks. Alexander Torschin, Stellvertretender Vorsitzender des Oberhauses, des „Rates der Russischen Föderation“, der die Versammelten mit „Brüder und Schwestern“ ansprach, hatte am 5. Februar das Gebetsfrühstück in der US-Hauptstadt mit seinen 2.800 geladenen Gästen besucht. Nun wünschte er der russischen Fassung einen ähnlichen Erfolg. Zum 10. Frühstück im kommenden Jahr hofft er – wie in USA – auf die Anwesenheit des Staatspräsidenten und anderer führender Staatsvertreter. Ein weiterer Freund des Gebetsfrühstücks und Verfechter eines pluralistischen Rußlands, Wladimir Lukin, Beauftragter für Menschenrechtsfragen bei der russischen Regierung und russischer Botschafter in den USA 1992-93, äußerte ähnliche Wünsche. Auch Rabbi Jitzhak Kogan, Direktor der Bronnaja Synagoge Agudas Chasidei Chabad in Moskau, ließ die Gebetsfrühstücksbewegung hochleben.

Ein wenig getrübt wurde die Freude dadurch, daß dem Frühstück - trotz einer gleichbleibenden Besucherzahl von 350 - wichtige Gäste fehlten. Zum ersten Mal seit Jahren weigerte sich das Moskauer Patriarchat, Grüße durch einen Vertreter übermitteln zu lassen. Trotz Dienstantritts des als weltoffen geltenden Patriarchen Kirill vor sechs Wochen scheint sich eine Monopolisierung der Beziehungen zwischen Kirche und Staat durch das Moskauer Patriarchat zu verstärken. Laut Berichterstattung des „Portal-Credo“ über das Treffen des Staates mit Kirchenvertretern in Tula am 11. März soll der „Rat für die Zusammenarbeit mit den religiösen Organisationen am Sitz des Russischen Präsidenten“ in einen faktischen „Rat für die Zusammenarbeit mit dem Moskauer Patriarchat“ umfunktioniert werden. Die Agentur schreibt: „Die Positionen aller religiösen Organisationen Rußlands abgesehen vom Moskauer Patriarchat werden bedeutend abgeschwächt.“

Auch hausintern hat die russische Frühstücksbewegung mit Gegenwind zu kämpfen. Zahlreiche Vertreter der charismatischen ROSChWE waren beim Gebetsfrühstück 2009 dabei, doch deren Bischof, Sergei Rjachowski, fiel durch Nichtanwesenheit auf. Man hört, es werde einige Mühe geben müssen, um eine Zersplitterung der protestantischen Bewegung Rußlands – sie umfaßt nicht mehr als 1 Million Menschen - aufzuhalten. Zur Debatte stehen Fragen von Führungspositionen und der politischen Nähe zum russischen Staat – nicht Theologie.

Seit 2002 findet in Moskau jährlich ein Nationales Gebetsfrühstück statt. Nationale Gebetsfrühstücke ereignen sich in mehr als 60 Ländern. Vorstandsvorsitzender der russischen „Stiftung Nationales Gebetsfrühstück“ ist der Baptistenpastor Witali Wlasenko, auch Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der RUECB.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, 19. März 2009
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Tel/Fax: 007-495-954-9231

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-08, 642 Wörter oder 4.901 Anschläge mit Leerzeichen.

Alle genannten Personen haben ihren Wohnsitz in Moskau.


Weiterhin offen für die offene Tat der Nächstenliebe
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Sechste Jahreskonferenz der Russischen Allianz in Moskau

M o s k a u -- Trotz aller Zusicherungen über eine Wiedergeburt befinde sich die russische Mehrheitskirche in einer tiefen Krise. So äußerte sich der adventistische Theologieprofessor Jewgeni Saizew (Saokski/Gebiet Tula) auf der sechsten, nationalen Jahreskonferenz der Russischen Evangelischen Allianz (REA) in Moskau am 3. März. Die große Mehrheit der Menschen sei weiterhin materialistisch eingestellt. Leider habe der „entstellte Glaube“, den die Menschen zu sehen bekommen, einen „politisierenden Charakter“ und diene den Interessen gewisser politischer Kreise. Professor Saizew räumte dennoch ein, daß die Bevölkerung Interesse am Übernatürlichen und Magischen außerhalb der organisierten Religion aufweise. Dies sei zu erkennen u.a. an den astrologischen Mitteilungen, die täglich im Hauptfernsehkanal zu sehen sind.

Auf der Tagung unter der Überschrift „Die Nachfolge Christi unter den Bedingungen einer Weltkrise“ versicherte Gordon Showell-Rogers (London), der Generalsekretär der Europäischen Evangelischen Allianz, daß jede Krise auch eine Chance in sich verberge. „Die Menschen haben das Christentum abgelehnt, doch jetzt gibt es seit langer Auszeit eine größere Offenheit für geistliche Fragen in Europa.“ Saizew meinte, auch die russische Gesellschaft bleibe „offen für die offene Tat der Nächstenliebe“. Showell-Rogers wies darauf hin, daß im Bemühen um die an Pest erkrankten Menschen die Christen im zweiten und dritten Jahrhundert viele für den neuen Glauben an Christus gewonnen hatten.

Obwohl weniger als 40 Personen zur diesjährigen Moskauer Jahreskonferenz erschienen sind, waren 10 Kirchen und Kirchenverbände sowie neun Missionswerke vertreten. Neben den Gästen aus England, Deutschland und der Ukraine waren russische Geschwister aus dem Wolgagebiet, Sibirien und dem Südwesten Rußlands angereist.

Nach der Moskauer Konferenz fanden Allianz-Informationsveranstaltungen südlich von Moskau in Woronesch und Stari Oskol statt. Bei der Veranstaltung in Stari Oskol waren am 6. März nur Baptisten vertreten, doch sie stammten aus zwei autonomen
Gemeinden sowie aus der offiziell registrierten Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie bildet mit nur 10 Mitgliedern die kleinste Baptistengemeinde am Ort. Im Kreise wurde der starke Wunsch geäußert, endlich auch mit der schon lange bestehenden Gemeinde der nichtregistrierten „Initiativniki“ ins Gespräch zu kommen.

Methodisten in Woronesch teilten den Gästen mit, daß sich monatlich ein Kreis protestantischer Pastoren treffe. Ulrich Materne (Wittenberge), der Osteuropabeauftragte der Deutschen Evangelischen Allianz vertrat die Auffassung, obwohl dieser Kreis nicht unter dem Namen „Allianz“ fungiere, ließe er sich dennoch als eine Frucht der Allianz-Tagungen in Woronesch vor 10 Jahren begreifen. Die Arbeit von Regionalallianzen macht in Rußland Fortschritte; im November soll in der Millionenstadt Nischni Nowgorod eine neue Regionalallianz gegründet werden.

Die nächste Jahreskonferenz der REA soll am 3. und 4. März 2010 in Moskau stattfinden. Thematisch wird sich die Tagung mit dem Verhältnis der protestantischen Kirchen zur Orthodoxie befassen. Vorsitzender der REA ist der baptistische Theologiedozent Dr. Wladimir Rjagusow.

Dr. William Yoder
Moskau, den 9. März 2009
kant50@gmx.de
www.rea.org.ru

Eine Presseerklärung der Russischen Evangelischen Allianz. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung 09-07, 430 Wörter oder 3.204 Anschläge mit Leerzeichen.

Eine englischsprachige Fassung dieser Meldung gibt es nicht.


Der Öffentliche Rat hat einen neuen Leiter
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Pastor Alexei Smirnow zum Sekretär gewählt

M o s k a u -- Bei einer außerordentlichen Sitzung in Moskau am 23. Februar wurde Alexei Wasilewitsch Smirnow zum neuen Sekretär und Leiter des „Öffentlichen Rates“ gewählt. Obwohl Smirnow als Pastor in einer Gemeinde der „Assoziation der Brüdergemeinden“ (ABC) in Dedowsk bei Moskau dient, fungiert er seit 2006 auch als Direktor der Pastorenabteilung bei der Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) in Moskau. Das macht ihn besonders geeignet, diesen losen Verband von 10 Kirchenbünden baptistischer Tradition, die größtenteils nach dem Zerfall der Sowjetunion aus dem All-Unionsrat der Evangeliumschristen-Baptisten ausgetreten waren, anzuführen. Bei derselben Sitzung am 23. Februar wurde die aus Kreisen der Untergrund-„Initiativniki“ stammende Wera Jurewna Katko zur erstmaligen Sekretärin für Kommunikation ernannt.

Smirnow betonte, daß obwohl die gemeinsamen Strukturen auf ein Mindestmaß beschränkt bleiben, werden diese 10 Kirchen nichtsdestotrotz bemüht sein, gemeinsam der Außenwelt gegenüber aufzutreten und ein einheitliches Erscheinungsbild anzustreben. Der bisherige, seit Entstehung des Rates 2006 als Sekretär wirkende Walentin Wasilizhenko (Moskau) erklärte nach der Sitzung: „Wir im Rat werden darüber reden, daß wir Brüder sind – und nicht etwa Gegner. Wir bilden gemeinsame eine Front und nehmen einander so an, wie wir sind.“ Der Öffentliche Rat verstehe sich als Plattform für das Gespräch und das Schaffen von Absprachen, die unter diesen Kirchen dringend erforderlich seien.


Pastor Smirnow kündigte einen Ausbau der Arbeit des Rates in zwei Richtungen an. Die erste bezeichnete er als „Aufklärung der Gesellschaft“ – dafür wurde auch eine Sekretärin für Kommunikation ernannt. Diese baptistisch-gesinnten Kleinkirchen müssen sich sehr viel stärker bemühen, sich selbst und die lebenswichtigen Werte, die sie zu vertreten wünschen, der gesellschaftlichen Allgemeinheit vorzustellen. Ferner sei eine gemeinsame Beratung und Absprache in juristischen Fragen vonnöten. Es sollen gemeinsame Richtungswerte bei strittigen Fragen geschaffen werden. Der Rat müsse eben jene „nichtgeistlichen“ Aufgaben übernehmen, wogegen sich diese Kirchen bisher gesträubt haben.

Die zweite Richtung habe mit dem Theologischen zu tun. Dazu meinte Smirnow: „Wir haben uns niemals ernsthaft mit der Theologie befaßt. Unsere Theologie ist oftmals hausbacken und primitiv geblieben.“ Wir werden kein gemeinsames Seminar schaffen können, aber wir wollen uns im Austausch auf eine „einheitliche Konzeption“ der evangelischen Lehre verständigen. „Es kann kein bindendes Gesetz für alle geben, aber wir wollen zumindest eine generelle Richtungsweisung entwickeln.“ Das gemeinsam Beschlossene solle Gewicht bekommen.

Dabei vertritt Wasilizhenko die Auffassung, die Einigung wäre sehr viel schwieriger, „wenn unsere Theologien verschieden wären“: „Eine Diskussion über den Calvinismus wäre unter uns ein reiner Zeitverlust. Wir sind uns doch in allen wesentlichen Fragen einig. Unsere Meinungsverschiedenheiten haben sich aus Form und Praxis ergeben. Es sind auch administrative Fragen im Spiel – wie wir etwa auf die Einflußnahme des Staates reagieren.“ Zur Erläuterung fügte er hinzu: „Die Form der Kleidung bestimmt nicht, ob wir konservativ oder liberal sind.“ Die Länge von Röcken und das Tragen von Damenhosen seien „kein Ausdruck von Liberalismus, sondern von Mode. Wir erkennen einander an und nehmen einander so an wie wir sind.“

Der Öffentliche Rat denkt ferner über die geographische Ausweitung seiner Arbeit nach, u.a. weil Pastoren in entlegenen Gebieten besonders auf das Gespräch mit anderen baptistisch-gesinnten Pastoren angewiesen seien. Doch vorerst bleibt es noch bei vier Sitzungen pro Jahr in der russischen Hauptstadt. Wasilizhenko berichtete: „Wir haben uns darauf geeignet, daß wir Gemeindegliedern einen Empfehlungsbrief mitgeben, wenn sie irgendwohin umziehen.“ Sie sollen in allen baptistisch-gesinnten Gemeinden gleichermaßen willkommen sein.


Der Ukrainer Pastor Walentin Wasilizhenko selbst ist am 25. Februar gemeinsam mit seiner Ehefrau Swetlana und den fünf größtenteils erwachsenen Kindern in die USA ausgewandert. Sie werden vorerst in Columbus (Bundesstaat Ohio) wohnen.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 27. Februar 2009
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Tel/Fax: 007-495-954-9231

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-06, 569 Wörter oder 4.187 Anschläge mit Leerzeichen.


Erfundene “Baptistenzeitung” aufgetaucht in Smolensk
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Bürgermeisterschaftskandidat als vermeintlicher Baptist diffamiert

M o s k a u – In der westrussischen Stadt Smolensk habe offenbar mit den regierenden Kreisen verbündete Kräfte ein neues Mittel entdeckt, um lästige Oppositionskandidaten aus dem Wege zu räumen: sie als Baptisten diffamieren. Mitte Februar tauchte in der Stadt eine gefälschte Zeitungsausgabe auf, die sich des Logo des einst baptistischen Magazins „Protestant“ bediente und Gesichter mit völlig verkehrten Namen versah. Auf der Titelseite ruft Juri Sipko (Moskau), der Präsident der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB), die Smolensker dazu auf, den baptistischen „Bruder“ Sergei Maslakow zum Bürgermeister zu wählen. Doch Maslakow, sechsfacher Vater und Leiter einer Aktienfirma, die Wohnungs- und kommunale Dienste vermarktet, hat keine Beziehungen zu baptistischen Kreisen. Die in Smolensker Briefkästen vorgefundene Imitation gibt eine Auflagenhöhe von 70.000 an. Die verantwortlichen Kreise der RUECB sind überzeugt, daß Maslakows Chancen auf einen Sieg bei den Wahlen am 1. März damit auf Null zusammengeschrumpft seien.

Im ersten Beitrag lobt “Sipko” Maslakow dafür, im vergangenen Jahr “mehr als 2.000 Brüder, Schwestern und deren Kinder“ zum richtigen Glauben geführt zu haben. Mehrmals äußern die Zeitung und Maslakow die Hoffnung, Smolensk möge eine Hochburg baptistischen Einflusses innerhalb Rußlands werden. Zu diesem Zweck werden Missionare aus Sibirien und dem Westen nach Smolensk entsandt. Obwohl Maslakow allen ausländischen und nahezu allen russischen Baptisten unbekannt sei, soll Sipko versichern: „Alle Baptisten Rußlands und des Auslands fiebern mit Sergei Wasilewitsch und hoffen auf seinen Sieg. Mit der Stimme Sipkos schreibt die Zeitung: „Wahrscheinlich wird Maslakow der erste baptistische Bürgermeister Rußlands.“

Das Blättchen beschreibt die Baptisten als eine sittenfreie, liberalistische Gruppierung, die die Realität der Sünde bestreite. Weltbekannte, nichtprotestantische Fälle sexuellen Vergehens bei einem ledigen Klerus und Eheschließungen mit minderjährigen Mädchen werden den Baptisten zugeschoben. Die erdichtete Erwiderung des Bürgerschaftskandidaten lautet: „Das alles stimmt nicht. Aber Sie haben nicht das Recht, Ihre Nase in unsere Belange zu stecken. Räumen Sie Baptisten das Recht ein, in Frieden nach den eigenen Vorstellungen zu leben!“

Nicht weniger haarsträubend ist ein freierfundenes Interview mit Präsident Sipko über finanzielle Belange. Darin räumt er ein, daß eine massive Abhängigkeit vom US-Dollar bestehen bleiben werde in Anbetracht „der gewaltigen Aufgaben, die uns bevorstehen“. Mit keinem Wort über den Kreis mächtiger Russen, der tatsächlich über Schweizer Bankkonten verfüge, soll „Sipko“ aussagen: „Alle Baptisten zahlen auf unser Konto in Zürich ein. Aber das bleibt viel weniger als der Betrag, den die westlichen Kirchen zahlen.“ Der fiktive Sipko resümiert: „Der Dollar war, ist, und wird wohl noch lange das führende Hilfsmittel der russischen Baptisten bleiben.“ Alle Baptisten drücken ihre tiefe Dankbarkeit für westliche Spenden aus – „einschließlich jener von der amerikanischen Regierung“.

Mit einem Hinweis darauf, daß Kirill, der neue russische Patriarch, von 1991 bis 2008 Metropolit von Smolensk gewesen sei, beschreibt Witali Wlasenko, RUECB-Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen, das Machwerk als „verwerfliche Verabschiedung“ und „ungeheure Beleidigung“ des neuen Patriarchen. „Kirill war und ist ein Mann des Dialogs und des zwischenkirchlichen Friedens.“ Das erlogene Blättchen beschmutze das, was es zu verteidigen glaube: die Russische Orthodoxe Kirche. „Politische Betrüger versuchen, die ehrenhafte, 140-jährige Geschichte des Baptismus auf russischem Boden in eine Gruselgeschichte umzumodeln in der Hoffnungen, damit bestimmten politischen Parteien zu helfen bzw. zu schädigen. Sie säen Zweitracht und Haß zwischen den Konfessionen. Haben sie keine Ahnung davon, daß dieses jämmerliche Blättchen Tausende verletzten werde? Das Ganze ist häßlich und nicht im Geringsten zumutbar.“

Wlasenko drückt ebenfalls seine tiefe Enttäuschung über das offenkundige Unvermögen der Smolensker Staatsdiener, den Schuldigen auf die Spur zu kommen, aus. Baptisten haben sich bereits an verschiedene Ebenen der Staatsanwaltschaft und an die Administration des russischen Präsidenten gewandt. Doch die Attacke auf Maslakow beschränkt sich nicht auf Baptisten. Mit einem Hinweis auf die „Verletzung von Urheberrechten“ wurden am 19. Februar die Kandidaturen von Maslakow und einem weiteren Politiker für ungesetzlich erklärt. Maslakow ist gegen die Gerichtsentscheidung in Berufung gegangen.

Pastor Wlasenko bittet um den Rat von Experten in Rußland und anderswo darüber, wie Kirchen am besten auf deren Mißbrauch bei politischen Wahlen reagieren sollten.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 23. Februar 2009
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Sich für Christus vom Fleck bewegen
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Die RUECB ist einmal wieder auf Achse

M o s k a u – Nach fast einjähriger Pause ist die Moskauer Zentrale der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) einmal wieder mit einer motorisierten, missionarischen Expedition auf Achse. Eine Fahrt von 10.000 Kilometern unter der Losung „Das vielfarbige Rußland“ ist am 12. Februar in Moskau gestartet. Ziel ist die Provinzstadt Kysyl in Zentralsibirien unweit der Grenze zur Westmongolei. Die Expedition hat die Absicht, Gastarbeiter und viele der ethnischen Minderheiten des Landes, die sich auf 182 Sprachgruppen verteilen, anzusprechen. Gemeinden, die besucht werden, werden im Umgang mit diesen Minderheiten geschult.

Die Expedition will über Perm und Jekaterinburg ostwärts fahren bis Nowosibirsk und Krasnojarsk in Sibirien. Sie kehrt über Tscheljabinsk unmittelbar am Ural zurück und will am 8. März in Ufa ihr Ziel erreichen. Die Expedition wird angeführt von Pastor Ruwim Woloschin, dem Missionsdirektor der RUECB, und besteht im Augenblick aus sieben Mitarbeitern in einem einzigen Fahrzeug.

Bei der einzigartigen, jährlichen “Gesamtrussischen Konferenz der Jugendleiter”, die in diesem Jahr vom 5. bis 8. Februar in einem kirchlichen Lager in Ramenskoe unweit von Moskau abgehalten wurde, hat eine Gruppe von 10 jungen Erwachsenen beschlossen, sich „für Christus vom Fleck zu bewegen“. Im Frühling wollen sie einen Marsch von St. Petersburg nach Kiew antreten (1.050 Kilometer). Ewgeni Bakhmutski, Jugenddirektor der RUECB, erklärt: “Ich hoffe, daß sie bis zum Ende des Sommers ihr Ziel erreichen. Die Ukrainer wollen uns entgegenkommen sobald wir ihr Land erreichen. Ich denke, die Bewegung wird sich ausweiten und sehr viel mehr als nur 10 Personen umfassen.“ Weitere Entwicklungen werden sich auf der Webseite der Jugendabteilung – „www.baptistyouth.ru“ - verfolgen lassen.

Bakhmutski fügt hinzu, daß die diesjährige Konferenzleitung aus Platzgründen nur die ersten 500 Anmeldungen aufnehmen konnte. Das Ereignis wird womöglich als die längste Wochenendkonferenz überhaupt in die Geschichte eingehen. Sie begann am 1. Februar mit 10 regionalen Jugendkoordinatoren, die sich über strategische Fragen austauschten, und wird am 20. Februar nach fast zweiwöchiger, zusätzlicher Schulung am Moskauer Seminar der RUECB zu Ende gehen. Über 700 Jugendleitern insgesamt waren an dem Ereignis beteiligt; sie kamen sogar aus den baltischen Staaten, Belarus, den zentralasiatischen Republiken und der russischen Pazifikküste.

Der Jugenddirektor beschreibt den gegenwärtigen Trend in der russischen Jugendarbeit als eine “Rückkehr zum Grundsätzlichen – das Evangelium predigen und die Wahrheit verkünden.“ „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel,“ versichert er. „Seit nicht weniger als 15 Jahren haben wir die Evangelisation als besondere Events und Aktionen verstanden. Folglich haben unsere Gemeinden aufgehört, das Evangelisieren ein- und auszuatmen.“ Es gehört nicht mehr zu unserem Alltag, und die Unterweisung innerhalb der eigenen Kirchenwände wird nicht ausreichen. Aber ich kann mich noch daran erinnern, daß wir in Straßenbahnen Leute auf den Glauben hin ansprachen.“ SMS-Mitteilungen an die Konferenzleitung von Teilnehmern aus heimkehrenden Zügen weisen darauf hin, daß das Gehörte beherzigt worden sei. Bakhmutski fährt fort: „Es handelt sich aber um eine Reformation – nicht um eine zerstörungswütige Revolution. Wir kehren zu unseren Grundsätzen zurück. Vergessen Sie nicht, daß die geistliche Erweckung in Rußland vor einem Jahrhundert von jungen Männern wie Iwan Prokhanow (1869-1935) und Iwan Pawlow (1883-1936) angeführt worden ist.“


Ewgeni Bakhmutski fügt hinzu, daß seine Unionsleitung daran denkt, neue Gemeinden zu gründen, die sich speziell an Menschen richten, die zu jung sind, um vom sozialistischen System geformt worden zu sein. Solchen Personen fehlt die sozialistische Identität vergangener Jahrzehnte. Sie seien in ihrem Denken eher westlich als russisch und „haben sich selbst noch gar nicht finden können“. Der Pastor räumt ein, daß nicht alle Baptistengemeinden imstande seien, sich einem größeren Zustrom von Jugendlichen zu öffnen. Manche älteren Geschwister seien mehr mit der sowjetischen Vergangenheit verbunden als mit der russischen Gegenwart oder Zukunft.

Doch Bakhmutski ist trotzdem überzeugt, daß die Jugendarbeit vielerorts funktioniert. Er bestreit, daß bei ihm Neidgefühle bezüglich der Moskauer „Wort des Lebens“-Gemeinde aufkommen. Diese 4.000-köpfige, charismatische Gemeinde, geführt von dem Schweden Matts-Ola Ishoel, besteht vor allem aus den jüngeren Jahrgängen. „Ich behaupte, wir hätten mehr Jugendliche als die Charismatiker,“ erwidert er. „Wir haben mehr als 20.000 Jugendlichen in unseren eigenen Gemeinden.“ Da nur ein Teil dieser Menschen getauft sei, werden sie als Mitglieder bei der rund 80,000-Mitglieder zählenden RUECB nicht mitgerechnet.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 16. Februar 2009
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Christen bemächtigen sich nicht des Eigentums anderer Christen
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Klärung der Auseinandersetzung zwischen Baptisten und Orthodoxen in Lipezk in Aussicht

M o s k a u -- “Christen sollten ihre Differenzen nicht vor Gericht austragen.” Mit einem Bezug auf Matthäus 7,1 fügte Nikon, der orthodoxe Bischof von Lipezk und Jelez, hinzu: „Richtet nicht, daß Ihr nicht gerichtet werden.“ Anlaß der Äußerungen war der erste offizielle Besuch einer Delegation der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) beim Bischof in Lipezk am 9. Februar. Zur Klärung besteht die Frage, ob die seit 1989 von Baptisten genutzte und restaurierte „Trinitätskirche“ ohne Entschädigung an ihre ursprünglichen Eigentümer zurückgegeben werden müsse.

Delegationsleiter Witali Wlasenko (Moskau), Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der RUECB, sagte danach im Gespräch: „Ich kann nicht bestätigen, daß der Gerichtsprozeß ad acta gelegt worden sei. Aber wir hegen die innige Hoffnung, daß alle laufenden Maßnahmen eingestellt und der Fall außerhalb des Gerichts gelöst werde.“ Pastor Wlasenko erklärte ferner: „Der Bischof war sehr zuvorkommend und herzlich. Ich berief mich auf die christliche Solidarität und er stimmte der Auffassung zu, daß es einen sehr negativen Eindruck hinterlasse, wenn sich Christen des Eigentums anderer Christen bemächtigen. Wir müssen unsere langfristigen Beziehungen bedenken und berücksichtigen, wie Ungläubige unsere Meinungsunterschiede beurteilen. Ich versicherte Nikon, die Welt würde glauben wenn sie unsere Liebe füreinander bemerkte. Unsere geistlichen Anliegen kommen vor allen materiellen Überlegungen. Der Bischof reagierte positiv darauf und versicherte, er würde sich alle Mühe geben, um den Baptisten einen geeigneten gottesdienstlichen Raum zu finden.“

Die Gebietshauptstadt Lipezk, die sich 373 km südöstlich von Moskau befindet, gilt seit Jahren als einen Brennpunkt der Spannungen zwischen Orthodoxen und Baptisten. Bereits 1993 hatte die Stadt ihre eigene Entscheidung zurückgenommen und verfügt, daß die Baptisten die Kirche gegen eine angemessene Entschädigung abzugeben hätten. (Die Höhe der baptistischen Investitionen wurde mit 22 Mill. Rubeln angegeben - $53.000 US im Dezember 1992.) Die Haltung der Baptistengemeinde mit ihren 100 Mitgliedern besagte, daß sie gegen eine monetäre Entschädigung oder die Überlassung eines Gebäudes von ähnlichem Wert und ähnlicher Größe die Kirche räumen würde. Im April 2008 verfügte das Gericht, die Baptisten hätten die Kirche entschädigungslos abzugeben und nahmen der Gemeinde sogar ihre rechtliche Zulassung. (Siehe unsere Pressemeldung vom 11.11.2008). Nun sind die Baptisten zum ersten Mal voller Hoffnung, die staatliche Zulassung werde wiederhergestellt und ein neuer, passender Versammlungsort gefunden. (Die Gemeinde trifft sich nach wie vor in der („Trinitätskirche“.)

Weitere Mitglieder der RUECB-Delegation am 9. Februar waren Walentin Wasilizhenko (Moskau), Sekretär des baptistischen „Öffentlichen Rats“ (Obschestweni Sowjet), und Sergei Khokhlow, Pastor einer Baptistengemeinde in Brjansk.

Die RUECB, die größte einheitliche, protestantische Kirche Rußlands, vertritt heute rund 80.000 erwachsene Mitglieder in 1.750 Ortsgemeinden und Gruppen.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 13. Februar 2009
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Der orthodoxe Leiter, den russische Protestanten am besten kennen
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Metropolit Kirill zum Patriarchen Rußlands gewählt

M o s k a u – Die Leitung der russischen Baptisten vertritt die Auffassung, die Wahl des Metropoliten Kirill zum “Patriarchen von Moskau und ganz Rußland“ in der russischen Hauptstadt am 27. Januar lasse sich als klares Bekenntnis zur Offenheit und zum Dialog auslegen. Die Russische Orthodoxe Kirche – Moskauer Patriarchat (ROK) habe als Oberhaupt den gewählt, der gerade wegen seiner Offenheit gegenüber anderen Konfessionen gewürdigt – und scharf kritisiert – werde. Witali Wlasenko, Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB), sagt: „Ich bin sehr optimistisch. Kirill ist der brillanteste Metropolit im Rahmen der ROK. In unseren kurzen, persönlichen Begegnungen hat er sich stets sehr nett und respektvoll geäußert. Die meisten protestantischen Kontakte auf oberster Ebene zum Moskauer Patriarchat sind über ihn gelaufen.“ Er sei der orthodoxe Leiter, mit dem russische Protestanten am meisten vertraut seien.

Kirill ist seit 1971 in interkonfessionellen Organisationen wie dem Genfer Weltrat der Kirchen aktiv gewesen. RUECB-Präsident Juri Sipko weist darauf hin, er sei deshalb die Person in der russischen Orthodoxie, die auch die kirchliche Weltgemeinschaft am besten kenne. Kirill leitet seit 1989 das Kirchliche Außenamt seiner Kirche. Sipko beschreibt ihn als einen „sehr kreativen, hoch gebildeten und organisierten Leiter. Er ist ein sehr energischer und patriotischer Diener seiner Kirche. Ich bin überzeugt, daß sich unser Verhältnis zu ihm im Geiste brüderlicher Liebe und gegenseitigen Respekts fortsetzen werde.“ In einem Grußwort an den neuen Patriarchen schreibt Sipko: „Wir schätzen den gewaltigen Beitrag, den Sie zur Entwicklung des interkirchlichen und interreligiösen Dialogs geleistet haben, sehr hoch ein.“

Pastor Wlasenko merkt an, Metropolit Kirill habe wesentlich zur Schaffung zweier interkonfessioneller Gremien beigetragen, die für russische Protestanten von entscheidender Bedeutung seien. Obwohl im Augenblick wieder inaktiv, sei eine erneute Tagung des orthodox-protestantisch-katholischen „Christlichen Interkonfessionellen Beratungskomitees“ (Christian Inter-Confessional Advisory Committee – CIAC) nach siebenjähriger Unterbrechung in Moskau am 2. Oktober 2008 den Bemühungen Kirills zu verdanken. Orthodox-baptistische Konsultationen über moralische Werte – die dritte und bisher letzte fand im Februar 2007 statt – wären ohne die Mitwirkung des Metropoliten undenkbar gewesen. Die Führung der russischen Baptisten hegt die Hoffnung, beide Gremien mögen in absehbarer Zeit die Arbeit wieder aufnehmen.

Doch Dr. Peter Mitskewitsch, Rektor des Moskauer Theologieseminars und Leitender Vizepräsident der RUECB, warnt davor, mit einer raschen Lösung vorhandener Differenzen zu rechnen. „Der neue Patriarch wird von den Ansichten und Überzeugungen seiner Kollegen im übrigen Rußland abhängig bleiben.“ Mitskewitsch sowie Sipko reden von Kontinuität. Sipko meint, der am 5. Dezember verstorbene Patriarch Alexei II. habe bereits den Weg des Dialogs und der Verständigung mit den russischen Protestanten eingeschlagen. Er sagt: „Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß Kirills Dienst als Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche eine Fortsetzung der guten Tradition sein werde, die Alexei II. eingeführt habe.“


Trotz seiner Offenheit gegenüber interkonfessionellen Beziehungen ist der 1946 als Wladimir Mikhailowitsch Gundjajew in Leningrad geborene Kirill eindeutig konservativ in moralischer und theologischer Hinsicht. (Bei russischen Baptisten liegt der Fall ähnlich.) Nachdem Kirill bei der Europäischen Ökumenischen Versammlung in Sibiu (Hermannstadt) im September 2007 die ökumenische Bewegung kritisiert und zu einer Wiederbelebung des europäischen Konservativismus und der christlichen Gesellschaft aufgerufen hatte, waren es die russischen Baptisten, die ihm zur Seite sprangen. Damals meinte Witali Wlasenko: “Der europäischen Gesellschaft sind wir Russen noch Fremdlinge – und das trifft auch für mich zu.” (Siehe unsere Presseerklärung vom 13.9.2007.)

Kirill, seit 1991 Metropolit von Smolensk und Kaliningrad, wird am 1. Februar als Patriarch inthronisiert. Am Tag darauf findet ein feierlicher Empfang statt. Die RUECB-Führung ist zu beiden Ereignissen eingeladen worden.

Trotz einer niedrigen Prozentzahl regelmäßiger Kirchgänger gibt es bis zu 100 Millionen unter den 142 Millionen Bürger Rußlands, die sich zur Orthodoxe zählen. Die RUECB, die größte einheitliche, protestantische Kirche Rußlands, vertritt heute rund 80.000 erwachsene Mitglieder in 1.750 Ortsgemeinden und Gruppen.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 29. Januar 2009
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Unsere seit Urzeiten bestehende Freundschaft lebt weiter
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Ein russischer Baptist besucht die Westukraine

M o s k a u -- "Unsere seit Urzeiten bestehende Freundschaft lebt weiter – auch wenn unsere politischen Führungen gegeneinander Aversionen empfinden.“ Das war das Fazit von Pastor Witali Wlasenko (Moskau), Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) nach einem Privatbesuch der Westukraine vom 2. bis 11. Januar. Nach Predigten in einer großen Gemeinde der Siebenten-Tag-Pfingstler in Poljana und einer Baptistengemeinde in Mukatschewo in unmittelbarer Nähe der Grenze zur Slowakei und Ungarn, berichtete Wlasenko: „Meine russischen Freunde hatten mich davor gewarnt, den Westen der Ukraine zu besuchen. Doch beide Gemeinden haben uns mit offenen Armen empfangen. Vielleicht geht es nationalistischer zu in einer Gegend wie Lwow, doch in dieser Gegend wurden wir überall mit großer Herzlichkeit empfangen. Dort predigte ich, daß politische Differenzen uns Gläubige nicht aufspalten können, und diese Botschaft wurde mit großer Zustimmung aufgenommen. Unsere politischen Einschätzungen mögen sich unterscheiden, aber sie dürfen auf keinen Fall die gegenseitige Liebe und Achtung, die wir füreinander empfinden, zerstören.“

Ein Streitpunkt zwischen Russen und Ukrainern ist die „Golodomor“ ("Holodomor" auf Ukrainisch). Der Begriff birgt in sich die These, die sowjetische Regierung Stalins habe 1932-33 Lebensmittel eingezogen in der Absicht, große Teile der ukrainischen Bevölkerung verhungern zu lassen. Zustimmung hierzu fällt den Russen schwer, denn dieser von Menschenhand gemachten Hungersnot seien auch Millionen von Russen zum Opfer gefallen. Wlasenko merkte an: „Ich kann auf keinen Fall beweisen, daß die sowjetische Regierung nicht darauf aus war, den Ukrainern besonderen Schaden zuzufügen.“

Wlasenko berichtete davon, daß der erst kürzlich beigelegte Gasstreit zwischen Rußland und der Ukraine bei den Westukrainern auf Unverständnis stoße. „Die Gemeindeleute mit denen ich mich unterhielt fühlten sich in keiner Weise schuldig. Sie haben stets jeden Cent des von ihnen verbrauchten Gases bezahlt und jeder, der irgendwie mit der Bezahlung in Verzug geraten war, mußte damit rechnen, daß sein Gashahn innerhalb weniger Tage zugedreht wurde. Unsere Regierungen müssen es lernen, Lösungen zu finden, ehe die Probleme eskalieren und in verfahrene Situationen ausarten.“

In der Ernüchterung, die seit der Orange-Revolution von 2004-2005 eingetreten ist, sieht der baptistische Direktor für Außenbeziehungen einen Beleg mehr dafür, daß Christen ihr Vertrauen nicht auf Menschen setzen dürfen. „Die Bibel stimmt – wir können letztlich nur Gott vertrauen.“ Das gilt insbesondere auch für Sunday Adelaja, den umstrittenen, aus Nigeria stammenden Pastor der 20.000-Mitglieder-starken „Botschaft Gottes“-Gemeinde in Kiew. Ihm wird vorgehalten, für den Konkurs der "King's Capital"-Investmentfirma mitverantwortlich zu sein. In einem Brief vom 29. Dezember haben sich die Leiter charismatischer und pfingstlicher Kirchen der Ukraine offiziell von ihm distanziert. Dabei warfen sie ihm u.a. die Liebe zum Geld vor. Witali Wlasenko fügte hinzu: „Sunday Adelaja hat materiellen Gewinn mit dem christlichen Glauben vermengt. Mir tut es sehr weh, wenn derartige Entwicklungen den guten Ruf der christlichen Kirchen in Mitleidenschaft ziehen. Ich hoffe sehr, daß die Männer und Frauen in dieser Gemeinde in ihrer Hingabe an Jesus Christus nicht nachlassen. Ich bete, Sunday möge Buße tun und, daß sich bald die Lage in seiner Gemeinde normalisieren möchte.“

Die beiden baptistischen Unionen der Ukraine, die der Europäischen Baptistischen Föderation angehören, verfügen über eine gesamte Mitgliedschaft von 145.000; die RUECB kommt auf fast 80.000 Mitglieder. Die Ukraine gehört zu den wenigen Ländern, die Russen sowie Bürger der meisten westlichen Staaten besuchen können, ohne ein Visum beantragen zu müssen.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 23. Januar 2009
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Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-01, 536 Wörter, 3.872 Anschläge.

 

 

 

 

 

Die Moral mit unmoralischen Mitteln durchsetzen
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Interview mit dem Präsidenten der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten

M o s k a u -- Die religiöse Erziehung der Kinder ist Elternpflicht. Das war die Meinung von Juri Sipko (Moskau), dem Präsidenten der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB), in einem Interview mit dem alternativen, orthodoxen Moskauer Pressedienst „Portal-Credo“ am 9. September. Anlaß war die Ankündigung, gegen Ende des gerade angelaufenen Schuljahres in mehreren Regionen Rußlands den Kurs „Geistlich-moralische Erziehung“ als obligatorisches Schulfach einzuführen. Dieser Kurs hieß bis vor kurzem „Grundlagen orthodoxer Kultur“ und wird von der Russischen Orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats wesentlich mitbestimmt.

Doch nach Sipko seien der russische Staat und die Gesellschaft dermaßen stark in Lüge und Korruption verstrickt, daß sie gar nicht imstande seien, der jüngeren Generation moralische Werte zu vermitteln. Wir denken, „unsere Kinder werden religiöse Geheimnisse sowie geistliche und ethnische Normen in sich aufnehmen, doch diese haben sich weder Eltern noch Lehrer selber angeeignet. Das trifft auch für die Diener der Kirche zu. Wann hören wir endlich auf, uns selber etwas vorzumachen?“ Heute sei man sich selber die größte Gefahr; gegenwärtig werde das russische Volk von der ungeistlichen und unmoralischen Haltung der eigenen Gesellschaft gefährdet. „Jene, die Gesetze verfassen und vollstrecken, verstoßen ungestraft gegen dieselben.“ Hinzu komme, daß die führenden Generationen unserer Gesellschaft allesamt im Atheismus und Darwinismus erzogen worden seien. Doch „in der Gottlosigkeit gibt es keine Moral; sie ist im Grunde unmoralisch.“

Präsident Sipko wies ferner daraufhin, daß die Einführung von Maßnahmen, die die Orthodoxie begünstigen, gegen die äußerst wichtige, in der Verfassung verankerte Gleichstellung aller Religionen verstoße. „Die Moral läßt sich nicht mit unmoralischen Mitteln durchsetzen.“

Dieser Unterricht soll eingangs für Schüler am Ende des vierten und am Anfang des fünften Schuljahres eingeführt werden. Auch das ist für Sipko problematisch: „Um wirklich Neues aufzunehmen, ist es dann wahrscheinlich zu spät. Mit 12 Jahren ist es bei Kindern schon so weit, daß sie Erwachsene - auch Eltern und Lehrer - schamlos auslachen.“

Er vermutet, die Schule „werde mit der Religion das machen, was sie bereits mit der kommunistischen Ideologie gemacht hat. Wir erinnern uns an die Spielereien bei den Pionieren und beim Komsomol. Dank der Massenanwendung wurde eine ganze staatliche Ideologie zum Gespött, das sich zersetzend auf die Seelen der Kinder auswirkte.“ Die religiöse Bildung des zaristischen Staates „brachte den Menschen den Haß auf die Religion bei. Schließlich haben Menschen, die den Religionsunterricht durchlaufen hatten, die Kirchen, die heiligen Bücher und sogar die Geistlichen selbst vernichtet.“

Juri Sipko erkennt die einzige Lösung darin, daß Eltern ihre Erziehungspflicht auch in religiösen Belangen wahrnehmen. „Ich hätte in unseren Schulen einen Kurs Ethik vorgezogen,“ fügte er hinzu. „Ich hätte die Einhaltung der Verfassung vorgezogen.“ Nur so wäre die Glaubensneutralität des Staats zu wahren gewesen.

Die RUECB, die größte einheitliche, protestantische Kirche Rußlands, vertritt rund 80.000 erwachsene Mitglieder in 1.750 Ortsgemeinden und Gruppen.

Dr. William Yoder
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Moskau, den 24. September 2009
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Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-23, 450 Wörter oder 3.231 Anschläge mit Leerzeichen.




Ukrainische Baptisten feierten in Kiew
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Aufbruch und Kontinuität zum 400. Jubiläum der baptistischen Bewegung
 
Kommentar
 
M o s k a u / K i e w -- Wie keine andere baptistische Union Osteuropas haben die Ukrainer den Sprung ins Blickfeld der Öffentlichkeit geschafft. Das wurde deutlich als die Baptisten slawischer Zunge ein viertägiges Fest in der ukrainischen Hauptstadt zum 400. Geburtstag der baptistischen Weltbewegung veranstalteten. Ab dem 27. August fand in der Zentralen Baptistengemeinde Kiews eine Konsultation mit 250 Teilnehmern aus 26 Ländern statt. Der krönende Abschluß bildete eine bewegende, dreistündige Feierstunde mit fast 5.000 Teilnehmern im staatseigenen Nationalpalast „Ukraine“ am 30. August. Allein der Chor bestand aus 370 Sängern und Sängerinnen. Dort wurden nicht wenige Augen feucht als die Veranstalter mit multimedialer Unterstützung die langen Leidensjahre kommunistischer Verfolgung Revue passieren ließen. „Wer hätte das gedacht!“ jubelte der katholische Nachrichtendienst RISU aus Lemberg. „Die Welt hatte nicht damit gerechnet, daß nach Jahrzehnten der Verfolgung und Unterdrückung, daß nach härtester Traumatisierung und Demütigung, die Baptisten sich wieder aufrichten und getrost von ihrem Glauben reden würden!“
 
Das Kiewer Ereignis feierte sowohl die Kontinuität wie den Aufbruch im Wirken des slawischen Baptismus. Wie bereits beim großen Jugendkongreß in Odessa ein Jahr zuvor wurde im Abendmahl auf der Abschlußveranstaltung die Weiterreichung des Stabs an die jüngere, postsowjetische Generation symbolisch dargestellt. In einem Interview mit der RISU am Rande hielt Grigori Komendant, pensionierter Präsident der „All-Ukrainischen Union der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten“ die Kontinuität hoch. Methoden ließen sich verändern, doch „Jugendliche müssen verstehen, daß sie keine Bahnbrecher seien. Es bestehen Glaubensprinzipien, die weder durch einen konservativen noch liberalen Ansatz verändert werden dürfen.“ Beim Evangelisten der Missionsgesellschaft Billy Grahams, Wiktor Hamm (Winnipeg), lautete es: „Wir stehen auf den Schultern der Glaubensväter, die vor uns da waren. Mein Vater Gerhard Hamm verbrachte mit den Leitern der nichtregistrierten Baptisten ganze Nächte im Gebet, damit die riesige Sowjetunion wieder laut und deutlich das Evangelium hören könne. Nun ist es soweit. Laßt uns die Zeit dafür nutzen, Menschen für Christus zu gewinnen!“
 
Neben einem persönlich vorgetragenen Grußwort des griechisch-katholischen Patriarchen Lubomir Husar (Lemberg) konnte sich die Abschlußveranstaltung mit geschriebenen Grußworten von Staatspräsident Wiktor Juschtschenko, Ministerpräsident Julia Timoschenko und dem Kiewer Oberbürgermeister Leonid Tschernowetski (einem Charismatiker) schmücken. Bei der Veranstaltung hielt der Baptist Alexander Turtschinow, Erster Stellvertretender Ministerpräsident der Ukraine und rechte Hand der Ministerpräsidentin, eine Rede. Juri Reschetnikow, Leiter des einst gefürchteten Staatsministeriums für Religiöse Angelegenheiten und selbst Baptist, nannte seine Kirche die viertgrößte Konfession der Ukraine. Der 29-jährige Pawel Ungurjan (siehe unsere Meldung vom 18.8.2009), Landesjugenddirektor der ukrainischen Baptistenunion und Mitglied des Nationalparlaments, war ein Hauptinitiator des Ereignisses.
 
Wiederholt klang an, daß sich die Ukrainer als Vorreiter unter den Baptisten slawischer Nation verstünden. Zum kürzlich erfolgten Ukraine-Besuch des Moskauer Patriarchen Kirill hieß es im Interview mit Komendant: „Kirill kennt die ukrainische Nation nicht vollständig. Gemessen an seinem Territorium und Einfluß könnte man Rußland eigentlich als ‚slawisch-asiatisch’ bezeichnen. Im Gegensatz dazu ist die Ukraine ein wahrlich slawisches Land.“ In Berichten über das Ereignis wurde die starke Vertretung der ukrainischen Diaspora betont. Ein Russe gab an, die Ukraine und Moldawien seien – wohl abgesehen vom Baltikum - in konfessioneller Hinsicht die freiesten Länder der ehemaligen Sowjetunion. 
 
Mit Zahlen wurde großzügig umgegangen – meistens wurde die Zahl ukrainischer Baptisten mit 200.000 angegeben. Tony Peck (Prag), Generalsekretär der „Europäischen Baptistischen Föderation“ (EBF) gab in Kiew an, die Ukrainer stellten einen Viertel der 800.000 Baptisten Europas. Komendant meinte, bereits 2002 habe der ukrainische Bund den britischen als den größten Baptistenbund Europas abgelöst. Doch im EBF-Jahrbuch für 2009 weist der Baptistenbund Großbritanniens eine Mitgliedschaft von 136.677 auf; die „All-Ukrainische Union der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten“ - 133.258. Hinzu kommen Nichtregistrierte und die 10.000 Mitglieder der baptistischen „Brüderschaft“ der Ukraine. Doch auch das Vereinigte Königreich verfügt über weitere baptistische Unionen und selbständige Baptistengemeinden. Bei den all-europäischen Jubiläumsfeierlichkeiten der EBF in Amsterdam Ende Juli – es waren 900 Besucher zugegen - hatte Ungurjan von 40.000 baptistischen Jugendlichen in der Ukraine gesprochen. Doch in Kiew berichtete die RISU von einem jugendlichen Anteil von 40%. Das wäre genau die doppelte Menge.
 
Man sagt, die gesamte Mitgliedschaft des sowjetischen „All-Unionrats der Evangeliumschristen-Baptisten“ habe etwa in den 70er Jahren eine Million betragen. Doch im Grußwort von Juschtschenko am 30. August hieß es, daß nur 3.000 Baptisten den stalinistischen Terror überlebt hätten. Komendant gab an, 1991 habe es bei der Verselbständigung des ukrainischen Bundes nur 90.000 Baptisten in der Ukraine gegeben. Klar ist eigentlich nur, daß es in den letzten zwei Jahrzehnten erfreuliche Wachstumsentwicklungen gegeben habe.
 
Nachdenkliches am Eröffnungstag
 
Die Notwendigkeit kritischer Selbstreflexion wurde am ersten Tag spätestens beim Vortrag von Mikhail Iwanow (Moskau), dem Leiter der theologischen Abteilung bei der „Russischen Union der Evangeliums­christen-Baptisten“ deutlich. In seinem Referat unterstrich er die wesentliche Bedeutung der Gewissensfreiheit im Entstehen und Gedeihen der baptistischen Bewegung. Er betonte wiederholt, daß die Gewissensfreiheit allen gelte, auch „Pfingstlern, Adventisten, Zeugen Jehovas, Krischna-Anhängern und sogar Atheisten“. Was wir anderen abverlangen, müssen wir auch anderen gewähren.
 
Doch dieser Grundpfeiler baptistischer Theologie laufe der defensiven, abwehrenden Denkweise osteuropäischer Kultur zuwider. Beispielsweise „schweigen wir oftmals bei der Verfolgung charismatischer Gemeinden“ aus Angst davor, selbst unter den Einfluß charismatischer Tendenzen zu geraten. Viel bequemer sei es, die Freiheit des Gewissens auf die eigene „Freiheit zur Verkündigung des Evangeliums zu verengen“. Hinzu komme, daß unsere Gemeinden unzureichend in der biblischen Lehre verwurzelt seien. „Deshalb ist es notwendig, sich mit der theologischen Festigung unserer Gemeinden zu befassen – damit wir auch nicht passiv weiterhin die Unterdrückung Andersdenkender unterstützen.“
 
Die Übernahme fremden Gedankenguts klang schon im ersten Vortrag am Eröffnungstag an. Darin zeigte der baptistische Historiker und Bildungsspezialist Sergei Sannikow (Odessa) minutiös auf, in welch starkem Maße die slawischen Baptisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts ihr Weltbild und ihre Theologie von den in die Ukraine eingewanderten Mennoniten preußischer Herkunft übernommen hätten. Die herkömmliche Kleider- und Gottesdienstordnung, Gemeindezucht, der Pazifismus, die Abschottung von der Welt und die politische Enthaltsamkeit seien keineswegs baptistischen Ursprungs, sondern ein Überbleibsel mennonitischen Einflusses. Sannikow trat deshalb für die Schaffung einer neuen, eindeutig baptistischen Identität ein.
 
Dazu würden in Osteuropa tätige Kreise aus Nordamerika gerne beitragen. Doch in einem anderen Vortrag wurde Rick Warren namentlich kritisiert, weil er zu den vielen Nordamerikanern zählt, die ein kalvinistisches Heilsverständnis vertreten. In Osteuropa hat die zur Werkgerechtigkeit tendierende arminianische Heilslehre eine lange Tradition. Osteuropäer wähnen in der erst in den letzten zwei Jahrzehnten verbreiteten, kalvinistischen Lehre einer bedingungslosen Heilszuversicht einen Freibrief für frevelhaftes Verhalten. Nach Meinung des Referenten, Pastor Alexander Sipko aus Spokane/USA, könnte das Festhalten an einem solchen Heilsverständnis zu einem „bösen Erwachen“ am Lebensende führen.
 
Im erwähnten Interview versicherte Altpräsident Komendant, eine „vernünftige Balance“ zwischen Tradition und Aufbruch könne zu einem Ausgleich zwischen den Generationen führen: „Es ist nie nur die eine Seite schuldig.“ Da blieb nur die schwierige Frage, an genau welchem Punkt auf der Werteskala ein Gleichgewicht sich herstellen könne.
 
Dr. phil. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 18. September 2009
baptistrelations@yandex.ru
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Schrumpfung – notwendig aber ungesund
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Die Zukunft theologischer Bildung in Euro-Asien


M o s k a u / O d e s s a – Ein in Rußland tätiger US-Amerikaner berichtet, die “Southern Baptist Convention” komme bei der Versorgung ihrer 16 Millionen Mitglieder mit nur fünf Seminaren aus. Die Staaten der ehemaligen Sowjetunion, die heute höchsten drei Millionen Protestanten beherbergen, verfügen über rund 150 Seminare und Bibelschulen. Bei einem sommerlichen Interview in Odessa meinte Dr. Sergei Wiktorowitsch Sannikow (Odessa), Geschäftsführender Direktor und Gründer der “Euro-Asian Accreditating Association” (E-AAA), hierzu: „Es ist eindeutig, daß die Zahl der theologischen Bildungseinrichtungen schrumpfen wird und muß. Aber es wäre verkehrt, diesen Prozeß als eine ‚Gesundschrumpfung’ zu bezeichnen.“ Zu viele Karrieren und ausländische Unterstützungskanäle stünden auf dem Spiel – schon deshalb könne der Prozeß nur als schmerzlich empfunden werden. „Bei der Gründung dieser Einrichtungen gab es keinen strategischen Plan – sie sind spontan entstanden. Die Menschen waren begeistert und westliche Unterstützung war vorhanden – also schritt man zur Tat.“

Sannikow fügte hinzu, die E-AAA bemühe sich, die Schläge möglichst abzufedern. Ein ausführlicher Austausch unter führenden Dozenten finde gegenwärtig im Internet statt. „Wir ermutigen die Einrichtungen, einzigartige Programme zu entwickeln oder sich mit anderen Instituten zusammenzuschließen. Jede Einrichtung wird ein erkennbares Gesicht haben, jede wird eine Nische finden müssen.“ Diversifikation (Mannigfaltigkeit) sei angesagt – erst recht wenn kein eindeutiger Standortvorteil zu erkennen sei.

Das “Moskauer Theologische Seminar”, das Flagschiff der “Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten”, gehört zu den Einrichtungen, die sich bemühen, Filialen um sich zu sammeln. Sannikow meinte: „Das halte ich für eine gute Entwicklung – erst recht in Rußland. Der Staat und die ökonomischen Zwänge setzen die kleineren Ausbildungsstätten unter Druck. Kleinere Einrichtungen begreifen, daß sie effektiver arbeiten können wenn sie sich der Dozenten und Programme größerer Einrichtungen bedienen. Strukturelle Mißstände werden behoben. Größere Einrichtungen können sehr viel effektiver Bibliotheken und andere Ressourcen organisieren und weiterleiten.“

Der Direktor von E-AAA, ein ukrainischer Baptist, vertritt die Auffassung, daß sich in den nächsten Jahrzehnten die Zahl interkonfessioneller Ausbildungsstätten nicht deutlich erhöhen werde. „Der Denominationalismus nimmt rasch zu,“ warnte er, „abgesehen von manchen Kreisen der Jugend. Es fällt den Menschen auch schwer, irgendwie von der eigenen Denomination Abstand zu nehmen wenn man meint, nur sie vertrete die gesamte Wahrheit.“ Auch sehr kleine Kirchen wie die Wesleyaner – sie gehören weder zu den Methodisten noch Nazarenern – haben in Moskau eine eigene Schule. Die Moskauer „Geistliche Akademie des Apostels Paulus“ hat ebenfalls einen sehr kleinen Unterstützerkreis. Ein zweites von Gennadi Sergienko geleitetes „Moskauer Theologisches Seminar“ schloß vor wenigen Monaten seine Tore. Eine interkonfessionelle Einrichtung ist z.B. das „Moskauer Seminar der Evangeliumschristen“ (siehe Meldung 09-14 vom 28.4.2009).

In einigen wenigen Fällen wird das Bildungsangebot weiterhin ausgebaut. Das trifft vor allem für die neo-charismatische Bewegung zu, die trotz ihrer hohen Zahl an Gemeindeschülern erst jetzt damit beginnt, theologische Einrichtungen mit akademischem Niveau zu schaffen. Das von “Greater Europe Mission” unterstützte “Zaporozhye Bible College”, das sich nördlich der Krim befindet, begründet ihr beachtliches Bauprogramm mit einem Standortvorteil.

Fünf-und-fünfzig der rund 150 Ausbildungsstätten im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion gehören der E-AAA an: 28 von diesen befinden sich in der Ukraine, weitere 15 in Rußland (sieben davon in Moskau). Es gibt jeweils ein Mitglied in Belarus, Moldawien, Armenien and Litauen u.a. Das baptistische Seminar in Akademgorodok bei Nowosibirsk und eine baptistische Predigerschule in Samara/Wolga gehören nicht dazu. Vor etwa sechs Jahren gab die E-AAA eine gesamte Studenten- bzw. Schülerschaft unter ihren Mitgliedern von 7.000 an. Sannikow ist sich nicht sicher, ob die Zahl seitdem gesunken sei. Das Zählen von Eingeschriebenen hat sich stets als schwierig erwiesen. Eine ukrainische Schule, die sich auf den Fernunterricht spezialisiert hatte, gab z.B. eine Eingeschriebenenzahl von 5.000 an. Wie lange gilt ein Schüler oder Student als eingeschrieben, wenn er ein Programm begonnen hat ohne es auch abzuschließen? Folglich hat die E-AAA in jüngster Zeit Kriterien für das Zählen von Eingeschriebenen entwickelt in der Hoffnung, besser das tatsächliche Wirken der Einrichtungen vergleichen zu können.

Im usbekischen Taschkent gibt es eine offiziell zugelassene, baptistische Schule; eine weitere, die vor allem von pfingstlerischen und charismatischen Kreisen getragen wird, befindet sich in Almaty/Kasachstan. Ukrainische Schulen und Hochschulen unterstützen mehrere inoffizielle Schulen in den zentralasiatischen Republiken. Keine der dortigen Einrichtungen ist bisher von der E-AAA akkreditiert worden. Es kommen außerdem nicht wenige künftige Pastoren aus Zentralasien zum Studium nach Rußland und der Ukraine.

Die offiziell erst 1997 gegründete E-AAA umfaßt pfingstlerische, lutherische, presbyterianische, baptistische und interkonfessionelle Einrichtungen – allerdings keine adventistischen. Obwohl sich mehrere Mitglieder an anderen Orten befinden, fühlt sich die E-AAA für russischsprachige Einrichtungen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zuständig. Dabei weist Direktor Sannikow darauf hin, daß die – staatlich nicht anerkannten - Akkreditierungskriterien nicht von der EAAA alleine entwickelt worden seien. Sie ist das jüngste Regionalmitglied der “International Council for Evangelical Theological Education” (ICETE). Geschaffen 1980 mit Unterstützung der Weltallianz (WEA), umspannen die sieben Regionalfilialen der ICETE heute den Globus.

Die Arbeit der E-AAA wird von ihren 55 Mitgliedern gefördert. Regelmäßige Mitgliedsgebühren fallen an, eine weitere Gebühr wird für jeden Studenten, der in ein akkreditiertes Programm aufgenommen wird, erhoben. Kosten für die Besuche von E-AAA-Komissionen bei Mitgliedseinrichtungen werden ebenfalls vom Gastgeber getragen. Sannikow wies jedoch darauf hin, daß sich die Arbeit der E-AAA nicht auf Akkreditierungsfragen beschränke. Ihr von Taras Djatlik (Riwne/Westukraine) angeführtes Forschungszentrum publiziert eine Zeitschrift auf Papier und Bücher als CDs, sammelt historische Dokumente und verteilt Studienhefte zu Führungsfragen. Es führt Konferenzen und Seminare durch; deren Ergebnisse werden oftmals publiziert. Ein Projekt aus jüngster Zeit befaßt sich mit der Wirkung theologischer Ausbildung in Euro-Asien. Dieses Zentrum wird nicht von den Mitgliedsbeiträgen getragen, sondern von den Zuschüssen ausländischer Organisationen und Stiftungen.

Die Anfänge in Odessa
Dr. Sergei Sannikow befaßt sich seit Jahrzehnten mit der theologischen Ausbildung in Rußland und der Ukraine. Als der sowjetische “All-Unionsrat der Evangeliumschristen-Baptisten” im Januar 1991 in Moskau sein erstes Seminar für das Studium vor Ort eröffnete, war Sannikow der Rektor. Doch Räumlichkeiten in der historischen Zentralen Baptistengemeinde Moskaus waren sehr beengt und die Bibliothek kaum der Rede wert. Deshalb wurde nach einem einzigen Lehrabschnitt der Entschluß gefaßt, das Seminar nach Odessa in eine bereits 1989 gegründete Bibelschule zu verlegen. Nach Klärung der logistischen Fragen sollte das Seminar in zwei Jahren nach Moskau zurückkehren.

Doch die Auflösung der UdSSR im Dezember 1991 und die Zersplitterung des „All-Unionsrats“ kurz darauf schufen eine völlig neue Ausgangslage. Eingangs blieb Odessa das Seminar der neuen ukrainischen Union; ein zweites Seminar wurde 1993 in Moskau eröffnet. Die Hauptausbildungsstätte der ukrainischen Union befindet sich heute in Irpen westlich von Kiew.

Aus politischen Überlegungen bejaht Sannikow die Aufteilung des alten Baptistenbundes. Schließlich wäre es politisch ungünstig gewesen, einer ausländischen Institution Rede und Antwort stehen zu müssen. „Wir haben keine organisatorische Einheit notwendig, um die Einheit in Christus, die wir verspüren, auszudrücken,“ erklärte er. „Ich leide nicht unter dieser Trennung.“ Er räumte jedoch ein, daß die Trennung einen geistlichen Preis habe. „Es gibt einen gewissen Nationalismus in unseren Gemeinden, und er belastet das Leben unseres Bundes und unsere Beziehungen untereinander. Eine Gruppe betont das Russische, die andere, das Ukrainische. Ich habe nicht das Gefühl, die eine Gruppe sei schuldiger als die andere. Aber jede Gemeinde hat Leute, die die Nationalitätenfrage überzeichnen.“

Der E-AAA-Direktor versicherte dennoch, die Ukraine werde auf absehbare Zeit eine Brücke zwischen Ost und West bleiben. „Die Ukraine wird nicht so sehr wie Georgien auf einem Beitritt zur Europäischen Union bestehen. Aber wir sind keine Russen – wir haben eine andere Mentalität. Zwischen den 16. und 18. Jahrhunderten bewegten wir uns in der Mitte. Vielleicht werden wir uns für immer in der Mitte befinden – weder europäisch noch asiatisch. Aber das ist auch ganz in Ordnung so!“

Die Anschrift der russischsprachigen E-AAA-Webseite lautet: “www.e-aaa.org”.

Dr. phil. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 22. August 2009
baptistrelations@yandex.ru
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Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 09-26, 1.210 Wörter oder 9.107 Anschläge mit Leerzeichen.




Ein Baptist mit doppeltem Beruf
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Der ukrainische Jugendleiter Pawel Ungurjan

M o s k a u / A m s t e r d a m -- “Die Baptisten Westeuropas werden schwächer – als globale Bewegung bewegt sich der Baptismus ostwärts und südwärts. Die baptistische Jugend von heute lebt vor allem in Afrika, Asien und Lateinamerika. Wir, die jungen Baptisten der Ukraine, wollen eine strategische Plattform und ein Sprungbrett bilden, die diese Entwicklungen fördern.“ So äußerte sich der 29-jährige Pawel Ungurjan (Kiew), Landesjugenddirektor bei der 133.000-Mitglieder zählenden „All-Ukrainische Union der Assoziationen der Evangeliumschristen-Baptisten“ in einem Gespräch auf der „Amsterdam 400“-Konferenz der Europäischen Baptistischen Föderation am 26. Juli.

Die Anfänge sind jedoch bescheiden. Im Januar entsandte seine Jugendabteilung zwei Missionare in die zentralasiatischen Republiken der ehemaligen UdSSR. Zwei Familien sollen im September folgen. Andere arbeiten schon länger in Kazakhstan. Der Jugendleiter berichtete: „Es freut mich sehr, daß viele Ukrainer in den missionarischen Dienst nach Rußland gezogen sind – auch nach Sibirien, Fernost und dem Hohen Norden. Unsere Union hat weitere Mitarbeiter in Moldawien, Rumänien, Belarus und Armenien.” Ein leitender Baptist in Kiew, Wiktor Kulbitsch, gab 2004 an, daß 450 ukrainische Baptisten in Rußland als Missionare tätig seien. Weitere 38 waren tätig in Ländern wie Australien, Afghanistan, Israel, Portugal und Kanada. Die Ukraine, der „Bibelgürtel“ der ehemaligen Sowjetunion, verfügt heute über die größte baptistische Union auf dem europäischen Festland.

Der in Odessa aufgewachsene Ungurjan fuhr fort: “Die evangelistische Explosion der neunziger Jahre war das Ergebnis einer anfänglichen, generellen Euphorie. Doch heute führt die Jugend die Bewegung an; heute sind wir die Avantgarde. Und ältere Glieder fangen an, uns dabei zu unterstützen. Er meinte, die Bewegung bedürfe nun einer verstärkten Institutionalisierung: „Wir sollten alles schrittweise organisieren. Wir müssen in den Haushalt jeder Ortsgemeinde aufgenommen werden. Viele gelangen zu der Überzeugung, daß wir einen oder zwei Missionare aus jeder Gemeinde brauchen – und daß sie finanziert werden müssen. Unsere Union besteht aus 2.800 Gemeinden. Hätten wir zwei Missionare aus jeder Gemeinde, würden sie eine gewaltige Armee bilden. Unsere Union hat 40.000 junge Menschen. Die Arbeit innerhalb der Ukraine ist unsere rechte Hand – doch die linke Hand gilt der Arbeit in anderen Ländern.“

Der Jugendleiter verwies auf die sehr engen Beziehungen zur Jugendabteilung der russischen Union, die von Pastor Ewgeni Bakhmutski (Moskau) geleitet wird. Ein Höhepunkt für beide war eine Jugendkonferenz in Odessa mit 3.000 Teilnehmern aus 19 Staaten. Das gemeinsame Engagement für die Mission sei der Klebstoff, der die nationalen Jugendbewegungen zusammenschweiße. Gelegentlich kommt das Gerücht auf, die in Moskau ansässige „Euro-Asiatische Föderation der Unionen der Evangeliumschristen-Baptisten“, in der die Staaten der ehemaligen UdSSR abgesehen vom Baltikum und einem Teil des Kaukasus vertreten sind, harrt der Einstellung ihrer Arbeit entgegen. Doch er ist überzeugt, die Jugend russischer Zunge sei imstande, der Föderation neues Leben einzuhauchen.

Pawel Ungurjan vertritt die Auffassung, osteuropäische Ereignisse wie die Jugendkonferenz in Odessa im August 2008, die nur wenige Wochen nach der globalen Jugendkonferenz des Baptistischen Weltbundes in Leipzig stattfand, auf keinen Fall als konkurrierende Parallelveranstaltung eingeordnet werden dürfen. „Es ist ganz hervorragend, daß wir diese beiden Gruppen von Aktivisten haben,“ betonte er in Amsterdam. „Sie spiegeln die Vielfalt der Baptisten wieder. Viele junge Menschen haben weder das Geld noch das Visum, um solche Ereignisse im Westen aufsuchen zu können. Die Konferenz in Odessa wurde von der Jugend vorbereitet und hat sie über Grenzen hinweg in einer ganz besonderen Art und Weise vereinigt. Solche Ereignisse sind wahrlich ein Geschenk des Himmels.“

Er glaubt nicht, daß bedeutende, theologische Differenzen weiterhin zwischen der baptistischen Jugend in Ost und West bestehen. Er räumte jedoch ein, daß „kulturelle und psychologische Unterschiede“ existieren. „Es gibt Mentalitätsunterschiede. Wir aus der russischsprachigen Welt wuchsen in einer Gegend auf, in der Christen über lange Zeit Druck ausgesetzt werden. Wir vertreten weiterhin konservative Positionen bezüglich Äußerlichkeiten wie Kleidung und Anbetungsformen. Unser Verständnis gewisser demokratischer Werte ist unterschiedlich. Wir sollten jedoch immer das betonen, was uns vereint.“

Doch was müßte sich noch unter den ukrainischen Baptisten ändern? „Wir müssen unser Verständnis von der heutigen Zeit ändern,“ antwortete Ungurjan. „Wir verfügen gegenwärtig über einmalige Chancen und müssen uns täglich bemühen, sie zu begreifen und auszunutzen. Wir müssen ebenfalls unsere Sicht auf die Ukraine verändern. Wir sind zu einer Brücke zwischen Ost und West geworden; wir müssen die neue, globale Rolle der Ukraine ernstnehmen. Heute sind wir imstande, Missionare auf das gesamte Gebiet östlich und südlich von uns vorzubereiten.“

Die Arbeit des Jugendleiters unter der Woche
Der Anwalt Pawel Ungurjan fügte hinzu, daß er nur am Wochenende als Jugendleiter gelte. Nach ersten Erfahrungen im Stadtrat von Odessa wurde er im September 2007 ins ukrainische Parlament, die “Werkhowna Rada”, gewählt. Er sowie drei weitere Baptisten und ein Pfingstler gehören dort der Regierungspartei, dem „Block Julia Timoschenko“ an. Ein-hundert-fünf-und-fünfzig der 450 Parlamentsmitglieder gehören dieser Partei an. Sein Parteikollege ist Dr. Alexander (oder Oleksandr) Turtschinow, Doyen der baptistischen Politiker in der Ukraine. Turtschinow ist seit 1993 mit Ministerpräsidentin Timoschenko verbunden und dient gegenwärtig als ihr Erster Stellvertretender Ministerpräsident. Der 1964-geborene Ökonom wurde durch seine vorübergehende Funktion als erstes ziviles Oberhaupt des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU (einst KGB) bekannt. Seine Amtszeit währte nur von Februar bis September 2005. Ungurjan fügt hinzu, daß viele Baptisten als Dorfbürgermeister oder Mitglieder von Stadt- und Regionalräten aktiv seien.

Findet Ungurjan es bedenklich, daß alle Baptisten im Parlament dem Block Timoschenko angehören? „Es wäre besser, wenn sich die Baptisten auf verschiedene politische Parteien verteilten,“ antwortete er. „Doch leider ist nur eine Partei bereit, Baptisten in ihre Reihen aufzunehmen. Die anderen Parteien verfügen über keine Baptisten – sie wollen auch keine.“ Der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko fühlt sich dem orthodoxen Kiewer Patriarchat verpflichtet; die pro-russische, von Wiktor Janukowitsch angeführte „Partei der Regionen“ steht zum Moskauer Patriarchat. Ungurjan unterließ den Hinweis, daß viele Baptisten anfangs im Jahre 2004 Wiktor Juschtschenko unterstützten. Der Kiewer Bürgermeister, Geschäftsmann und Charismatiker Leonid Tschernowetski ist mit der Partei von Wiktor Juschtschenko liiert. Tschernowetski ist Mitglied der von dem Nigerianer Sunday Adelaja gegründeten „Botschaft (Embassy) Gottes“. Noch 2008 behauptete die „Embassy“, allein in Kiew über 25.000 Mitglieder zu haben. Doch Adelajas Verwicklung in einem betrügerischen „Ponzi“-Schnellballsystem u.a. hat zu Einbüßen im laufenden Jahr geführt.

Trotz der äußerst zurückhaltenden Einstellung seiner Union, äußert sich Pawel Ungurjan verständnisvoll hinsichtlich des nigerianischen Pastors. „Es ist gut, daß es in der Ukraine einen Sunday Adelaja gibt. Bis zu seinem Eintreffen war das Gesicht des ukrainischen Protestantismus stets nur europäisch und weiß gewesen. Er dient uns als Lehre und Belehrung. Aber er hat dazu geneigt, das Ausmaß seiner Erfolge zu übertreiben, und das hinterläßt einen unseriösen Eindruck. Seine Behauptung, die Orange-Revolution eigentlich inszeniert zu haben, kam nicht gut an. Es wäre für ihn viel besser, wenn er mit uns Baptisten und der evangelikalen Bewegung überhaupt kooperieren würde. Dann würden die Leute sagen: „Jawohl“.

Wie reagieren die Ukrainer überhaupt auf einen baptistischen Politiker? „Viele Menschen sind entsetzt, andere freuen sich darüber. Aber auch innerhalb unserer eigenen Gemeinden herrscht keine einheitliche Meinung. Manche Baptisten sind weiterhin der Auffassung, politisches Engagement sei unnötig. Doch ich bin der Meinung, man müsse sich beteiligen an dem Versuch, eine neue Qualität von Regierung zu schaffen. Christen sind dazu aufgerufen, zur Veränderung der Gesellschaft beizutragen.“ Dieser Politiker ist ein eindeutiger Optimist. Auf die Frage, ob die politischen Bemühungen der ukrainischen Baptisten eine größere Distanz zwischen ihnen und den Baptisten Rußlands schaffen würden, erwiderte er: „Ich denke, das Gleiche wird auch noch in Rußland passieren.“

Im Augenblick ist Pawel Ungurjan für Klärungsfragen unabkömmlich: Am 15. August 2009 hat er geheiratet!

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 18. August 2009
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Tel/Fax: 007-495-954-9231
„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Meldung Nr. 09-25, 1.206 Wörter oder 8.837 Anschläge mit Leerzeichen.



Manche kasachischen Evangelikalen suchen die Einheit
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Bericht über ein Land mit christlichen Wurzeln


M o s k a u – Manchmal beschreiben die ethnisch-kasachischen Evangelikalen Kasachstans ihre Bekehrung als eine Rückkehr zu den Wurzeln. Dabei weisen sie darauf hin, daß zwischen dem zweiten und 14. Jahrhundert die Turkvölker im Gebiet des heutigen Kasachstans größtenteils assyrisch-koptischen Glaubens waren. Im 14. Jahrhundert hatte der Eroberer Tamerlan (oder Timur Lenk) mit Gewalt den Islam durchgedrückt. Kasachen heute verwerfen Jesus als einen russischen Gott – den Gott der Kolonisatoren. Doch die Turkvölker der Region waren mehrheitlich christlich für mehr als 1.000 Jahre – und das schon lange vor der Bekehrung Rußlands im 10. Jahrhundert. Überreste christlicher Kultur sind weiterhin in der kasachischen Kultur vorhanden: Der Tod eines Menschen wird für drei, sieben und schließlich 40 Tage betrauert. „Eine derartige Tradition gibt es im Islam nicht,“ erzählt ein kasachischer Evangelikaler.

 

Doch die Islamisierung schlug voll durch, und als Kasachstan 1991 die staatliche Unabhängigkeit erlangte, gab es nicht mehr als 40 protestantische Kasachen im ganzen Lande. Zu dem Zeitpunkt hatten Baptisten russischer Union bereits mehr als ein Jahrhundert in dem Lande verbracht – ethnisch-deutsche Lutheraner und Mennoniten noch länger. Warum hatten sich Christen nicht stärker bemüht, Kasachen für den christlichen Glauben zu gewinnen? „Russische Baptisten hatten keine Ahnung von den Kasachen – unsere Kulturen sind völlig verschieden,“ antwortet einer. Das Bekehren von Kasachen war auch während der kommunistischen Ära gefährlich.

 

Die Missionare, die ab 1991 in das Land strömten, schritten schnell zur Tat. Bis zu 100.000 Kasachen haben sich zum christlichen Glauben bekannt. Doch durch Emigration und die durchaus hohen Kosten der Nachfolge sind nur noch 15.000 von ihnen heute in Kasachstan aktiv. Im Lande gibt es insgesamt rund 70.000 Protestanten; sie sammeln sich in 1.000 registrierten sowie in einer noch höheren Zahl kleiner, nichtregistrierter Gemeinden. Die meisten ethnisch-kasachische Gemeinden sind unregistriert. Die registrierte Baptistische Union Kasachstans gehört zu den wenigen Denominationen mit sowohl russischen wie kasachischen Mitgliedern: Von den 12.000 Mitgliedern dieses Kirchenbundes sollen 1.500 kasachischer Nation sein. Rund 67% der 16,4 Millionen Bürger des Landes sind Kasachen, weitere 21% sind Russen. Nach Indien und Argentinien ist Kasachstan flächenmäßig das neuntgrößte Land der Erde.

 

Gegenwärtige Auseinandersetzungen mit dem Staat

Gemeinsam haben muslimische und russisch-orthodoxe Kreise drei Versuche gestartet, um die toleranten Religionsbestimmungen aus der Verfassung von 1995 zu entfernen. Der letzte Vorstoß kam im Dezember 2008 zum Erliegen als Staatspräsident Nursultan Nasarbajew durchaus couragiert die Unterschrift verweigerte. Das weiterhin geltende Gesetzeswerk von 1995 gewährt allen religiösen Gemeinschaften gleiche Rechte. Ein leitender Evangelikale Kasachstans erklärt kategorisch: „Wir vertreten die Auffassung, diese ursprüngliche Verfassung vertrete die Sicht der Bibel in allen Punkten.“ Die Satzung einer interkonfessionellen Vereinigung, die er angehört, spricht von der Erwartung, daß sich alle Mitglieder der Staatsverfassung unterwerfen.

 

Kasachstan bleibt bedeutend toleranter als seine unmittelbaren, zentralasiatischen Nachbarn. Die Registrierung einer kasachischen Ortsgemeinde setzt weiterhin nur 10 Mitglieder voraus – in Kirgistan liegt die Zahl inzwischen bei 200. In Usbekistan ist im Haushalt nur eine Bibel zugelassen; sonstige religiöse Literatur muß in kirchlichen Einrichtungen gelagert werden. Doch Turkmenistan wird als die restriktivste der zentralasiatischen Republiken eingestuft.

 

In Kasachstan wird Protestanten unterstellt, unter den Bürgern Zwietracht zu säen. Ein Bürgerkrieg indonesischen Ausmaßes wird beschworen. Russische Orthodoxe und sunnitische Muslime geben zu Protokoll, daß sie die Anhänger der jeweils anderen Religion nicht missionieren werden. Es sind eben die Evangelikalen, die sich weigern, die vorhandenen Grenzen und Besitzstände zu respektieren. Voraussichtlich müssen bis Ende des Jahres die meisten der 20 protestantischen Seminare und Bibelschulen die Tore schließen. Der Staat weigert sich, die wissenschaftlichen Abschüsse der Dozenten anzuerkennen.

 

Doch einige Evangelikale bestehen darauf, daß die Unterdrückung subtil ausfalle und sich vor allem gegen Christen kasachischer Nation richte. Ethnisch-kasachische Pastoren werden vom Staat nicht anerkannt; die Bekehrten haben nahezu keine Chance, eine Anstellung in staatlichen Einrichtungen zu ergattern. Gemeinden werden polizeilich überwacht. Eine rigide Zensur ist in Kraft; alle importierten Bücher werden darauf untersucht, ob sie terroristische Passagen enthalten. Es ist u.a. auch schwierig geworden, Bekehrte auf öffentlichen Friedhöfen zu beerdigen.

 

Ein Pastor, der bemüht ist, den Staatsvertretern die Loyalität und Hilfsbereitschaft der Evangelikalen unter Beweis zu stellen, beschreibt die Protestanten als die vehementesten Verfechter der weiterhin geltenden kasachischen Verfassung. Sie verstehen sich als Wahrer der Verfassung gegenüber Kommunalbehörden, die außerhalb des Gesetzes agieren. „Manchmal attackieren staatseigene Zeitungen und Zeitschriften uns Evangelikale. Doch das dürfen sie sich nicht erlauben – so verstoßen sie gegen das Gesetz.“ Zeugen Jehovas, Scientologen und Mormonen gelten ebenfalls als „Protestanten“ in den öffentlichen Medien. Der Pastor berichtet: „Die Zeugen Jehovas sind uns eine schwere Last geworden.“

 

Derselbe Pastor fügt hinzu: “Unser größtes Problem ist jedoch nicht die Regierung – damit würden wir schon klar kommen. Unser Problem ist vor allem die Verfolgung, die die Gläubigen innerhalb der eigenen Familie erleben. In unserer Kultur sind die Familien sehr eng. Dreihundert Jahre lang befanden wir uns unter russischer Herrschaft und nur unter dem Schutz der Familie konnte unsere Kultur überleben.“ Üblicherweise werden zu Christus Bekehrte von ihrer Verwandtschaft geschaßt – eine höchst schmerzhafte Erfahrung für alle Kasachen.

 

Die versuchte Lösung

Unabhängig von der Landesverfassung hat Präsident Nasarbajew vier Glaubensgemeinschaften zu den traditionellen Religionen des Landes erkoren: sunnitsche Muslime, russische Orthodoxe, römische Katholiken und Protestanten. Als „Protestanten“ gelten offiziell nur Lutheraner und russische Baptisten.

 

Eine staatlich-anerkannte interkonfessionelle Vereinigung existiert. Sie besteht gegenwärtig aus jenen protestantischen Gruppierungen, die weder russisch-baptistisch noch lutherisch sind. Rund 100 Ortsgemeinden gehören ihr an. Es besteht die Hoffnung, daß innerhalb von drei Jahren mindestens 600 der 1.000 registrierten Ortsgemeinden der Vereinigung beitreten.

 

Das augenblickliche Ziel der Vereinigung besteht darin, von einer der beiden protestantischen Denominationen in Schutz genommen zu werden. Diese Kirche soll beim Staat für die Vereinigung eintreten. Die Vereinigungsleitung hat vorläufig die Hoffnung aufgegeben, die russischen Baptisten für diese Aufgabe zu gewinnen. Franz Thießen (oder Tissen), seit 1993 Oberhaupt der Baptistenunion Kasachstans, wird als „gottesfürchtigen Mann“ beschrieben. Ein Vereinigungsvertreter sagt: „Seine Gemeinde in Saran bei Karaganda hat bereits 2.000 Mitglieder und wächst weiter. Das ist für mich ein Indiz dafür, daß er ein Mann Gottes sei.“ Doch die Union Thießens hat 2006 ihre Beziehungen zu den internationalen, baptistischen Organisationen abgebrochen und ist auch nicht verbündet mit der konservativen und eigenständigen „Southern Baptist Convention“ der USA. Verbindungen bestehen vor allem zu ein paar Aussiedlergemeinden im Raum Düsseldorf, die größtenteils aus ehemaligen Bewohnern Kasachstans bestehen. Berichte bestätigen, daß Thießen auch von der theologisch konservativen, 1846-gegründen Bewegung der Evangelischen Allianz Abstand nehme, da sie für ihn als „ökumenisch“ gelte. Die geschichtliche Sternstunde des kasachischen Protestantismus fand im September 2006 in Almaty statt, als die „Global Mission Fellowship“ gemeinsam mit anderen eine internationale Missionskonferenz durchführte. Zugegen waren Pastoren und Missionare aus 48 Staaten; ein Ergebnis war die erstmalige Begegnung überhaupt mit Staatsvertretern auf höchster Ebene. Die baptistische Union Kasachstans blieb dem Ereignis fern.

 

Selten unter den Unionen registrierter Baptisten ist die Tatsache, daß die von Thießen geleitete Union enge Beziehungen zur Bewegung der nichtregistrierten Baptisten unterhält. In ihren Auseinandersetzungen mit dem Staat hat Thießen sie unterstützt. Kürzlich erhielten mehrere ihrer Pastoren Geldstrafen für das Abhalten nichtregistrierter Gottesdienste. Diesen Knoten läßt sich nicht leicht durchschlagen, denn die „Internationale Union der Kirchen der Evangeliumschristen-Baptisten“ (IUCECB) würde die staatliche Registrierung verweigern, auch wenn man sie ihr gewähren würde. Im Prinzip lehnt die IUCECB das ab, wonach sich Hunderte von kasachischen Gemeinden sehnen: die staatliche Zulassung.

 

Folglich besteht die Hoffnung, Juri Nowgorodow (Astana), Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Kasachstans seit 2005, möge sich der Sache der nichtregistrierten, evangelikalen Gemeinden annehmen. Aber inzwischen hat seine Kirche engen Kontakt mit der in St. Louis-beheimateten “Lutheran Church-Missouri Synod”, die sich ebenfalls allen Verbindungen zu den international-etablierten Organisationen des mehrheitlichen Luthertums entzieht. Kasachische Lutheraner agieren zurückhaltend den evangelikalen Gruppierungen gegenüber – erst recht gegenüber Charismatikern.

 

Eine von Maxim Maximow geleitete charismatische Gemeinde in Almaty hat über 2.000 Mitglieder und nimmt mit ihrem Fernsehsender „CNL“ eine führende Rolle bei den christlichen Sendern russischer Zunge ein. Diese Gemeinde gehört der von dem Schweden Ulf Ekman gegründeten Bewegung „Neues Leben“ an. Zumindest in Kasachstan fährt sie einen höchst eigenständigen Kurs völlig unabhängig von den anderen evangelikalen Kirchen.

 

Die interkonfessionelle Vereinigung meint, der Staat reagiere mit Wohlwollen auf ihre Bemühungen, denn er würde lieber mit einer oder zwei evangelische Körperschaften verhandeln als mit Hunderten. Sie meint, mit einem einzigen, vereinigten Seminar könnte man es vielleicht noch immer hinbekommen, die hohen Akkreditierungsauflagen des Staates zu erfüllen.

 

Die Hürden bleiben beachtlich – in Kasachstan gibt es weiterhin Hunderte kleiner, nichtregistrierter Denominationen mit Leitungen, die der interkonfessionellen Kooperation keine größere Bedeutung beimessen. Beispielsweise sind koreanische Evangelikale weiterhin in Kasachstan aktiv – und es soll allein in Südkorea über 100 selbständige, presbyterianische Denominationen geben.

 

Dr. William Yoder

Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB

Moskau, den 6. August 2009

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„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“

 

 

RUECB erwägt die Mitgliedschaft in der „Konferenz europäischer Kirchen“
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RUECB in Lyon vertreten

M o s k a u / A m s t e r d a m – Die Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) hat die Absicht, dem Unionsrat ihrer Kirche den erneuten Beitritt zur in Genf beheimateten „Konferenz europäischer Kirchen“ (KEK) nahezulegen. Das ist ein Ergebnis der 13. Vollversammlung der KEK, die vom 15. bis 21. Juli in Lyon/Frankreich tagte. Nach einer Unterbrechung von etwa einem Jahrzehnt, hat die RUECB nun erstmals wieder an einer größeren Konferenz der KEK teilgenommen. In jüngster Vergangenheit hat sich die RUECB an den „Europäischen Ökumenischen Versammlungen“ der Kirchen beteiligt – die letzte fand im September 2007 in Sibiu/Rumänien statt. Diese sind jedoch keine KEK-Veranstaltungen im engeren Sinne, da sie von der katholischen Kirche mitgetragen werden.

Abgesandter der RUECB in Lyon war Pastor Witali Wlasenko – Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei dieser Kirche. Nach der Konferenz gab er zu Protokoll: „Die KEK ist für uns eine passende Bühne, auf der wir den Dialog mit anderen Kirchen führen können. Wir müssen erfahren, wohin der Wind weht und von den neuesten Entwicklungen hören. Wir müssen wissen, wie die anderen Kirchen denken und ihr Urteil bezüglich der kirchlichen Lage in Rußland erfahren. Rußland bleibt ein Teil Europas und es ist notwendig, daß wir unser Interesse und unsere Anteilnahme an dem, was sich in der kirchlichen Gemeinschaft Europas abspielt, zum Ausdruck bringen.“

Wlasenko bedauerte das Fehlen des Moskauer Patriarchats der “Russischen Orthodoxen Kirche” in Lyon und äußerte die Hoffnung, daß sie noch zu diesem 1959-gegründeten Forum europäischer Kirchen zurückkehren möchte. In Lyon fanden immerhin tiefergehende Gespräche zwischen ihm und den Vertretern anderer orthodoxer Kirchen statt. Gespräche mit westeuropäischen Baptisten und mit Dr. Edmund Ratz, dem Erzbischof der in St. Petersburg beheimateten Evangelisch-Lutherischen Kirche Rußlands (ELKRAS) erwiesen sich ebenfalls als besonders hilfreich.

Diskussionen im Plenum erweisen sich meistens als sehr langwierig – in Lyon waren immerhin 306 Kirchendelegierte zugegen. Wlasenko merkte dennoch an, daß viel von der KEK gelernt werden könne über den Aufbau transparenter und demokratischer Kirchenstrukturen.

In Amsterdam unmittelbar nach dieser Konferenz meinte Witali Wlasenko: „Ich denke, wir werden voranschreiten und im nächsten Frühling unserem Rat vorschlagen, wieder Mitglied der KEK zu werden.“ Auf dem Papier bleibt die „Euro-Asiatische Föderation der Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ Mitglied der KEK. Dennoch ruht ihre Mitgliedschaft und man geht davon aus, daß – vorausgesetzt, die leitenden Gremien stimmen zu – die RUECB diese Mitgliedschaft einfach übernimmt. Wlasenko meint, die Russische Orthodoxie müsse ebenfalls um ihre Meinung gebeten werden bezüglich einer Mitgliedschaft der RUECB in der KEK.

Wlasenko führt das anhaltende Zögern russischer Baptisten, sich interkonfessionellen Organisationen anzuschließen, auf die Angst vor einem möglichen Identitätsverlust zurück. Äußere Einflüsse könnten die Union in Richtungen lenken, die der Unionsführung nicht genehm seien. „Wir müssen sehr behutsam unter uns vorgehen und viel Zeit fürs Gespräch einräumen. Wir sind eigentlich für den Dialog, die Annahme und Friedensstiftung. Aber wir hegen noch die Angst, unsere Grenzen und unser Profil zu verlieren.“ Nach den Jahrzehnten erzwungener, unfreiwilliger Einheit unter kommunistischer Vorherrschaft wird es einige Mühe erfordern, russische Baptisten in die Gemeinschaft mit anderen Kirchen innerhalb und außerhalb Rußlands zurückzuholen. Auf jeden Fall wird für die absehbare Zukunft die Mitarbeit der RUECB im Rahmen der KEK nur mäßig bleiben.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 31. Juli 2009
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Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-23, 815 Wörter oder 5.911 Anschläge mit Leerzeichen.



Baptistisches Kinderlager in Usbekistan gefährdet
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Gerichtsverfahren in Taschkent eingeleitet


M o s c o w – Rechtzeitig zu Beginn der Sommerferien ist das Kinderlager der usbekischen Baptisten “Radost” (Freude) in den Bergen nahe der Hauptstadt Taschkent geschlossen worden. Sein Direktor, der baptistische Laienprediger und Geschäftsmann Dmitri Pitirimow, wurde am 7. Juli von der Polizei verhört. Ein Gerichtsverfahren wurde eingeleitet. Das 1996 gegründete Lager hat in den letzten Jahren jeweils acht sommerliche Kinderwochen mit bis zu 70 Teilnehmern durchgeführt. Die Gesamtzahl der Kinder pro Sommer belief sich auf rund 500.

Die Kampagne gegen die „Freude“ begann am 15. Juni als die Zeitschrift „Horizont“ einen Aufsatz abdruckte mit der Überschrift: „Die traurigen und verbrecherischen Taten der ‚Freude’“. Es folgten Beiträge in anderen Zeitungen und Medien. Der Aufsatz im „Horizont“ zitiert den Fall eines Schülers der fünften Klasse, der im vergangenen Sommer an einer Kinderwoche im Lager teilgenommen hatte. Nach den Berichten der Eltern fiel danach sein verstörtes Verhalten auf. Da er sich für einen Sünder hielt, war er nicht mehr fröhlich, versuchte vor Mahlzeiten zu beten und las ständig aus Schriften, die er irgendwie im Zusammenhang mit dem Lager ergattert hatte. Der Verfasser folgert: „Er hat eine psychologisches Trauma erlitten, dessen Überreste ihm bis zum Ende seines Lebens begleiten werden.“ Der Aufsatz hält es für unglaublich, daß usbekische Bürger ihre Kinder freiwillig in die Hände eines Baptistenpastors geben würden. „Ist der Sohn zum Sektierer geworden,“ fragt der Verfasser. „Horizont“ wirft dem Lager vor, Zwietracht in muslimische Familien gesät und bewußt Minderjährige gegen deren Eltern aufgebracht zu haben. Der Artikel weist ferner auf die verdächtig niedrigen Preise des Lagers hin: ungefähr $5 US pro Woche. Er schreibt wiederholt, daß dieser vermeintlich „kostenlose Käse“ mit wesentlichen Auflagen verbunden sei.

Dmitri Pitirimow erwidert, kein Kind werde ohne einen von den Eltern oder Erziehungsberechtigten unterschriebenen Einweisungsschein (Putjowka) aufgenommen. Er kann auch den Einweisungsschein vorweisen, den Raissa Aslanowa, die Mutter des Kindes, für ihren Sohn und ein weiteres Kind unterschrieben hatte. Alle Einweisungsscheine weisen ausdrücklich darauf hin, daß die „Freude“ ein baptistisches Lager sei und erläutern ferner, was die Baptisten eigentlich seien. Kinder werden sogar ermutigt, eine Bibel mitzubringen. Der Zweck des Lagers wird als „geistliche Erbauung“ beschrieben und Eltern unterschreiben an einer Stelle, wo es heißt: „Der Sinn dieser Erholungseinrichtung ist mir bekannt. Die Sicherheitsbestimmungen sind mir vertraut und ich stimme den Bedingungen für den dortigen Aufenthalt zu.“

Der Lagerleiter versichert, es habe sich nichts im Geheimen abgespielt – eine Liste der Kinder wurde wöchentlich an die Miliz übergeben. Er behauptet ferner, das Lager gebrauche keine religiöse Literatur und gebe auch keine an die Kinder weiter. Statt dessen würden viele kindergerechte Filme vorgeführt: „Unsere Zusammenkünfte sind immer interessant. Wir bieten viele Spiele und Lieder; es gibt viel Spaß und Gelächter.“

Der genannte Artikel berichtet auch vom “traurigen Zustand“ der Sanitäranlagen des Lagers. Doch Pitirimow erwidert: „Unsere sanitären Bedingungen sind nicht schlechter, und sogar oftmals besser, als jene der umliegenden Erholungseinrichtungen.“ Nach geringfügigen Aufbesserungen wurde im vergangenen Sommer die „Freude“ vom sanitären Dienst zugelassen.

Ist Usbekistan ein muslimisches Land?

Es wird angegeben, die usbekische Bevölkerung von 27,7 Million sei zu 89% muslimisch. Doch Dmitri Pitirimow, ein in Usbekistan geborener Mensch russischer Nation, besteht darauf, daß Usbekistan kein muslimisches Land sei. Das Land verfüge weiterhin über eine säkulare Staatsverfassung, die den Gläubigen jeglicher Benennung gleiche Rechte einräume. „Bei uns gibt es keinen Streit zwischen muslimischen und christlichen Gläubigen“. Im Bezug auf muslimische Gruppen, die sich nicht mit dem Staat verbünden, fügt er hinzu: „Muslime sind einer stärkeren Verfolgung ausgesetzt als wir Christen.“ In Usbekistan handle es sich um eine Auseinandersetzung zwischen einem militant säkularistischen Staat und Gläubigen. In der medialen Kampagne erkennt er einen Versuch des Staates, den Ruf der Union der usbekischen Baptisten zu beschädigen und das Kinderlager zu schließen. „Doch niemals hat das Land über muslimische Kinderlager verfügt.“ Trotz seiner offiziell säkularen Haltung definiert die usbekische Gesetzgebung jüngsten Datums den Proselytismus und jegliche missionarische Tätigkeit als strafbare Verhandlung, die mit bis zu drei Jahren Gefängnis zu ahnden sei.

Nach einem Exodus nach Rußland und dem Westen verfügt die Baptistische Union Usbekistans nur noch über 2.700 Mitglieder in rund 60 Gemeinden und Gruppen. Die meisten von ihnen sind erst nach 1990 Christen geworden. Menschen usbekischer Nation, die sich heute zu Christus bekehren, halten die Tatsache meistens geheim. Die größten protestantischen Gemeinden des Landes sind charismatischer Orientierung; die Mehrheit der Christen, die in Usbekistan verbleiben, sind ethnisch-russische Orthodoxe.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 15. Juli 2009
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Unsere Erwartungen wurden nicht erfüllt
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Baptistisches Echo auf den Moskauer Besuch von Barack Obama


M o s k a u -- “Unsere Erwartungen wurden nicht erfüllt.” Das war die Erwiderung von Pastor Witali Wlasenko, dem Direktor für kirchliche Außenbeziehungen bei der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB), auf den ersten offiziellen Besuch des US-Präsidenten Barack Obama in der russischen Hauptstadt am 6. und 7. Juli. Trotz Gespräche im Vorfeld des Besuches war es zu keiner Begegnung des US-Präsidenten mit Vertretern der rund eine Million Protestanten Rußlands gekommen. Obama traf sich immerhin mit Patriarch Kirill, dem Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche – Moskauer Patriarchats. Seine Gattin, Michelle Obama, war bei einem orthodoxen Frauenorden, den „Schwestern der Barmherzigkeit des Heiligen Dimitri“, zu Gast. Doch in der Suchthilfe z.B. leisten Protestanten Beachtliches.

“Es ist merkwürdig, daß sich Präsident Obama mit der politischen Opposition treffen würde, jedoch nicht mit uns,” fügte Wlasenko hinzu. „Wir sind gewiß keine politische Opposition, aber wir sind ein wichtiger Bestandteil der russischen Realität. Jeder Blick auf Rußland liegt schief, wenn die vielen nichtorthodoxen Glaubensrichtungen unseres Landes nicht mit berücksichtigt werden.“

Richard Nixon sorgte für wichtige Signale als er am 28. Mai 1972 anläßlich seines einzigen Besuches in der Sowjetunion als US-Präsident dem Gottesdienst in der historischen „Zentralen Baptistengemeinde“ Moskaus beiwohnte. Es gäbe Gründe für die Behauptung, daß nun ein weiteres „wichtiges Signal“ vonnöten sei. In einer Stellungnahme aus Istanbul am 7. Juli, am letzten Tag des Rußlandbesuches des US-Präsidenten, wies Patriarch Kirill ausländische religiöse Organisationen darauf hin, daß sie in Rußland das Gesetz zu beachten und zu befolgen hätten. Damit meinte er auch nicht nur seine muslimischen Zuhörer vor Ort: „Im Jahre 1990 sind buchstäblich ganze Regimente von Missionaren aus Amerika, Westeuropa und Südkorea in Rußland aufgetaucht mit der Absicht, uns das Beten beizubringen. Doch wir erwiderten, daß wir bereits verstünden, wie man zu Gott bete. Schon seit 1.000 Jahren praktizieren das orthodoxe Christen und Muslime.“

„Doch der Tag ist noch nicht zu Ende,“ versicherte Pastor Wlasenko. „Wir haben die feste Hoffnung, daß der US-Präsident uns bei seinem nächsten Besuch aufsucht. Wir bleiben fest von der Notwendigkeit einer verstärkten Verständigung zwischen Ost und West überzeugt und wir freuen uns, daß Dr. Obama überhaupt gekommen ist. Wir beten ernsthaft um gute Beziehungen zwischen unseren beiden Staaten.“

Baptist soll bei einer Staatskommission mitarbeiten

Selten sind alle Entwicklungen auf der kirchlichen Ebene düster. Am 23. Juni ist Witali Wlasenko herzlich empfangen worden von Marina Belogubowa im Moskauer Haus des „Zentralen Föderativen Bezirkes“ (ZFO), eines größeren politischen Gebietes außerhalb der Moskauer Stadtgrenzen. Frau Belogubowa leitet die Verwaltungsabteilung des ZFO. Wlasenko gab zu Protokoll, daß Fortschritte erzielt worden seien bei der Klärung strittiger Fragen. Ein Themenbereich betraf den schmerzlichen Vorfall vom vergangenen August, als die Gebietsbehörden versuchten, das protestantische Kinderlage „Bächlein“ westlich von Moskau zu schließen just als die Zweijahreskonferenz der RUECB ihre Tore öffnete. (Siehe unsere Meldung 8-34 vom 2. August 2008).

Gegen Ende der Unterredung lud Frau Belogubowa den Baptistenpastor dazu ein, sich als Experten der „Kommission für interethnische und interkonfessionelle Beziehungen“ des ZFO zur Verfügung zu stellen. Als regionales Organ hat der ZFO nicht die Wirkung eines nationalen Staatsministeriums. Doch Wlasenko ist bereit, der Kommission nach Bedarf beizustehen.

Zur russischen Bevölkerung von 142 Millionen zählen 20 Millionen Muslime und 275.000 Juden. Die RUECB, die größte einheitliche, protestantische Kirche Rußlands, vertritt rund 80.000 erwachsene Mitglieder in 1.750 Ortsgemeinden und Gruppen. Ihr Präsident ist Juri Sipko.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 9. Juli 2009
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Rußland – eine sterbende Nation?
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Ein Gespräch mit der Pädagogin und Trauma-Spezialistin Marilyn Murray


M o s k a u -- “Rußland ist ein sehr belastetes Land und wird buchstäblich zu einer sterbenden Nation.” Das stellte Marilyn Murray, eine US-amerikanische Pädagogin und Trauma-Spezialistin, die sich mit den Langzeitfolgen von Trauma und Mißbrauch im Kindesalter befaßt, bei einem Gespräch in Moskau am 23. Juni fest. Beweis dafür sei die dramatische, demographische Entwicklung des ethnisch-russischen Bevölkerungsanteils innerhalb des Landes. Dieser Feststellung stimmte auch ihr Gastgeber, Pastor Witali Wlasenko, Direktor für kirchliche Außenbeziehungen bei der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten, zu. Frau Murray, die sich seit 2002 halbzeitig in Rußland aufhält, beschrieb „Angst und Kränkung“ als zwei Gefühle, die das Land entscheidend prägen. „Der Kreislauf von Mißbrauch und Schmerz setzen sich immer wieder fort, wenn eine Intervention ausbleibt.“ Auf ihrer Webseite schreibt sie: „Weil die wesentlichen emotionalen Wunden der Bevölkerung nicht anerkannt und angesprochen worden sind, haben viele Russen gelernt, durch die Flucht in Süchten ihren Schmerz zu verschütten und ihre Traumata zu betäuben.“ Süchte können aus Substanzmißbrauch, Eßgier oder Arbeitswut bestehen – sie können auch sexueller Natur sein.

Die 72-jährige Pädagogin – sie ist Gastdozentin in der Abteilung für Psychologie und Erziehung an der Moskauer Staatsuniversität – berichtete ferner, daß ihr Rußland an die USA im Laufe der 80er Jahre erinnere. „Davor redeten wir Amerikaner nicht über eigene Erfahrungen mit sexuellem Mißbrauch, mit Suchtabhängigkeiten oder Gewalt. Das verleiht mir heute das Gefühl von déjà vu.” Da Rußland am 20. Mai die „Europäische Sozialcharta“ unterschrieben hat, ist damit zu rechnen, daß sein Schulwesen trotz orthodoxen und konservativen Widerstands unter Druck geraten wird, endlich mit sexuellen Erziehungseinheiten zu beginnen. „Auf diesem Gebiet ist Rußland weit abgeschlagen,“ behauptete sie. „Konservative insistieren, Kinder sollen von ihren Eltern eine sexuelle Erziehung bekommen – doch nicht mehr als 5% aller russischen Eltern nehmen diese Verantwortung wahr.“ Am 11. Juni schrieb die „Moscow Times“: „Detaillierte sexuelle Darstellungen sind in Boulevardzeitungen und im spätabendlichen Fernsehen allgegenwärtig. Aber sie zielen auf Stimulation, nicht auf Information.“

Frau Murray vertritt die Ansicht, Menschen protestantischer Herkunft seien gegen die geläufigen Gefahren und Verletzungen der russischen Gesellschaft keineswegs gefeit. Bei der Moskauer Begegnung meinte sie: „Es verbirgt sich ein gewaltiger Schmerz hinter dem christlichen Lächeln.“ Die Nachfolger Jesu seien noch weit von jeglicher Vollkommenheit entfernt. Alle verfügten über „Löcher oder Hohlräume“ in ihrer Vergangenheit. Keine Erziehung sei vollkommen, denn keine Eltern seien vollkommen – sie seien letztlich auch nur Menschen. Viele dieser „Löcher“ oder Schmerzen können nur geheilt werden, wenn wir selber gemeinsam mit Christus sie stopfen – das könne kein anderer an unserer Stelle tun. Kinder verfügten über eine sehr direkte und selbstverletzende Denkweise, sagte sie: „Kinder meinen, daß Gutes guten Kindern widerfährt. Nur schlechte Kinder erleben Schlechtes.“

Wechsel plus Ausgewogenheit

Es besteht dennoch Hoffnung. Marilyn Murray träumt von einem Paradigmenwechsel in der russischen Gesellschaft. Damit meint sie ein Abrücken vom sowjetischen Dogma, in dem der Mensch nur dann einen Wert hatte, wenn er den Staat unterstützte, hin zu einer Position, die den Wert jedes Einzelnen hochhält. Sie sagte: „Du bist wertvoll und der Liebe würdig schon allein aufgrund der Tatsache, daß Gott dich geschaffen hat.“

Dieser Wechsel müsse jedoch von Ausgewogenheit begleitet werden. Die russische Gesellschaft torkele schon lange zwischen extremen Positionen hin und her. Das höchst repressive Zeitalter der 40er und 50er Jahre stehe der heutigen Phase des Hedonismus und der Genußsucht gegenüber. Eltern und Großeltern, die dürre Jahre des Verzichts hinter sich hätten, „verwöhnen nun häufig den Nachwuchs“.

Die Trauma-Spezialistin will mit einem Erziehungs- und Trainingsprogramm zur Umkehrung beitragen. Sie und ihr in Scottsdale/Arizona beheimateter Verein “Health Restoration International” haben bereits Kurse für 1.600 Interessierte aus 177 Städten der ehemaligen Sowjetunion durchgeführt. Ihre „Murray Method“-Seminare bestehen aus fünf Stufen mit zwei weiteren Stufen für solche, die selbst gerne unterrichten möchten. Rund 100 Personen lassen sich heute zu solchen „Ausbildern der Ausbilder“ qualifizieren.

“Health Restoration International” bemüht sich in besonderer Weise um das Ausbilden von Pastoren. Frau Murray merkte an, daß im dörflichen Leben einem Pastor nahezu alles abverlangt werde: Er solle geistliche und emotionelle Mißstände sowie fehlgelaufene Beziehungen „reparieren“. Doch selten seien diese Pastoren ausgebildet darin, anderen seelsorgerlich beizustehen. Ferner hätten sich die meisten Pastoren niemals mit Fragen der eigenen Erziehung im sowjetischen System auseinandergesetzt. Viele stammen selbst aus Familien, die Alkohol- und Kindesmißbrauch erlebt hätten. Ihr fällt ebenfalls auf, daß Pastoren meistens „ihrem Zeitpensum keine Grenzen setzen“. Sie verbringen ihre Zeit damit, sich den Problemen anderer zuzuwenden. Es bleibt wenig Zeit, sich um die eigene Gesundheit und das Wohlergehen der Gattin und Kinder zu kümmern.

Zwei Baptistenpastoren gehören zu den leitenden Assistenten in dieser Arbeit: Roman Popow (Rjasan) ist Direktor für Pastorenbetreuung und hält Seminare für Pastoren bis nach Jakutien und Tadschikistan ab. Wladimir Radjabow (Krasnodar) erteilt Unterricht im Kaukasus und in Dagestan.

Marilyn Murray versteht es, in größeren Maßstäben zu denken. Sie träumt von einer landesumfassenden, interreligiösen Kampagne, die sich dem physischen, emotionalen, geistigen und geistlichen Wohle aller widmet. Sie hat bereits prominente Amerikaner seelsorgerlich betreut – zu ihnen zählt der durch seine Herkunft höchst belastete Weltstar-Boxer Mike Tyson. Heute zählt er zu ihren größten Anhängern; er hat sie auch bereits in Moskau besucht.

Sie berichtete, Gott öffne ihr täglich neue Türen und gestatte ihr als Pädagogin, seine Liebe Menschen mitzuteilen, die üblicherweise von Pastoren und Missionaren nicht erreicht werden. Ihr wird gestattet, Vorlesungen mit einem Bibelwort zu beginnen – auch an der Moskauer Universität und bei Vorlesungen für Gefängnispsychologen. Sogar muslimische Studenten freuen sich darauf, ein Wort Gottes zu hören. „Wunder passieren – Rußland liegt doch nicht im Sterben.“

Frau Murray ist Mitglied der „Scottsdale Bible Church”, einer Gemeinde, die den Weltmissionsauftrag ernstnimmt. Die Anschrift ihrer russischen Webseite lautet: “www.murraymethod.ru”. Ihre in den USA beheimatete Webseite ist zu finden unter: “www.hriltd.org”.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 27. Juni 2009
baptistrelations@yandex.ru
Tel/Fax: 007-495-954-9231
„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-20, 922 Wörter oder 6.798 Anschläge mit Leerzeichen.

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Schwerter zu Kinderzentren
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Das „Kindergesundheitszentrum Zhemtschuzhinka“ hat einiges zu bieten


Reportage

M o s k a u -- Im weißrussischen Imenin sieben Kilometer nördlich der baptistischen Hochburg von Kobrin wurde aus einem Schwert ein Kinderlager, das sich sehen lassen kann. Auf dem weiträumigen Gelände einer Raketenstellung ist am 3. Juni 1995 nach zweijährigen Restaurationsarbeiten das „Kindergesundheitszentrum Zhemtschuzhinka“ (Kleine Perle) offiziell ins Leben gerufen worden. „Zu der Zeit suchte unsere Regierung händeringend nach Abnehmern für brachliegende Militärgelände; da ist unser Baptistenbund gerne in die Bresche gesprungen,“ erzählte Iwan Gritsjuta, der Stellvertretende Leiter des Großvorhabens. Bald vermengten sich die ehemaligen Militärgüter beider Machtblöcke auf dem Gelände als der inzwischen verstorbene deutsche Baptist Helmut Sonnenberg (Wernigerode) seine Hilfslieferungen aus den Beständen der NATO-Armeen aufnahm.

Inzwischen haben mehr als 14.000 Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Lande die Tore des Lagers passiert; sein Hauptdienst besteht weiterhin im Abhalten von Sommerlagern. Die Kinder stammen nur zur Hälfte aus baptistischen Familien; Veröffentlichungen des Zentrums geben an, daß mehr als 5.000 von ihnen sich für ein Leben mit Jesus entschieden hätten. Zhemtschuzhinka will mit seinen 230 Betten in diesem Sommer vier 15-tägige Lager für jeweils 190 Kinder durchführen. Hinzu kommen ein 8-tägiges Lager für altere Jugendliche und ein 6-tägiges Lager für jene Kinder, die am meisten an den Folgen von Tschernobyl zu leiden haben. Während des Lageraufenthaltes werden die Kinder medizinisch auf Herz und Nieren (und natürlich auch Schilddrüse) geprüft. Medizinische Untersuchungen werden auch Erwachsenen angeboten; inzwischen wurden über 41.000 von ihnen medizinisch überprüft. Eine Poliklinik und Zahnarztpraxis stehen mit im Angebot – alles ohne staatliche Zuwendungen. Weil das Zentrum Natur und Räumlichkeiten in üppigem Maße zu bieten hat, sollen in diesem Jahr auch mindestens 12 Konferenzen und fünf Hochzeiten dort stattfinden.

Doch die Leitung des Zentrums hat noch sehr viel mehr vor. Ein höchst ansehnliches, rekonstruiertes Gebäude (ein Seniorenheim) mit 28 Räumen für betagte und bedürfte Menschen will in absehbare Zukunft seine Türen öffnen. In gehörigem Abstand vom Kinderlager (etwa fünf Kilometer) entsteht in einer Waldlichtung ein Rehabilitierungszentrum für Suchtkranke.

Es stellt sich dabei auf die Frage, ob das Projekt für einen Kirchenbund mit nur 13.500 Mitgliedern nicht überdimensioniert sei und einen übermäßig hohen Prozentsatz der wenigen, vorhandenen Geldmittel an sich ziehe. Allerdings läßt sich die Frage kaum beantworten – vielleicht werde die Öffentlichkeit auch erst aufmerksam auf protestantische Vorhaben, wenn sie von dieser Größenordnung sind.

Besonders überzeugend ist die Tatsache, daß das Kinderzentrum Schritte in Richtung finanzieller Selbständigkeit unternimmt. Neben mehreren Gewächshäusern entsteht nun der Ackerbau auf offenem Felde. Extra dafür wurde zusätzliches, angrenzendes Land aufgekauft; das Areal umfaßt nun 40 Hektar. Darauf sollen später auch die Klienten des Suchthilfezentrums Beschäftigungstherapie erleben. Heiße Semmel wären in der Umgebung immer gefragt: In der ehemaligen Offizierssauna soll eine Bäckerei entstehen. Vor Monaten wunderten sich die Lagermitarbeiter über einen Gast aus USA, der sich fast ausschließlich für Stromrechnungen interessierte. Sein Nachbohren hatte dennoch einen Sinn, denn zum Schluß spendete er dem Zentrum drei neue, mittelgroße Windräder belorussischer Produktion. Demnächst sollen die Windräder das gesamte Gelände mit Strom versorgen. Zhemtschuzhinka soll erst der dritte Windpark Weißrußlands werden. „Auf eine solche Idee wären wir selbst nie gekommen,“ gestand der ukrainische Vizedirektor Gritsjuta. „Doch wer könnte Einwände gegen ein solches Projekt haben?“

Bei einem Vorhaben dieser Größenordnung wird nahezu alles benötigt: Möbel, Fahrzeuge, Ersatzteile, landwirtschaftliche Maschinen, Bettwäsche, Kleidung, Küchengeräte – ohne überhaupt von den noch leerstehenden Räumen des Seniorenheims zu reden. Im Winter sind die Räumlichkeiten leider kaum zu verwenden. Dort, wo Heizungsanlagen bereits bestehen, erhebt sich das Problem der Heizkosten.

Natürlich sind auch Menschen gefragt. Freiwillige Handwerker, Bauarbeiter, Kraftfahrer, Köche, Kinderpädagogen, Ärzte, Krankenschwestern und Landwirte. Gibt es einen pensionierten Bäckermeister, der willige Hände anleiten möchte? Könnten nicht auch Missionsteams aus westlicher Richtung mit anfassen? Zu den bisherigen Hauptspendern zählt der medizinische Dienst der Missouri-Convention der US-Südbaptisten; anfangs waren auch Aussiedlermissionen wie „Logos“ und „Friedensstimme“ am Aufbau beteiligt. Gegenwärtig mit von der Partie ist die „German Baptist Aid“ des deutschen „Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden“.

Was spräche gegen Konferenzen westlicher Gruppen im weißrussischen Grünen? Nach Berichten der Zentrumsleitung erkennen die Minsker Behörden deren Leistungen zum medizinischen Wohl der Allgemeinheit durchaus an. Zhemtschuzhinka kann deshalb dafür sorgen, daß möglichst alle möglichst rasch mit Einladungen für den Visumserhalt ausgestattet werden. An den Kosten würde es nicht scheitern: Eine Bahnfahrt von Stettin bis Terespol quer durch Polen kostet gegenwärtig 16 Euro. Von der Grenze bei Terespol/Brest sind es ganze 45 Kilometer bis Kobrin.

Doch die Zentrumsleitung gesteht, daß die Kontakte etwa nach Polen sehr schwach entwickelt seien. Zwischen ihnen steht bekanntlich die Mauer von Schengen und auch die Baptisten westlich dieser Mauer orientieren sich lieber in Richtung der untergehenden Sonne.

Unglaublich aber wahr: Belarus verfügt über eine optische Sauberkeit schweizerischen Niveaus. Auf den Straßen liegt so gut wie kein Müll. Doch verbirgt sich hinter dem Grünen allenthalben Cäsium-137? Es gibt Zweifler, die behaupten, ganz Belarus sei seit 1986 atomar verstrahlt und eine Kindererholung, die ihren Namen verdiene, nur im Ausland stattfinden könne. Doch Lagerverantwortliche wie Iwan Gritsjuta insistieren, Imenin verfüge auch nach internationalen Maßstäben über hervorragende ökologische Werte.

Direktor von Zhemtschuzhinka ist der Baptistenpastor Wladimir Wanditsch. Das Zentrum ist weiterhin ausschließliches Eigentum der in Minsk ansässigen „Union der Evangeliumschristen-Baptisten in der Republik Belarus“. Das Zentrum ist über die Anschrift „kobrincamp@mail.ru“ zu erreichen. Seine russischsprachige Webseite hat die Adresse: „www.campkobrin.org“.

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 19. Juni 2009
baptistrelations@yandex.ru
Tel/Fax: 007-495-954-9231
„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-19, 852 Wörter oder 6.468 Anschläge mit Leerzeichen.


Eine Denkweise, die den Nationalisten diametral entgegensteht

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Vertreter der Orthodoxen, Baptisten und der Regierung treffen sich in Woronesch

 

M o s k a u – Begegnungen einer Delegation von Baptisten mit Regierungsvertretern und Vertretern der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) in Woronesch am 4. Juni wiesen einmal wieder auf die Einzigartigkeit der zwischenkirchlichen Beziehungen in dieser westrussischen Stadt hin. Pastor Witali Wlasenko, Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB) in Moskau, berichtete anschließend: „Unsere Gespräche waren herzhaft und freundlich. In Woronesch haben wir stets über gute Beziehungen zu den Orthodoxen verfügt. Dort haben sich unsere beiden Kirchen niemals bekämpft.“ Er fügte hinzu, daß Sergii (Familienname Fomin), der gutherzige Metropolit von Woronesch und Borisoglebski, die von Finnen organisierte Medienkampagne „Macht der Veränderung“ unterstützt hatte, als sie von April bis Mai 2006 in Woronesch stattfand. Dieses evangelistische Programm, das seit 2003 in 20 russischen Städten durchgeführt worden ist, muß sich gegenwärtig mit erheblichem Widerstand seitens der ROK in Saratow (Wolga) auseinandersetzen.

 

Der Metropolit, der ebenfalls die ROK-Abteilung für Diakonie anführt, spielte eine entscheidende Rolle bei der Gründung einer Antidrogenkampagne in Woronesch im November 2005 – ein Projekt, das von Baptisten mitgetragen wird. Noch wichtiger ist die Tatsache, daß Sergii am 8. Dezember 2005 in Woronesch zur Gründung eines der seltenen „Interreligiösen Räte“ beitrug. Dieser Rat umfaßt sechs Glaubensgemein­schaften einschließlich der Juden und Muslime. Anläßlich dessen Gründung meinte der Metropolit: „Unser Rat ist nicht nur interreligiös – er hat auch Kommunalpolitiker mit dabei. Ich meine, es werde sich um ein erfolgreiches Experiment handeln.“ Der Rat wird von einem Politiker angeführt, doch seine beiden Stellvertreter sind der orthodoxe Priester Andrei (Tarisow) und Oleg Alekseew, Leitender Pastor der größten Baptistengemeinde in Woronesch.

 

Russische Nationalisten vertreten die Auffassung, die Glaubensvielfalt schwäche die Nation, da sie deren Einheit zerstöre. Doch die Denkweise des Woronescher Rates steht ihnen diametral entgegen. Ein Bericht über den Rat in einer Lokalausgabe der “Komsomolskaja Prawda” vom 22.4.2008 trägt die Überschrift: „Interkonfessionale Kooperation – Ein Fundament der nationalen Sicherheit Rußlands“. Ein in demselben Jahr vom Rat publizierten Aufsatz hat den Titel: „Der zwischenkonfessionelle Friede im Lande – ein wesentlicher Faktor bei der Stabilisierung der Gesellschaft.“ Ein Untertitel des Beitrages in der „“Komsomolskaja Prawda” lautet: „Alle sind verschieden – Alle sind gleichwertig.“

 

Wlasenko berichtete, Pastor Alekseew genieße hohes Ansehen in orthodoxen Kreisen und habe bereits – und werde – mehrere Staatsorden entgegennehmen. „Alekseew hat ein einzigartiges Verhältnis mit den Orthodoxen. Er hütet sich, sie zu kritisieren und hat mit ihnen hervorragende Beziehungen.“

 

Der Rat unterscheidet dennoch zwischen “traditionellen” und „nicht-traditionellen“ Glaubensrichtungen und stellt den evangelistischen Bemühungen von Protestanten keinen Blankoscheck aus. Ein Bericht gibt z.B. an: „Die Vertreter einer Glaubensrichtung aus Übersee betrieben Mission unter dem Deckmantel des Englischunterrichts in einem örtlichen Kindergarten. . . . Staatliche Behörden sollten eine aktive Rolle spielen bei der Klärung derartiger Vorfälle.“

 

Nichtsdestotrotz nimmt die Zahl der Baptisten zu. Nach einer Begegnung von Woloschin und Wlasenko mit Baptistenpastoren am 5. Juni  berichteten sie von 24 Gemeinden in der Region Woronesch. „Siebenundsiebzig Prozent unserer Pastoren sind tätig in neugegründeten Gemeinden,“ erzählte Wlasenko. „Vor 20 Jahren waren es nur zwei oder drei Gemeinden. Die ROK hat zwar 400 Gemeinden im Gebiet, doch nicht alle sind gegenwärtig aktiv.“

 

Zusätzliche Nachrichten

 

1. Am 25. Mai wurden RUECB-Präsident Juri Sipko, Witali Wlasenko und die Repräsentanten anderer protestantischer Kirchen eingeladen, einem Empfang von dem ROK-Patriarchen Kirill anläßlich des „Gedenktages von Kyrill und Method“ beizuwohnen. Es handelte sich um deren erste Begegnung mit Kirill seit seiner Inthronisierung am 1. Februar. Wlasenko zitiert den Patriarchen wie folgt: „’Brüder, ich freue mich sehr, Sie zu treffen. Ich freue mich, daß Sie gekommen sind!’ Er versicherte uns, daß alle zwischenkirchlichen Projekte einschließlich des orthodox-protestantisch-katholischen „Christlichen Interkonfessionellen Beratungskomitees“ (Christian Inter-Confessional Advisory Committee – CIAC) fortgesetzt werden sollen. Der Patriarch hat nichts eingestellt.“

 

2. Russische Baptisten hegen die Hoffnung, bald mit dem Bau einer Kirche in der kriegszerstörten Stadt von Zchinwali/Südossetien beginnen zu können. Witali Wlasenko berichtet, seine Abteilung habe jedoch Bedenken hinsichtlich eines baldigen Baubeginns. „Wir müssen uns zuerst mit dem Baptisten in Georgien verständigen. Sie fühlen sich auch für dieses Gebiet zuständig und von daher müssen wir sehr sensibel und rücksichtsvoll vorgehen.“ Georgien sieht das abgespaltene Gebiet Südossetien als einen Teil des eigenen Landes an.

 

3. Ungefähr 55 Ukrainer, 45 Russen und 10 Weißrussen haben vor, an den Jubiläumsfeierlichkeiten “Amsterdam 400” vom  24. bis 26. Juli teilzunehmen. Zu den zu erwartenden Gästen zählen der russische Chor „Logos“ und die russisch-ukrainische Musikgruppe „Zhiwaja Kaplja“ (Lebendiger Tropfen). (Für weitere Gäste aus Ost und West ist in Amsterdam noch Platz.) Er kleineres Jubiläumsfest mit 250 Teilnehmern ist für Kiew vom 27. bis 29. August vorgesehen.

 

Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 11. Juni 2009
baptistrelations@yandex.ru
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„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-18, 734 Wörter oder 5.547 Anschläge mit Leerzeichen.

 

Eine großzügige Orthodoxie in Minsk

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Die Baptisten von Belarus bleiben optimistisch
 
Reportage
 
M i n s k – Die “Gute Nachricht” (Blagowestie)-Gemeinde in der Minsker Ulitsa Tschaikowskogo 37 im Norden der Stadt ist gut vorangekommen. Sie wurde 1990 mit einer Handvoll von Gläubigen aus der nichtregistrierten Baptistenbewegung gegründet. Heute ist sie die zweitgrößte Baptistengemeinde der Stadt, die der belarussischen (weißrussischen) „Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ angehört. In den vergangenen 19 Jahren hat die „Gute Nachricht“ 500 Menschen getauft und zwei Tochtergemeinden ins Leben gerufen. Vor zwei Jahren entsandte sie 100 ihrer Mitglieder, um die Gemeinde „Neue Erde“ zu gründen. Anfang 2009 mußte sie zwecks Gründung der Gemeinde „Licht der Hoffnung“ weitere 70 Mitarbeiter abgeben. Die drei Gemeinden haben einen sonntäglichen Gottesdienstbesuch von 500 bis 600; nur die älteste Baptistengemeinde der Stadt, Golgatha, hat eventuell mehr.
 
“Wir blicken auf eine wundervolle Zeit in den vergangenen sieben oder acht Jahren zurück,” berichtete Hauptpastor Dmitri Lasuta am 27. Mai. „Wir haben jährlich 40 Neutaufen erlebt und erziehen neue, gemeindeleitende Personen. Ein zweijähriges, von 25 ehemaligen Studenten besuchtes Abendprogramm bietet hautnahe Erfahrung in der Missions- und Gemeindearbeit. Doch der Pastor gestand: „Es kommen keine großen Scharen zu uns – wir müssen um jedes neues Mitglied ringen. Darum auch müssen wir sehr professionell vorgehen. Aber ich bleibe bei meinem Optimismus: Die Kirche macht hervorragende Erfahrungen.“
 
Die “Gute Nachricht” war nie eine gewöhnliche, weißrussische Baptistengemeinde. Das begann damit, daß Pastor Lasuta am Anfang seines Dienstes einen Bart trug. Seine Gemeinde war wohl ferner die erste Baptistengemeinde des Landes, die Schlagzeuge im Gottesdienst zuließ. Auffallend sind die vielen Jugendlichen und das Fehlen einer Kleiderordnung. Lasuta berichtete: „Dank der Pfingstler entdeckten wir, daß unsere Gottesdienste fröhlich sein dürfen – daß es keine Sünde sei, Gott zu feiern.“ Seine Gemeinden sind die ersten Baptistengemeinden des Landes, die Frauen die Leitung von Hauskreisen überläßt. In der Vielfalt erkennt der Pastor Schönheit. „Ich meine, Gott benutzt die verschiedenen Strömungen des Christentums, um uns insgesamt zu bereichern.“
 
Was muß sich innerhalb der baptistischen Bewegung verändern? „Wir müssen den Wert der Toleranz hervorkehren,“ erwiderte er. „Wir sollten betonen, daß unsere Union viele gemeinsamen Werte vertritt, es bestehen jedoch unterschiedlichen Methoden und Stile. Erst jetzt beginnt unsere Leitung zu begreifen, daß wir ohne Zukunft seien, wenn wir die Unterschiede unter uns nicht anerkennen.“ Obwohl der Minsker Geistliche Bedenken hegt bezüglich der Theologie des US-Amerikaners Brian McLaren, ist er begeistert vom Titel seines 2004 erschienenen Buches: „A Generous Orthodoxy” (Eine großzügige Orthodxie bzw. Ein großzügiges Evangelikalentum). „Genau das haben wir nötig!“ schwärmte er. „Es ist uns nicht gestattet, einen Gottesdienst als ‚Begräbnisfeier’ oder als ‚Disko’ abzutun. Das ist eine Beleidigung und dagegen müssen wir uns wehren. Uns bleibt nur der Weg der großzügigen Orthodoxie. Wir müssen uns mit den Veränderungen der Zeit auseinandersetzen und die unveränderlichen Wahrheiten mit einer sich ständig wandelnden Methodik weitergeben.“
Wie stehen die anderen Gemeinden der weißrussischen Union zu dieser Gemeinde? „Manche sind für uns, andere sind es nicht,“ antwortete Lasuta. Der Pastor ist immerhin teilzeitiger Dozent am Minsker Seminar der Union und leitet eine Gemeindegründungs­initiative der 1933 geschaffenen „Slavic Missionary Service“. 
 
Warum nahm die “Gute Nachricht” vor einem Jahrzehnt die Mühe auf sich, der „Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ beizutreten? „Mit anderen hatten wir nur eine begrenzte Gemeinschaft,“ erläuterte der Pastor, der schon 1998 ein Theologiestudium am „Regent College“ in Vancouver/Kanada abschloß. „Wir wollten uns für neue Erfahrungen und Ideen öffnen. In vielem waren wir Selbstversorger, doch hinsichtlich der Gemeinschaft eben nicht.“
 
Gemeindliche Anfänge
 
Dmitri Lasuta gab zu Protokoll, daß sich 1989 eine zweite Spaltung innerhalb der nichtregistrierten Baptistenbewegung Weißrußlands vollzog. Ursprünglich war die Bewegung 1961 vom gesamtsowjetischen „All-Unionsrat der Evangeliumschristen-Baptisten“ abgespalten. Achtundzwanzig Jahre danach verlangte sein weißrussischer Zweig eine Neuregistrierung seiner Mitglieder. „Damals hatte diese Kirche ein Mittel zur Selbstreinigung entwickelt, genannt Sündenbekenntnis. Jedes Gemeindemitglied sollte vor die versammelte Gemeinde treten und seine Sünden bekennen. Mein Freundeskreis und ich waren der Meinung, daß das nur als freiwilliger Schritt in Frage käme. Deshalb sind wir und einige Hunderte mehr aus dem Bund ausgetreten.“ Er fügte hinzu: „Ich habe bei ihnen auch viel Gutes mitbekommen – Treue und Hingabe z.B.“ Bis heute versteht er sich als Pazifist. Doch Lasuta empfindet jenen Gemeindebund ebenfalls als gesetzlich und rechthaberisch: „Der geistliche Hochmut bleibt bei ihnen ein Problem.“
 
Heute unter dem Namen „Internationale Union der Kirchen der ECB“ (IUCECB) bekannt, bleiben die einstigen „Initiativniki“ in Belarus relativ stark vertreten. Sie haben noch bis zu 4.000 Mitglieder im Lande und verfügen über große Gemeinden in Minsk, Brest, Gomel und Mogilew. Ihre Mitgliedschaft weltweit beträgt rund 78.000; wohl die Hälfte von ihnen wohnt weiterhin in den Ländern der ehemaligen UdSSR.
 
Allerdings ist die weitere Zersplitterung der baptistischen Gruppierungen im Lande noch nicht zum Stillstand gekommen. Im vergangenen Jahr sind 16 Gemeinden mit rund 300 Mitgliedern aus der offiziellen weißrussischen Union ausgetreten. Leiter der neuen Gruppierung ist Viktor Nemtsew (Minsk), ein ehemaliger Professor. Der Bruch wird eher auch Leitungsfragen als auf Theologie zurückgeführt. Ein Mitarbeiter der offiziellen Union sagt: „Unser größtes, gegenwärtiges Problem ist der Mangel an Einheit.“
 
Pastor Lasuta ist der einzige Unionspastor, der bis heute in der umstrittenen, charismatischen “Neues Leben”-Gemeinde in Minsk gepredigt hat. Er erläuterte: „Ich wollte meinen Respekt für das zum Ausdruck bringen, was sie als faktische Untergrundkirche leisten. Ich habe Achtung vor ihrem Mut.“ Die 1.000-köpfige Gemeinde, die sich in einem ehemaligen Kuhstall am westlichen Stadtrand versammelt, ist für ihren streitbaren Umgang mit staatlichen Stellen bekannt. Zu ihren Aktionen zählten bisher ein 23-tägiger Hungerstreik im Jahre 2006 sowie eine Petition mit 50.000 Unterschriften, die im März 2008 der Europäischen Union in Brüssel überreicht worden ist.
 
Dennoch bleibt die baptistische Zeltmission in Belarus aktiv und das baptistische Kinderlager und diakonische Programm „Zhemtschuzhinka “(Kleine Perle) in Kobrin unweit von Brest verfügt über starke Beziehungen zur Minsker Regierung. In einem Gespräch räumte Sergei Lukanin (Minsk), der Anwalt von “Neues Leben”, ein, daß sich die Lage seit 2007 entspannt habe. Damals verbrachten drei Pastoren der Gemeinde mehrere Tage im Gefängnis. Problematisch bleibt auf jeden Fall die riesigen Graubereiche in der Handhabung des Gesetzes. Viele Praktiken (und Gebäude), die dem Gesetz nach als illegal einzustufen seien, werden weiterhin von der Regierung des Präsidenten Alexander Lukaschenko toleriert. Zum 1. Juni 2009 wurde „Neues Leben“ einmal wieder aufgefordert, sein höchst ungewöhnliches Gotteshaus zu räumen.
 
Lasuta resümierte: “Ich danke Gott für die Lage, in der wir uns befinden. Ich wünschte mir, wir hätten mehr Freiheit, doch wir haben auf jeden Fall sehr viel mehr Freiheit als vor 20 Jahren. Wir haben nicht das Recht, uns zu beklagen. Wir haben noch immer viele Möglichkeiten, unseren Nachbarn und Verwandten ein Zeugnis zu geben. Das bleibt die Hauptquelle für das weitere Anwachsen der Gemeinde. Unsere Regierung könnte autoritär sein, aber sie ist auf keinen Fall totalitär. Wir schweben irgendwo in der Mitte zwischen Demokratie und Totalitarismus. Die wirtschaftliche Schocktherapie, die die russische Regierung von Boris Jelzin der Bevölkerung unterwarf, blieb uns erspart und viele Beobachter meinen, diese Politik habe unserem Lande nur geholfen. Wir bleiben gespannt bezüglich der Aussichten auf weitere Wandlungen und Verbesserungen.“
 
Die „Union der Evangeliumschristen-Baptisten in der Republik Belarus“ vertritt 13.500 Mitglieder in 290 Ortsgemeinden. Ihr Präsident ist Nikolai Sinkowets (Minsk). Ungefähr 100.000 (1%) der 9,8 Millionen Bürger des Landes sind Protestanten.
 
Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Minsk/Moskau, den 3. Juni 2009
baptistrelations@yandex.ru
Tel/Fax: 007-495-954-9231
„www.baptistrelations.org“ und „www.baptist.org.ru“
 
Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-17, 1.168 Wörter oder 8.473 Anschläge mit Leerzeichen.
 
 
 
Zusammenarbeit zwischen den Orthodoxen und Baptisten Rußlands setzt sich fort
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Erstmalige Begegnung mit dem neuen Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats
 
M o s k a u – Die von höchsten Stellen getragene, langfristig bestehende Kooperation zwischen
dem Moskauer Patriarchat der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) und der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB), die durch die Bemühungen von Kirill, den neuen „Patriarchen von Moskau und dem gesamten Rus“, verstärkt worden war, wird weiter bestehen. Das war die Schlußfolgerung von Witali Wlasenko, dem Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der RUECB, nach einem erstmaligen Treffen mit Ilarion Alfejew in Moskau am 15. Mai. Der 42-jährige Ilarion (auch als Hilarion bekannt), der Erzbischof von Wolokolamsk 130 km westlich von Moskau, hat Anfang 2009 Kirill als Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats abgelöst.
 
Pastor Wlasenko beschreibt sein neues Gegenüber als “einen sehr weisen und frommen Mann. Ich bin von seiner Wertschätzung der Bibel beeindruckt. Er ist hochgebildet und ist entsprechend über die Geschichte der Baptisten informiert. Ich habe mich über das Gespräch mit ihm sehr gefreut und hoffe auf eine wunderbare Arbeitsbeziehung in Zukunft.“ Ilarion, der bereits über mehrjährige Erfahrungen in der internationalen Ökumene und im Bereich der orthodox-katholischen Beziehungen verfügt, diente als Bischof von Wien und Österreich von 2003 bis 2009. Ilarion drückte auch sein Interesse an einer Fortsetzung der Arbeit des „Christlichen Interkonfessionellen Beratungskomitees“ (Christian Inter-Confessional Advisory Committee – CIAC) aus. Nach fast siebenjähriger Pause tagte dieses aus Orthodoxen, Katholiken und Protestanten bestehende Komitee am vergangenen 2. Oktober. Pastor Wlasenko vertritt die Protestanten im dreiköpfigen Führungsteam. Ein überzeugter Verfechter bilateraler Beziehungen, sprach sich der Erzbischof auch für eine Fortsetzung der theologischen Konsultationen zwischen ROK und RUECB aus. Er vertritt ferner die Auffassung, die Ernennung eines vehement nationalistischen Priesters, Alexander Dworkin, zum Vorsitzenden der „Kommission für die Anwendung staatlicher Expertise über die Religionswissenschaft“ beim Justizministerium keinen Schatten auf die offiziellen Beziehungen zwischen Orthodoxen und Baptisten zu werfen brauche.
 
Der in Moskau geborene Ilarion, der erst im März zum Erzbischof erhoben worden ist, hat dem westlichen Protestantismus vorgeworfen, er betreibe wegen seines Verzichts auf die apostolische Sukzession und des Mangels an dogmatischen Lehrmeinungen, ein seichtes „Christianity light“. Doch er und Wlasenko erkennen in der Übereinstimmung von Orthodoxen und Baptisten in ethischen Fragen bezüglich Ehe und der Familie eine starke Basis für die Zusammenarbeit.
 
Der Erzbischof verfügt über breite wissenschaftliche Interessen und hat bereits 30 Bücher sowie mehr als 500 Aufsätze veröffentlicht. Einige davon sind ebenfalls auf Deutsch erschienen. Er betätigt sich sogar als Komponisten – sein „Weihnachtsoratorium“ wurde in Wien im vergangenen Dezember uraufgeführt.
 
Baptisten besuchen das russische Außenministerium
 
Am Tage zuvor, am 14. Mai, wurde Witali Wlasenko von Oleg Wasnetsow, einem Vizepräsidenten des Außenministeriums, der für die Beziehungen mit Bürgerorganisationen innerhalb Rußlands zuständig ist, empfangen. Ein Gesprächspunkt dabei war die Tatsache, daß es Kirchenvertretern aus westlichen Staaten nicht mehr möglich ist, kurzfristig ein offizielles Visum für Rußland zu ergattern. Noch vor einem Jahr konnten russische Protestanten, oftmals innerhalb von 24 Stunden, von ihrem Außenministerium die Einladung erhalten, die für das Ausstellen offizieller Besuchsvisa erforderlich ist.. Heute kann die Prozedur einen ganzen Monat beanspruchen. Wasnetsow versprach, der Frage nachzugehen. Wlasenko meinte, daß eine Unterredung mit Außenminister Sergei Lawrow auf jeden Fall zu empfehlen sei.
 
Nach dieser Begegnung berichtete Wlasenko: „Es war ein gutes Gespräch und die Leute waren sehr offen. Doch über die Protestanten wußten sie wenig und sie schienen überrascht von der Tatsache, daß ihr Land etwa eine Million protestantischer Bürger hat. Das zeigte mir einmal wieder wie wichtig es sei, daß wir Kontakte mit den politischen Vertretern unseres Landes suchen und pflegen.“
 
RUECB besucht EBM in der Schweiz
 
In diesem Jahr war die Russische Union der Evangeliumschristen-Baptisten erstmalig vertreten bei der Jahreskonferenz der Europäischen Baptistischen Mission (EBM). Diese fand vom 7. bis 9. Mai in Bülach bei Zürich statt. Nach dem Besuch berichtete Pastor Witali Wlasenko, der Delegierte der RUECB: „Es war ein wunderbarer Besuch. Es war sehr interessant, sich die Berichte aus Afrika, Südamerika und Indien anzuhören. Doch nun muß ich mich mit meinen Kollegen in Rußland beraten – die russischen Baptisten sind z.B. bereits in Indien aktiv. Außenmissionen aus Nordamerika möchten ebenfalls mit uns kooperieren und wir müssen entscheiden, wie wir am besten die Arbeit des Reiches Christi fördern sowohl in unseren Gemeinden wie im Ausland.“ Dies setze intensive Beratungen mit Ruwim Woloschin (Moskau), dem Direktor der RUECB für Heimat- und Auslandsmission, voraus. Wlasenko fügte hinzu: „Ich meine nicht, daß eine Entscheidung noch vor Einführung unseres neuen Präsidenten im März 2010 getroffen werden kann.“ Der neue Unionspräsident wird Wiktor Rjagusow, Hauptpresbyter (Bischof) des Gebietes Samara, sein.
 
Im Jahre 1979 schloß sich die MASA (Missionarische Aktivitäten in Südamerika) der 1954 gegründeten EBM an. Die Mission arbeitet eng mit der Prager „Europäischen Baptistischen Föderation“ zusammen und hat ihren Sitz auf dem baptistischen Campus in Elstal bei Berlin. Der Generalsekretär ist Pastor Christoph Haus (Elstal). Zu den 18 Mitgliedern der EBM gehören inzwischen die Unionen von Ungarn, Tschechien, Kroatien und dem westlichen Teil Kubas. Die EBM verfügt über die Adresse: „ebm-masa.de“.
 
Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Odessa/Moskau, den 23. Mai 2009
baptistrelations@yandex.ru
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Der juristische Nihilismus ist Rußlands größtes Problem
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Juri Sipko beklagt das Versagen einer würdigen Diktatur
 
M o s k a u – In einem Interview mit seinem eigenen Pressedienst am 4. Mai, beschrieb Juri Sipko, Präsident der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RIECB), seine Kirche als überzeugte Verfechterin der Staatsverfassung. Er beklagte das völlige Versagen einer würdigen Diktatur, die von Wladimir Putin am Anfang seiner Dienstzeit angekündigt worden ist: die Diktatur der Verfassung. Sipko stimmte auch vehement mit der Einschätzung von Dimitri Medwedew, dem heutigen Präsidenten, überein, daß der juristische Nihilismus das größte aller Probleme in der russischen Gesellschaft sei. Orthodoxe stellen die Behauptung auf, die russische Nation sei – zumindest potentiell – ihren westlichen Nachbarn moralisch überlegen. Doch im Gegensatz hierzu stellte Sipko die Vermutung auf, Rußland könnte wegen des willkürlichen Charakters seiner Justiz in seiner Entwicklung noch 1.000 Jahre zurückliegen. Er fügte jedoch hinzu, daß das marxistische Erbe seines Landes an seinen Ursprungsort – Westeuropa – zurückgeschickt werden sollte.
 
Nach Angaben des baptistischen Leiters begann der Abstieg mit dem „Gesetz über die Religion und die Freiheit des Gewissens“, das von der Duma im Juni 1997 verabschiedet worden ist. Es schaffte einen äußerst bedenklichen Präzedenzfall, in dem es eine Hierarchie unter den Hunderten von russischen Glaubensgemeinschaften schuf. Es gewährte den „traditionellen Religionen“ – vor allem der Orthodoxie, dem Islam, Judaismus und Buddhismus – einen bevorzugten Anspruch auf staatliche Anerkennung. Er wies in diesem Interview darauf hin, daß bereits dieses Gesetz an sich verfassungswidrig sei – es zerstöre die in der Verfassung verankerte Gleichstellung aller russischen Glaubensgemeinschaften.
 
Sipko beschrieb die Schaffung einer „Kommission für die Anwendung staatlicher Expertise über die Religionswissenschaft“ im vergangenen März als die logische Folge des Nihilismus bzw. der Gesetzgebung von 1997. Dieses äußerst umstrittene Komitee, das für die Bewertung religiöser Organisationen zuständig sei, besteht vor allem aus vehementen Parteigängern des Moskauer Patriarchats. Kommissionsleiter ist Alexander Dworkin, ein äußerst temperamentvoller, orthodoxer Geistlicher und selbsternannter Sektenkundler (Siehe die Pressemeldung vom 13. April auf unseren beiden Webseiten.)
 
Als Lösungsansatz im Blick auf die juristische Anarchie schlug der Baptistenpräsident vor, russische Staatsdiener abermals auf die Schulbank zu setzen, um sie mit der Verfassung vertraut zu machen, die sie zu verteidigen hätten. Zu den Schülern sollte auch Alexander Konowalow, der orthodoxe Pfarrer, der seit Mai 2008 auch als Russischer Justizminister fungiert, zählen. Sipko vertrat die Auffassung, jeder Politiker höheren Ranges solle auf die Verfassung vereidigt werden: „Jeder ist dazu aufgerufen, dem Vaterland zu dienen – und nicht seinem jeweiligen Boss.“
 
Der RUECB-Präsident verglich den legitimen Staat mit dem Berufsethos von Ärzten. Wenn ein Patient erkrankt, begreift der Arzt die Klagen des Patienten nicht als einen Angriff auf sein professionelles Können. Statt dessen wird sich der Arzt bemühen, möglichst umgehend das Leiden seines Patienten zu mindern. Mit dem gleichen Verständnis sollten Staatsdiener „sofort reagieren, um die Freiheit und Menschenrechte eines Bürgers wiederherzustellen. Nur unwürdige Politiker fassen das Klagen der Patienten als eine persönliche Attacke auf.“ Er fügte hinzu: Wir Russen „müssen damit anfangen, uns gegenseitig zu respektieren, zu unterstützen und zu lieben“. In Rußland gebe es doch so wenig Menschen. „Menschen mit einem freien Gewissen sind die wahren Träger russischer Souveränität.“
 
Mit einem Hinweis auf das Überleben im Zeitalter massiver Repressionen versicherte Juri Sipko, daß er im Machtanspruch der Orthodoxie keine entscheidende Gefährdung der baptistischen Bewegung erkenne. „Ich denke, der gegenwärtige Versuch, das Land auf eine Monoreligion zu reduzieren, das Verlangen unserer Volkes nach selbständigen Bürgern und der persönlichen Freiheit, nur verstärken wird. Unter solchen Bedingungen werden Baptisten, die die Gewissensfreiheit für alle unterstützen, einen bedeutenden Zulauf erleben. Gott sei Dank dafür!“
 
Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Kiew/Moskau, den 15. Mai 2009
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Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-15, 559 Wörter oder 4.179 Anschläge mit Leerzeichen.
 
 
 
Sind wir ein Bindestrich oder ein “Und””?
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Wer sind die Evangeliumschristen innerhalb der RUECB?
 
Reportage
 
M o s k a u – Wer genau sind die „Evangeliumschristen“ innerhalb der “Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten” (RUECB)? Manchmal tragen wir Baptisten selbst zur generellen Verwirrung bei. Der russischsprachige Teil der Webseite des Moskauer Seminars der RUECB (www.moscowseminary.org) berichtet völlig korrekt von „Evangeliumschristen-Baptisten“, doch die Überschrift auf der englischsprachigen Seite lautet „Union der Evangeliumschristen und Baptisten“. Handelt es sich bei unserer Union um einen Bindestrich oder um ein „Und“? Sind wir eine einzige, aus zwei Zweigen bestehende Konfession, oder sind wir tatsächlich zwei verschiedene Konfessionen? Wahrscheinlich sind wir einer Fehlbezeichnung aufgesessen, denn die wenigen leitenden Persönlichkeiten, die ich dazu befragte, hielten ein „Und“ für die passendere Variante. Der 1928 geborene Dr. Alexei Bytschkow, Generalsekretär des „Allunionsrates der Evangeliumschristen-Baptisten“ von 1971 bis 1992, der danach als Baptistenpastor diente, sieht sich wieder als „Evangeliumschristen“. „Anfangs hatte ich mich als Evangeliumschristen verstanden, doch als ein Leiter der gesamten Union, geriet diese Identität in Vergessenheit.“
 
Evangeliumschristen und Baptisten haben sich erst 1944 – unter nicht gerade freiwilligen Umständen - zu einer Denomination, dem „Allunionsrat der Evangeliumschristen-Baptisten“ zusammengeschlossen. In den Jahren der Verfolgung nach 1944 ließe sich das Verhältnis zwischen den beiden Konfessionen wohl am ehesten als „Bindestrich“ bezeichnen. Doch in den Jahren seit der Perestroika hat das Empfinden für die konfessionellen Unterschiede wieder zugenommen. Manche spalteten sich vom Allunionsrat ab. Zwei der 10 Denominationen, die heute zum „Öffentlichen Rat“ baptistischer Kirchen gehören, bezeichnen sich als „Evangeliumschristen“. Im allgemeinen waren Evangeliumschristen städtisch-bürgerlicher, ausgebildeter, stärker sozial-gesinnt und ökumenischer als ihre zahlreicheren baptistischen Geschwister. Doch der Baptist Alexander Zuzerow, der gegenwärtig als Rektor des „Moskauer Seminars der Evangeliumschristen“ fungiert, definiert die Evangeliumschristen schlicht als „theologisch konservativ. Sie bejahen die verbale Inspiration und die Unfehlbarkeit der Schrift.“
 
Die Entstehungsgeschichte der Evangeliumschristen ist mit dem Namen von Iwan Prokhanow (1869-1935), der in einer Familie von Molokhanern in Wladikawkas aufwuchs und sich 1887 den Baptisten anschloß, eng verbunden. Später siedelte er sich in St. Petersburg an, wurde Mitglied der Evangeliumschristen und bleib Anführer dieser Bewegung von 1908 bis 1928. Ihm gelang es nicht, Baptisten und Evangeliumschristen zu vereinen, doch die Einheit der Evangelikalen blieb sein ständiges Anliegen. Er ist bekannt wegen des Satzes: „Im Grundsätzlichen Einigkeit, im Zweitrangigen Freiheit, und in allem insgesamt Liebe.“ In seinem Streben nach christlicher Einheit sprengte er sogar die Rahmen der evangelikalen Bewegung. Nach Verhaftung des Patriarchen Tikhon 1922 erklärte er sich solidarisch mit seinem ehemaligen Unterdrücker: der Russischen Orthodoxen Kirche. Für eine begrenzte Zeit vor 1928 trat er sogar für eine Form des christlichen Sozialismus ein.
 
Doch heute ist das Profil der Bewegung verwässert und ihr Name muß oftmals als Ausweg für Gruppen herhalten, die sich nicht als „Baptisten“ bezeichnen wollen. Ein weiteres Beispiel des gleichen Phänomens ist die Neigung von Pfingstkirchen, sich auf den Namen „evangelisch“ zu beschränken. Das geschieht meistens sehr zum Bedauern der benachbarten, lutherischen Gemeinden. Obwohl die fundamentalistische und separatistische Theologie vieler Aussiedler aus der UdSSR sie am anderen Ende des theologischen Spektrums gegenüber den einheimisch-russischen Evangeliumschristen setzt, agieren nicht wenige von ihnen unter dem Fittichen „Evangeliumschrist“. Das wurde größtenteils getan um eine Verwechselung mit den einheimischen, deutschen Baptisten zu vermeiden, die von den Aussiedlern als theologisch liberal angesehen werden. Zuzerow behauptet, es könne in Rußland bis zu 20 Gruppierungen geben, die sich als „Evangeliumschristen“ bezeichnen. Ganz offensichtlich sind „Evangeliumschristen“ sowohl eine konkrete Konfession wie eine sehr generelle Bezeichnung vergleichbar mit dem Terminus „Protestant“.
 
Plötzlich sind die Evangeliumschristen als selbstständige Große in Rußland wieder sichtbar geworden. Der Moskauer Unternehmer Alexander Semtschenko, bis Februar 2008 ein lebenslanger Baptist, führte in einem Moskauer Hotel Ende April 2009 eine Konferenz mit fast 1.000 Teilnehmern durch. Anlaß war das hundertjährige Jubiläum der Gründung der von Prokhanow angeführten „Allrussischen Union der Evangeliumschristen“. Semtschenko ist für den Vorwurf anfällig, er haben den Namen „Evangeliumschrist“ nur genutzt als Vehikel, um Organisationen parallel zur RUECB aus dem Boden zu stampfen. Er hat dennoch mehr Anrecht auf den Namen als andere, denn er ist immerhin im vorigen Jahr zum Bischof der „Union der Kirchen evangelischer Christen” – wohl genauer als „Union der Kirchen der Evangeliumschristen“ zu übersetzen – ernannt worden.
 
Moskauer Seminar der Evangeliumschristen
 
Mir ging es darum, Informationen über die Evangeliumschristen zu sammeln. Deshalb dachte ich eingangs, ich hätte die falsche Adresse gewählt als ich dem „Moskauer Seminar der Evangeliumschristen“ im Norden der Stadt meine Aufwartung machte. Mir teilte der Rektor mit, die Einrichtung habe sich trotz ihres Namens seit ihrer Gründung stets als überkonfessionell verstanden. Ihre Webseite (www.moscowseminary.ru) unterstreicht die ökumenische Zusammensetzung der Studentenschaft. Ihre 80 Studenten (nur 35 von ihnen studieren vollzeitig und vor Ort) bestehen zu 40% aus Baptisten, 32% aus Pfingstlern/Charismatikern, 15% aus Evangeliumschristen, 6% aus Methodisten und jeweils 3% aus Nazarenern und Presbyterianern.
 
Dank finanzieller Unterstützung der in Greenwood/Bundestaat Indiana beheimateten Mission “OMS International”, konnten Alexei Bytschkow und Witali Kulikow (1936-2007), Chefredakteur der inzwischen eingestellten Zeitschrift „Bratski Westnik“, das Seminar 1993 gründen. Bytschkow betont, die Einrichtung habe von Anfang an über starke Beziehungen zur Orthodoxie geführt und nennt den 1990 ermordeten, orthodoxen Visionär und Priester Alexander Men einen leitenden Geist. Bis heute haben insgesamt vier Orthodoxe zum Dozentenstab gehört.
 
Im überkonfessionellen Ansatz sieht das Seminar ein Standbein seines Versuches, sich „am Markt“ zu behaupten. Zuzerow nennt seine Einrichtung das einzige überkonfessionelle Seminar Moskaus und führt aus: „Wir schlagen vor, daß andere Denominationen wie die Baptisten sich uns anschließen. Wir meinen, 70% unseres Lehrprogramms ist überkonfessionellen Charakters und wir sind gerne bereit, Dozenten aus den jeweiligen Konfessionen das Recht einzuräumen, die restlichen 30% den eigenen Studenten beizubringen. Es hat keinen Sinn, Gelder zu verschwenden und ein fünftes Rad am Wagen anzubringen – wir selber können für das Grundsätzliche sorgen. Alles ist bereit. Wir haben uns die Mühe gemacht, Genehmigungen u.a. vom Brandschutz und von der Hygiene zu besorgen. Wir haben alle Steuern bezahlt. Es wäre ein Zusammenwirken ohne Verlierer. Der Clou dabei ist, daß wir niemanden konvertieren wollen. Die kleinen Kirchen wissen, daß ihre Schützlinge bei uns gut aufgehoben sind.“ Etwa um die Lehre der Erwachsenentaufe ist das Seminar bei Presbyterianern und Lutheranern nicht bemüht. Doch im Bezug auf den notwendigen aber schmerzlichen Prozeß der Zusammenlegung bleiben die Fragen nach „wer“ und „wen“ offen. Welche Seminare seien bereit, die eigenen Tore zu schließen damit andere überleben können?
 
Mit Bedacht habe ich in diesem Aufsatz das Wort “ökumenisch“ benutzt. Es ist genau das Wort, das Pastor Bytschkow benutzte, um die Ausrichtung seines Seminars zu beschreiben. Und just an dieser Stelle spiegelt das „Moskauer Seminar der Evangeliumschristen“ das Erbe der Evangeliumschristen wider: das Streben nach „geschwisterlichen“, überkonfessionellen und ökumenischen Beziehungen.
 
Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau/Berlin, den 28. April 2009
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Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-14, 1.064 Wörter oder 8.083 Anschläge mit Leerzeichen.
 
 
Den Esel mit dem Schutz des Gemüsegartens beauftragen
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Alexander Dworkin wird Leiter der neuen Religionskommission im Justizministerium
 
M o s k a u – Am 3. April wurde Alexander Dworkin, der russische Priester, der für die Verleumdung von religiösen Gemeinschaften, die nicht zum Moskauer Patriarchat der russischen Orthodoxie gehören, berühmt ist, zum Vorsitzenden der „Kommission für die Anwendung staatlicher Expertise über die Religionswissenschaft“ beim Justizministerium gewählt. Genau ein Monat zuvor am 3. März war die Kommission offiziell ins Leben gerufen worden. Der US-Staatsbürger Dworkin soll 1983 das “Saint Vladimir's Orthodox Theological Seminary” in Crestwood/Bundesstaat New York absolviert haben und versteht sich als Sektenkundler. Er ist wegen der eingeworfenen Fensterscheiben und anderer Akten des Vandalismus, die auf seine Auftritte in der russischen Provinz folgen, bekannt. Das Wahlergebnis erzeugte einen sofortigen und heftigen Widerspruch seitens der Religionswissenschaftler und vieler anderer Bürger, die den multiethnischen und multikonfessionellen Charakter der russischen Gesellschaft bejahen. Mit einem Hinweis auf die russische Literatur verglich der Religionsexperte Michael Sitnikow Dworkins Wahl mit dem Versuch, „den Esel mit dem Schutz des Gemüsegartens zu beauftragen“.
 
Diese Kommission ersetzt eine ältere Regierungskommission von Religionswissenschaftlern, die im Juni 1998 geschaffen wurde, um den Staat in religionsbetreffende Fragen zu beraten. Diese Kommission, die auf ihre Überparteilichkeit großen Wert legte, hatte geholfen, das Registrieren von geschäftlichen Interessen, die sich als Glaubensvereine verkleiden wollten, zu verhindern. Doch nur die neue, unter dem Schirm des Justizministeriums agierende Kommission wird über weitreichende Befugnisse verfügen. Sie wird daran beteiligt sein, die Gesetzgebung über religiöse Organisationen zu inszenieren und auszuführen. Der Soziologe Sergei Filatow folgerte: „Nun wird der Staat für den Haß und die Verleumdung, die aus Dworkin emporschießen, geradestehen dürfen.“
 
Russischer Justizminister ist seit Mai 2008 der Anwalt Alexander Konowalow (geb. 1968), der von manchen als orthodoxen Mönch bezeichnet wird. Er ist auf jeden Fall ein überzeugter Schüler des 1955 geborenen Dworkin und war offensichtlich dafür verantwortlich, daß sein ehemaliger Lehrer ins Justizministerium geholt wurde. Ein Stellvertretender Vorsitzender der Kommission ist Roman Silantew, der für seine Ausfälle gegenüber den 20 Millionen Muslimen Rußlands bekannt ist. Ein weiteres Kommissionsmitglied ist der Journalist Jewgeni Mukhatarow, der – wie Dworkin – schon häufig Pfingstler und Charismatiker attackiert hat. Ein besonders renommiertes Mitglied ist der offizielle Chefideologe der Regierungspartei „Einheitliches Rußland“: Iwan Demidow. Demidow, auch ein bekannter Fernsehshowmeister, ist ein Anhänger der antidemokratischen Ideologie des „Neo-Eurasianismus“. Nur ein Mitglied der alten Kommission gehört der neuen an. Roman Lunkin, ein Forschungskandidat der Russischen Akademie der Wissenschaften, beschreibt das Justizministerium als „auf dem Kriegspfad“. Der Justizminister habe die ursprüngliche Kommission von wissenschaftlichen Experten durch eine „orthodoxe Kampftruppe“ ohne wissenschaftlichen Anspruch ersetzt.
 
Reaktion der Nichtorthodoxen
 
In einem Interview mit dem alternativen, orthodoxen Nachrichtendienst “Portal-Credo” reagierte Juri Sipko, der Präsident der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) mit Verzweiflung. Er beklagte das Unvermögen des russischen Staates, seine eigene Gesetzgebung durchzusetzen und fragte: „An wen sollten wir uns noch wenden wenn sogar das Verfassungsgericht nicht gewillt ist, die eigene Verfassung zu verteidigen?“ Er bezeichnete es als angebracht, mit Witz auf die gegenwärtige Entwicklung zu antworten. Nach seiner Überzeugung befasse sich die Regierung schon seit langem mit dem steten Versuch, die Glaubensfreiheit möglichst einzuschränken.
 
Ein Stellvertreter, Witali Wlasenko, Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der RUECB, war optimistischer. Er – wie bereits Michael Sitnikow – möchte glauben, daß nicht alle staatlichen Ministerien dem merkwürdigen Beispiel des Justizministeriums folgen werden. „Vielleicht handelt es sich einfach um einen Irrtum“, meinte Wlasenko. „Wir stehen nicht alleine in der Opposition und hoffen, daß die Kommission noch erweitert wird. Dann würde sie auch die Stimme der Protestanten und die volle Breite religiösen Lebens in Rußland widerspiegeln. Der Baptist ist auch um die geistlichen Folgen besorgt. „Ich bange um das Zeugnis der Russischen Orthodoxen Kirche. Eine christliche Inquisition wäre noch sehr viel schädlicher für unser Zeugnis als die alte atheistische es jemals hätte sein können.“
 
Womöglich lieferte Sergei Rjachowski, Bischof der „Vereinigten Russischen Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“, das schlagendste Argument. Als Mitglied des von Dimitri Medwedew verantworteten „Präsidialen Rates für die Zusammenarbeit mit religiösen Vereinigungen“ verteidigt er oft die Sache der Protestanten mit Hinweisen auf den Patriotismus. Dworkin, der bis 1990 zwei Jahrzehnte in den USA verbracht hatte, wirft er vor, Zweitracht und Destabilisation nach Rußland zu importieren. „Gewissensfreiheit und Menschenrechte berühren die Sicherheit der Russischen Föderation. Wenn eine Destabilisierung geschieht, wird auch der Staat gleich mit destabilisiert, denn es werden Millionen von Bürgern davon betroffen.“ Im wesentlichen werfen sich Rjachowski und Dworkin gegenseitig vor, verkappte Amerikaner zu sein.
 
Der Großmufti Rußlands, Rawil Gaynetdin (Kasan), berichtete, russische Muslime würden der neuen Kommission wegen ihrer Parteilichkeit und des Fehlens jeglicher wissenschaftlichen Expertise keine Beachtung schenken. Er fügte hinzu: „In Anbetracht dessen skandalöser Entstehungsumstände werde ich dieses Staatsorgan nicht weiter kommentieren.“
 
Wenn nicht damit zu rechnen ist, daß russische Gerichte überpartaiisch entscheiden, kann das Straßburger Europäische Gericht für Menschenrechte mit noch vielen weiteren Fällen aus östlicher Richtung rechnen. Das „Slawische Zentrum für Recht und Gerechtigkeit“ in Moskau hat bereits damit begonnen, die vom Justizministerium geschaßte Expertenkommission für Glaubensfragen neu entstehen zu lassen. Das Zentrum hat enge institutionelle Bindungen mit dem in Straßburg ansässigen „Europäischen Zentrum für Recht und Gerechtigkeit“. Beide sind Filialen der in Washington beheimateten American Center for Law and Justice”. Roman Lunkin berichtet, daß das Justizministerium zuerst die Moskauer Niederlassung der “Russischen Bibelgesellschaft” ins Visier nehmen will. Ihr wirft das Ministerium vor, keine religiöse Organisation zu sein. Obwohl überwiegend protestantisch in ihrer Zusammensetzung, vertreibt die Gesellschaft die offiziell kanonisierte orthodoxe Fassung der Heiligen Schrift.
 
Weshalb machen sich jüngere Politiker in Rußland so viel Mühe, den Nichtorthodoxen das Leben zu erschweren? Die Politikwissenschaftlerin Anastasia Mitrofanowa weist darauf hin, daß viele von ihnen in säkularen Familien mit Beziehungen zur kommunistischen Partei aufgewachsen seien. Auch deshalb seien sie an das Schwarz-Weiß-Denken gewohnt. Erst im Erwachsenenalter konvertiert und getauft, neigen Neubekehrte mit einer derartigen Biographie dazu, „päpstlicher als der Papst“ zu sein.
 
Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 13. April 2009
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Außer Gaynetdin haben alle der genannten Personen einen Moskauer Wohnsitz.
 
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Eine große Chance zur Ehre Gottes nutzen
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Führender russischer Baptist besucht die tschetschenische Regierung
 
M o s k a u – Tschetschenien und seine Hauptstadt Grosny erleben einen rasanten Wiederaufbau – und daran sollten sich auch Baptisten beteiligen. Das war das Fazit von Pastor Witali Wlasenko (Moskau), Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB), nach einem Besuch in der einst von Krieg zerstörten Stadt vom 3. bis 5. April. Wlasenko war von dem tschetschenischen Hauptmufti Sultan Mirsajew, den er in einem gemeinsamen, staatlichen Studiengang in Moskau kennengelernt hatte, nach Grosny eingeladen worden. In Grosny besuchten Wlasenko und seine Gattin Jana ebenfalls Ramsan Kadyrow, den 32-jährigen Machthaber und Präsidenten der Republik Tschetschenien.
 
Danach berichtete Wlasenko in Moskau: „Die tschetschenische Regierung hat versprochen, uns beim Wiederaufbau zu unterstützen und ich bin der Auffassung, es sei angebracht, ihrer Einladung Folge zu leisten.“ Wir sollten diese große Chance zur Ehre Gottes nutzen. Wir sollten umgehend einen vollzeitigen Pastor dorthin entsenden, der die Ortsgemeinde wieder sammeln könnte. Es wäre unmöglich, von auswärts her vieles bewerkstelligen zu können.“ Bis zum Ausbruch des ersten Tschetschenienkrieges im Dezember 1994 hatte die Gemeinde rund 450 Mitglieder. Heute verbleiben nur einige wenige hochbetagte Damen, die Wlasenko zu seinem Bedauern nicht ausfindig machen konnte. In den Zwischenkriegsjahren (1996-99) wurde das zerstörte baptistische Bethaus teilweise wiederaufgebaut. Doch dann wurde die Arbeit eingestellt und bis heute nicht wieder aufgenommen. Das Gebäude hat ein neues Dach, doch alle Fenster und jegliche Isolation fehlen. Die juristische Eigentumsfrage ist ebenfalls noch nicht geklärt.
 
Ende des Jahres 2000 kam der zweite Tschetschenienkrieg zum Stehen. Pastor Wlasenko staunte nicht wenig über das Tempo des Wiederaufbaus und die positive Stimmung unter der Bevölkerung der Hauptstadt. „Die Leute ackern um die Uhr, um ihre Häuser und die Stadt wiederaufzubauen. Die Straßen sind pieksauber; nur am Rande der Stadt sind die Kriegsschäden noch sichtbar. Überall gibt es Kinder, und sogar die kleineren Kinder begeben sich ohne Erwachsenenbegleitung zur Schule.“ Die imposante neue Moschee im Zentrum der Stadt hat sich als Brennpunkt tschetschenischen Lebens etabliert. Die wiederaufgebaute russisch-orthodoxe Kirche wird sehr bald wiedereröffnet; zur Wiederkehr nach Tschetschenien werden die Russen aufgefordert. Es gibt sogar Gespräch darüber, die jüdische Synagoge wiederaufzubauen. In einem vertraulichen Gespräch versicherte ein leitender tschetschenischer Politiker gegenüber Wlasenko, seine Regierung wünsche einen für alle Glaubensrichtungen offenen weltlichen Staat – und keinen islamischen. Doch der Baptist ist sich nicht sicher, in welchem Maße sich die Ansichten des Politikers mit denen der Regierung insgesamt überschneiden.
 
Achmat Kadyrow, der Vater des jetzigen Präsidenten, hatte ab 2000 bis zu seiner Ermordung im Mai 2004 als inoffizielles und später als offizielles Staatsoberhaupt gewirkt. Ramsan Kadyrow wurde im Februar 2007 zum Präsidenten ernannt. Beide hatten im ersten Tschetschenienkrieg gegen die russische Armee gekämpft. Im Gespräch mit den baptistischen Gästen führte der jetzige Präsident den Seitenwechsel seiner Familie beim Ausbruch des zweiten Tschetschenienkriegs auf die Erkenntnis zurück, daß die Russische Föderation fest entschlossen sei, Tschetschenien nicht in die Selbständigkeit zu entlassen.
 
Die Freiheit, wonach das tschetschenische Volk sich sehnte, ließe sich auch innerhalb des russischen Staatenbundes verwirklichen. Ferner sei das tschetschenische Volk von der Notwendigkeit überzeugt worden, sich gegen die zunehmend radikalisierten – und oftmals ausländischen – islamistischen Extremisten schützen zu müssen. Der jetzige Präsident verspüre weiterhin große Dankbarkeit gegenüber dem heutigen Ministerpräsidenten Wladimir Putin wegen seiner anhaltenden Unterstützung und Loyalität.
 
Angesichts des eindeutig negativen Rufs der Familie Kadyrow im Ausland räumt Wlasenko ein, er habe während seines kurzen Aufenthaltes nicht die Chance gehabt, „hinter die schicke Fassade zu schauen“. Der Baptist ist überzeugt, daß sich Christen es nicht erlauben dürfen, über die Verbrechen hinweg zu sehen, die jede bzw. alle Parteien begangen hätten. „Manche behaupten, der Krieg sei vorüber und man deshalb im Namen des Friedens die Vergangenheit ruhen lassen solle. Doch ein stabiler und anhaltender Friede läßt sich nur auf der Wahrheit aufbauen. Anwälten muß das Recht eingeräumt werden, Untersuchungen anzustellen. Die Fakten müssen auf den Tisch und die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden.“ Dabei gibt der Pastor auch zu bedenken, daß die Familie Kadyrow der Region eine Phase des Friedens und der Stabilität gebracht habe – zwei Werte von hoher moralischer Bedeutung. Er sagt: „Ich freue mich unwahrscheinlich, daß der Krieg und Aufstand vorüber sind und die Menschen wieder anfangen können, an der Erfüllung ihrer Träume zu arbeiten.“
 
Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
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Viktor Rjagusow als Nachfolger von RUECB-Präsident Juri Sipko vorgeschlagen
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Ergebnisse der Frühjahrssitzung des Bundesrates
 
M o s k a u – Bei der nächsten Konvention der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) in Moskau vom 23. – 25. März 2010 wird ihr Bundesrat Viktor Rjagusow als den Nachfolger von Juri Sipko als RUECB-Präsidenten vorschlagen. Die Amtszeit wird vier Jahre betragen. Das war ein Hauptergebnis des zweimal-jährlich stattfindenden Bundesrates (Sowjet Sojusa), der am 27. März im Moskauer Seminar der RUECB zu Ende ging. Die Konvention (Sjesd), das höchste legislative Organ der RUECB, trifft sich nur alle vier Jahre. Sie tagte letztmalig im Zusammenhang mit dem großen Kongreß, der sich im August 2006 in Brjansk ereignete und selbst im zweijährigen Rhythmus stattfindet. In Brjansk war Juri Sipko für weitere vier Jahre in seinem Amt bestätigt worden.
 
Viktor Semjonowitsch Rjagusow (geb. 16.10.1951), Pastor der 800-Mitglieder-starken „Preobrazhenie" (Verwandlung) Gemeinde in Samara/Wolga, dient in dieser Gemeinde seit 1980. Er ist seit 1992 „Bischof“ (“Erster Presbyter” in Russisch) für die Gebiete von Samara und Uljanowsk. Er ist ferner einer der sieben Regionalen Vizepräsidenten der RUECB und ist verantwortlich für das gesamte Wolgagebiet. In Gegensatz zu seinem älteren Bruder, Dr. Wladimir Rjagusow, der bis 2006 Rektor des Moskauer Bibelinstituts war und vielen in Deutschland und Kalifornien bekannt, beherrscht der Kandidat keine Fremdsprache.
 
Ein Thema anhaltenden Dialogs beim Bundesrat betrifft den Calvinismus, vor allem seine Lehre des ewigen, nicht rückgängig zu machenden Heils. An der Debatte muß auch Wiktor Rjagusow teilnehmen, denn die in Samara befindliche Predigerschule mit dem Schwerpunkt Homiletik wird von der entschieden calvinistischen „Grace Community Church“ des John MacArthur in Sun Valley/Kalifornien getragen.
 
Fragen an anderer Stelle
 
1. Am 12. März gab das Russische Justizministerium Pläne zur weiteren Einschränkung der missionarischen Aktivitäten von Ausländern bekannt. Bis spätestens Dezember soll die neue Gesetzgebung unterschriftsreif sein. In einem Gespräch mit der Zeitung „Gasiety“ meinte Sergei Miluschkin von diesem Ministerium: „Die gegenwärtige Gesetzgebung besagt, daß Ausländer nur auf Einladung einer einheimischen, religiösen Organisation einer Verkündigungstätigkeit nachgehen dürfen. Doch in der Praxis funktioniert diese Bestimmung nicht. Wir werden deshalb vorschlagen, daß predigende Ausländer, die nichts weiter als ein Touristenvisum in der Tasche haben, nicht nur mit einer Ausweisung zu rechnen haben, sondern auch mit einer weitergehenden Bestrafung.“
 
Protestanten, die beim Runden Tisch in der Staatsduma am 19. März dabei waren, reagierten mit Vehemenz auf die vorgeschlagenen Maßnahmen. Konstantin Bendas, Erster Vizepräsident der von Sergei Rjachowski geleiteten „Vereinigten Russischen Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“, erwiderte: „Die bestehende Gesetzgebung ist durchaus imstande, die Bürger vor einer Einmischung in ihre Privatsphäre zu schützen. Falls eine illegale Verkündigung stattgefunden habe, dann nur aufgrund des Bildungsmangels unter den gesetzesschützenden Organen und der Justiz – nicht aufgrund von Gesetzeslücken.“
 
Rechtsanwalt Anatoli Ptschelintsew vom “Slawischen Rechtszentrum” Moskaus wies im eigenen Pressedienst darauf hin, daß eine derartige Gesetzgebung gegen internationale Richtlinien für die Gewährung von Glaubensfreiheit verstoße. Bemühungen, missionarische Aktivitäten einzuschränken, wertete er als einen „Rückfall in sowjetisches Denken“.
 
2. Gelegentlich bekommen auch Baptisten Zuwendungen von staatlichen Stellen. Gegen Ende Mai gab Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow bekannt, daß im laufenden Jahr die Stadt 182 Millionen Rubel (4.044.444 €) zur Sanierung von 17 historischen, religiösen Bauten ausgeben würde: 15 orthodoxe sowie ein muslimisches und ein baptistisches Gebäude. Das erwählte Gebäude ist das Zuhause der 1.700-Mitglieder-zählenden „Zentralen Baptistengemeinde“, das jahrzehntelang während der Sowjetära das einzige, offiziell zugelassen, protestantische Gotteshaus Moskaus darstellte. Für 2009 bekommt die Gemeinde 5,5 Millionen Rubel (122.222 €); in den vergangenen beiden Jahren hat die Stadt den Kirchenbau bereits mit insgesamt 5,2 Millionen Rubel subventioniert. Die Regierungen von Stadt und Land haben in den vergangenen 15 Jahren Millionen von Rubeln für die Sanierung der lutherischen Kathedrale von Sankt-Peter-und-Paul in Moskau eingesetzt.
 
Die RUECB, die größte einheitliche, protestantische Kirche Rußlands, vertritt heute rund 80.000 erwachsene Mitglieder in 1.750 Ortsgemeinden und Gruppen.
 
Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 31. März 2009
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Eine erneute Zweiteilung Europas?
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Ein Plädoyer für Kirchenkongresse auf ukrainischem Boden
 
Ein Kommentar
 
M o s k a u – Europäische Baptisten wollen beisammen sein. Ein Beleg dafür ist die Tatsache, daß der russische „Logos“-Chor 40 Sänger zum Festkongreß anläßlich des 400-jährigen Jubiläums des europäischen Baptismus nach Amsterdam entsenden möchte. Doch eine gewisse Parallelisierung tritt jedoch zutage. Nach dem Weltjugendtreffen des Baptistischen Weltbundes in Leipzig Anfang August 2008 gab es ein zweites, russischsprachiges Jugendtreffen in Odessa/Ukraine Ende desselben Monats. Zum Ereignis in Leipzig trafen 6.300 Jugendliche aus aller Welt ein; in Odessa waren es immerhin 3.500. Vom 24. bis 26. Juli 2009 ereignet sich „Amsterdam 400“. Ein osteuropäischer Kongreß aus gleichem Anlaß findet vom 27.-29. August in Kiew statt.
 
Es wäre ungerecht, den russischen und ukrainischen Baptisten deswegen Vorwürfe zu machen. Hohe Preise und eine äußerst restriktive Visavergabepraxis der Staaten des Schengener Abkommens machen gesamteuropäische Treffen auf westlichem Terrain fast unmöglich. Für Gäste aus Osteuropa hält das Amsterdamer Vorbereitungskomitee die Arme offen, doch die Zahl der tatsächlichen Gäste wird nicht von ihm bestimmt werden. Freunde in den USA behaupten, in Nordamerika sei ein kirchlicher Weltkongreß nicht mehr denkbar. (Der Mennonitische Weltkongreß 2009 findet in Paraguay statt.)
 
Wichtig bei der Frage von Parallelveranstaltungen ist immer noch die Frage der Sprache: Russisch fungiert weiterhin als die „lingua franca“ Osteuropas, im Westen ist es natürlich das Englische. Die Frage der unterschiedlichen, gottesdienstlichen Stile in Ost und West rangiert dabei m.E. an dritter oder vierter Steller.
 
Mitte März 2009 wurde ohne Angabe von Gründen eine für Ende April vorbereitete Deutschlandtour der ukrainischen Musikgruppe „Zhiwaja Kaplja“ (Lebendiger Tropfen) durch die deutsche Botschaft in Kiew verhindert. Die Elstaler Mitarbeiter des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden hatten runde Arbeit geleistet; alle denkbaren Dokumente lagen vor; sogar eine genaue Beschreibung der Veranstaltungsorte- und termine. Bei der Kiewer Botschaft hieß es, eine Antwort auf den sofort eingeleiteten Einspruch gegen die Ablehnung werde sechs bis acht Wochen beanspruchen – telefonische Rückfragen nahezu unmöglich. Bisher ist es dieser völlig unbescholtenen Musikgruppe nur gelungen, westwärts bis Estland vorzudringen.
 
Bereits im Mai 2007 konnten baptistische Radfahrer mit ukrainischem Paß bei der großen Fahrradexpedition von Varel/Deutschland bis Wladiwostok erst ab Grenze bei Brest in Weißrußland dabei sein. Das Gleiche galt schon damals für die Gruppe „Zhiwaja Kaplja“, die auch an der Fahrt beteiligt war.
 
Offensichtlich ist es noch keinem Vertreter der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten (RUECB) gelungen, ein halb- oder ganzjähriges Dauervisum für ein Schengenland zu bekommen. Deshalb ist jede Ausreise weiterhin mit einem erheblichen, bürokratischen Aufwand verbunden. Was allerdings in den USA kaum ein Problem sei, da häufig Besuchsvisa mit einer Gültigkeit von einem Jahr an Kirchenvertreter ausgestellt werden.
 
Eigentlich wäre es sinnvoll, alle gesamteuropäischen Kirchenkongresse – und christlichen Popkonzerte! - in die Ukraine zu verlegen. Dort sind die Preise anständig und die Einreise visafrei für die Bürger praktisch aller europäischen und nordamerikanischen Staaten. Nicht die christlichen Musikbands aus Osteuropa sollten auf Westournee gehen - die Fans mit westlichem Reisepaß sollten lieber zu ihnen kommen. Was wäre sonst zu tun? Wegen der neuntägigen Konzerttour im April wird ein Protestschreiben deutscher Baptisten an das deutsche Außenministerium überlegt.
 
Aller Unkenrufe zum Trotz – touristische Visa für Rußland für bis zu 30 Tage werden weiterhin großzügig vergeben. Gegenwärtig kann man sogar ohne Visum von einer Ostsee-Fähre aus für mehrere Tage nach Rußland einreisen. Allerdings sieht es bei der Einreise humanitärer Güter viel schwieriger aus. Im Juni letzten Jahres z.B. schenkte die Baptistengemeinde Krefeld ihrer Partnergemeinde in Uljanowsk/Wolga einen Minibus mit Hebebühne für den Transport von Gehbehinderten. Nun, nach halbjähriger Wartezeit auf Halde in Rußland, steht der 1992 zugelassene Bus mit 112.000 km auf dem Tacho wieder zuhause in Deutschland. Die Zollbehörde hatte 9.000 Euro verlangt, doch der Bus hat einen jetzigen Marktwert von nicht mehr als 7.000 Euro.
 
Dr. William Yoder
Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB
Moskau, den 23. März 2009
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Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigegeben. Meldung Nr. 09-10, 598 Wörter oder 4.348 Anschläge mit Leerzeichen.
 
 
Ein Punkt mehr auf der kirchlichen Landkarte Rußlands
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Entwicklungen unter den Baptisten Rußlands seit Februar 2008
 
Ein Kommentar
 
M o s k a u – Vor 13 Monaten trat Alexander Semtschenko von seiner leitenden Rolle in der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB) zurück. Das Jahr danach war nicht einfach, denn der baptistische Mäzene hinterließ ein beachtliches, finanzielles Loch. Die Sanierung der Moskauer RUECB-Zentrale war nur eins von zahlreichen Projekten, das er finanziert hatte. Als fortschrittlicher Geist bekannt, hatte der 1948-geborene Semtschenko in letzter Zeit einiges getan, um die russischen Baptisten auf die Bühne der gegenwärtigen russischen Öffentlichkeit zu holen. Seine lautstarken und lebendigen Osterkonzerte haben ein fröhliches Bild des russischen Protestantismus vermittelt, das sich stark von den muffigen Klischees der Sowjetära abhebt. 
 
Dank seiner Bemühungen als Verleger um die illegale “Samisdat”, verbrachte er einen Teil des Jahres 1982 hinter Gittern. Doch seine 1989 gegründete Monatszeitung „Protestant“ schoß erst einmal wie eine Rakete in die Höhe. Sie erreichte eine Auflagenhöhe von 170.000 und war vorübergehend sogar an ländlichen Kiosken erhältlich. Obwohl sie heute mit einer Auflagenhöhe von 12.000 keine Veröffentlichung der RUECB mehr sei, bleibt sie die qualitativ beste Zeitung der russischen Protestanten. Sein Verlag hat aktiv christliche Literatur produziert; eine seiner Veröffentlichungen nennt ihn zurecht einen „Pionier“. Es war auf jeden Fall seine Verwandlung vom staatsgegnerischen Verleger zum millionenschweren Geschäftsmann, die ein Großteil seiner kirchlichen Arbeit erst ermöglichte. Seine Baufirma “Teplo-Technika” hat Heizungssysteme für mehr als 100 Moskauer Gebäude und Gebäudekomplexe produziert – zu ihnen zählte die Sanierung des weltberühmten Bolschoi-Theaters.
 
In Veröffentlichungen führt Alexander Semtschenko sein Ausscheiden bei der RUECB auf einen „Konflikt mit dem Präsidenten“ (Juri Sipko) zurück. Die andere Partei berichtet jedoch, daß Semtschenko als nichtgewähltes Ehremitglied von RUECB-Gremien darauf bestand, bei wichtigen Entscheidungen mit unterzeichnen zu dürfen. Sie weist ebenfalls auf unterschied­liche Auffassungen im Verhältnis zwischen Baptisten und der Regierung hin. Der abgetretene Leiter berichtet davon, er habe in den 80er Jahren „jungen Leuten beigebracht, wie man am besten der gottlosen Staatsmacht widersteht“. Doch die existentiellen Zwänge eines erfolgreichen Geschäftsmannes haben sein Denken in neue Richtungen geführt. Das Verhältnis der RUECB zu seinem primären Einzelmäzenen war wohl nie einfach, denn beide Seiten verfügten über verschiedenartige Stärken. Semtschenko verfügte über wirtschaftliche Macht; die RUECB-Führung über eine weitgehende Loyalität unter den Baptistengemeinden.
 
Semtschenko denkt ergebnisorientiert; er fühlt sich dem verpflichtet, was funktioniert. Er soll keine Scheu vor dem Unerprobten empfinden – keine gewöhnliche Eigenschaft bei den russischen Protestanten. Der Geschäftsmann wünscht sich eine andere Art von Kirche: innovativ, modern und den Vorstellungen der gegenwärtigen russischen